Aus klein mach groß mach klein
von B.Kannt
ma05-05
Quelle: FreeLens-Magazin Nr.5 , Januar 1997
"Aus klein mach groß mach klein", von B.Kannt
Fotografenagenturen sind meist aus einem Büro von
Bildjournalisten entstanden. Entgegen dem Trend, sich auf gemeinsame
Bildvermarktung zu beschränken, setzt die Fotografengemeinschaft GARP
seit 12 Jahren auf Zusammenarbeit
Wenn das New York Times Magazine Bilder aus Deutschland braucht,
läutet bei GARP in Hamburg das Telefon. Ein Glücksfall, von dem so
mancher Fotograf träumen mag.
Doch für GARP – es komprimiert den sperrigen, aber programmatischen
Namen Gesellschaft für Art, Redaktion und Photographie – ist es noch
mehr, noch etwasanders. Eine Art Zeichen für die geglückte
Neuorientierung als Dreimann-Agentur: Udo Thomas, Gerald Hänel und
Tilman Schuppius.
Die Sache mit der "Times" began eigentlich wie ein klassischer Flop.
Bei der unermüdlichen Suche nach weiteren Verwertern ihrer Werke war es
GARP eingefallen, auch dem Farb-Supplement der ehrwürdigen Tante am
Hudson River eine Foto-auswahl zu senden. Die Bilder wurden nicht
genommen. Berufsrisiko, klar, und trotzdem immer wieder bitter. Aber
dann, New York calling: Erst sollten die emsigen GARP-Leute aus
Hamburg-Altona den Amerikanern ein Architektur-Thema in Frankfurt/Main
fotografieren. Und dann ging's auch weiter. Seit einem Jahr scheinen
die drei Hamburger, die in Wahrheit der nordrheinwestfälischen Provinz
entstammen, jenseits des Atlantik als die Germany-Connection zu gelten.
Glück eben, und das ist – glaubt man dem alten Preußen-General
Moltke – auf Dauer nur dem Tüchtigen beschieden, hat die beiden
Unzertrennlichen Thomas und Hänel damals überhaupt erst ins Geschäft
gebracht. Der STERN kaufte den damaligen Studenten für Photodesign vom
Fleck weg eine Bildreportage ab. Allerdings hätte es wohl kaum dazu
kommen können, wären die hoffnungsvollen Jungtalente, damals Anfang
Zwanzig, zuvor nicht auf eine Idee verfallen, auf die man erst mal
kommen muß. Ausgerechnet unter das Motto Erotik '84 war die seinerzeit
in Bielefeld für die Studenten ausgelobte Fotoausstellung gestellt
worden. "Das fanden wir superblöd", erinnern sich Thomas und Hänel. Sie
übersetzten das abgegrabschte Thema auf ihre eigene Weise: "Wir machten
eine Geschichte über künstliche Tierbesamung." Der STERN griff zu und
nahm auch die Bilder des zweiten, nicht minder ausgefallenen Themas –
Embryotransfer.
Und dann meinte es der Zufall gleich noch einmal ausgesprochen gut
mit den Jungs aus Bielefeld. Wo sie nun schon mal in der Redaktion
herumstanden und gerade eine Reportage über Rucksacktourismus vakant
war, fragte man sie, ob nicht einer von ihnen das Thema covern wolle?
Ein heikler Augenblick für die beiden Freunde, keiner mochte dem
anderen die Chance nehmen. Thomas und Hänel schauten sich an, zuckten
die Schultern – und bekamen den Auftrag, beide.
Doch die Ägäis-Insel, die in der stern-Redaktion noch als Geheimtip
der Rucksack-Tramper galt, war in Wahrheit längst von stockbürgerlichen
Samsonite-Hartschalen beherrscht. Was macht der Fotograf in einer
solchen Situation? Für die GARP-Leute damals wie heute keine Frage.
Schauen, schauen und draufhalten. Zeigen, was ist. So wurde es gerade
deshalb eine gute Reportage, weil Thomas' und Hänels Bilder die
wirkliche Geschichte erzählten. Wohl auch ein Grund für den
GARP-Erfolg: Dieses sich nicht von Vorgaben festpflocken lassen, Zeit
lassen, machen.
