Winterlicher Wald – Fotoarbeiten von Emanuel Raab
Ausstellung in Berlin
Die stillen, fast monochromen Fotoarbeiten der neuen Serie Winterwald von Emanuel Raab zeigen den Formenreichtum eines Naturraumes, der sich erst im winterlichen Erscheinungsbild offenbart. Die Reduktion der Darstellung verstärkt die Konzentration auf die ästhetische Konstruktion der Bildelemente, die bis zur Abstraktion geraten. Ein Gewirr aus wild wuchernden Ästen und Zweigen fügt sich zu einem Muster, das sich wie Haargeflecht oder Spinnweben über die dahinter liegende Waldlandschaft spannt. Die feingliedrigen Linien verbinden sich wie eine filigrane Zeichnung zur detailreichen Oberflächenstruktur, das Chaos fügt sich nach längerem Hinschauen zur Ordnung. Bei aller Sachlichkeit dringt in den subtil komponierten Waldbildern eine romantisch geprägte Auffassung von Natur durch. Indem die fotografische Gestaltung malerischen Prämissen folgt, wird die Natur als geheimnisreicher Ort beschrieben und der Wald zur beseelten Landschaft transformiert.
Wald ist in Deutschland nicht einfach ein Naturraum sich wandelnder gesellschaftlicher und ökonomischer Nutzungen und Interessen, sondern ein Identitätssymbol schlechthin. Kaum ein deutsches Märchen, eine Volkserzählung oder eine deutsche Sage ohne Wald. Vor allem die Maler und Dichter der Romantik erhoben den deutschen Wald zur Seelenlandschaft und beschworen das Bild unberührter, geheimnisreicher Natur. Der Wald wurde zum Ort in dem sich die Natursehnsucht der Städter vermischte mit dem Ursprungsmythos von undurchdringlichen Urwäldern. Trotz der realen Bedrohung der Wälder durch Waldsterben und wachsende kommerzielle Interessen hält sich die Vorstellung vom Wald als heilige Stätte und als Zufluchtsort für Einsamkeit und Selbstfindung.

Winterwald #24, 2008. © Emanuel Raab
Emanuel Raabs Serie „Winterwald“ knüpft an diese ambivalenten Naturvorstellungen an. Seine Bilder einer scheinbar undurchdringlichen Natur wirken wie der Realität gänzlich entrü̈ckt und voller Geheimnis. Eine melancholische Poesie ü̈berzieht die winterlichen Ansichten, in welchen der Keim des nächsten Erwachens nahezu unbemerkt unter der Oberfläche schlummert. Gleichzeitig scheint im Dickicht der Natur eine latente Bedrohung herauf, die nicht mit Bestimmtheit zu verorten ist. Hier kann man sich verirren, manchmal auch verloren gehen. Nichts ist nach menschlichen Bedü̈rfnissen geordnet, nichts weist einen Weg. Das Ursprüngliche ist in seiner archaischen Präsenz immer auch mächtig und der menschlichen Dimension entwachsen. In der Tiefe des Waldes angekommen, werden die kollektiven Bilder seiner mythischen Geschichte unwillkü̈rlich lebendig.
Ausgehend von seinem fotografischen Entwurf stimmungsvoller Landschaftsbilder entwirft er eine Art Typologie des Naturhaften. In der Betrachtung der winterlichen Landschaft offenbart sich ein überraschend detailreiches Formen- und Strukturgefüge, welches das Wesenhafte des Waldes offenbart. Hinter der scheinbaren Monotonie von unbelaubtem Astwerk, Unterholz und Gestrüpp entfaltet sich der überwältigende Formenreichtum der Natur, die ihrer eigenen Logik und Gesetzmäßigkeit folgt. Der populären Auffassung von „toter Natur“ stellt der Künstler die nahezu unerschöpfliche Vielfalt organischer Erscheinungsformen gegenüber und entführt den Betrachter auf diese Weise im doppelten Sinne in eine verborgene Sphäre einer ihm vermeintlich bekannten Welt.
Emanuel Raab studierte Fotografie und Film an der Hochschule für Gestaltung in Darmstadt. Seit 1994 beteiligte er sich an zahlreichen Einzelausstellungen im In- und Ausland (u.a. 2011, „MenschenBild“, Museum Wiesbaden; 2007, „heimat.de“, Goethe-Institute London und Neapel; 2004, „Nachtland“, Kunsthalle Bielefeld; 2002, „heimat.de“, Landesmuseum Oldenburg, Kunstverein Ulm; 1999, Blick-Wechsel, Frankfurter Kunstverein; 1996, „Wegen Umbauten geschlossen“, Schirn Kunsthalle) sowie an verschiedenen Gruppenausstellungen (u.a. 2008, „Vertrautes Terrain“, ZKM Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe; 2007, OWL1, MARTa Museum, Herford; 2005, „Landschaft als Metapher“, Ursula Blickle Stiftung; 2002, „Heimat“, Kunsthaus Dresden; 1996, „Deutschland erotisch“, Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg). Seit 2001 lehrt er als Professor an der Fachhochschule Bielefeld Fotografie und Bildmedien. Es erscheint eine Publikation im Kehrer Verlag Heidelberg / Berlin.
Emanuel Raab – Winterwald
21. Januar bis 29. April 2012
Eröffnung: Freitag, 20. Januar 2012, 19 Uhr
Eröffnungsrede: Dr. Christiane Stahl, Leiterin Alfred Ehrhardt Stiftung
Der Kü̈nstler ist anwesend.
Alfred Ehrhardt Stiftung
Auguststr. 75
10117 Berlin
Tel: 030 / 200953-33, Fax -34
Öffnungszeiten: Di bis So 11 – 18 Uhr;
Do 11 – 21 Uhr
www.alfred-ehrhardt-stiftung.de
Eingestellt von Manfred Scharnberg in
