Konzertfotos: Wahre Krieger des Lichts
Die Band „Silbermond“ behindert Fotografentätigkeit
UPDATE:
Das Management von Silbermond hat sich gegen die Vorwürfe verwahrt. Dem Art-Lawyer Magazin gegenüber sagte Band Manager Ulf Wenderlich Folgendes: „Wir haben nie und werden auch nie irgendwas konfiszieren." Man arbeite auch nicht mit generellen Akkreditierungsbestimmungen und Fotografenverträgen.
Nach Angaben des Management pflege die Band einen guten und im Branchenvergleich lockeren Umgang mit der Presse. Einzelnen Fotografen erlaube das Management auf Anfrage sogar länger als bei den ersten drei üblichen Songs zu fotografieren. Manchmal würden Bildberichterstatter sogar auf die Bühne geführt, um die Künstler mitsamt des Publikums ins Bild zu setzen.
Der Manager sagte gegenüber Art-Lawyer Magazin: „Dass wir Fotografen, die nach getaner Arbeit noch das Konzert sehen wollen, angeboten haben, die Kameras sicher verwahren zu lassen damit sie diese nicht ins Auto schaffen müssen, war nur gut gemeint und wurde von vielen Journalisten dankend angenommen, gerade von denen die auch schreiben. Somit konnten sie das Konzert nahtlos erleben.“
URSPRÜNGLICHER TEXT:
Es hört sich wie ein schlechter Witz an: Pressefotografen sollen beim Konzert der Band „Silbermond“ nach dem dritten Stück ihre Kameras abgeben. So steht es jedenfalls laut Pressemeldungen in den Akkreditierungsbestimmungen des Managements zur laufenden Sommer-Tournee der Band. Wenn die Fotografen Ihre Kameraausrüstung nicht konfiszieren lassen wollen, müssen sie das Konzert verlassen. Die „Silbermond“-Akteure nehmen den Text ihres Hits „Krieger des Lichts“ offenbar nicht ganz ernst.
„Größenwahn, Starallüren oder ein ganz normales Verhältnis mit lästigen Pressefotografen?“, fragt die Website Klatsch-tratsch.de zu diesem Vorgang. Natürlich können Fotografen nerven, wenn sie das gesamte Konzert hindurch den Musikern ins Gesicht blitzen würden. So ein Krieg des Lichts findet aber heute bei professionellen Fotografen mit modernem Fotogerät nicht mehr statt. Nur Amateure blitzen. Selbst die Regelung, nur während der ersten Stücke zu fotografieren, ist im Grunde seit langem Makulatur. Was könnte die „Künstler“ sonst stören? Das Klicken der Kameras? Bei einem Popkonzert im Gegensatz zur klassischen Musik kein Problem. Die wuselnde Masse, der Knipser im Fotografengraben? Das kann nur passieren, wenn alle in kurzer Zeit möglichst gute Bilder machen müssen.
Wenn das Deo versagt
Um gute Bilder geht es den Fotografen. Aber auch den Musikern? Nein, die wollen nur ihnen genehme PR-Bilder. Denn hinter der restriktiven Gängelung der Fotografen steckt etwas Anderes: Die Eitelkeit der „Künstler“. Sie wollen sich frisch und clean abgebildet sehen. Im Geiste hört man sie Backstage über Bilder herziehen: „Stefanie, da hat dein Deo wieder versagt“. „Aber Du siehst ja auch völlig verschwitzt aus“, lautet die Antwort. Und der Manager fügt hinzu: „Absolut nicht verkaufbar!“ Der wahre Grund für die Restriktionen ist der Versuch, die Macht über die Bilder der Fotografen zu erlangen, es völlig in der Hand zu haben, welche Fotos wo erscheinen. Sie sind besessen von einem Idealbild „ihrer“ Marke.
