Mit Messer, oder ohne – alles Ausschnittsache

Gecropte Agenturfotos sorgen für Ärger

 

Hat die Nachrichtenagentur Reuters zwei Fotos von den Vorfällen auf der Gaza-Flottille manipuliert? Das fragen einige Blogs und Mediendienste. Zwei Fotos aus einer Serie sind von der Agentur so beschnitten worden, dass jeweils ein Messer nicht mehr zu sehen war. Ob das inhaltliche oder formale Gründe hatte, darüber gibt es unterschiedliche Spekulationen.

Es handelt sich um Fotos vom 31. Mai, als israelische Soldaten das türkische Passagierschiff „Mavi Marmara“ – Teil eines Konvois mit Hilfslieferungen – gestürmt und dabei neun Männer erschossen hatte. Obwohl die israelischen Truppen sämtliches Foto- und Filmmaterial konfisziert hatten, gab es Ausnahmen. So auch ein Bild, das in der türkischen „Hürriyet“ veröffentlicht worden war. Es zeigte einen israelischen Soldaten, der von Aktivisten weggetragen wird. Am Bildrand steht ein Aktivist mit einem Messer in der Hand. Das gleiche Foto wurde von Reuters in Umlauf gebracht – allerdings ohne das Messer. Das Bild war beschnitten. Einige Stunden später veröffentliche Reuters das Foto noch einmal, diesmal ohne Beschnitt und mit Messer.


Die erste Bildaussendung von Reuters war gecropt. © Reuters/Adem Ozkose/Gercek Hayat Magazine via IHH/Handout


Bei der zweiten Version ist das Messer rechts zu erkennen.© Reuters/Adem Ozkose/Gercek Hayat Magazine via IHH/Handout

Das amerikanische Blog „Little Green Footballs“ hatte die Unterschiede der Fotos beim Vergleich verschiedener Quellen entdeckt und dies vermeldet. Reuters nannte den Vorgang daraufhin ein Versehen. Als man den Fehler bemerkt hatte, habe man die Originalbilder sofort nachgereicht. Es sei branchenüblich Fotos zu beschneiden. Eine bewusste Manipulation sei es nicht gewesen, so Reuters.

Das gelte auch für ein zweites Foto von einem offensichtlich verletzten Soldaten. Auch hier hatte Reuters in der ersten Version einen engeren Ausschnitt ohne das Messer gewählt. Nun rätseln die Medienleute, ob es tatsächlich ein Zufall war, dass bei beiden Fotos ausgerechnet das Messer fehlt. Wollten die Bildbearbeiter vielleicht die unklare Situation entschärfen? Wollte man den Aktivisten nicht den schwarzen Peter zuschieben? Oder waren es tatsächlich nur formale Gründe?

Das gecropte Foto aus der ersten Reuters Aussendung zeigt einen verletzten israelischen Soldaten. ©
Reuters/Adem Ozkose/Gercek Hayat Magazine via IHH/Handout

Das Original: Das gesamte Foto zeigt rechts ein niedergehaltenes Messer. Sind damit die Verletzungen beigebracht worden? © Reuters/Adem Ozkose/Gercek Hayat Magazine via IHH/Handout

Natürlich erklären die kompletten Fotos mit dem Messer die Situation nicht völlig. Ob das Messer gegen die Soldaten eingesetzt wurde, ist damit nicht bewiesen. Die Bilder werden sicherlich von der einen Seite als gefährliche Aggression und von der anderen als harmlose Verteidigung gewertet. Was wirklich passiert ist, wissen nur die Menschen, die an Bord waren. Bei aller Zwiespältigkeit: Außenstehenden sollten keine aussagekräftigen Bilddetails unterschlagen werden, auch wenn sie eine Kontroverse hervorrufen und möglicherweise sogar einen falschen Eindruck erwecken.


Eingestellt von Manfred Scharnberg in