Opfer oder Täter? Spurensuche in Kunduz

Ein Jahr nach dem Bombardement in Afghanistan zeigt eine Fotoausstellung Angehörige und Opfer.

 

Was macht man, wenn man als Fotograf etwas zeigen möchte, was längst vergangen ist? Man geht auf Spurensuche. Das haben der Fotograf Marcel Mettelsiefen und der Afghanistan-Korrespondent des  „stern“, Christoph Reuter, bei einem Ereignis getan, das deutschlandweit kontrovers diskutiert wurde: das Bombardement eines Tanklastzuges in der Furt im Kunduz-Fluss am 4. September 2009. Ein deutscher Oberst befahl den Angriff, der etliche zivile Opfer forderte. Ein Jahr später, am 3. September 2010 eröffnet in Hamburg die Ausstellung „Kunduz, 4. September 2009“ mit einer Dokumentation über die Menschen, die an diesem Tag Tote zu beklagen hatten.

„17 bis 24 Tote“ ließ die Nato zunächst verlauten. Die beiden Journalisten wollten wissen: Wer waren jene, die dort starben? Nach ihrer Reise nach Kunduz und etlichen Interviews mit Angehörigen und Ortsvorstehern, dem Vergleich von Opferlisten und dem Ablichten von Ausweisen und Wahlunterlagen, waren die Reporter der Überzeugung: „91 Menschen starben – männlich, vom Kind bis zum Greis." Die meisten von ihnen waren zum Lastwagen geeilt, um Treibstoff zu ergattern.

© Marcel Mettelsiefen

Worüber die Weltpresse orakelte, nämlich wie viele der Opfer zu den Taliban gehörten, konnten auch die beiden Journalisten vor Ort nicht heraus bekommen. Darüber gibt es widersprüchliche Aussagen. Für die Angehörigen waren die Opfer alle Zivilisten und die Behörden halten in der von Taliban kontrollierten Region sowieso jeden für einen Aufständischen. Ob Täter, Sympathisant, Opportunist oder Mitläufer – Außenstehende werden es nie einschätzen können. Und so hängen in der Ausstellung denn auch die Portraits, die Marcel Mettelsiefen von den Hinterbliebenen machte, mit Informationen versehen, aber ohne jegliche Wertung.

Die Autoren kombinieren Paßfotos der Opfer, Krankenhaus- und Familienbilder mit den Porträtaufnahmen ihrer Brüder, Väter, Großväter, Söhne oder Neffen, die Mettelsiefen im improvisiertem „Studio“ aufnahm. Frauen sind nicht dabei. „Hatten die Toten keine Schwestern, Mütter und Großmütter?", fragt Andreas Kilb, Autor von FAZ.NET. Eine Frage, die sich erübrigt, wenn der Journalist nur ein wenig Ahnung über den kulturellen Hintergrund gehabt hätte. Ein Mann, zudem ein Fremder, wird in der afghanischen Provinz kaum eine Frau zu Gesicht bekommen – geschweige denn fotografieren dürfen. Selbst von den Männern erhielt Mettelsiefen etliche Absagen.

Der FAZ.NET Autor hat die Ausstellung offenbar gründlich mißverstanden. „Ein Talibankämpfer, möchte man meinen, blickt anders in die Kamera“, glaubt der Schreiber. Die müssen wahrscheinlich finster dreinschauen und die Zähne fletschen. Den „Pferdefuß“ an der Ausstellung sieht der Autor darin: „Sie ersetzt ein Feindklischee durch ein Freundklischee.“ Die Journalisten wollen die Opfer aber nicht pauschal zu guten Menschen erklären. Sie meinen, dass den Menschen der Respekt gebührt, als Individuen wahrgenommen zu werden.


© Marcel Mettelsiefen

„Kunduz, 4. September 2009“,Christoph Reuter und Marcel Mettelsiefen
vom 3.-9.September 2010
Vernissage am 3. September 2010 um 19 Uhr
Play Rent Studios, Lippmannstr. 53-55, 22760 Hamburg
Öffnungszeiten: Sa-So 12-18, Mo-Mi 15-21 und Do 15-19 Uhr