Anonyme Verführer
von Karl Johaentges
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Quelle: FreeLens-Magazin Nr.5 Januar 1997
"Anonyme Verführer", von Karl Johaentges
Über den beiläufigen Umgang mit der Fotografennennung
Die Welt mit anderen Augen sehen" – so feiert das Jubiläums-GEO den
20. Geburtstag. Herzlichen Glück-wunsch! Ob die 34 Jubilä-ums-Seiten
des Magazins halten, was der Titel verspricht, ist natürlich
Geschmacksfrage. Fest steht: 20 außergewöhnliche Fotografien
präsentieren ein weitgefächertes Weltbild zweier Jahrzehnte. Daneben
sinnreiche Zitate – mit Hin- und Nachweis, wer sie erdacht hat. Die
"Augen der Welt" jedoch, die Fotografen, sind auf den Jubiläumsseiten
glatt vergessen worden. Wer wissen will, mit wessen Auge er die Welt
sieht, muß mühselig auf Seite 260 im 8-Punkt-Kleinstgedruckten
recherchieren.
Den GEO-Machern vorzuwerfen, sie würden die Rolle der Fotografen
nicht sehen, wäre verfehlt. Aber dieser "kleine" Ausrutscher ist nur
ein Beispiel für derartige Praktiken. Und meist sind es nicht mal
Ausrutscher.
"Redakteurin XYZ reiste für Sie nach ZYX", wird stolz und fett auf
der Aufmacher-Doppelseite verkündet, gleich unter der Headline. Daß
vielleicht auch eine Fotografin mit dabei war, daß gerade sie die
"anmachenden" Aufmacher und die Optik für die Reportage lieferte – das
erfährt der Leser nur im Kleingedruckten. Beim "Bild der Woche" in "Die
Woche" bleibt der Fotograf gar anonym. Warum zum Teufel? Selbst der
Jahrzehnte lang störrische SPIEGEL hat die einst praktizierte
"Dunkelhaft" seiner Kreativen längst überwunden, druckt jetzt den
Fotografennachweis direkt am Bild.
Ähnliche Verhaltensmuster zeigen sich bei Bildbänden. Der
Jubiläumsband "20 Jahre GEO" ist auch hier führend in Sachen Ignoranz.
Auf fast 300 Seiten werden mit spektakulären, wirklich aufregenden und
unter die Haut gehenden Bildern 20 Jahre Magazin-Geschichte
vorgestellt. Neben jedem Foto erläutern ein paar Zeilen das Bild und
die Quelle. Nein, nicht etwa den Fotografen, sondern nur das jeweilige
GEO-Heft, in dem das Bild einmal abgedruckt war. Die Fotografen werden
verschwiegen. Nur im Impressum auf Seite 284 werden sie in
unerklärlicher Unordnung und kaum lesbarer 7-Punkt-Schrift in enge
Spalten gepreßt. Aufgelistet. Reine Pflichtübung um 100 Prozent
Honoraraufschlag zu vermeiden. Im gleichen Band wird die Autorin der
wenigen Textseiten unmittelbar neben der Überschrift vorgestellt.
Nachdem heute nur noch altbackene Verlage wie der Bruckmann-Verlag
bei Bildbänden den Textautoren dem Bildautoren voranstellen, ist dieser
"Faux pas" der GEO-Macher umso verwunderlicher. Der Jubiläumsband wirbt
doch gerade mit der Fotografie um seine Käufer. Und ein Bildband ist
eben in erster Linie ein Bilderband: Er lebt von der Optik, von der
Handschrift der Fotografen. Oder? Ich jedenfalls kaufe mir einen
Bildband in der Regel zuallererst wegen der Bilder und nicht wegen der
Worte.
Lesen ist out, jammern die Verleger und Chefredakteure. Schuld ist
die Glotze, das ist bekannt. Die Optik – ob in der Werbung oder als
Aufmacher – ist gefragter denn je. Fotos müssen her! Aber warum bleiben
ihre Schöpfer meist in der zweiten Reihe? Sie drücken sich fast anonym
als kaum 8-Punkt große Zeile im Randbereich oder auf Seite 144 rechts
unten herum – gleich neben dem Leim, den Stahlklammern, die das Heft
zusammenhalten.
Eine sichere Antwort auf die Frage, warum wir Bildautoren so häufig
in der zweiten Reihe sitzen, weiß ich nicht. Ich bin auch als
Buchverleger zu sehr Fotograf geblieben, um diese Rolle zu verstehen.
Vermutlich liegt es einfach daran, daß die Blattmacher von Magazinen
und die Lektoren der Bildbandverlage vor allem Wortmenschen sind. Die
Wortschöpfer denken einfach ego und natürlich zuerst an ihre Zunft. Sie
begreifen sich als Denker, die Fotografen sind nur Zulieferer,
Illustratoren. Auch wenn sie es nicht laut sagen: Das Wort, ihr Medium,
steht im Mittelpunkt, das Bild ist nur das Appetithäppchen für die
geadelten Buchstaben, auch wenn die Leser das oft völlig anders sehen.
"Aber ... ", werden jetzt einige zu bedenken geben, " ... die Bilder
müssen sich dem Text unterordnen, weil der ja von einem Autoren
geschrieben ist, während die Bilder zum Thema häufig von verschiedenen
Fotografen geliefert werden." Wirklich? Manchmal frage ich mich beim
Lesen einer Bleiwüste, ob man nicht besser Texte verschiedener
Schreiber gemischt hätte.
Müssen wir uns die Arroganz des Wortes gefallen lassen? Wollen wir
Bildermenschen nur Verführer zum Lesen bleiben? Nur Illustratoren des
Wortes, Labsal in der Buchstabenwüste? Nur Appetitanreger oder anonyme
Verführer? Wie lange müssen wir denn nerven, bis sie es begreifen? Das
Prinzip Hoffnung hilft nicht weiter: Die Autoren-Nennung muß Teil der
Honorar-forderung werden.