Ginge es nach ihnen, so sollten Fotos ausschließlich in einem positiven Kontext veröffentlicht werden. Objektiver Journalismus bleibt dabei auf der Strecke. Daher kann man Musikern und Management mit derartigen Praktiken ein gestörtes Verhältnis zur Pressefreiheit attestieren. Pressefotografen sind keine willfährigen Erfüllungsgehilfen, sondern Berichterstatter. Warum nur gängeln Menschen, die Dank des Urherberrechtes ihre Brötchen verdienen, andere Urheber? Profesionelle Fotografen sind – wie Musiker – Kreative, die in der Regel nicht die schlechtesten Fotos aussuchen.
Zuschauer, die es geschafft haben ihre Knipsen unentdeckt am Eingang einzuschmuggeln, erhaschen ein Bild der „Silbermond“ Sängerin Stefanie Kloß. Foto: Daniela Kudwin.
„Silbermond“ hat auch Vorkehrungen getroffen, damit keine wirklich schlechten Bilder von Amateuren geschossen werden können. Konzertbesucher müssen ihre Kamera an der Kasse abgeben. Das ist jedenfalls Blogeinträgen sowie der Vorberichterstattung zum Open Air-Konzert am 16. Juli in Bocholt zu entnehmen. Bei menschBOCHOLT.de heißt es: „Auch das Mitbringen von Kameras ist untersagt, ebenso wie das Mitführen von Kampfgegenständen. Der Veranstalter übernimmt keine Haftung für am Eingang zurück gelassene Gegenstände.“ Das muß man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen: Gefährliches wie Kameras und Kampfgegenstände werden zwangsmäßig einkassiert – ohne jegliche Haftung.
Andere spielen kräftig mit
Nun ist es nicht etwa so, dass „Silbermond“ allein dasteht. Auch die Manager von Robbie Williams, von Britney Spears, Coldplay, My Chemical Romance, Beastie Boys und von Tom Jones haben sich bereits damit hervorgetan, unzumutbare Fotografenverträge vorzulegen. (Wir berichteten) Selbst die harten Jungs von „Rammstein“ gehören zu den Vertragskünstlern, drangsalieren Fotografen mit Klauseln und Restriktionen: Die Veröffentlichung soll ausschließlich an ein bestimmtes Medium gebunden sein – also bleiben dem Fotografen eine einzige Veröffentlichung und keine weiteren Archivverkäufe.
Zusätzlich will die Band die Fotos der Pressefotografen für die eigene Homepage gratis einkassieren. Auf den Druck der Presse hin strich „Rammstein“ zur Rock-am-Ring Veranstaltung den Vertragspassus mit der Gratisnutzung dann doch. Grundsätzlich ist aber allen fehlgeleiteten Bandmanagern gemeinsam, dass sie sich kostenlos an den Bildrechten der Fotografen bedienen wollen. Per Eintrittsberechtigung sollen Presse- und Urheberrecht einfach ausgehebelt werden.
Wer bereichert sich?
In einem Beitrag versucht die taz derartig „einnehmende“ Haltungen zu ergründen. „Dahinter steht die Angst der Künstler, dass die Fotografen sich an ihrem Bildmaterial unzulässig bereichern“, meint sie. Wenn das stimmt, fragt man sich doch, wo bei den Musikakteuren der Bezug zur Realität bleibt? Die Mär vom reichen Fotografen vernebelt die Sicht. Ebenso wie Musiker, haben Fotografen ein Recht auf vernünftige Arbeitsmöglichkeiten und eine Vergütung, von der sie ihre Existenz bestreiten können. Sonst wird es zappenduster um die wahren Krieger des Lichts.
Von Jahr zu Jahr wird es immer schwieriger, unter anständigen Arbeitsbedingungen Konzertfotografie zu betreiben. Das sehen auch Bildagenturen so. „Die Entwicklung verschärft sich stetig“, sagte Justus Demmer von der Nachrichtenagentur dpa gegenüber der taz. Eine umfassende Kommerzialisierung des öffentlichen Raums sei zu beobachten. Wie kann solchen Auswüchsen begegnet werden? Es wird höchste Zeit, eindeutige Fotografenrechte in den Landespressegesetzen festzuschreiben. Bildberichterstatter müssen einen Anspruch auf unbeschränkten Zutritt zu öffentlich zugänglichen Veranstaltungen erhalten!
Eingestellt von Manfred Scharnberg in
