So wie der Tourist es gerne hätte
von Karl Johaentges
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Quelle: FreeLens-Magazin Nr.5 , Januar 1997
"So wie der Tourist es gerne hätte ", von Karl Johaentges
Er selbst nennt sich einen "Supermarkt". Seit 1973 reist Steve
Vidler als eine Art moderner Nomade um den Globus – und fotografiert
Klischees, nichts als Klischees. Doch während mancher wahre
Kamera-Künstler nur rote Zahlen auf dem Konto hat, ist der 1949 in
Dover geborene Brite nicht nur einer der dienstältesten Vertreter
seiner Branche, sondern auch einer der wenigen wirklich Erfolgreichen
"Mein Erfolgsrezept heißt Masse", sagt Steve, "möglichst viele gut
verkäufliche Fotos in möglichst kurzer Zeit und mit geringsten
Investitionen produzieren." Ein Grundsatz, der nicht nur ausgemachten
Individualisten fremd erscheinen mag – doch Vidler macht seine Sache
mit einer Konsequenz und auch Qualität, die beeindruckt.
Der fotografierende Supermarkt Vidler verzeichnet jährlich
Millionenumsätze – und zwar in Dollar. Weltweit bedient er 18
Agenturen, in Deutschland führt die Agentur Mauritius rund 80000 seiner
Motive. "Steve ist unser bestverkaufender Reisefotograf", sagt Thomas
Wild von Mauritius. Dabei sind es nicht einzelne Highlights, die
Vidlers Arbeit auszeichnen. "Es ist die durchgängige Top-Qualität
seiner Aufnahmen, verbunden mit seiner enormen Produktivität, die ihn
zur Nummer Eins machen", rührt Wild die Werbetrommel. "Qualität und
Quantität sind bei ihm auf dem Punkt, der nötig ist, um im
Stock-Business vorn dabeizusein. Ob Eiffelturm, Malediven oder die
kleine Japa-nerin – Steve hat alles." Umgekehrt ist Mauritius für Steve
weltweit der beste und zuverlässigste Partner.
Jede seiner Agenturen und auch deren Filialen beliefert Vidler nach
Möglichkeit pro Motiv mit einem Original. Bis zu 60mal drückt Steve
daher – wenn er die Zeit hat – für die gleiche Szene auf den Auslöser.
200 Rollfilme (Velvia und zuweilen Sensia) zieht er während seiner
maximal zweiwöchigen Fotoreisen durch die Pentax 6x7, bis zu 40 Rollen
an einem Tag. An den Wohnsitzen in London oder Tokyo folgen zwei Wochen
Arbeit mit Laborentwicklung, Auswahl und Beschriftung. Wobei für
Beschriftung und Bestandsaufnahme relativ wenig Zeit verschwendet wird.
"Je knapper, desto besser. Außerdem hat jede Agentur ihr eigenes
System." Bei Single-Shots werden Dups produziert.
Alle sechs bis acht Wochen versendet Steve Vidler neues Material an
seine Partner in aller Welt. Nicht etwa per Kurier, sondern ganz
einfach "Airmail-Printed matter". Für ihn ist das der sicherste Weg:
Seit 20 Jahren sei nur eine Lieferung an eine spanische Agentur
verlorengegangen. Ein Original behält er als Masterframe, über den
Verbleib der anderen macht er sich keine Illusionen: "Bei diesen vielen
Agenturen muß man sich an den Gedanken gewöhnen, daß man seine Bilder
nicht mehr wiedersieht, es sei denn gedruckt. Wenn man sein Bild als
Kunst betrachtet, sollte man es nicht abgeben, um Geld zu verdienen.
Das Dia ist eine Ware, ein Produkt und wird entsprechend behandelt."
Andersherum bedeutet diese Arbeitsweise für ihn größtmögliche Freiheit.
Abgesehen von ein paar wenigen Reiseführern ist ihm Auftragsarbeit
völlig fremd und Klinken putzen in Redaktionen zuwider.
Steve lief mit 16 von zu Hause weg, schlug sich bis Ende der
60er-Jahre mit zahllosen Jobs in aller Welt durch. Der Einstieg in die
Fotografie kam dann eher zufällig. 1970, im Umfeld der EXPO 70, machte
er in Japan seine ersten Gehversuche. Warum gerade Archivfotografie?
Beim Besuch einer Londoner Bildagentur stellte der Anfänger und
Autodidakt überrascht fest, daß dort nicht ein einziges Motiv des Big
Ben in den Schränken zu finden war. Die Stock-Fotografie war noch in
den Kinderschuhen. Heute dagegen unterteilt sich das Stock-Business in
fünf Kategorien: Reise, Sport, People, Business und Tiere. Gerade für
Neueinsteiger ist daher Spezialisierung wichtig, rät der Altmeister.
Vidlers Welt ist die Reise. Er teilt sich den Globus in Gebiete auf,
die er jedes Jahr tourneemäßig bereist. Wohin er will, ist lange im
Voraus geplant. Im Frühjahr geht es zur Kirschblüte nach Japan, später
zum Indian Summer in Neuengland und so weiter. Klischees eben – unter
blauem Himmel. An einem grauen Novembertag bleibt die Kamera in der
Tasche.
Die Planungsmethode ist denkbar einfach. Frage: Was kennt der
Durchschnittsmensch von Australien? Antwort: Ayer's Rock, Koalabär,
Känguruh, Sydney, Great Barrier Reef. Genau das wird fotografiert,
immer wieder, immer wieder neu. Bis zu 600 Motive verkauft Steve Vidler
im Monat. Abrechnung als Daumenkino. "Leute, die fünf Wochen durch
China reisen, die medizinische Versorgung dokumentieren und dabei die
Große Mauer vergessen, dürfen sich über mangelnde Agenturverkäufe nicht
beklagen." Steve ist eben der Gegenpol zum rasenden Reporter.
