Bilder im Kopf
Michael Schirners Arbeiten in den Hamburger Deichtorhallen
Vom 16.04.2010 bis 24.04.2010 zeigt das Haus der Photographie in den Hamburger Deichtorhallen als einzige deutsche Institution eine außergewöhnliche Werkschau des deutschen „Werbepapstes“ Michael Schirner.
Präsentiert werden seine großformatigen Arbeiten der Serie BYE BYE, die das Unsichtbare im Sichtbaren darstellt. Schirner beschäftigt sich wie bereits in seiner legendären Serie „Bilder im Kopf“ mit der Kommunikation des Imaginären, gibt ihr aber eine neue und überraschende Deutung. An den Betrachter gerichtet sagt er: „Meine Kunst ist nicht mein Werk, Sie sind der Schöpfer Ihres Bildes in Ihrem Kopf. Mich gibt es gar nicht.“

© Michael Schirner
In seinem Werk setzt Schirner sich mit den Bildwelten der Massen- und Hochkultur sowie mit der Wahrnehmung medienvermittelter Bilder auseinander. Er schafft keine neuen Bilder. Seine Bilder sind Bilder über Bilder. Seine Bilderarchive sind Zeitungen, Zeitschriften, Filme, Fernsehen, Internet, Werbung und Kunst. Schirner verarbeitet und bearbeitet, was in unserem kollektiven Gedächtnis gespeichert ist.
Ziel seiner Arbeit ist die Sichtbarmachung des Unsichtbaren. Er reduziere die Elemente des Bildes auf ein Minimum, läßt alles weg, was weggelassen werden kann. Die Folge: Das Publikum imaginiert das Reduzierte. Das heißt, was nicht gezeigt wird, entsteht in den Köpfen der Betrachter. Und je imaginärer etwas ist, desto intensiver die Imagination. Schirner setzte auf die Phantasie und Gedankenarbeit des Betrachters und mache ihn so zum eigentlichen Autor des Werkes. Seine Kunst ist Kommunikation.

© Michael Schirner
Im vergangenen Jahr gewann Schirner mit den ersten fünf Motiven aus der Serie BYE BYE die LeadAwards 2009 für die besten Fotoarbeiten. Die Preisverleihung der führenden Medienauszeichnung vor 1.200 Gästen aus Kunst, Kultur und Medien fand in den Deichtorhallen statt. Inzwischen hat Schirner die Serie mit 40 Arbeiten vervollständigt. Sie wird nun erstmals vom 16. bis 25. April 2010 im Haus der Photographie in den Deichtorhallen der Öffentlichkeit präsentiert.
Die Ausstellung macht deutlich, dass die Bilder Schirners den Betrachter zugleich ungewöhnlich stark irritieren, involvieren und faszinieren, wobei die Kommunikation des Imaginären im Bild auf vielfältige Art erlebt wird.
Die Eröffnung der Ausstellung findet am Do. 15.4.2010 um 19 Uhr statt.
PICTURES
Schon 1985 hatte Schirner die Technik der Kommunikation von Imaginärem auf die Spitze getrieben, indem er sich weit entfernte von Referenzen auf Außenliegendes, sich stattdessen auf das Innere des Betrachters, seine Phantasie- und Gedankenarbeit bezog. Schirner macht den Betrachter zu seinem Medium: Die Hardware ist sein Gehirn, die Software seine Imagination, auf seiner Festplatte sind alle Bilder, die in seinem Kopf gespeichert sind. Deshalb gab er dem Projekt den Titel PICTURES IN OUR MINDS.
Die Besucher der legendären ersten Ausstellung PICTURES IN OUR MINDS, die zum ersten Mal vor 25 Jahren in den Hamburger Messehallen gezeigt wurde, betraten eine Fotoausstellung ohne Fotos. Statt der Bilder sahen sie schwarze Tafeln, auf denen in weißer Schrift die Beschreibungen bekannter Fotos zu lesen war. Die Texte auf den Tafeln des imaginären Museums ließen die Bilder in den Köpfen der Betrachter entstehen: z.B. „Albert Einstein streckt die Zunge raus“, „Marilyn Monroe auf Subway-Luftschacht“ oder „Südvietnamesischer Polizeipräsident erschießt einen Vietkong“.
Nach der konzeptuellen Methode der PICTURES schuf Schirner in den vergangen Jahren etliche imaginäre Museen, er machte Fotoausstellungen ohne Fotos undDesignausstellungen ohne Design. Seine PICTURES gibt es in Büchern, im Internet, auf Tonträgern und als Sound- Installationen. 2007 zeigte das NRW Forum Düsseldorf in der Ausstellung „Bilder im Kopf“ mit einer Sound-Installation Schirners neueste PICTURES.
© Michael Schirner
BYE BYE
Mit seinen neuesten Arbeiten, den Bildern der Serie BYE BYE, geht Schirner in der Kommunikation des Imaginären noch einen entscheidenden Schritt weiter, allerdings in die entgegengesetzte Richtung: Statt der Bildbeschreibungen auf Tafeln sehen wir grob gerasterte Reproduktionen von Bildern, die uns irritieren, weil sie uns sehr bekannt vorkommen, obwohl wir sie ganz sicher noch nie zuvor gesehen haben. Wir sind hin- und hergerissen zwischen dem Bekannten und Unbekannten, Sichtbaren und Unsichtbaren, Realen und Irrealen, Erinnern und Vergessen, Schein und Wirklichkeit, Original und Fälschung.
Schirners Arbeiten der Serie BYE BYE sind fotorealistische digitale Gemälde; die Digigraphien wurden in äußerst aufwendigen Arbeitsprozessen von Assistenten nach seinen Vorgaben bis ins letzte Detail neu geschaffen: Aus einer gerasterten Reproduktion wird Rasterpunkt auf Rasterpunkt entfernt, dann jedes Detail, das an Bekanntes erinnern könnte, durch digitale Übermalung unsichtbar gemacht und schließlich das Ganze mit dem Schleier eines Rasters wieder zugedeckt, als wäre nichts passiert.
Wie es Schirner schafft, daß wir das, was wir auf dem Bild an der Wand nicht sehen, überdeutlich als Bild in unserem Kopf wahrnehmen, verrät er uns: „Meine Kunst ist nicht mein Werk, sondern ganz allein Ihrs, Sie sind der Schöpfer Ihrer Bilder in Ihrem Kopf. Mich gibt es gar nicht.“ Das heißt, so wie das Abgebildete in der Imagination des Betrachters verschwindet, ergeht es dem Autor. Das meint Schirner mit der Selbstabschaffung des Künstlers als Autor und Experten seiner Kunst: Er tritt ganz hinter seinem Werk zurück. Die Arbeit, die die Kunst macht, müssen wir tun.

