Die deutschen Fotobuchpreise sind vergeben
18 Siegertitel machten das Rennen
Im Rahmen der Stuttgarter Buchwochen wurden 18 Fotobücher mit dem „Deutschen Fotobuchpreis 2010“ ausgezeichnet. Die Sieger-Prädikate in Gold und in Silber, die den Büchern damit verliehen wurde, stehen für herausragende fotografische Qualität, einen überzeugenden ästhetischen Gesamteindruck und für eine hervorragende fototechnische oder fotogeschichtliche Leistung. Verliehen wird der Deutsche Fotobuchpreis vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Landesverband Baden-Württemberg.

Die Qual der Wahl für die Jury. Sie war besetzt mit: Carolin Ellwanger (3. Fotofestival MA_LU_HD), Werner Götze (Lindemanns Fotobuchhandlung, Stuttgart), Hans-Michael Koetzle (Freier Schriftsteller / Publizist / Kurator, München), Andreas Langen (Fotograf, Stuttgart) Ulrich Lobstädt (Imageservice Werbeagentur, Stuttgart), Ursula Moll (Galerie Lumas, Stuttgart), Norbert Waning (BFF Bund Freischaffender Foto-Designer, Stuttgart), Kerstin Weidemeyer (Agentur Foessel Weidemeyer, München). Moderation: Johannes Scherer (Börsenverein des Deutschen Buchhandels) © die arge lola, Kai Loges + Andreas Langen
Hier kommen die Siegertitel. Dazu die sehr informativen Begründungen der Jury, verfasst von dem Stuttgarter Fotografen und Journalisten Andreas Langen, der Mitglied der Jury war.
Kategorie Fotobildbände „Siegertitel – Gold“
Martin Liebscher „Einer für alle“
Hatje Cantz Verlag
Hrsg.: Andreas Bee
Fotografie: Martin Liebscher
Text: Jan Peter Bremer
Gestaltung: FINE GERMAN
ISBN: 978-3-7757-2251-3
Preis: 248,00 bzw. 298,00 Euro

Sie kennen Liebscher nicht? Das ist der Mann, der sich selbst auf eine Weise genügt, die radikaler nicht sein könnte. Denn eigentlich kommt in Liebschers Welt niemand vor als er selber. Konsequenterweise hieß ein früheres Buch, "Liebschers Welt". Nun aber dieser Schock: das aktuelle Werk trägt den geradezu krankhaft bescheidenen Titel "Einer für alle". Gibt er auf? Verabschiedet Liebscher das Programm der Liebscherschen Omnipäsenz?
Er hat also auch mit diesem aktuellen Buch sein Thema beibehalten – sich selbst. Der besondere Charme dieser aktuellen Publikation liegt im Format. "Liebschers Welt" war noch putzig klein, eine Seite nicht mal DIN-A-4. "Einer für alle" ist so groß, dass es nicht nur beim Reproduzieren im Fotostudio eng wurde. Gemessen an den Ausstellungsprints, die Liebscher in Umlauf bringt, ist aber selbst dieses Buch nur eine bessere Briefmarke – die Künstlerprints für die Wand sind bis zu viereinhalb Meter breit. Da kann man also gespannt sein, welche Dimensionen das Ego von Martin Liebscher als nächstes anstrebt, denkbar wäre ja zum Beispiel, dass sein Abbild die Freiheitsstatue ersetzt, oder dass er sein Profil in Backstein von ein paar Millionen chinesischer Arbeiter in der Wüste Gobi anfertigen lässt - vom Mond aus sollte es mindestens erkennbar sein.
Olaf Unverzart „Leichtes Gepäck“
Hrsg.: Institut für moderne Kunst Nürnberg
Fotografie:
Text: Karl Bruckmaier u.a.
Verlag für moderne Kunst
Gestaltung: Andreas Töpfer
ISBN: 978-3-940748-52-2
Preis: 38,00 Euro
Was Olaf Unverzart mit seiner Arbeit im Schilde führt, das fasst er selbst folgendermaßen zusammen: "So eine Art Porträts, Reportagen, leere Landschaften und permanente visuelle Biografie." Klingt einbißchen durcheinander. Und das ist es auch - die Genres mixt er ebenso wie die Kontinente, auf denen seine Bilder entstehen, und das sind mehr oder wenige alle, von Feuerland bis Fernost bereist Olaf Unverzart die Welt, und ob er dabei eher Künstler oder Reporter oder Landschaftsfotograf oder irgendetwas anderes ist, darüber können sich die den Kopf zerbrechen, die ohne geistige Schubladen nicht auskommen.
