Im Falle eines Phallus
„taz“ und „Bild“ im Wettstreit in Geschmacklosigkeit
Der Pimmel über Berlin sorgt für Aufregung. Nein, nicht der Film mit ähnlichem Titel, sondern die Plastik, die seit geraumer Zeit am Gebäude der Tageszeitung prangt. Heute wurde in Berlin auf der Straße eine Sonderausgabe der taz verteilt, die sich mit dem Kunstwerk beschäftigt. „Wir sind Schwanz" steht als Headline auf der Ausgabe – ein Druckwerk von dem die Redaktion nichts wusste. Es ist eine Fälschung, ein Fake, der so tut als müsse man die Skulptur vor dem Abbau bewahren, klammheimlich aber dagegen ist.

Titelseite der Fake-Ausgabe
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Dieser Stein des Anstoßes, die Skulptur – was ist das für ein Kunstwerk? Die Figur des Bildhauers Peter Lenk blickt in Richtung des Verlagshauses, in dem die Bild-Zeitungs-Redaktion sitzt. Sie sieht dem Bild-Chefredakteur Kai Diekmann verdammt ähnlich – jedenfalls oben herum. Unten strotzt das Gemächt des mächtigen Medien Menschen. Offensichtlich naturidentisch nachempfunden, mit den üblichen Übertreibungen von Nachrichten-Machern und Künstlern.
Die Ursache für die Provokation in Richtung Bild und Diekmann liegt in einem Dauerstreit der Häuser, die in der ersten Penis-Schlagzeile vom 20. Februar 1970 in der taz eine anzügliche Ebene erreichte. Damals hatte taz-Autor Henschel in einer Satire unter der Überschrift „Sex Schock! Penis kaputt?“ fantasiert, das Diekmanns Geschlecht sei bei einer Verlängerung missglückt. Frei erfunden und nicht gerade geistreich. Die Rechtfertigung der taz: Man wolle dem Chefredakteur von Bild einfach mal zeigen, „wie es sich anfühlt, wenn man über Menschen diffamierend und indiskret berichtet.“
Kai Diekmann meinte allerdings die Veröffentlichung sei eine „wirklich üble Geschichte“. Derlei Anzüglichkeiten wollte er nicht tolerieren und forderte 30 000 Euro Schmerzensgeld von der taz. Diekmanns Anwälte argumentierten, die Persönlichkeitsrechte ihres Mandanten seien grob verletzt worden – kurz die Satire sei eine zu ahndende Schmähung. Unerwähnt blieb in dem Anwaltsschreiben, dass zu Diekmanns Glanzleistungen so Menschen verachtende Headlines gehören wie „Penis-OP ging in die Hose“. Die harten Bandagen des Bild-Chefs bewogen offenbar auch das Landgericht Berlin Diekmann keinen Schadensersatz zu gewähren. Es legte andere Maßstäbe an, da Diekmann selbst mit Persönlichkeitsrechten nicht gerade zimperlich umgehe.
Aber woher stammt die taz-Fälschung? Der Chef der digitalen Tageszeitung, Mathias Broeckers spekuliert in einem Artikel, dass Diekmann Urheber der Guerilla-Aktion sein könnte. Das wäre durchaus möglich, denn Spott gehört auch zum Handwerkszeug des Bild-Chefredakteurs. Die vier Fake Seiten glänzen nicht gerade durch außerordentliche Kreativität, sie sind extrem schwanzlastig und die reinste Wortlutscherei. Die Innenseiten sind mit nur einem Satz voll gepflastert: „Satire darf alles!“ Da gab wohl das Synonymwörterbuch nichts mehr her. Auch die Rückseite bleibt da ganz bei der Stange – bildlich gesehen.
Die taz Redaktion ließ verlauten, die Sonderausgabe sei witzig. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Für die Skulptur an ihrer Hauswand galt das allerdings mehrheitlich nicht. Der Verlag teilte heute mit, dass das Kunstwerk verschwinden wird. Denn in der Redaktion stieß es auf kontroverse Meinungen. Taz-Reporter Philipp Gessler glaubt, das Werk erinnere daran, dass Diekmann sich “in Sachen sexualisierter und menschenverachtender Schlagzeile um keinen Deut gebessert hat”. Chefredakteurin Ines Pohl hält das Kunstwerk dagegen für eine “klägliche Provokation”. Bildhauer Lenk und Diekmann hätten wahrscheinlich das gleiche Männerproblem: “Wer hat denn jetzt den Längeren?“ – Atem meint sie wohl damit.
Eingestellt von Manfred Scharnberg in
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