Die Krise der Riesen

Von Bernd Euler

 

Quelle: FREELENS-Magazin #27 - 4. Quartal 2008

 

Die Krise der Riesen

Amerikanische Zeitungen verlieren Auflage und die Verlage 26 Prozent ihres Aktienwertes. Die Branche legt den Rückwärtsgang ein und spart die einst so gelobte journalistische Qualität zu Tode.

VON BERND EULER

Das größte US-amerikanische Zei­tungshaus – der Gannett-Verlag entlässt 1000 Angestellte! Die renommierte New York Times kündigt den Abbau von 100 Redakteursstellen an! Die Washington Post schickt 200 Redakteure nach Hause! Seit 25 Jahren war die Zahl der bei US-Zei­tun­gen beschäftigten Journalisten nicht mehr so niedrig wie 2007, berichtet der Berufsverband der US-Amerikani­schen Redakteure. Im gleichen Jahr sank die Gesamtauflage der amerikanischen Zeitungen um 2,5 Prozent, die Werbeeinnahmen um 7 Prozent. Eine Medienbranche taumelt in die Krise, vom Ende des Zeitungsjourna­lismus ist die Rede. Das Medium wird tot geschrieben, und die Totengräber heißen Google & Co.

Der Branchenriese New York Times Company (NYTC) verzeichnete im ersten Quartal 2008 einen Rückgang des Anzei­gen­umsatzes von 10,6 Prozent. 2008 werde ein Jahr „das für jeden in der Me­di­enbranche weitere Herausforderungen stellen wird,“ so die Vorstandschefin Janet Robinson. Neben der allgemein schwa­chen US-Konjunktur machte die Mana­gerin die langfristige Verschiebung des Anzeigengeschäftes von Print zum Internet dafür verantwortlich.

Dabei ist die NYTC noch gut aufge­stellt. Zum Onlinegeschäft des Unterneh­mens gehört die About-Gruppe mit ihrem Aushängeschild about.com. Der Internet-Zweig des Unternehmens steigerte den operativen Gewinn um 9,5 Prozent auf 12,6 Millionen Dollar und den Umsatz um ein Viertel auf 28,2 Millionen. Dies konnte dennoch den Rückgang im Printgeschäft nicht kompensieren. Der NYT geht es wie allen Tageszeitungen in den USA: Die Flucht der Anzeigenkunden in die Internetwirtschaft kommt nur zum ge­ringen Teil den Online-Auftritten der Blät­ter zugute, sondern vielmehr den Betrei­bern von Suchmaschinen. Allein Google kassierte im letzten Jahr fast die Hälfte aller Online-Werbeetats. Und bei den Kleinanzeigen sind eBay und craiglists längst die Nummer eins.

Zwar wird noch kräftig Geld mit Werbung im Printbereich verdient – auf dem US-Zeitungsmarkt wird ein Werbe­umsatz von 42 Milliarden Dollar erwirtschaftet. Die NYTC machte im zweiten Quartal 2008 immerhin noch einen Erlös von satten 20,9 Millionen Dollar. Doch die Tendenz ist klar. Mit fallenden Auflagen und einbrechenden Anzeigenaufkommen der Tageszeitungen verändert sich die Medienlandschaft in den USA rapide und mit ihr der Journalismus.

Die großen amerikanischen Verlage sind mittlerweile alle an der Börse notiert. Aktionäre sind an Dividende interessiert, da muss auf fallende Werbeeinnahmen mit „Verschlankung“ auf der Produktions­seite reagiert werden. Das sind die Regeln der Wallstreet. Für Zeitungsverlage heißt das: Redakteure entlassen, Korrespon­dentenbüros schließen, Nachrichtenum­fänge reduzieren, weniger recherchieren. Journalismus billiger machen!