Alle anderen haben das Vergnügen, einem Reise- und Fotofreak dabei zuzuschauen, wie er sein höchst persönliches Welt-Bild zusammencollagiert, in dem patagonische Gletscher mit äthiopischen Särgen kollidieren und schwedische Fischer auf Istanbuler Waffenhändler und ceylonesische Zwillingsschwestern treffen. Das "Leichte Gepäck" hat er in 27 Ländern zusammengetragen.
Das Buch ist erstklassig gestaltet. Passend zum Puzzle, das die Fotografie auslegt, zieht auch das Design von Andreas Töpfer so ziemlich alle Register, die man sich vorstellen kann: Material, Farbe, Oberfläche, Grammatur der Pappen und Papiere variieren, ebenso wie Bildgrößen, -anschnitte und -farben. Kein anderes unter den hunderten Titeln, die in den Wettbewerb gestartet sind, wagt es, eine solche Bandbreite an gestalterischen Mitteln einzusetzen.
Und, das Design schafft, was die Fotografie vormacht: Einen wilden Mix nicht zu nervigem Durcheinander verkommen zu lassen, sondern daraus eine stimmige, knallvitale Mischung zu machen. Olaf Unverzart: "Dieses Buch ist meiner Großmutter gewidmet. Sie ist 93 Jahre alt. Sie hatte nie einen Führerschein und ist noch nie im Leben geflogen."
Ulrich Mack „Ruhrgebiet Mack“
moser verlag GmbH
Gestaltung: Horst Moser, Mathias Frisch
ISBN: 978-3-9812344-2-8
Preis: 500,00 Euro

Der Drucker Dieter Kirchner hat diese Produktion maßgeblich geprägt: "Geprägt" ist in diesem Fall buchstäblich zu verstehen – auf jeder Bildseite sitzt ein kleiner Prägestempel unten im Eck: SKIA Photography. Das ist für jeden Fotopassionierten der reine Wahnsinn auf Papier. Der Clou beim SKIAVerfahren ist: das Schwarz. Dieses Schwarz ist ganz besonders SCHWARZ. Man kann sich allerdings die passenden Motive aussuchen, um es auszuloten. Zum Beispiel die Bilder, die ein junger Mann 1959 vom Ruhrpott gemacht hat.
Ulrich Mack war 25, hatte ein Fahrrad, ein paar Filme, eine Leica mit zwei Objektiven, und 14 Tage Zeit. Übung hatte er auch einige, sowohl im Bergbau, wo er Akkord gekloppt hatte, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, als auch im Bildermachen. Mack war Student beim Hamburger Grafik-Großmeister Alfred Mahlau, übrigens zusammen mit Horst Janssen und Loriot. Und die Tour ins Ruhrgebiet war so etwas wie eine studentische Fingerübung, kein Auftrag, keine Reportage, kein Kunstanspruch. Sondern, wie Hans-Michael Koetzle schreibt: "Die Suche nach einem ersten, ganz und gar eigenen Bilderkosmos. Nach einer Sprache mit fotografischen Mitteln. Nach einer Syntax durch den Sucher."
Es hat nach diesen zwei Wochen noch mal 50 Jahre gedauert, bis das Ergebnis der Mackschen Suche gebührend gewürdigt wurde. Aber schneller ging es nicht. Denn Dieter Kirchner musste ja erst noch die beste aller Methoden erfinden, ein Foto zu drucken. Mit ganz viel Ruhrkohlrabenschwarz.
Mitch Epstein „American Power“
Steidl
Gestaltung: McCall Associates
ISBN: 978-3-86521-924-4
Preis: 49,00 Euro
Der US-Amerikaner Mitch Epstein ist ein meisterhafter Dokumentarist, der schon etliche Projekte realisiert hat, die viel aussagen über den Zustand gegenwärtiger Gesellschaften. Mit diesem Buch über Energiegewinnung, Energieverbrauch und deren Folgen in den USA ist ihm das ein weiteres Mal gelungen. Wer denkt, dass Fotos nur die Oberfläche der Dinge wiedergeben, wird hier eines Anderen belehrt.
Epstein betreibt Soziologie, Landeskunde und politische Analyse mit visuellen Mitteln. Seine Bilder erlauben tiefe Einblicke in Zusammenhänge, die Schicksalsfragen nicht nur der USA, sondern der ganzen Welt sind. Wobei die Verhältnisse im Inneren der Supermacht sehr spezielle sind. Epsteins Arbeit am Energie-Projekt fiel zusammen mit der zweiten Amtszeit von George W. Bush, und mehr als einmal erlebte er Unfassbares im Land der Freiheit. In Shippingport, Pennsylvania, eskortierte ihn der Sheriff persönlich zur Stadt hinaus – ein Passant hatte die Polizei gerufen, weil er Epsteins Stativ für einen Raketenwerfer hielt. Der Sheriff erkannte zwar den Irrtum, nicht aber jedermanns Recht, von öffentlichem Grund aus ein Foto der Kohlenhalde zu machen, die in der Stadt liegt.
