Umverteilung wider Willen

Von Manfred Scharnberg, Fotos: Martin Zitzlaff

 

Quelle: FREELENS-Magazin #28 - 2. Quartal 2009

 

Umverteilung wider Willen

Digitale Fotografie ist ja so billig. Stimmt: aber nur für die Verlage. Für Fotografen ist das Gegenteil richtig. Sie bleiben auf den Kosten für teure Ausrüstung und dem erheblich höheren Aufwand bei der Bildbearbeitung sitzen

VON MANFRED SCHARNBERG     FOTOS: MARTIN ZITZLAFF

Unnützes Teufelszeug – das waren digitale Kameras in den Augen vieler Fotografen noch vor zehn Jahren. Denn die Digitalära war zunächst ein Flop. Miserable Bildqualität, katastrophale Akkustandzeiten und eine Fülle technischer Mängel verhinderten zu Anfang ihren Erfolg.  Fotografische Qualität und digitale Technik schlossen sich gegenseitig aus.

Einhergehend mit dem technischen Fortschritt ließen sich in der Zwischenzeit  immer mehr Fotografen von den neuen Möglichkeiten überzeugen. Doch arbeiteten sie erst einmal digital, kam das böse Erwachen. Fotografen mussten viel Neues lernen und tief in die Tasche greifen. Die Produktionszyklen der Kamerahersteller, Softwareentwickler und Computerhersteller richteten sich nicht nach ihrem Budget. Konnte zu analogen Zeiten zwischen fünf und zehn Jahren mit einer Kamera gearbeitet werden, so war nun alle zwei Jahre ein neues Gehäuse fällig, was auch noch ein Vielfaches der analogen Kameras kostete. Darüber hinaus mussten Computer und Software aufgerüstet werden. Kurzum, sie waren in einen digitalen Teufelskreis geraten, aus dem kein Entrinnen mehr möglich war. Denn auch die Verlage hatten schnell verstanden, dass sie mit der neuen Technik Geld sparen konnten.

Das tun sie bis heute. Kosten für Filme, Entwicklung, Kontakte und Fotoabzüge entfallen. Adé Kuriere und Verlagspersonal, die Fotomaterial physisch hin und her schafften. Tschüss Labor-, Scan- und Repromitarbeiter. Durch den digitalen Workflow wird die Verlagsarbeit nicht nur wesentlich effektiver, sondern vor allem günstiger.

Der »Digitalfotograf« dagegen ist heute nicht mehr allein Urheber, der dem Verlag die Nutzungsrechte seiner Fotos überträgt. Jetzt ist er außerdem Laborant, Bildbearbeiter, Lithograf und Archivar in einer Person. Post-Production ist nun Fotografensache. »Ihr macht das schon« – damit lehnen sich Verlage bequem zurück. Dass die Fotografen bei der Umverteilung das dickere Ende erwischt haben, stößt bei Auftraggebern oft auf mitleidiges Unverständnis. Bis heute kolportieren noch manche den ältesten Witz der digitalen Fotografie: »Wieso? Ist doch alles billiger geworden«. Nein, liebe Leute. Im Vergleich zu professionellen analogen Kameras kostet die digitale Variante immer noch ein Mehrfaches – trotz sinkender Kamerapreise.


Die Sendung mit der Maus. Fotografieren ist das eine, die Bilder zu bearbeiten und druckfähig an die Redaktionen zu versenden, das andere. Zusätzliche Arbeitszeit, die niemand vergüten will.

Und wie werden die Mehrleistungen vergütet? In bewährter Verlagsmanier: bloß keine Transparenz. Hier zahlt man einen Tag mehr für die digitale Bearbeitung, dort eine so genannte Digitalpauschale. Der eine erhielt Geld für angelieferte High-Res-Daten, ein anderer – und das war die Mehrheit – nichts als den üblichen Tagessatz. Alles in allem eine gewollt undurchsichtige Honorarpolitik.

Und der Druck auf die Fotografen wurde noch weiter erhöht. Mehr oder weniger dezente Hinweise auf die Anzahl der noch vor der Tür stehenden Fotografen waren dabei nicht zu überhören. Einen neuen und sehr unerfreulichen Höhepunkt hat diese Entwicklung im letzten Jahr gefunden. Da die technische Entwicklung den Einsatz von Mittelformat-Kameras akzeptabel macht, sollen Fotografen nun auch in diesem Bereich auf digitales Equipment umsteigen. »Vergessen« hat man jedoch auch hier wieder, der Kosteneinsparung auf Seiten der Verlage, die überdimensionale Mehrbelastung der Fotografen gegenüber zu stellen.

