Sag mir wo die Bilder sind

von Alfred Büllesbach

 

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Quelle: FreeLens-Magazin Nr.5, Januar 1997

 

"Sag mir wo die Bilder sind", von Alfred Büllesbach

Ohne sie läuft kaum noch etwas: Ein Blick in Illustrierte, Zeitung
oder Buch zeigt, daß die Bebilderung heute ohne die Arbeit von
Agenturen fast undenkbar ist. Die Agenturen sind die Umschlagplätze für
Fotos, hier "treffen" sich Angebot und Nachfrage

Im Grunde steckt dahinter ein Prinzip, das sowohl dem Fotografen wie
auch dem Kunden Vorteile bietet: Viele Fotografen können kaum die
nötige Zeit aufbringen, sich auf eigene Faust um die Vermarktung ihrer
Bilder zu kümmern. Dazu kommt, daß eine Agentur ungleich bessere
Kundenkontakte hat, sich mit dem Know-how der Vermarktung weit besser
auskennt. Dazu kommt eine eingespielte Verhandlungspraxis mit Kunden.

Vorteile haben auch die Kunden: Das umfassende Angebot der Agenturen
erleichtert die Suche nach Fotos. Ein Anruf schafft den Zugriff auf
große Bildbestände, die Abwicklung in Sachen Lizensierung ist
professionell.

Allerdings ist das, was sich hinter dem Oberbegriff Agentur
verbirgt, nicht so einheitlich, wie es scheint. Unter den Bildanbietern
gibt es sowohl den Einmann-Betrieb wie auch das verlagseigene Archiv.
100 Bildagenturen sind im Mitgliederverzeichnis "Bildquellenhandbuch"
des Bundesverbandes der Pressebildagenturen und Bildarchive (BVPA)
verzeichnet. Doch dazu kommen mindestens weitere 300 Bildanbieter –
meist Bildagenturen und einzelne Fotografen, die sich als Bildarchiv
deklarieren, aber auch öffentliche Bildarchive und eben die
Verlagsarchive.

Die neueste Ausgabe des Nachschlage-werks Picture Research – Photo
Agencies and Libraries nennt für Deutschland sogar rund 4700
Bildanbieter. Da die Grenzen zwischen selbstvermarktenden Fotografen
und kleinen Bildagenturen fließend sind, lassen sich tatsächliche
Zahlen kaum ermitteln – ebensowenig wie die Umsätze der Branche. Der
BVPA hofft, im nächsten Jahr nach einer Mitgliederbefragung erstmals
Zahlen über die wirtschaftliche Bedeutung dieses Bereichs vorlegen zu
können.

Wer ist wer

Im allgemeinen Sprachgebrauch ist die Bezeichnung Bildagentur ein
Sammelbegriff für Unternehmen, die einen Rechteverkauf an Bildern
betreiben. Die Unternehmen selbst nennen sich Bilderdienst oder
Bildarchiv, Pressebildagentur, Fotoagentur, Fotoservice,
Universalarchiv oder Farbdiaagentur. Diese Bezeichnungen sollen
Auskunft über eine bestimmte Branchenorientierung geben, teilweise
haben sie historische Wurzeln. Klare Definitionen beziehungsweise
Abgrenzungsmerkmale, die den Unternehmen bestimmte Funktionen zuordnen
könnten, gibt es nicht. Dennoch lassen sich die Agenturen unterscheiden:

Bildbestand

Alleine die im BVPA organisierten Agenturen verfügen über fast 90
Millionen Fotos. Das Profil einer Agentur wird vor allem an der Art des
Bildbestandes deutlich. Die wichtigsten Kategorien sind: Pressefotos,
historische Fotos, Universalarchive, Spezialarchive und Verlagsarchive.
Am meisten verbreitet sind Agenturen im Bereich Journalismus sowie
Universalarchive, die von geographischen Themen bis hin zu
People-Aufnahmen das komplette Spektrum der Printmedien beliefern
können. Während einige Agenturen nur selbst produziertes Material
vertreiben, werden andere Agenturen von einem großen Kreis
internationaler Fotografen und Partneragenturen beliefert.

Serviceangebot

Für Fotografen und Kunden dürfte neben dem Bildbestand das
Serviceangebot wichtigstes Kriterium bei der Agentur-Suche sein. Das
Angebot der Dienstleistungen reicht von der Bebilderung kompletter
Buchreihen bis hin zur ausschließlichen Repräsentanz einzelner
Fotografen. Es gibt Agenturen, die gegenüber Fotografen als
Auftraggeber auftreten und solche, die nur das Material ihrer
Vertragsfotografen vermarkten. Während gerade im aktuellen
Pressebereich Agenturen laufend Material, oft sogar im Abonnement an
feste Kunden, anbieten, treten andere gar nicht oder nur mit Teilen
ihres Bildmaterials aktiv an Kunden heran. Unterschiedlich werden auch
die Investitionen in digitale Technik oder die Produktion von
Bildkatalogen gehandhabt.

Eigentümerschaft

Neben der inhabergeführten privaten Agentur unterschiedlichster
Größe gibt es öffentlich-rechtliche Agenturen sowie Verlagsagenturen,
oft auch sogenannte Nachdruckdienste. Fotografenagenturen sind im
Besitz von meist mehreren Fotografen.