In Raymond City, West Virginia, wollte Epstein vom Bürgersteig aus ein Kohlekraftwerk fotografieren. Innerhalb weniger Minuten erschienen insgesamt sechs Einsatzfahrzeuge von Polizei und FBI, Epstein wurde zwei Stunden lang verhört, und ein FBI-Mann sagte ihm: "Wenn Sie Moslem wären, würden wir Sie in Handschellen einlochen." Epstein hatte nichts nur entfernt Ungesetzliches getan, doch als er seinen Anwalt um Argumente gegen weitere Polizeiübergriffe bat, antwortete der: "Lassen Sie sich um keinen Preis der Welt verhaften. Es könnte sehr schwer werden, Sie wieder rauszuholen."
Weitere surreale Stationen von Epsteins Recherchen: Im Pentagon fand er ein Solarzellen-Programm, im Energieministerium dagegen eine Atomrakete. Große öffentliche Wahlveranstaltungen der Republikaner (im Exel Energie-Zentrum) und der Demokraten (gesponsort von der Kohle-Industrie) blieben ihm verschlossen, weil ein unabhängiger Fotograf beiden Veranstaltern verdächtig schien. Mitch Epsteins Arbeit ist ein Appell an jeden Betrachter, und dieser Appell lautet: Schau genau hin, in welchen Zustand du die Welt bringst - und dann tu was!
Miles Aldridge „Pictures for Photographs“
Steidl
Gestaltung: M. Aldridge, S. Winter, K. Staal
ISBN: 978-3-86521-841-4
Preis: 85,00 Euro
Das Buch von Miles Aldridge beginnt mit seinen Zeichnungen. Miles Vater, Alan Aldridge, ist ein ganz großer Illustrator, der von seinem Sohn sehr bewundert wurde. In den 60ern hat er surreale Zeichnungen für die Beatles gemacht und bekam den Ehrentitel "The man with caleidoscope eyes". Miles Aldridge wurde dann Fotograf, eher zufällig. In dem Metier hat er einen eignen Stil entwickelt, der seit Jahren genau den Geschmack der wichtigen Branchengrößen aus aller Welt trifft.
Der kommende Lavazza-Kalender 2010 ist von ihm illustriert, er hat massig Aufträge für verschiedene Vogues gemacht, die Vogue Italia, Vogue Russia, Vogue China, Vogue America, Vogue Japan, New York Times, The Sunday Times, The New Yorker, le Monde, The Face und so weiter.Obwohl der Anfang eher ein Unfall war. Denn etwa 1995, als er Kunststudent in London war, hatte ihn seine Freundin gebeten, sie zu fotografieren, weil sie sich bei der Vogue als Model vorstellen wollte. Sie ging hin, zeigte die Bilder – und gebucht wurde nicht sie, sondern Miles.
Kategorie Fotobildbände „Siegertitel – Silber“
Bae, Bien-U „Sacred Wood“
Hatje Cantz Verlag Text: Wonkyung Byun, Thomas Wagner
Gestaltung: KOMA AMOK
ISBN: 978-3-7757-2283-4
Preis: 58,00 Euro

In Bien-U-Bae' Heimat Korea, gelten Bäume, speziell die Pinien, als heilig. In Korea, einem knallhart durchindustrialisierten Land, ist die Regierung offizieller Pate einiger Pinien – zu manchen dieser Bäume beten Koreaner in all den Angelegenheiten, die man im Westen den Heiligen und anderen himmlischen Instanzen anvertraut.
In Korea sind Piniennadeln, -borke und -pollen Bestandteile von Festtags-Menüs; Porzellan wird in der Glut von Pinienholzfeuer gebrannt, aus der Asche wird Tusche hergestellt, aus der mit Hilfe von Pinienspänen Zeichnungen werden, die in über tausendjähriger Tradition vor allem eine Baumsorte zeigen – Pinien. Neugeborene werden in Korea mit Pinienzweigen willkommen geheißen, Tote in Särgen aus Pinienholz bestattet, und die Seelen der Verstorbenen werden von Pinien ins Jenseits geleitet.