Und dann natürlich noch das Grundkonzept, das sie beibehalten haben,
seit sie 1985 ihre "Gesellschaft" im heimischen Bielefeld gründeten:
Das Geschichten-Erzählen. An sich nichts Außergewöhnliches – Reportagen
will fast jeder machen. Bei GARP läuft das allerdings auf die etwas
andere Art. Es wird "journalistisch" gedacht, sie bieten ihre Themen
als komplettes Paket an, mit Text. Dazu arbeiten sie mit vier, fünf
freien "Schreibern" zusammen.
In den Anfängen "sind wir auf die Schnauze gefallen, was die Texte
betrifft". Die Storys der Redaktion paßten ihrem Geschmack nach
überhaupt nicht zu ihren Fotos. Also taten sich Gerald und Udo mit
ihrem Freund und Schreiber Reginald Bruhn zusammen.
Damals war man "richtig kollektiv": Alles machte man zusammen,
zahlte sich das gleiche (karge) Gehalt, rüstete sich gemeinsam aus,
teilte miteinander, keiner war der "Boß" – Sozialstation der
ausgehenden Sechziger und Jugend in den Siebzigern. Allerdings ohne den
haut gout des "Handgestrickten" jener Epoche. Es sollte professionell
zugehen.
Die Rechnung ging auf, das Ganzheits-Konzept klappte zusehends.
Waren es anfangs klassische Schwarz-Weiß-Sozialreportagen wie
Wohnungsnot oder Jugend, rückten rasch die etwas abseitigeren Aspekte
ins Bild. Alltagsgeschichten mit skurrilen Facetten, teils selbst
ausgegraben, dann auch als Auftrag – etwa die mobile Striptease-Bude
(Gerald & Udo für stern), der Boxverein, der immer verliert (Tilman
für Tempo), Rasenmäher-Rennen in Sussex (Gerald & Tilman für
Sports). Und dann die ganz großen Farbstrecken wie "D-Day in der
Normandie" oder "Scooter-Boys".
Die intime Mini-Gesellschaft für Art, Redaktion und Fotografie
florierte – und expandierte fast zwangsläufig. Der Erfolg zog an.
Längst war man nach Hamburg umgezogen, "zur Untermiete" zuerst,
zeitgemäß Bürogemeinschaft genannt – aber eben, wieder Glück, in dem
außergewöhnlichen Projekt Medienhaus. Nun bezog man dort ein eigenes,
großes Büro.
Zuletzt war man zu siebt. Und da ging bald gar nichts mehr. "Es war
ein gut funktionierender Apparat, so ist das nicht", sagt Udo, "aber
der war auch teuer, und es gab niemanden der es noch blickte." Die
kuschelige Kollektivität war weg, aus der Traum: die Prämissen der
unterschiedlichen Gesellschafter-"Generationen" zu unterschiedlich, die
Bedürfnisse divergierten. GARP durchlitt den WG-Frust: Schier endlose
Diskussionen um formale Sachen, aber keine Zeit mehr für das
Wesentliche.
"Die Idee war ja, daß sich zwischen uns etwas entwickelt,
gegenseitige Befruchtung mit Ideen und sowas. Aber dann haben wir über
Fotografie vielleicht gerade mal zehn Minuten geredet", beklagt Tilman.
Gerald resümiert, daß die Eigenverantwortlichkeit nachgelassen habe.
Ein Kollektiv dieser Größe werde einfach "zu kompliziert". Speziell,
wenn man aus prinzipieller Überzeugung auf einen "Chef" verzichte.
Kehraus. Man zog die Konsequenzen – Trennung auf Raten – und im Büro
eine Wand ein. Das war vor einem Jahr. Jetzt ist es wieder klein, man
ist wieder zu dritt, wie am Anfang – wenn auch in anderer Besetzung.
