Gesichter des Bösen
Wie Hitler, Stalin und Co ein „neues“ Antlitz bekamen
Steckt Hitler in jedem von uns? Das Fotoprojekt FACES OF EVIL fordert durch seine ungewöhnliche Herstellungsweise zur Auseinandersetzung mit dieser Frage auf. Christian Lechelt und Hans Weishäupl präsentieren als Fotoedition und Ausstellungskonzept Bilder von dreizehn Diktatoren. Doch es sind keine Abbildungen der realen Schreckensherrscher – es sind Montagen aus Fotos heutiger Zeitgenossen.
Vom November 2007 bis März 2008 lichteten die Künstler in Hamburg, München, Wien, Dresden, Frankfurt, Berlin, Amsterdam, Moskau, Belgrad, London, Barcelona, Paris und Mailand mehr als 350 Personen ab. Aus den Gesichtern von Menschen des jeweiligen Landes fügten sie die dreizehn FACES OF EVIL zusammen.
Das Portrait Hitlers besteht aus 37 Personen. Seine Nase gehört einem Immobilienmakler aus Berlin, die Oberlippe ist von einem Schlosser aus Dresden. Die Frisur ist zusammengesetzt aus den Haaren eines Künstlers aus Weiden und eines Malers aus Bamberg. Das Kinn stammt von einem Hamburger Restaurantbesitzer, die Augen von einem Bankberater aus Frankfurt, die Tränensäcke von einem Feinmechaniker aus Bautzen, der Hals von einem Wiener Bankangestellten, der Bart von einem Koch aus Wuppertal… Jede Falte, jede Augenbraue, jeder Leberfleck wurde originalgetreu nachgebaut. Ebenso Narben, Hautschuppen, Nasenhaare, grobe Poren oder Tränensäcke.

© das comitee . Agentur für Kommunikation.
„Was sind diese Komposita nun?“, fragen die Autoren und geben die Antwort: „Ein Pars pro Toto, das in jedem von uns – wenn nicht ein Hitler, so doch ein potenzieller Mittäter oder wenigstens ein Dulder – steckt, wenn nur die Umstände entsprechend sind? Zumindest führen sie deutlich vor Augen, dass grausame Männer wie Mao Zedong, Ceau?escu oder Franco gewöhnliche Menschen aus Fleisch und Blut waren. Ein Phänomen, das Hannah Arendt ›die Banalität des Bösen‹ nannte. Sie waren nicht die abstrakten ›Monster‹, als die sie gern gesehen werden, um sich so auf einfache Weise von ihnen zu distanzieren.“
Zu allen Zeiten versuchte der Mensch, sich vom Bösen ein Bild zu machen. Christian Lechelt und Hans Weishäupl haben dies eindrucksvoll realisiert. Sie wollen darauf hinweisen, dass „der Böse“ sein Tun nur ausführen kann, weil man ihn lässt; indem eine Gesellschaft es zulässt. Nach ihrer Mewinung steht hinter dem Gesicht eines Diktators eine Vielzahl von Gesichtern aktiver und passiver Mittäter.
Auch wenn nach dem Ende einer Schreckensherrschaft der Ruf des „Nie wieder!“ ertönt, zeigt der Blick in die Geschichte, dass im 20. Jahrhundert grausame Diktatoren und Despoten dem Bild des Bösen immer wieder ein neues Antlitz gaben. Ihre Gesichter sind zu modernen Inkarnationen des Bösen geworden.
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Eingestellt von Manfred Scharnberg in