Wichtig ist ihm, daß die Bilder etwas transportieren, Interpretation
und Phantasie zulassen. Sein bestverkauftes Bild ist 15 Jahre alt,
enstanden während einer fünfminütigen Tour mit einem Leichtflugzeug:
Ein Flußmeander in Peru, das Bild sparsam beschriftet mit dem Wort
"Amazon". Damit läßt sich vieles verbinden: Regenwald, Amazonas oder
einfach Natur.
Weltweit sind die Ansprüche an Reise-Stockfotografie recht ähnlich.
Mit ein paar regionalen Unterschieden: In Japan zum Beispiel gibt es
einen gewaltigen Markt für grafische Bilder – Grün, Natur. Ein Foto
eines einsamen Baumes in einsamer Landschaft verspricht in der Enge
japanischer Großstädte Freiheit. Für Europäer haben dagegen Palmen und
Sand eine fast magische Ausstrahlung. Auch nach Deutschland kommt
Vidler regelmäßig. "Hier gibt es wunderbare Ecken. Aber verkaufen tun
sich eben nur romantische Straßen, mittelalterliche Städte, Rhein und
Mosel."
Berühmte Orte und touristische Paradiese verlangen oft nach
Statisten. Aber bei Produktionen mit Modells tut sich Steve Vidler
schwer, er versucht sie zu vermeiden. Ein Release läßt er nur selten
direkt unterschreiben, lieber notiert er sich die Adresse und schickt
ein paar Abzüge, zusammen mit der Bitte um ein Release.
Der Nomade genießt seine Freiheit auch nach 25 Jahren noch, obwohl
er sie mit Einsamkeit erkauft. Die permanente "Aufstehen und
los"-Mentalität hält kaum jemand aus. Eine Partnerin, die diese Hektik
im Rythmus des Partners mitmacht, ist kaum zu finden. Steve ist
unverbesserlicher Work-aholic – aufstehen um fünf Uhr früh ist für ihn
normal. Er reist leicht und ohne Assistent/in. Seine Ausrüstung besteht
aus zwei Gehäusen, Objektiven der Brennweite 45, 105 und 165mm, einem
Shift, zwei Konvertern, Pol-Filter und Stativ. Das war's.
Doch selbst an Steve gehen die Veränderungen des Marktes nicht
spurlos vorüber. Auch für ihn wird das Business zunehmend global, weg
von der Fotografen-Agentur-Beziehung hin zur Agentur-Agentur-Beziehung,
in der der Fotograf nur noch Erstzulieferer ist. Vor allem die
Agentur-Kataloge haben seine Position geschwächt. "Für Leute, die
Topshots und Konzepte fotografieren, sind international gestreute
Kataloge ein Gewinn. Für Leute wie mich, die ,Supermarkt-Produzenten',
bot das alte System der kleinen Agenturen bessere Möglichkeiten der
Globalisierung der Bilder." CD-Roms und Internet werden diesen Trend
noch verstärken. Steve ist bekennender Computer-Analphabet, und so
betrachtet er auch den elektronischen Markt mit sehr viel Distanz. Er
weiß was kommt, aber das scheint ihn nicht sonderlich zu beunruhigen.
Denn noch sind seine Verkäufe über CD's selbst in den USA minimal.
Überhaupt, die Kataloge: Sie erleichtern auch seine Arbeit.
Mittelformat ist hier nur selten gefragt. Doch sie bescheren dem
Supermarkt auch andere Probleme. Denn von Exklusivität hält Steve
überhaupt nichts. Er möchte soviel streuen wie möglich. Obwohl er
natürlich einkalkuliert, daß die Verweigerung der Exklusivität
preisdrückend wirkt. Aber da macht es eben die Masse. "Und", so seine
Argumentation, "wer bietet schon 100 Prozent Exklusivität?" Im Fall,
daß für ein Motiv "world-wide exclusive" gefordert wird, bittet er die
verkaufende Agentur um Zusendung einer Motivkopie, die er dann zwecks
Blockierung des Motivs an all seine Partner sendet. Im Gegensatz zu
Steves Anfangszeit ist das Metier heute eben sehr professionell
geworden. "Die Zeiten des schnellen Geldes sind vorüber", warnt der
Dollar-Millionär Neueinsteiger. "Wichtig ist eine gute Planung, denn
bis man die ersten Ergebnisse sieht, kann es ein Jahr dauern, bis die
Kosten rein sind oft fünf Jahre." Der Weltmarkt wird von etwa 20 meist
euro-päischen Fotografen dominiert. Und nur wenige Kollegen können von
Stock ihren Lebensunterhalt bestreiten. Fast alle ar-beiten bislang
weiter im Mittelformat. Denn auf dem Leuchttisch vieler Bildredaktionen
gewinnen sie immer noch gegen das Kleinbild.
Wer nun glaubt, ein so erfolgreicher Supermarkt-Betreiber wie Steve
Vidler sei abgehoben und gucke nicht mehr aufs Geld, der irrt. Der
Bildermillionär fliegt weiterhin Economy und wohnt in
Mittelklassehotels. "Ein Hotel ist nicht mehr als ein Platz zum
Schlafen und Duschen", sagt er. Und neben dem Computer verweigert er
sich auch dem Fax, Briefe schreibt er noch mit der Hand.
Auch Träume hat Steve Vilder noch – und die haben nichts mit
Ruhestand und Palmenstrand zu tun. Er träumt davon, eines Tages seine
Pentax 6x7 zu Hause lassen zu können. Nicht weil er in Rente geht,
sondern weil er doch endlich mal mehr mit Kleinbild fotografieren
möchte.