Der Lauf der Sonne
Fixierte Lochkameras liefern ungewöhnliche Bilder
Stefan Michalski aus Halle ist Biologe und fotografiert sehr gern in der Natur. Er wendet die allseits bekannte Lochkamera-Technik ziemlich unkonventionell an, betreibt die so genannte Solargraphie. Dabei belichtet er Tage, Wochen oder sogar Monate bis sich Bilder ergeben, die den Lauf der Sonne als helle Streifen abbilden.
Seine „Kameras“ sind kleine Filmdosen, Keks- und Konservendosen, in die er mit spitzer Nadel winzige Löcher sticht, um sie dann in der Landschaft zu plazieren. Dabei klettert er oft auf Bäume um die Objekte dort am Stamm mit Tape zu befestigen. Oder er bastelt aus verdorrten Ästen ein Dreibeinstativ, das er an einsamen Orten aufstellt. Inzwischen hat er 84 solcher Lichtsammler installiert und ausgewertet.
© Stefan Michalski
Im geschwärzten Innenleben seiner Lochkameras steckt allerdings kein Filmmaterial, sondern Schwarz-Weiß-Fotopapier. Das wird auch nicht entwickelt. Denn, wie Stefan Michalski im Fotoblog Kwerfeldein erklärt: „Bei längerer, intensiver Belichtung wird jedoch auf Fotopapier auch ohne Entwickler ein Negativ des Motivs sichtbar. Diese Eigenschaft nutzt die Solargraphie. Während der extrem langen Belichtungszeiten ‚brennt’ sich hier das Motiv direkt in das Fotopapier und ist damit später deutlich sichtbar, ohne weitere Schritte. Vor allem die Bewegung der Sonne hinterlässt dabei markante Spuren, welche für die Solargraphie so charakteristisch sind.“
Wenn das belichtete Fotopapier aus der Lochkamera entnommen wird, muss es schnell gehen und sauber gearbeitet werden. Die Bilder lassen sich nur durch Scannen oder optisches Repro für die Nachwelt erhalten. Das sehr empfindliche Material zu scannen, ist eine Wissenschaft für sich, denn der erste Scan muss gelingen. Das Licht, mit dem der Scanner das Papiernegativ beleuchtet, zerstört nämlich das Motiv.

Gern fixiert Michalski seine Lochkameras an Baumstämmen. ©
Stefan Michalski
Das belichtete Schwarz-Weiß-Material zeigt sogar Farbchangierungen, die Michalski in der Bildbearbeitung noch weiter heraus arbeitet. „Erstaunlicherweise sind viele Solargraphien bunt, manche schillern sogar in Regenbogenfarben. Wie genau die Farbe ins Bild kommt, ist mir nicht ganz klar, allerdings spielen Zufall und die Belichtungsbedingungen (z.B. Feuchtigkeit) sicherlich eine Rolle“, berichtet der Biologe.
Jedes Bild ist eine Überraschung. Nicht nur, dass immer wieder in Frage steht, ob das Motiv gelungen und der Lauf der Sonne abgebildet ist. Nicht alle Kameras „überleben“ in der freien Natur. Etwa ein Drittel von Stefan Michalskis „Kameras“ verschwand während der Belichtung.
Über seine Erfahrungen berichtet Stefan Michalski ausführlich im Blog Kwerfeldein.
Eingestellt von Manfred Scharnberg in
