Britney who?

Popstars als Zensoren

 

Es ist ihr einziges Konzert in Deutschland und es findet fast ohne Presseöffentlichkeit statt. Britney-Spears tourt wieder durch die Lande. Dabei schließt ihr US-Management Agenturfotografen und freie Bildjournalisten im Prinzip aus, denn es verbietet jegliche Weitergabe der Bilder an Dritte.

Nachrichtenagenturen wie dpa, ddp oder AP haben deshalb beschlossen, auf eine Berichterstattung über das Berliner Konzert völlig zu verzichten. Sie werden also weder Fotos noch Texte verbreiten. Den gemeinsamen Boykott haben Vorgaben des Spears-Management ausgelöst, das eine dauerhafte Bildverwendung verhindern will. Die Weiterverbreitung über Agenturen, Bilddatenbanken und Internetportale passt ihnen nicht. Stattdessen ist lediglich die Fotoagentur Ginsburg Spaly, die im Auftrag des Spears-Managements arbeitet, zugelassen.

Spears hinterlässt auf ihrer Tour eine regelrechte Spur der Verwüstung. Denn bereits in Stockholm haben die führenden Tageszeitungen, Dagens Nyheter, Svenska Dagbladet, Expressen und Aftonbladet boykottierten das Konzert. Auch hier wollte Spears die Verwendung der Bilder 30 Tage nach dem Konzert untersagen. Roger Turesson, der Fotochef von Dagens Nyheter bringt das Motiv für die Verweigerung auf den Punkt: „Im nächsten Schritt fordern sie von den Feuilletonisten nichts Kritisches mehr zu schreiben."

Beschränkungen der Arbeit von Fotografen bei Konzertveranstaltungen sind kein Einzelfall. Bereits im vergangenen Jahr ließen die Nachrichtenagenturen Konzerte der Rockband KISS und des Sängers Leonard Cohen links liegen. Auf Fotoeinschränkungen hin druckten die Dresdner Neuesten Nachrichten zum Bericht über ein Robbie Williams-Konzert eine weiße Fläche statt eines Fotos. Neben Williams setzen auch Justin-Timberlakes und Herbert Grönnemeiers Agenten restriktive Fotografenbedingungen.

Immer öfter kommen Managements so genannter Künstler mit regelrechten Knebelverträgen daher. Als Grundlage dienen dabei das Persönlichkeitsrecht der Künstler sowie das Hausrecht des Veranstalters, die es angeblich zu schützen gilt. Klingt schizophren für Interpreten, deren Popularität und Existenz auf Publikationen beruhen. Wenn sie Berühmtheit erlangt haben, wollen die Stars die Medien, die sei groß gemacht haben, bevormunden. Das treibt Blüten, die man getrost als Zensur bezeichnen kann. Da will schon mal ein Veranstalter die zu veröffentlichenden Fotos selbst auswählen. Tatsächlich steckt hinter den Beschränkungen der freien Presse, der Versuch eine hundertprozentige Kontrolle über ihr „Produkt“ und dessen Außendarstellung zu erlangen.

Dabei versuchen die Manager der mutmaßlichen Künstler immer öfter die Bildrechte für alle Zweitveröffentlichungen per Vertrag einzukassieren. Statt Geld auf ehrliche Art und Weise mit Musik zu verdienen, glaubt man offenbar mit der Bildvermarktung noch Geld machen zu können, und versucht andere Kreative zu enteignen. Besonders gut hat das US-Fachmagazin Photo District News zwei Beispiele dokumentiert. Die Band Coldplay will sich von Berichterstattern sämtliche weltweiten Bildrechte einräumen lassen. „You hereby transfer and assign to us with full title guarantee the entire copyright and all extensions and renewals throughout the world (including by way of present assignment of future rights) and all rights of a similar nature in the photographs.“ heißt es im Vertrag.

Auch die Band My Chemical Romance steckt ihre Kreativität in Fotografenverträge. Deren Management will sogar die Arbeit der Berichtersatter neu definieren: als Fotografie in ihrem Auftrag. Sie berufen sich auf den Bergriff „works made for hire“ der im U.S. Copyright Act von 1976 für angestellte Kreative geprägt wurde. Natürlich will man auch alle Originalfotos einheimsen. Dass das Management von gestern ist, zeigt die Formulierung „inklusive der Negative“.

Auch die Gruppe Beastie Boys will sich per Vertrag die „worldwide copyrights“ an den Veranstaltungsfotos sichern. Künstler die derartiges Vorgehen ihrem Management durchgehen lassen, sind getrost nur noch als Entertainment-Unternehmer zu bezeichnen. Ob man ihre Platten dann noch kaufen möchte, ist die Frage. Sicher ist, dass die Landesgesetzgebung solche Einschränkungen der Pressefreiheit nicht tolerieren dürfte und sie dringend einen vernünftig geregelten Zugang von Pressevertretern zu öffentlichen Veranstaltungen  festlegen sollte.


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