Erinnern wir uns noch einmal an das zusätzlich benötigte technische Equipment: Digitale Kamera – finanziell vergleichbar mit einem Mittelklasseauto – Computer der gehobenen Preisklasse, Monitore der höchsten Preiskategorie, um farbsichere Bilder zu liefern, Software und Updates, Speicherplatz zur Sicherung der Bilder, Laptop, Lesegeräte und so weiter. Dies alles sehen die Verlage als selbstverständliche Leistung an. Ganz zu schweigen von dem Know-how und dem Zeitaufwand für die Bearbeitung der Bilddaten. Was in der Analogfotografie Spezialisten (Fachlabore, Bildbearbeiter etc.) erledigten, wurde von den Verlagen völlig selbstverständlich und angemessen bezahlt. Warum soll das in der Digitalfotografie anders sein? Ob Fachprint oder High-Res-Bild, der Bearbeitungsaufwand ist vergleichbar. Solche Leistungen – und die damit verbundenen Kosten – haben sich nicht in Luft aufgelöst, sondern lediglich verlagert.

Das Verhalten der Verlage führte manchmal zu kuriosen Behelfslösungen: Es gab Fälle, in denen Fotografen wieder analog arbeiteten, weil man keine Digitalkosten übernehmen wollte, obwohl es dem Verlag wesentlich teurer kam, als mit der digitalen Variante. Das Argument der Bildredaktion: Analoge Materialkosten seien im Gegensatz zu Digitalpauschalen ohne Probleme durchzukriegen – eine absurde marktwirtschaftliche Logik.

Für digitale Bilddaten braucht der Fotograf viele Festplatten. Und die Zeit, die er vor dem Monitor und nicht mit der Kamera verbringt, wird immer länger. Rechts: Der intensive Blick auf den Bildschirm - Fotograf Enver Hirsch bei der Bildbearbeitung.

Mitte des letzten Jahres hat sich eine Gruppe von 300 renommierten Magazinfotografen zusammengefunden, die für eine bessere und vor allem auch gerechte Entlohnung von Bildern kämpft. Es kann nicht sein, dass die Honorare in den letzten zehn Jahren in seltenen Fällen gestiegen, häufig genug geschrumpft sind, und die Anforderungen immer größer werden. Der Vorstoß der Magazinfotografen hat bislang nur vereinzelt Erfolge erzielt. Auf ihren Brief an die Redaktionen, in dem sie ihre Argumentation mit realistischem Zahlenmaterial belegten, kam es zu einem Gespräch mit dem Stern. Ein Workshop führte dann zu einem Kompromiss mit deutlich verbesserten Honoraren (siehe Kasten »Die Honorierung«).

Ist den anderen Redaktionen der Inhalt ihrer Blätter egal? Hört man nur noch auf die Erbsenzähler und schaut wie paralysiert auf die rückläufigen Auflagenzahlen? Vielleicht – Gedankengang eines Fotografen – hat das mit einem fast vergessenen Attribut zu tun: Qualität. Bekommen die Redaktionen überhaupt noch die Geschichten, die sie bräuchten, um auf dem Markt zu bestehen? Fakt ist, dass sich immer mehr Top-Fotografen lukrativeren Märkten zuwenden. Verkaufszeitschriften sind für die meisten Profis sowieso nur noch für ein Nebengeschäft gut. Wollen wir als Gegensatz erst gar nicht Henri Nannen bemühen, der alle guten Fotografen vom Markt wegkaufte, weil er um die Macht guter Bilder wusste – zum finanziellen Vorteil des Verlages. Nein: andere Zeiten, andere Sitten. Moderne Verleger jedenfalls, bestellen mehr als sie bezahlen wollen.

Doch bei diesem Spiel, in dem der schwarze Peter eindeutig verteilt ist, müssen Fotografen nicht mitmachen. Wer Kunden aufwendig ausgefeilte Bilddaten ohne eine entsprechende Vergütung liefert, spielt mit seiner Existenz und wird auf Dauer vom Markt verschwinden. Denn niemand kann sich letztlich ökonomischen Gesetzmäßigkeiten entziehen, weil Aufwand und Erlös im vernünftigen Verhältnis stehen müssen. Da ist es wohl angebracht, den Ausdruck für die Monitordarstellung, WYSIWYG, zeitgemäß umzuwandeln, in: What you pay is what you get.