Diese tief verwurzelte Tradition ist der Resonanzraum für die Bilder von Bien-U Bae. Sein Werk und seine Lehrtätigkeiten haben ihn in Korea zu einer Vaterfigur der zeitgenössischen Fotografie gemacht, im Westen wird er gerade erst populär. Das allerdings mit Riesenschritten. Vor einem Jahr noch war er quasi unverkäuflich, heute erzielen seine großformatigen Künstlerprints mühelos respektable Preise.
Im letzten Jahr zeichnete der Deutsche Fotobuchpreis ein Werk aus, das genau diese Seite Koreas illustriert, Noh Sun Tags Buch über die Teilung, die Militarisierung und die Traumatisierung der beiden Koreas, die bis heute andauert. Vor diesem Hintergrund erscheinen die detailreichen, doch weltentrückten Baumbilder von Bien-U Bae wie ein Pilgerziel für die waidwunde koreanische Seele.
Carlo Valsecchi „Lumen“
Hatje Cantz Verlag
Hrsg.: Musée de l'Elysée, Lausanne
Fotografie: Carlo Valsecchi
Text: Nathalie Herschdorfer
Gestaltung: Andreas Platzgummer
ISBN: 978-3-7757-2410-4
Preis: 39,80 Euro
Valsecchi verwendet Licht für metaphorische Aussagen, für geradezu metaphysische. Valsecchis Thema ist die Industrialisierung der Welt. Der Kosmos seiner Bilder ist zwar von gleißender Helligkeit erfüllt, aber komplett menschenleer und einigermaßen seelenlos. Zwar brennen einige Feuer, etwa in Stahlwerken oder Müllverwertungsanlagen, doch die Stimmung ist eiskalt, hervorgerufen unter anderem durch eine unterkühlte, monochrome Farbigkeit – auch diese wiederum ein Effekt von Licht, genauer gesagt: einem Übermaß davon, denn mit gezielter Überbelichtung des filmischen Materials treibt Valseccchi seinen Bildern das Materielle aus.
Was übrig bleibt, ist eine Welt von Ehrfurcht gebietender Effizienz und eigenartiger Schönheit. Aus ihrer ästhetischen Struktur kann man Verwandschaften lesen mit verschiedenen Positionen der modernen Kunst, der Malerei von Mark Rothko, der Flächigkeit von Jackson Pollock, der Abstraktheit von Wassily Kandinsky. Aber jenseits aller Diskurse um die Form, und trotz aller Verfremdung durch Ausschnitt, Farbe und Perspektive sieht man in diesen Bildern einen sehr konkreten Kommentar zu zeitgenössischen Debatten jenseits der Kunst.
Andrej Krementschouk „No Direction Home“
Hrsg.: Kehrer Verlag
Text: Boris Mikhailov, Andrej Krementschouk
Gestaltung: Fratelli Walter, Kehrer Design
ISBN: 978-3-86828-056-2
Preis: 40,00 Euro
Andrej Krementschouk führt uns in eine fremde Welt. Aus dem weit entfernten Westen, von Bob Dylan, hat er den Titel des Buches entlehnt, in dem er weit in den Osten reist, zu seiner Herkunftsgegend. Heimat wäre das falsche Wort dafür, nicht nur, weil Andrej Krementschouk ein deutscher Fotograf sein möchte, wie es im Vorwort heisst.
Er lebt und arbeitet in Leipzig, in Hamburg hat er Fotografie studiert, davor Slawistik in Greifswald, und davor lernte er das Restaurieren von Ikonen an einer Fachschule in Russland, geboren wurde er vor 36 Jahren in Gorki. Jetzt hat der Mann zwischen den Stühlen das Beste aus seiner unbequemen Lage gemacht – ziemlich intensive Kunst. Mit dem Furor der jungen Nan Goldin und der Melancholie des immer traurigen Robert Frank streift sein Blick über Gesichter, Hütten, Wälder, Gräber und Kirchen. Ob der Horizont verrutscht oder nicht, ist ebenso egal wie die Frage, ob die Schärfe hundertprozentig stimmt oder der Farbton einer runzeligen Wange.
Petra Bopp „Fremde im Visier. Fotoalben aus dem Zweiten Weltkrieg“
Hrsg.: Kerber Verlag
Fotografie: Petra Bopp
Text: Petra Bopp, Norbert Frei, Detlef Hoffmann
Gestaltung: Andreas Koch, Bielefeld
ISBN: 978-3-86678-294-5
Preis: 29,80 Euro
Eine Art Vorläufer dieses Buches ist jene Fotoausstellung aus den 90er Jahren, die in der Bundesrepublik mehr Furore gemacht hat alsjede andere Foto-Publikation – die so genannte "Wehrmachtsausstellung". Hunderte Fotos und Dokumente stellten damals die Verstrickung der Wehrmacht in die Nazi-Verbrechen dar, einige wenige Exponate waren falsch beschriftet, und nach heftigen landesweiten Debatten musste das gesamte Projekt zurückgezogen und überarbeitet werden.
