Ein paar Gedanken zur World Press Disqualifikation
Vorsicht: Kommentar
Inzwischen habe ich die Disqualifikation von Stepan Rudnik bei World Press noch einmal hin und her gewälzt. Sicherlich ist es eine ehrenwerte Entscheidung, die so gefällt werden kann. Dennoch bin ich anderer Meinung: Die Entscheidung finde ich etwas kleinlich.
Was hat Rudnik da eigentlich gemacht? Kaum etwas unterscheidet sein Handeln von dem, was in der analogen Dunkelkammer möglich war. Klar, dieser blöde Schuh, der wie ein sechster Finger wirkt, der muss so weit wie möglich zurück gedrängt werden. Also hätte man angefangen mit kleinen Abwedlern den dunklen Fleck aufzuhellen und mit einer Schablone die hellen Partien nachzubelichten. Nach etlichen Versuchen läge ein ähnliches Ergebnis wie das eingereichte Bild auf dem Tisch.
Sicherlich, wenn man sich das eher mittelprächtige Originalfoto anschaut, und sieht, wie per Ausschnitt, Nachbelichten und mit Hinzufügung von Korn ein Foto „künstlich“ dramatisiert wurde, dann freut man sich mehr über Fotos, die von Anfang an richtig gesehen und vollformatig umgesetzt wurden. Auch wenn Rudniks weitere Fotos aus der Serie nicht darauf schließen lassen, dass alle Bilder erst am Rechner entstanden sind, so erinnert dieses eine aber an eine Unsitte mancher Fotografen, wild und unbedacht in die Gegend zu Knipsen und sich erst am Bildschirm für Ausschnitt und Bildwirkung zu entscheiden.
Das ist kein Verbrechen, genauso wenig wie es eine Sünde ist, Fotos nachträglich zu dramatisieren. Entscheidend ist es, wo man dabei die Latte ansetzt. Und die liegt bei World Press offensichtlich höher als bei den „International Aperture Awards“. Die haben nämlich in diesem Jahr folgendes Bild als „Image of the Year" ausgezeichnet.

Dieses Foto von Chan Kwok Hung aus Hongkong wurde bei den „International Aperture Awards“ zum „Image of the Year" gekürt. © Chan Kwok Hung
Der Fotograf Chan Kwok Hung aus Hongkong schuf mit diesem Bild eine irreale Welt, die nicht einmal in den Bereich Kunst einzuordnen ist, sondern eher ins Fach Kunstgewerbe. Wenn sich solche durchgestylten Möchtergern-Bilderwelten, solche sauber geputzten Idyllen durchsetzen, und auch noch prämiert werden – na dann gute Nacht mit der journalistischen Fotografie. Ich befürchte mit diesem Trend werden wir uns in Zukunft wesentlich häufiger beschäftigen müssen, als mit dem Entfernen von Details, die die Bildaussage nicht verändern und nach sorgsamer Abwägung getroffen wurden. Damit kein Missverständnis entsteht: Ich möchte damit keinesfalls für die wundersame Rettung vergurkter Fotos die Lanze brechen.
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Eingestellt von Manfred Scharnberg in
