Weltniveau oder Einheitsbrei?

Von Ditmar Schaedel

 

Quelle: FREELENS-Magazin #26 - 2. Quartal 2008

 

Weltniveau oder Einheitsbrei?

Bislang prägen besondere Persönlichkeiten oder spezielle Schwerpunkte das eigene Profil fotografischer Ausbildung in Deutschland. Droht durch die internationale Vereinheitlichung auf Bachelor- und Master-Studien­gänge nun die Verflachung?

VON DITMAR SCHAEDEL

Seit der Einführung des europaweiten Bologna Prozesses spaltet sich die Hochschulgemeinde in zwei Lager. Die Befürworter und die Gegner bewerten das Potenzial und die Gefahren dieser funda­mentalen Umstellung und Vereinheit­li­chung der Studiengänge an Universi­tä­ten und Fachhochschulen in Bachelor- und Masterabschlüsse völlig unterschied­lich. In Deutschland wurde bisher knapp über die Hälfte der Studienangebote neu struk­turiert und den Anforderungen angepasst, andere Hochschulen wiederum zögern bei der Umstellung noch. Gut 40 Prozent der Bachelor/Master Studiengänge haben er­folg­reich eine Akkre­di­tierung ab­ge­schlossen.

Dort wo neue Studiengänge konzi­piert wurden, war die Entwicklung von Modulhandbüchern, Creditpoint-Sys­te­men und Studienkonten nötig. Vielerorts wurde der Wechsel durch den Gene­rationenwandel bei den Dozenten be­günstigt. Die Umstel­lung bei Studiengängen mit traditio­nell gewachsenen Strukturen fällt manchen Hochschulen aber oft nicht leicht und bedeutet zumindest in der Übergangszeit eine deutliche Mehrbelastung durch parallele Studienangebote und einen erhöhten Verwaltungsanteil.

Positive Stimmen aus dem Pro-Lager betonen hierzulande die Flexibilität für Studierende. Sie hätten die Möglichkeit an internationalen Institutionen ein ähnlich strukturiertes Studium zu absolvieren. Außerdem bestünde die Möglichkeit, auf den berufsqualifizierenden Bachelor einen wissenschaftlich ausgerichteten Master mit Schwerpunktsetzung aufzusetzen. Das stärke die Fachhochschulen, da sie durch den Master mit den Universitäten gleichgestellt seien. Weiterhin sei das Bachelorstudium durch die straffere Struktur ef­fek­­tiver und schneller und würde anteilig mehr Studierende zum Abschluss führen.

Gegner der neuen Regelung kriti­sieren den enorm gewachsenen Verwal­tungs­aufwand für die Lehrenden, die stärkere Verschulung und Vereinheit­li­chung. Selbständiges Lernen werde weniger verlangt. Durch die ständigen, abschlussrelevanten Prüfungen werde kurzfristiges Wissen gefördert – zulasten dauerhafter Quali­fi­zie­rung. Zudem sei der Master nur für einen Teil der Bachelorabsolventen möglich, denn hier stehen deutlich weniger Plätze zur Verfügung. Bisher sei eine gute Diplom­arbeit die wichtigste Basis für die Be­werbung um Jobs und somit für den er­folgreichen Einstieg in die Berufstätigkeit gewesen. Angesichts der Perspektive auf eine freie Tätigkeit wird den Bachelor-Studierenden diese Möglich­keit zur Profilierung stark eingeschränkt. Der Grund: die verkürzte Studienzeit und Dauer der Abschlussphase.

Die Einhaltung der Bologna-Kriterien ist Voraussetzung für die internationale Anerkennung, die durch die Akkredi­tierung einer mehrköpfige Kommission erfolgt. Für Studiengänge, die in der Fo­tografie ausbilden oder Fotografie zum Schwerpunkt haben, stellt sich die Heraus­forderung der Einhaltung in mehrfacher Hinsicht.

Bisher waren viele Studiengänge mit einem besonderen und häufig auch einzig­artigen Profil in der Hochschullandschaft präsent. Ob eher Bildjour­nalismus oder Werbefotografie, ob ein ausgeprägter künstlerischer Schwerpunkt oder eher an technischen Verfahren orientiert. Die Umstellung verhindert – oder erschwert zumindest – die in der beispiellos dichten Hochschullandschaft Deutschlands not­wendige Profilierung. Die Besonderheit eines Studienortes, bedingt durch lange Tradition, personelle Konstellationen oder auch durch Partnerschaften in der Region, droht durch Nivellierung zu verwässern oder ganz zu verschwinden.

Umfragen haben ergeben, dass aber häufig gerade diese Besonderheiten für Studieninteressierte entscheidend bei der Wahl des Studiengangs sind. Schließlich wissen sie, dass besonders in der Foto­grafie Individualität eine wichtige Rolle spielt – und die zu entwickeln, benötigt Zeit. Braucht die Medienbranche universelle Generalisten, die sich in der wan­delnden Medienwelt schnell auf ein neues Berufsbild einstellen können? Oder sind Experten mit spezieller Qualifikation gefragt?

Angesichts des aktuellen Paradigmenwechsels hin zu digitalen Verfahren haben die Hochschulen eine erhöhte personelle und finanzielle Belastung zu stemmen. Die Entwicklung notwendiger neuer Lehrkonzepte macht die Einführung von Bachelor/Master zu diesem Zeitpunkt nicht leichter.

In den letzten Jahren haben sich weiterhin durch einen Wandel der Anfor­derungen aus der Industrie und anderen Berufsfeldern erhebliche Änderungen in den Studienangeboten ergeben. So haben sich zu den traditionellen fotografischen Ausbildungswegen viele differenzierte An­gebote in Kombination mit Publizistik, Kommunikationsdesign und -wissenschaft mit vielen Studienmöglichkeiten innerhalb der modernen Medien entwickelt. Hier ist die Profilbildung besonders wichtig, um den neuen Anforderungen in vielfältigen Berufsfeldern gerecht zu wer­den und den Absolventen eine reelle Chance auf Anstellung und eine erfolgreiche Berufstätigkeit zu bieten.

Für Interessierte an einem Studium heißt es in dieser Situation, ein besonderes Augenmerk auf die jeweiligen Bedin­gun­gen an den in Frage kommenden Hoch­schu­len zu richten. Ob der Studiengang schon umgestellt ist, ob eine Akkre­di­tie­rung vorliegt, welche personellen oder struk­tur­ellen Änderungen in den kommenden Jahren noch absehbar sind? Solche Fragen zur Umstellung auf die zweiteiligen Studiengänge sollten mög­lichst umfas­send geklärt werden. Der tatsächliche Anteil der Fotografie in den Studienan­geboten und die inhaltliche Ausrichtung lassen sich nur durch inten­sives Studium der Prüfungsordnungen und aus den Modulhandbüchern entnehmen.