Wie das in der Praxis aussieht, wird am Beispiel der Los Angeles Times, eine der fünf großen US-Zeitungen, deutlich. In den letzten zehn Jahren büßte das Blatt 30 Prozent seiner Auflage ein. Es galt als eines der anzeigenstärksten des Landes und war eines der ersten Zeitungsprojekte mit eigenem Online-Auftritt. Der Schritt ins Netz schützte jedoch nicht vor Anzeigen- und Umsatzverlusten. Der Investor Samuel Zell aus Chicago übernahm Ende 2007 das Traditionsblatt samt Mutter­gesell­schaft. Seitdem hat er von den rund 1000 Stellen 300 gestrichen, und weitere Kündi­gungen angesagt. Das Verhältnis von Anzeigen zum Inhalt der Tageszei­tungen soll auf 50:50 reduziert werden, was bedeutet, das pro Woche rund 500 Seiten Inhalt gestrichen werden. Und auch die Schlagzahl für die schreibende Zunft soll drastisch erhöht werden. Schrieben LA-Times-Re­por­ter bisher rund 50 Seiten pro Jahr, geben Zells Buchhalter nun 300 Seiten output-soll pro Redakteur vor. Qualitätsfragen unerwünscht!

Und das ist noch nicht das Ende. David Hiller, Verleger der Los Angeles Times, sieht sein Blatt in zehn Jahren in einer Familie von Medienprodukten, die über alle möglichen Kanäle verbreitet und von einem möglichst großen Spektrum von Zielgruppen nachgefragt werden. Die heutigen Tageszeitungsredaktionen werden zu regionalen Nachrichtenagenturen. Der Journalismus wird eine straff organisierte Dienstleistung, die unabhängig vom Medium, lokale Nachrichten produziert. Ob digital, per Netz oder analog auf Papier, ist dann eine zweitrangige Frage.

In dieser profitorientierten Nachrichtenwelt ist die Meinungsvielfalt ein untergeordnetes Kriterium. Das ist schon heute US-amerikanische Realität, wie Craig Aaron, Sprecher der Medien-Organisation „free press“ beschreibt: „Die meisten amerikanischen Städte sind zu ‚one-voice cities‘ geworden. Die noch übrig gebliebene Zeitung, das lokale Radio und Fernsehen gehören einer einzigen Medienkette.“ Wenn dem Journalismus die Möglichkeit der fundierten Recherche genommen wird, wenn die Meinungsvielfalt durch Marktkonzentration eingeschränkt wird, und die Meinungsträger nur noch als Anzeigenrückseite oder Bannerumfeld die­nen, hat der Journalismus als „vierte Gewalt“ ausgedient. Dann wird Mainstream kommuniziert und die amerikanische Öffentlichkeit wird noch anfälliger für Manipulation und Täuschung.

Zwei Ansätze stellen sich dieser Entwicklung entgegen. Und sie könnten ameri­kanischer nicht sein. Herbert Sandler, ein Milliardär aus Kalifornien, spendet pro Jahr 10 Millionen Dollar in sein Medien­projekt für investigativen Journalismus „Pro Publica: Journalismus im Interesse der Öffentlichkeit“. Paul E. Steiger ehe­ma­liger Chefredakteur des Wall Street Jour­nal kann davon 24 Journalisten bezahlen. „Wir haben 1100 Bewerbungen erhalten, darunter hunderte von hochqualifizierten Journalisten, die bei Ihren Medien keine Zukunft mehr sehen.“ Das „Non-Profit“ Journalismus-Projekt, soll leisten, was dem gegenwärtigen professionellen Nachrich­tenwesen nicht mehr gelingt: Enthül­lungs­geschichten über Machtmissbrauch in Re­gierung, Wirtschaft und privaten Insti­tu­tionen. Die Ergebnisse werden dann Medien kostenlos zur Verfügung gestellt. Enthüllungsjournalismus auf Spen­denbasis.

Kostenlos begann auch Arianna Huf­fington, Journalistin und Millionärin, mit Ihrer Internet-Zeitung. Was als progressiv-linkes Online-Experiment mit hunderten von Gast-Bloggern begann, hat sich zur politisch einflussreichen Plattform, mit 3,7 Millionen Besuchern pro Monat gemau­sert. Die HuffPo ist laut New York Times runde 200 Millionen Dollar Wert. Auch journalistisch will die HuffPo schwer­ge­wichtig werden. Mit investigativer Recher­che will die erfolgreiche Arianna den Leit­wölfen New York Times und Washington Post an die Fleischtöpfe.