Überangebot

Die Zahl der Fotografen steigt, täglich wird neues Material
produziert – und durch die Datenvernetzung wird das Bildangebot
zusätzlich erhöht. Bald ist es für deutsche Bildredakteure kein Problem
mehr, in ausländischen Bildbeständen via Online nach Fotos zu suchen
und sich direkt auf ihre Rechner überspielen zu lassen. Spezialisierte
Agenturen werden in diesem Wettbewerb Vorteile haben. Für Fotografen
wird daher die Zusammenarbeit mit einer Agentur immer wichtiger werden.
Kunden werden gerade wegen des Überangebots auf individuelle Beratung
zurückgreifen.

Investitionsdruck

Der Einstieg in die digitale Fotowelt ist mit hohen Kosten
verbunden. Das bedeutet: Große Archive können sich erhebliche
Wettbewerbsvorteile verschaffen, und für kleinere Agenturen stellt sich
die Frage nach der Rentabilität. Damit wird die Vielfalt der Branche
eingeschränkt. Da Fotografen kaum in der Lage sein werden, diesem
Investitionsdruck standzuhalten, wird die Vermittlertätigkeit der
Agenturen an Bedeutung gewinnen.

Copyrightfreie CD's

Foto-CD's bieten für wenig Geld hunderte von Fotos inklusive aller
Nutzungsrechte. Die Basis des bisherigen Bildgeschäfts, nämlich der
Verkauf einzelner Nutzungsrechte, wird so zerstört. Zu den Verlierern
gehören die Fotografen – sie können durch den Verkauf ganzer Bildpakete
zwar kurzfristig verlockende Pauschalsummen kassieren, zerstören jedoch
langfristig die Grundlage ihrer Existenz, weil sie wichtige Rechte
aufgeben.

Clearingstellen

Für Multimediaprodukte müssen oft gleichzeitig Lizenzen
unterschiedlichster, urheberrechtlich geschützter Werke eingeholt
werden – von Musik-, über Text- bis zu Bildrechten. Um den Aufwand
dabei möglichst gering zu halten, fordern Industrie und Politik
sogenannte Clearingstellen. Hier sollen Informationen über Werke, deren
Urheber sowie Möglichkeiten des Rechteerwerbs zentralisiert werden.
Eine solche zentrale Auskunftsdatei ist einerseits zu begrüßen.
Andererseits ist darauf zu achten, daß weder neue Monopole, noch
Mechanismen staatlich gelenkter Zwangslizensierung entstehen, die nicht
mehr individuelle Leistungen berücksichtigen. Abgesehen davon, daß
Bildagenturen in vielerlei Hinsicht bereits solche Clearingstellen
sind, ist eine gemeinsame Datenbank des BVPA mit anderen Verbänden
denkbar. Damit könnten schnell Informationen über Bildbestände und
deren Rechtssitutation erfragt werden.

 

KASTEN:

Licht im AgentUrwald

Das hat doch was: Die Bilder verstauben nicht in der Ecke oder
müssen mühevoll selbst verwertet werden. Statt dessen gibt es da ein
Büro, das sich um alles kümmert – und Geld gibt es dafür auch noch.
Rund die Hälfte der FreeLenser gehört zu jenen Fotografen, die sich
ohne die Hilfe einer Agentur, eines Bildarchivs durchschlagen. Dabei
kann alles so einfach sein – wenn einige Grundregeln beachtet werden.

Zuerst gilt es, die eigene Arbeit objektiv zu begutachten. Geht es
dabei zum Beispiel vor allem um Reportage, um Sport oder vielleicht um
bekannte Gesichter? Ist das geklärt, sollte das eigene Programm mit
denen der Agenturen verglichen werden. So genau wie möglich.

Haben sich dann geeignete Agenturen herauskristallisiert, gilt es,
deren Arbeitsweisen und Aufnahmevoraussetzungen in Erfahrung zu
bringen. Eins vorab: Die horrenden Einstiegs-Summen von einst sind
nicht mehr die Regel. Aber in Sachen Geld gilt es doch einiges
abzuklären. Zum Beispiel, ob der Agentur-Fotograf für Duplikate
aufkommen muß, ob und wie er sich an den Katalogen finanziell
beteiligen muß. Und natürlich auch, wie die Verteilung der Einnahmen
zwischen Agentur und Fotograf geregelt ist.

Dann ist da noch die Frage, was die Agentur leisten kann. Wen
beliefert sie, sind es vor allem Redaktionen oder Werbeagenturen? Auch
die Aufmachung und Erscheinungsweise des Kataloges ist wichtig. Wie
wird der Foto-graf darin präsentiert? Gibt es Partneragenturen in
anderen Ländern? Herrscht regelmäßiger Austausch zwischen den beiden
Partnern, erfährt der Fotograf, was die Kunden gerade am meisten
fordern? Manche Agenturen verschicken sogenannte "Most wantet"-Listen.

Selbst wenn es vorerst um den Beginn einer Zusammenarbeit geht, sollten die Formalitäten für eine "Scheidung" geklärt sein.

Wichtig ist, wie es mit den Kündigungsfristen aussieht, ob es dann
die eingelieferten Bilder zurück gibt und welche Gebühren anfallen.

Um all das zu klären gibt es auch vor den eigentlichen
Verhandlungen mit der Agentur Möglichkeiten. So läßt sich
in Gesprächen mit Kollegen herausbekommen, wie die Stimmung in dem
jeweiligen Laden ist, ob Druck von oben oder offene Kollegialität herrscht.
Auch ein Gespräch mit einem Angestellten im Büro der Agentur kann
helfen herauszubekommen, ob man wirklich in den Laden paßt. Ansprechpartner
­ soll heißen: Fotografen ­ in den Agenturen können über
das FreeLens-Büro vermittelt werden.

 

© Alfred Büllesbach