Ein Fall für BadgeMan

Eine Comicfigur will die Bilderwelt retten

 

Alarm! Der Fotojournalismus ist bedroht, heißt es, von dunklen Mächten, die ihn zu Tode sparen wollen. Ein Fall für BadgeMan, den Retter der Fotowelt. Wie der Blitz fliegt er mit dem Badgemobil heran, (das per Lautsprecherdurchsage aber offensichtlich in „tschörmenwinks“ umbenannt wurde). Sanft landet er in einem mysteriösen Land, in dem man scheinbar nur eine einzige Sprache beherrscht. Hier soll er sein, der Ort, an dem sich jedes Jahr die versprengten Reste einer bedrohten Spezies treffen, des Fotograficus dokumentarie furioso – die letzten ihrer Art.

Versteckt zwischen gefährlichen Sümpfen, brausenden Wassern und kahlen Bergen liegt ihr Zufluchtsort, Perpignan genannt. Doch zunächst gilt es, ein Badge zu ergattern – schlappe 60 Euro kostet der Spaß. Geadelt mit dem Plastikschild hat man den Zutritt in eine verschworene Gemeinde. Willkommen im Club. BadgeMan macht sich sogleich an die Arbeit. Muss er eingreifen? Zerbricht die Fotowelt in Scherben? Ist der Fotojournalismus noch zu retten?

10 Uhr, Hôtel Pams.
Im Innenhof reckt eine Steinfigur ihren Finger in den blauen Himmel. Stimmt: Fotografierwetter. Hier scheint es sich wohl um die Göttin der Fotograficusse zu handeln, Lumiere oder so ähnlich. BadgeMan erfährt, dass das Atrium Hof heißt, weil hier sogenannte Bildredakteure Hof halten. Und er belauscht ein Gespräch, in dem es heißt, dass von jenen Menschen auch immer weniger kommen.

Egal, BadgeMan schleicht sich unauffällig an einen Tisch mit zwei Damen. Die sind vom Mond. Das scheint hier kein Problem zu sein, denn ganz offen tragen sie das Signet „Le Monde“ zur Schau. Ein italienischer Fotograficus, der in Paris lebt, zeigt Bilder aus Afrika. Dann kommt ein südafrikanischer Fotograficus aus London, der Bilder aus Asien mitgebracht hat. Die nächsten Fotos sind aus Haiti, stammen aber von einem französischen Autor, der in Kanada lebt. Liegt hier das Übel? Werden die Fotograficusse in die Welt verbannt und dürfen zuhause nicht mehr fotografieren? Dem muss BadgeMan später noch einmal nachgehen. Obwohl kein Bild vom Mond dabei ist, lächeln die Damen von „Le Monde“ trotzdem immer ganz höflich.

21:30 Uhr Screening
Es ist ein wunderbares Spiel mit den Bildern, das allabendlich im Freien stattfindet. Screeming müsste es heißen, denn das treibt die Mundwinkel nach oben, macht richtig Freude. Also nichts wie hin.
Vergiss Dramaturgie. Erzählstruktur? Lass stecken! Hier zählt nur Fotografie pur, ohne Schnörkel und unnützem Papperlapapp. Links auf der Leinwand die Explosion einer Aschewolke. In der Mitte die Explosion einer Aschewolke. Und rechts die Explosion einer Aschewolke. Lass es krachen.
Links auf der Leinwand ein Verletzter mit blutüberströmtem Kopf. In der Mitte ein Verletzter mit blutüberströmtem Kopf. Und rechts? Klar, ein Verletzter mit blutüberströmtem Kopf. Was? Die Bilder konkurrieren miteinander, statt sich zu ergänzen. Quatsch. Konkurrenz belebt das Geschäft. Das wissen die Fotograficusse doch.

Weiter mit den Bildern. Mehr davon, immer mehr. Was, nur sechs Bilder auf einer Leinwand? Pah, da kriegt man aber mehr unter. Nun kommt's richtig: zwanzig Fotos nebeneinander. Riesig. Ein Bild allein auf einer 18 Meter langen Leinwand – das wäre doch reinste Platzverschwendung. Das würde Alle doch völlig erschlagen.

Nein, was hier zählt, ist der Mut, die Courage zum Standard Pressebild. Gebrauchfotografie at its best. Da fallen die tollen Bilder zwischendurch überhaupt nicht mehr auf. Der Veranstalter tritt den Beweis an, dass sich hervorragende Fotos gut verstecken lassen. Mehr noch: Mit ausgefeilter Technik lassen sich auch noch Fotos übereinander stellen. Zur Not geht es auch, wenn man ein kleines Bild über ein größeres desselben Motivs legt.  Hauptsache, die Leinwand ist bis zum Rand gefüllt. Es stellt sich heraus, dass sich jedes, wirklich jedes Foto – und mag es noch so gut sein – mit einem oder mehreren Fotos überdecken lässt. Nein wirklich, irgendein Bild passt immer noch rein.

Was lernt BadgeMan daraus? Wenn die guten Fotos in der Masse verschwinden, dann ist der Idealszustand erreicht. Die Fotos verschmelzen zu einer Masse. Endlich ist die Bilderdemokratie erschaffen. Alle Bilder sind gleich. Bilder aller Länder vereinigt euch. In der Fotowelt sind alle eins. BadgeMan weiß nun: Alles hat seine Ordnung. Hurra.

 


Eingestellt von Manfred Scharnberg in