Der Nackte im Kofferraum

Bildinterpretationen vom Feinsten

 

Ein Beitrag aus der Serie „100 Google Streetview Meisterwerke“:

Manche Vertreter der schreibenden Zunft haben richtig Mumm. Blogs und Mediendienste – auf der unentwegten Suche nach peinlichen Bildern bei Google Streetview – haben ein Bild aufs Korn genommen, mit dem sie sich in etlichen Artikeln beschäftigen. Die Bildinterpretationen erreichen zwar noch nicht die Vollkommenheit der Fernsehsendereihe „100 Meisterwerke“, doch dafür gibt man ordentlich Stoff. „Nackter Mann in Kofferraum sorgt für Aufruhr“ titelte zum Beispiel der österreichische „Standard“. Ist das nicht ein wenig übertrieben? Kaum, denn laut Wikipedia ist „Aufruhr (auch: Krawall) eine tumultartige, gewalttätige Störung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung durch die widerrechtliche Zusammenrottung von Menschen gegen die Staatsgewalt in Straßenschlachten.“


Stein des künstlichen Anstoßes: Der angeblich Nackte aus Google Streetview

Die vom „Standard“ zur Straßenschlacht banalisierte Szene zeigt den Blick in eine gepflasterte (!) Mannheimer Hauseinfahrt. Neben einem schlafenden Hund hockt ein Mann im Kofferraum eines Kabrio. Der ist angeblich nackt, wenn man den Bildinterpretationen um dieses als „mysteriös“ bezeichnete Bild glauben will. „In der Zwerchgasse 39 in Mannheim liegt ein Mann, so wie Gott ihn schuf, im Kofferraum seines Cabrios. Was er da macht?“, fragt der Mediendienst MEEDIA. Ja was macht wohl ein Mann in dem leer geräumten Kofferraum seines schicken Kabrios? Entweder Putzen oder etwas Reparieren.

Das ist natürlich einen medialen Aufschrei wert. Nicht allein. Verschärfend kommt hinzu, dass der Mann doch wohl offensichtlich nackt ist. Da ist es denn auch nur logisch, wenn die Möglichkeit, dass er an einem heißen Sommertag möglicherweise doch noch eine kurze Hose anhaben könnte, als „Spekulation“ abgetan wird. Im deutschen FKK Forum „fkk-freund.de“ weiß man die Freizügigkeit des Mannes erstaunlicherweise nicht zu schätzen. „Willkommen im Gruselkabinett Deutschland“ schreiben Andreas und Uta.

Nicht gruselig sondern lustig wird es, wenn Fachkommentatoren rätseln, ob das Bild mit Photoshop bearbeitet worden sei. Das belastende Indiz: Dem liegenden Hund fehlt das Hinterteil. Beschäftigt Google wohlmöglich ein riesiges Heer an Bildmonteuren, die so gemein sind und Hunden das Hinterteil wegretuschieren? Sind die unzähligen Einzelaufnahmen manuell aneinander geklebt? Dass Goggle die Heimstatt für Handarbeit ist, wäre nun wirklich eine Sensation. Nein, liebe Bilddeuter: Wenn ein Automatikprogramm Bilder zusammenfügt, die aus unterschiedlichen Winkeln aufgenommen sind, dann ist es dem Programm völlig wurscht, ob an dem schräg verlaufenden Schnitt nun ein Hundeschwanz oder ein Mann im Kofferraum liegt. Da haut die Automatik noch ein wenig Unschärfe rein – fertig ist der Übergang. Bei manchen Meldungen ist das anders herum: Da haut man noch ein wenig Schärfe rein – fertig ist der Text.


Eingestellt von Gast in