Berlin wird multimedial

Audio-Slideshows im Dreierpack

 

Ist es ein Déjà-vu? Eine Verwechslung? Gerade hat man bei der „taz“ die Multimedia-Serie „berlinfolgen“ entdeckt (wir berichteten), landet man auf der Website des „Tagesspiegel“ und hat eben dieses Gefühl alles schon einmal erlebt zu haben. Dort läuft eine Audio-Slideshow-Serie unter dem Titel „Nahaufnahme Berlin“. Doch die Déjà-vu-Erlebnisse gehen weiter. Die „Berliner Morgenpost“ geht kurz darauf ebenfalls mit Audio-Slideshow-Folgen online. „Ich bin ein Berliner“ heißen sie.

Allen drei Projekten ist eines gemeinsam: Sie beziehen sich auf die von Todd Heisler fotografierten Audio-Slideshows „One in 8 Million“ der „New York Times“. Weitere Gemeinsamkeiten: Die drei Projekte, die dem Konzept folgen, unterschiedliche Protagonisten des alltäglichen Lebens der Hauptstadt vorzustellen, stellten zum Start jeweils vier Folgen ins Netz. Die Unterschiede liegen im Handwerklichen und Stilistischen. Die „berlinfolgen“  sind in Farbe und mit Bewegtbild-Elementen vom externen Team 2470media produziert. „Nahaufnahme Berlin“ und „Ich bin ein Berliner“ setzen auf Schwarz-Weiß.

Aber wie kommt es, dass drei Redaktionen ausgerechnet innerhalb von wenigen Tagen fast identische Medienkonzepte in Berlin auf den Markt bringen? „Wir wussten nicht, dass Andere an der gleichen Idee arbeiten wie wir“, antwortet David Ensikat, Redakteur des „Tagesspiegel“. Dort wurde die Anregung für das Projekt vom Fotografen Mike Wolff in die Redaktionskonferenz getragen. Die Redakteure waren von der Idee begeistert und konnten im Verlag soweit überzeugen, dass das im Verhältnis relativ teure Projekt grünes Licht bekam. Der „Tagesspiegel“ realisiert „Nahaufnahme Berlin“ mit den eigenen Redaktionsmitarbeitern David Ensikat und Mike Wolff.
 

Screenshot aus der Kunstschmied-Story von „Nahaufnahme Berlin“

Für den Redakteur Ensikat waren Audio-Slideshows zunächst Neuland. Der Autor des Buches „Kleines Land, große Mauer – Die DDR für alle, die (nicht) dabei waren“ arbeitete sich aber in Ton- und Schnitttechnik ein. Die Geschichten über eine Tangotänzerin, einen Straßenreiniger, einen Kunstschmied und eine Handschriftenbibliothekarin entstanden zunächst als Interview. Fotograf Mike Wolff stieg mit den Informationen aus dem Tonschnitt in die Bebilderung ein.

Jeden Mittwoch soll eine neue Geschichte erscheinen. Wie lange das Projekt läuft, ist noch nicht entschieden. Ensikat hofft, dass man es ein Jahr lang verwirklichen kann. Für ihn war die Erkenntnis neu, dass es nicht unbedingt prominente oder extrem außergewöhnliche Protagonisten sein müssen, sondern dass auch über Alltagsmenschen spannende Geschichten zu erzählen sind. Seine Protagonisten haben zumeist interessantes zu berichten.

Das ist bei der Serie „Ich bin ein Berliner“ der „Berliner Morgenpost“ nicht immer der Fall. Manchmal geraten die O-Töne in eine Monotonie, die eine Konzentration auf den Inhalt schwierig macht – eine Sache der Dramaturgie. Die Geschichten über einen Heilsarmisten, eine Pianistin, einen Arbeitsvermittler und einen Kleintierzüchter wurden redaktionell von Claudia Becker, Sonja Haase, Dirk Nolde und Julius Tröger betreut. Die Fotos stammen von Massimo Rodari.


„Ich bin ein Berliner“, das gilt auch für den Kleintierzüchter aus der gleichnamigen Serie. Ein Screenshot.

Es wird spannend sein, die drei Projekte weiterhin zu beobachten. Bleibt zu hoffen, dass sich die direkte Konkurrenz befruchtend auswirkt und dass der Fotoreportage im Web mehr Aufmerksamkeit – vor allem größere Anerkennung durch die Werbebranche – zuteil wird, damit dieses Medium nicht nur ein interessantes Spielfeld bleibt, sondern auch wirtschaftlich tragbar wird.
 


Eingestellt von Manfred Scharnberg in