Dennoch möchte keiner die Erfahrung aus den Jahren des Großkollektivs
missen. Sie hat auch klüger gemacht, realistischer, gelassener. Einen
"Chef" gibts bei GARP immer noch nicht. Doch im Gegensatz zu früher
gehen zum Beispiel Gerald und Udo nur noch einmal im Jahr gemeinsam auf
Reportage. Ansonsten macht heute jeder seine eigenen Themen, findet sie
nach Gespür und Neigung. Aber man redet wieder mehr miteinander.
Dennoch sei die individuelle Auftragslage sehr unterschiedlich. Vier
Fünftel ihrer Aufträge würden personenbezogen erteilt. Alle können aber
ganz gut vom Ertrag leben, und einen Praktikanten gibt's auch. "Wenn es
zehn große Geschichten im Jahr sind, ist das ganz okay, der Rest ist
Kleinkram." Ihr ganzheitlicher Ansatz hat nicht nur "Fun-Aspekt", wie
Udo Thomas sich ausdrückt – er lohnt sich auch.
Klingt alles zu schön, um ein normales Fotografen-Leben zu sein?
Soviel Luxus ist natürlich nicht immer drin. Heute werden auch von GARP
Tagestermine wahrgenommen, wenn's sein muß – das "Schwarzbrot". Aber
solche Aufgaben abzulehnen, kann sich niemand leisten. Trotzdem: Der
"Fun-Aspekt" spielt bei der Arbeit nach wie vor eine ganz wichtige
Rolle. "Eine Woche an einem Thema dranzubleiben, macht einfach mehr
Spaß. Keiner von uns fotografiert irgendwas, von dem er denkt: das
könnte jetzt gebraucht werden, das verkauft sich gut."
Auch den zweiten Markt ihrer Fotos betreuen die GARP-Leute
in eigener Regie. Ist die Zweitverwertung ein mühseliges Geschäft?
"Mit der Zeit kriegt man die Erfahrung," sagt Gerald. Immerhin
erwirtschaften sie damit inzwischen etwa ein Viertel ihrer Einkünfte.
Wie man das schafft? Methode "Steter Tropfen..." und dann,
Schneeballeffekt:
Regelmäßig· versenden sie Duplikat-Sätze ihrer Geschichten an
potentielle Interessenten – inzwischen vorzugsweise in ansprechendem
Format: sei es in 6x7 (das deutlich lieber genommen wird als Kleinbild)
oder als Prints bzw. Repros vom Farb-Negativ.
Einzelbilder werden nicht offensiv angeboten. Wegen des inadäquaten
Aufwands. Auch hat GARP davon nicht allzu viele, "weil wir ja nicht
täglich drei Termine abschrubben". Dennoch verkaufen sie auch einzelne
Stücke – auf Anfrage. Als regelrecht lukrativ, sagt Gerald, erweisen
sich die neuerdings so beliebten Portrait-Geschichten auch in der
Zweitverwertung. Viele ihrer Abnehmer finden sie in allen möglichen
europäischen Ländern – von Skandinavien bis Spanien. Ihre Reportagen
gehen dort gut. "Sie verkaufen sich mit Text besser", erklärt Gerald.
"Der Bereich liegt praktisch brach, weil keine Agentur das macht."
Im Gegensatz zum Inland laufen die Verkäufe ins Ausland zumeist über
dortige Agenturen. Die Kontakte hat man Zug um Zug aufgebaut und
gepflegt. Inzwischen schauen die ausländischen Agenturvertreter auch
von sich aus bei GARP vorbei. "Das Problem ist sogar," kokettiert Udo
ein bißchen, "daß man gar nicht genug produziert, was man da alles
verkaufen könnte." Da klingelt das Telefon. New York is calling? Nein,
es ist die Honorarbuchhaltung eines deutschen Verlages. Die Dame
versucht – wahrscheinlich auf Geheiß der Bildredaktion – das Honorar
für einen Auftrag im Nachhinein zu kürzen. "Ja richtig", sagt sie, "es
war zwar vorher genau abgesprochen, doch das Honorar ist trotzdem zu
hoch". Sie hat kein Glück – und keine Ahnung, daß solches Ansinnen
nicht einmal mit der Berufsehre eines orientalischen Basarhändlers
vereinbar wäre. Für GARP ist der Alltag wieder eingekehrt.
© B.Kannt