Die Kunstgeschichtlerin Petra Bopp hat dergleichen nicht zu befürchten. Ihre Untersuchung vermeidet das unsichere Terrain des www, in dem die Mechanismen des Marktes, die Gier, eine bizarre Sorte von Fälschungen hervorbringt: Private Fotobestände aus dem Krieg, in die nachträglich irgendwelche Gräuel-Motive eingefügt wurden, weil die Preise steigen. Demgegenüber sind Petra Bopps Quellen sicher.
Über Zeitungsannoncen hat sie 150 Alben zusammengetragen, deren Autoren bzw. Besitzer ihr Auskünfte gaben, und deren Inhalt sie mit anderen Quellen abgleichen konnte. So entstand ein vielschichtiges Bild, das zwar nicht zeigen kann, wie der Krieg wirklich war, wohl aber, wie deutsche Soldaten ihn sahen.
Ein Beispiel: "Still ruht der See". Es stammt aus einem Erinnerungsalbum des deutschen Soldaten Johann Wetjen. Mit großer Akkuratesse in die Blattmitte geklebt, sogfältig mit Federtinte beschriftet, aufgenommen beim Frankreichfeldzug 1940. Man denkt an die bitterböse damalige Redeweise vom "Reisebüro Wehrmacht". Jedenfalls ist sie ziemlich verdächtig, diese Idylle.
Die Nachforschungen von Petra Bopp ergaben, wie sarkastisch diese Albumseite ist. Denn Johann Wetjen hatte, wie so manche Kameraden, bei Hausdurchsuchungen in der Nähe dieses Teiches allerlei Wertsachen geklaut. Ein Offizier, dem die Plünderungen zu Ohren gekommen waren, ließ die Truppe antreten und kündigte Durchsuchungen an, bei denen allerdings nichts gefunden wurde. Denn die Silberbestecke, das Porzellan und der Champagner, den Wetjens Einheit abzweigen wollte, lag längst auf dem Grund des stillen Sees.
Die grausigste Irreführung, für die Petra Bopp uns die Augen öffnet, steckt im Titelbild des Buches – eine Frau in sommerlicher Kleidung watet durchs Wasser. Wenn dieses Foto nicht mehr isoliert steht, sondern in seinem Entstehungszusammenhang, dann begreift man, welche Brutalität hinter dem harmlosen Schnappschuss steht. Auf der Rückseite ist notiert: "Vom Donez zum Don 1942 - Die Minenprobe". Der dazugehörige Befehl lautete: "Da mit Verminung zu rechnen ist, ist für Bereitstellung von Minensuchgerät 42 in ausreichender Zahl zu sorgen". Minensuchgerät 42 bedeutete: "Juden oder gefangene Bandenangehörige mit Walzen und Eggen". Das Himmelsfahrtskommando der russischen Frau ist eines jener Bilder, die uns die Propaganda vorenthält. Und es ist ist das Verdienst dieses Forschungsprojektes, es an Licht zu holen.
Nick Brand „A Shadow Falls“
Schatten über der Wildnis
Knesebeck Verlag
Text: Vicki Goldberg, Peter Singer
Gestaltung: Nick Brandt, Michelle Ishay
ISBN: 978-3-86873-134-7
Preis: 60,00 Euro
Willkommen in Afrika, wo die größten Landtiere der Erde leben. Die schiere Schönheit der Bilder ist doppelbödig. So perfekt posierend, so klassisch anmutend, so hautnah und so paradiesisch hat man die Raubkatzen, die Menschenaffen, die Elefanten, die Giraffen, Gnus und Antilopen, all die Herden und die Einzelgänger der Savanne noch nie abgebildet gesehen, aber all diese majestätischen Wesen und Landschaften sind bedroht, stehen auf der Kippe, oder sind sogar schon dem Untergang geweiht. Das ist die Botschaft, die Nick Brandt uns mitteilen will. Und damit wir berührt werden von seinem Anliegen, scheut er keine Mühe. Jeder Tierfotograf legt sich für gute Bilder enorme Strapazen auf. Doch Nick Brandts Kollegen benutzen hochmoderne Ausrüstungen mit Autofokus, Zoomobjektiven, Serienbelichtung und sonstigen Arbeitserleichterungen. Nick Brandt dagegen ist mit einer Fachkamera unterwegs und er hat es mit Modellen zu tun, die jeden Augenblick losstürmen und lebensgefährlich werden können. Es ist ein großes Rätsel, wie Brandt seine Aufnahmen hinbekommt. Es ist, als wären Ansel Adams und Henri Cartier-Bresson hier gleichzeitig reinkarniert, so perfekt sind Landschaften und Augenblicke, Technik und Gestaltung miteinander verwoben.
