Eine Renaissance der Kooperativen?
Prof. Rolf Nobel glaubt an den Trend zum Zusammenschluss
In den 80er Jahren nahm die Zahl der Zusammenschlüsse von Fotografen zu Kooperativen, Fotografen- agenturen und Fotografen-Büros derart zu, dass selbst Kenner der Szene schon mal den Überblick verlieren konnten. Die Vorteile dieser Zusammenschlüsse liegen auf der Hand. Man konnte sich z.B. einen Teil der teuren Ausrüstung teilen. Blitzanlage, Dunkelkammer, Diaprojektor, Studioequipment, das alles brauchte man nur einmal und meistens besaß einer der Fotografen etwas von diesen Gerätschaften, die dann alle nutzen konnten.
Und konnte einer der Fotografen einen Auftrag nicht annehmen, weil er an diesem Tag schon von einem anderen Kunden gebucht war, dann gelang es ihm nicht selten, diesen Job an einen Büro-Kollegen zu vermitteln. Denn hatte die Kooperative bei den Auftraggebern einen guten Ruf, dann war es dem Kunden oftmals egal, wer den Auftrag erledigte. Hauptsache, er war vom Tisch.
Daneben konnten junge Fotografen in diesen Kooperativen die Phase der intensiven Auseinandersetzung mit der Fotografie, die nach dem Studium zumeist vorbei ist, im professionellen Alltag mit den Kollegen im Büro fortsetzen. So profitierten alle von der Gemeinschaft. Anfang der 90er begann dann langsam die Auflösung vieler dieser Fotografen-Kooperativen. Über die Ursachen kann man nur spekulieren. War es die allgemeine Flucht in die Individualität, war es der Kostendruck des Mietanteils für das Büro oder war es einfach nur vorbei mit der Wohngemeinschaftsphase, wie es bei vielen jungen Leuten irgendwann einmal der Fall ist?
Augenblicklich, so scheint es, kommt die Zusammenarbeit in Kooperativen und Büros wieder in Mode. Jedenfalls ist es an meiner Hochschule der Fall. Innerhalb nur eines Jahres haben sich Studenten und Ex-Studenten der FH-Hannover gleich in vier Gruppen zusammengeschlossen.
Fezoni, Nauck, Jokisch und Hauri – Gruppenbild von 2470media ©2470media
Unter dem Namen »2470media« (nach dem populärsten Zoom-Objektiv in der Reportagefotografie benannt) haben sich vier Studenten zu einer GmbH zusammengefunden, die sich der Fotografie im Internet verschrieben haben. Sie produzieren, unter Einbeziehung von Kommilitonen, Multimedia-Reportagen mit journalistischem Charakter. Alle vier Gesellschafter – Anna Jockisch, Michael Hauri, Daniel Nauck und Shooresh Fezoni sind noch Studenten. Dennoch war das Konzept ihrer Unternehmensgründung offenbar so überzeugend, dass sich die niedersächsische N-Bank dazu entschlossen hat, die Firmengründung mit einem Startkapital zu fördern.
Noch namenlos ist die Bürogemeinschaft von Daniel Pilar, Christian Burkert, Helge Krückeberg, Michael Löwa und Franz Bischof. Ein stilvolles Büro in Hannover ist bereits bezogen und gegenwärtig läuft der komplizierte Prozess der Namensfindung. Bis auf Franz Bischof haben alle Mitglieder ihr Foto-Diplom längst in der Tasche, Franz Bischof ist kurz davor.
Kollektive Nervosität zum Start von Kollektiv25? © Kollektiv25
»Kollektiv25« nennt sich der Zusammenschluss von Lucas Wahl, Lene Münch, Florian Manz und Julius Schrank. Sie wollen von verschiedenen Orten aus arbeiten, aber einen regen Austausch pflegen. Ihre wunderschöne Website ist bereits im Netz.
»enarro« nennt sich die Gruppe von Milos Djuric, Andy Spyra, Maria Irl und Fabian Brenneke, was soviel wie »bis zu Ende erzählen« bedeutet und auf den erklärten Willen zum Geschichtenerzählen hinweist. Mit im Boot, so sagt die Website enarro.org, sind auch drei schreibende Journalisten.
Es bleibt abzuwarten, ob diese massive Gruppenbildung nur eine hannoversche Ausprägung ist, oder ob sie einen neuen Trend aufzeigt. Eines aber erreichen die Fotografen damit in jedem Fall: Der Individualisierung in ihrem Berufsfeld setzen sie das Kollektiv entgegen und der Weiterentwicklung ihrer jungen Fotografen-Persönlichkeiten kann dies nur förderlich sein.
Von Rolf Nobel, Professor an der FH Hannover
INFOS:

2470media ...
... ist eine Produktionsfirma für multimediale Fotoreportagen. Die Gesellschafter konzentrieren sich auf soziale, kulturelle und ökologische Themen. Ihre Unternehmensgründung wird durch das Programm GründerCampus Niedersachsen gefördert.
Die Website www.2470media.com startet am 1. Juni 2010
Kontakt: info@2470media.com
Tel. Mobil: 0163 964 86 96 (Daniel Nauck) Büro: 2470 Media UG, Eleonorenstr. 21, 30449 Hannover

Kollektiv25...
... – seine Miglieder sehen den Vorteil des Zusammenschlusses in erster Linie in der Kommunikation untereinander und in der gemeinsamen Präsentation in der Öffentlichkeit: „Wir leben in unterschiedlichen Städten und haben doch ein gemeinsames Ziel: Wir wollen voneinander lernen, uns ehrliches Feedback geben und uns gegenseitig anspornen.“, so die Mitglieder.
Website: www.Kollektiv25.de
Kontakt: Unterschiedliche Adressen in Bremen, Berlin, Hannover und Frankfurt http://kollektiv25.de/kontakt
enarro ...
... ist ein Kollektiv von sieben freien Journalisten: die vier genannten Fotografen und die drei Autoren Amrai Coen, Nicola Meier und Paula Scheidt. Sie leben an verschiedenen Standorten: Hannover, Hagen, Hamburg, Zürich und Berlin. Über den Zusammenschluss schreiben sie: „Wir sind ein Kollektiv, weil wir finden, dass Text und Bild zusammengehören. Weil die besten Texte ohne Bilder nicht richtig wirken. Und weil die besten Bilder nur mit Texten verständlich werden. Weil wir gemeinsam Projekte entwickeln, weil wir uns gegenseitig loben und kritisieren wollen. Und vor allem, weil wir ein gemeinsames Ziel haben: Wir wollen Geschichten erzählen.“
Die Website http://enarro.org/ soll im Februar online gehen. Hier schon mal ein Sreenshot:
Eingestellt von Manfred Scharnberg in