© Michael Schirner
ART & ADS
Michael Schirner studierte an der Hochschule für Bildende Kunst in Hamburg bei Max Bill, Max Bense, Kilian Breier und Bazon Brock. Seine Abschlussarbeit war das letzte Künstlerfest der Hochschule am Lerchenfeld LiLaLe 1968: „Kein Kostümzwang, das heißt, Kostüme können an der Garderobe abgegeben werden.“ (Schirner) Nach dem Fest wurde das LiLaLe verboten und Schirner verließ die Hochschule.
Wie viele andere kreative Persönlichkeiten vor ihm startete Schirner seine künstlerische Karriere mit Werbung: „Die besten Ideen in der Kunst kommen ohnehin aus der Werbung.“ (Schirner). Er setzte sich für die Überwindung der Grenzen zwischen angewandter und freier Kunst ein und „bewies, dass Kunst nur Werbung ist und Werbung nur Kunst, also beides nichts Besonderes, aber das Höchste und Erhabenste“ (Schirner). Er arbeitete als Kreativchef der legendären Werbeagentur GGK, als Autor des Buchs „Werbung ist Kunst“, als Kurator der Ausstellung „Art meets Ads“, als Professor der Hochschule für Gestaltung im ZKM Karlsruhe, der Central Academy of Fine Arts Beijing, China und als Leiter des Instituts für Kunst und Medien. Sein Werk, das in nationalen und internationalen Museen gezeigt wird, umfasst Malerei, Fotografie, Medienkunst, Installation und Performance.

© Michael Schirner
Gute Kunst ist für Schirner solche, die für jeden nachvollziehbar, bis ins letzte Detail logisch klar ist und nur eins braucht: die jeweils richtige ästhetische Methode. Schirners Haltung ist grundsätzlich analytisch-antiindividuell, das heißt, die Person des Künstlers tritt ganz hinter ihrem Werk zurück; die Schatten des Ichs, die sich in persönlichem Geschmack, in persönlichem Ausdruck und persönlichem Stil auf ein Werk legen, sind für Schirner Momente der Verdunkelung und des Rückfalls in alte Formen der Kunst. Schirners Kunst kennt kein Ich, kein Selbst und keinen Autor. Er schaffte den formerfindenden Künstler in sich ab, tötete das Individuum, den Autor als Experten und Fachmann, der Bilder mit der Hand produziert: „Unter diese Selbstabschaffung habe ich mich entschlossen, da ich eben auch nur ein einzelner, sterblicher Mensch bin, meinen Namen als Signatur zu setzen, für das Ganze also Autorenschaft beanspruchend, das in seinen Teilen die Autorenschaft ad absurdum geführt hat.“ (Schirner)
Eingestellt von Manfred Scharnberg in