Doch bevor das Schwärmen überhand nimmt, erweitert der australische Philosoph Peter Singer in seinem Begleittext den Blickwinkel. In Anspielung auf den Titel "Schatten über der Wildnis" schreibt er: "Der Mensch hat auf jedem Ökosystem der Erde seine unauslöschlichen Fingerabdrücke hinterlassen. Der Klimawandel ist global. In manchen Regionen werden die Folgen gering sein, in anderen katastrophal. Die Menschen, die in reichen Ländern leben, viel Energie verbrauchen, viel Fleisch essen und benzinfressende Autos fahren, tragen die schwerste Verantwortung. Der Schatten, der auf das Land fällt, ist unser Schatten."
René Burri „Blackout New York“
moser verlag GmbH
Gestaltung: Horst Moser, Lucie Schmid
ISBN: 978-3-9812344-3-5
Preis: 79,00 Euro
November 1965: René Burri, 33 Jahre alt, bereits ein erfahrener, erfolgreicher Fotograf, Mitglied von Magnum, und bei seinem Freund Elliot Erwitt zu Gast, direkt gegenüber des New York Plaza Hotels. Die Dämmerung senkt sich über die Stadt, Burri ist dabei, Filmaufnahmen zu schneiden, die er kurz zuvor in China machen konnte, als einer der ganz wenigen Journalisten weltweit. Da bleibt plötzlich der Projektor stehen, die Lampe erlischt, und Burri sitzt im Dunkeln. Als er sich zum Fenster tastet und hinausschaut, ist es draußen so düster wie zu Anbeginn der Zeiten, und das mitten in Manhattan.
Es geht in diesem Moment etwa 25 Millionen Leuten in Südost-Kanada und Nordost-USA genauso wie Rene Burri. Sie alle haben keinen Strom mehr, weil jemand in einem Kraftwerk nahe der Niagara-Fälle eine Sicherung falsch eingesetzt hatte. Das weiß Burri zwar nicht, aber er weiß, dass man ein dermaßen nachtschwarzes New York nicht oft geboten bekommt. Also stopft er alle greifbaren Filme in die Tasche, genau gesagt 8 Stück, und läuft los.
In den folgenden sechseinhalb Stunden belichtet er das gesamte Material, so gut es eben geht, wenn nur der Mond, die Innenbeleuchtung von Bussen, Autoscheinwerfer, Taschenlampen und Kerzen zur Verfügung stehen, um Avenues, Bahnhöfe und Wolkenkratzer auszuleuchten. Und wenn die Filme, die man zur Verfügung hat, eigentlich für Tageslicht gedacht sind. Das Ergebnis ist dennoch beeindruckend. Und das nicht nur, weil Burri ein guter Fotograf ist, sondern auch, weil das Buch sorgfältig gedruckt und schön gestaltet ist. Und, nicht zuletzt, weil es die allererste Publikation dieser Bilder überhaupt ist.
Christopher Thomas „New York Sleeps“
Prestel Verlag
Hrsg.: Petra Giloy-Hirtz, Ira Stehmann
Gestaltung: one pm, Petra Michel
ISBN: 978-3-7913-4234-4
Preis: 39,95 Euro
Christopher Thomas hat es mit einer Konkurrenz zu tun, die wahrscheinlich einmalig ist in sämtlichen anderen Bereichen der Fotografie: Fotoprojekte über New York gibt es nicht nur seit über 150 Jahren – ihre Autoren sind auch noch Weltklasse: Edward Steichen, Alfred Stieglitz, Helen Levitt, Berenice Abott, Paul Strand, Weegee, Henri Cartier-Bresson, André Kertész, Lisette Model, William Klein und so weiter. Für einen zeitgenössischen Fotografen bedeutet diese Nachbarschaft, was es für einen Maler hieße, neben Picasso zu bestehen oder für einen Komponisten, neben Beethoven.
Angesichts der Heroen ringsum tut Christopher Thomas etwas Überraschendes – er punktet nicht mit Innovation, sondern durch den Rückgriff auf ganz klassische, völlig unmoderne Methoden. Mit einer total unhandlichen Fachkamera ist er losgezogen – das sind diese unhandlichen Kameras mit dem schwarzen Tuch, auf deren Mattscheibe alles seitenverkehrt und kopfstehend erscheint, und außerdem ziemlich duster, und man kann sie nur mit Stativ benutzen. Genau diese Kompliziertheit ist der Witz. Denn je länger die Belichtungszeit, desto weniger bleibt auf einem Foto von bewegten Objekten. Auch dieser Effekt ist uralt. Monsieur Daguerre, einer der Erfinder der Fotografie, hat ihn1838 vorgeführt in einer Aufnahme des Pariser Boulevard du Temple.
Aline Diépois, Thomas Gizolme „Dust Book“
Steidl
Gestaltung: A. Diépois, T. Gizolme
ISBN: 978-3-86521-818-6
Preis: 38,00 Euro
Die natürliche Heimat des Roadmovies liegt im Süden der USA. Dort erstrecken sich Wüsten, und Wüsten sind, wie man seit Biblischen Zeiten weiß, die idealen Schauplätze für mythische Suchen und Begegnungen. Im glühenden Wind von Arizona aber brennen keine Dornbüsche, dort weht der Geist von John Wayne, schmallippig, aber voll ingrimmigem Verständnis für jeden Getriebenen, und er sagt: Hier kann ein Mann noch tun, was ein Mann tun muss, zum Beispiel auf die Suche gehen, irgendwohin, nach irgendwas, Hauptsache es geht immer weiter. Und heutzutage, darf der Mann auch mal eine Frau mitnehmen, er ist ja auch nicht mehr zu Pferde unterwegs , er nimmt den Mietwagen, und wenn er einen Schlafplatz sucht, dann liest er keine Fährten, sondern seine Mails.
So beginnt auch dieses Buch des französischen Künstlerpaars Thomas Gizolme und Aline Diépois: Mit der Mail eines Unbekannten aus der Wüste, und mit dem Geständnis der Autoren, dass sie auch nicht wissen, wieso sie nun ausgerechnet dorthin aufbrechen, nach Tuscon, Arizona, und von da weiter nach Texas und New Mexico. Es ist ein Umhertreiben in schönster Zweckfreiheit, on the road um der Straße willen, into the great white open, wie der Südstaatenrocker Tom Petty singt. Dieses Unterwegs-Sein fassen Gizolme und Diépois in verwackelte, unscharfe, atmosphärische Polaroidbilder und in tarantineske Texte.
Robert Frank „Henry Frank – Father Photographer“
Steidl, Gestaltung: R. Frank, Sarah Winter u.a.
ISBN: 978-3-86521-814-8
Preis: 24,00 Euro

Ein kleines, fast winziges Format, kaum größer und auch nicht viel dicker als ein Reclam-Heft; allerdings aufs Feinste in feste leinenbezogene Deckel gebunden. Innen drin sorgfältig gedruckt, schwarz-weiße Fotos, knappe fünfzig Stück, alle aufgenommen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, offenbar für familiäre Zwecke: Ein überschaubares Personal von Männern, Frauen und Kindern in Biergärten und Autos, bei Ausflügen in der Stadt und im Grünen, mal sommers, mal im Pelz.
Gibt es nicht endlos viele private Alben, warum genießt gerade dieses solche Aufmerksamkeit? Der Grund ist einfach: Dieses Buch existiert nicht wegen der Bilder darin, und nicht wegen Henry Frank, der ein unbedeutender Schweizer Amateurfotograf war und sie aufgenommen hat; dieses Buch existiert, weil Henry und Rosa Frank 1924 einen Sohn namens Robert bekamen, der 34 Jahre später das wichtigste Fotobuch des 20. Jahrhunderts publizierte: "Die Amerikaner".
Wenn es einen Nobelpreis für Fotografie gäbe, wäre Robert Frank ein ganz heißer Kandidat. Seit mehr als einem halben Jahrhundert beeinflusst er die Entwicklung der künstlerischen Fotografie. Diese immense Bedeutung dürfte der Grund sein, warum der Steidl Verlag das ehrgeiziges Projekt einer Robert-Frank-Gesamtausgabe angeht. Sie umfasst alle Buchprojekte und Filme von Robert Frank, und auch editorische Exotica wie diese Bilder von Henry Frank. In diesem Buch kann man die biografischen und ästhetischen Zusammenhänge studieren, aus denen große Fotografiegeschichte hervorgegangen ist.
Matthias Schaller „Purple Desk“
Steidl
Text: Andreas Beyer
Gestaltung: Sarah Winter
ISBN: 978-3-86521-597-0
Preis: 44,00 Euro
Matthias Schaller nutzt die Bildtradition der Becher-Schule, nämlich präzise, nüchterne Dokumentationen im Themenbereich Landschaft und Architektur für eine ganz spezielle Darstellung des Vatikan. Er zeigt uns die Arbeitsplätze der vatikanischen Elite, der Kardinäle. Deren Amtsbereiche umfassen Gebiete wie "Angelegenheiten der Heiligen", "Evangelisierung der Völker", "Einheit der Christen" oder auch die "Präfektur für ökonomische Angelegenheiten des heiligen Stuhles". Wie im Fall des Becher-Hauses charakterisiert Matthias Schaller Personen, ohne sie zu zeigen.
Der Kunsthistoriker Andreas Beyer erhebt in seinem Geleitwort dieses Vorgehen zu einem eigenen Genre, dass er "Sekundär-Porträt" nennt. Einen frühen Kronzeugen gegen das klassische Porträtieren - durch Gesichter - zitiert er auch, nämlich Georg Christoph Lichtenberg, der sagte: "Wir urteilen stündlich aus dem Gesicht, und irren uns stündlich." Statt flüchtiger Grimassen, Masken und Gesichter, wie wir sie alle tragen, hier also die Verwalter ewiger Wahrheiten, inkarniert und porträtiert in ihren Büros. Der Tatort der Machtausübung steht, unverrückbar wie ein Dogma, im Bildmittelpunkt, wohlgemerkt aus der Perspektive von Bittstellern - eine Schreibtischplatte bekommt man auf Augenhöhe, wenn man davor niederkniet.
Schallers Kamera registriert mit äußerster Genauigkeit alle Einzelheiten der Szenerie, und man ahnt es: lustig ist es wohl nicht, das Dasein als Kardinal. Auf diesen Bildern gefriert die Einsamkeit der Macht, bis hin zu jener düsteren Ikone, die so abgründig erscheint wir der Monolith in Kubricks Weltraum-Odyssee: ein Block von bodenloser Schwärze, Kontrollinstanz der Geheimen Archive des Vatikan.
Paolo Roversi „Studio“
Steidl
Gestaltung: Pascal Dangin
ISBN: 978-3-86521-758-5
Preis: 48,00 Euro
Paolo Roversi ist einer der gefragtesten Mode- und Porträt-Fotografen weltweit. In diesem Buch schreibt der Fotograf selber über seine Arbeit. Zudem zeigen die Bilder nicht nur die Ergebnisse seiner Foto-Sessions, sondern auch die Apparaturen und den Schauplatz derselben. Besonders auffallend ist, wie schlicht, um nicht zu sagen primitiv, vieles im Studio von Paolo Roversi ist.
Aus dem Nachwort: "Als Dr. Edwin Land am Heiligen Abend des Jahres 1942 seinen Kindern die Weihnachtsgeschichte erzählen wollte, stellte ihm seine vierjährige Tochter Jennifer eine Frage. Sie wollte von ihrem Vater wissen, warum sie nicht die Fotos sehen könne, die er soeben von ihr vor dem Weihnachtsbaum gemacht hatte. Dr. Land, den Chef einer Firma mit Namen Polaroid, versetzte diese Frage in einen seltsamen Zustand von Unruhe. Später am Abend zog den Mantel an und ging hinaus in die Nacht, um alleine durch die winterliche Stadt zu wandern. Im Laufe dieses langen nächtlichen Gangs erfand er die Sofortbild-Fotografie. Deswegen muss ich zuerst Jennifer danken. Ohne ihre unschuldige Frage hätten meine Bilder, und hätte mein ganzes Leben eine andere Form angenommen. Die beste Art, meinen Dank und meine Lobpreisungen für Dr. Land auszudrücken, ist die Erinnerung an jenen kleinen Jungen in Indien, den ich eines Morgens auf der Straße fotografierte, als er in die Stadt Benares hineinging: Ich werde niemals den Ausdruck reinen, unfassbaren Staunens vergessen, der von seinen Augen und seinem Lächeln ausging. Er hätte nicht überraschter sein können, wenn ich geradewegs über die Wasser des Ganges spaziert oder aus einem Raumschiff geklettert wäre. Dabei hatte ich bloß ein Polaroid gemacht. Ich schulde auch all jenen Dank, die mein Studio besucht haben, und die auf Wunder und Magie hofften wie Kinder. Und ich danke von ganzem Herzen jenen, die dieses Buch inspiriert haben und ihm auf die Welt verhalfen. Grazie!"
Eingestellt von Manfred Scharnberg in
