State of Nature

Berglandschaften, Nordseestrände, Stauseen in den Pyrenäen. Claudius Schulzes Landschaftsperspektiven tragen eine poetische Erhabenheit in sich, von der man als Betrachter unmittelbar erfasst wird. Erst nach und nach werden hinter der Eindrücklichkeit der weiträumigen Panoramen menschliche Eingriffe in die Unberührtheit der Szenen deutlich.

Die Nutzung der Natur durch den Menschen bedeutet immer auch deren Verschleiß. Der Umgang mit den Landschaften ist ein sorgloser; unser Konsumismus trägt dazu bei, den Zustand zu verschlechtern und dennoch scheinen wir in der Verantwortung für ein nachhaltiges Handeln überfordert. So genießen wir einfach immer weiter die gegebene Natur, auch wenn deren Schönheit zunehmend fragiler wirkt. Schutzzäune ziehen sich wie kleine Spinnenweben über die Berglandschaften, um herabstürzende Felsbrocken aufzuhalten. Wellenbrecher bilden eine akkurate Linie zwischen Wasser und Land. Fasziniert betrachten wir die Hangverbauungen an den Skipisten zum Schutz vor Lawinen.

Lac d’Émosson, Schweiz, 2015.

Lac d’Émosson, Schweiz, 2015. Foto: Claudius Schulze

Genau diese Eingriffe sind es, die Claudius Schulze interessieren und die er fotografisch in seiner Arbeit »State of Nature« erfasst. Die Natur ist bei ihm ein ebenso schönes wie fragiles Konstrukt, für das immer neue künstliche Schutzmaßnahmen getroffen werden müssen.

Mit einem umgebauten Kranwagen ist der Hamburger Fotograf über eine lange Zeit kreuz und quer durch Europa gefahren, um von diesem herab mit einer Großformatkamera verschiedenste Landschaften und Orte zu fotografieren. Seine fulminanten Bilder erzählen davon, wie sehr wir bemüht sind, uns immer weiter gegen Fluten, Lawinen oder Stürme abzusichern. Der Naturkatastrophenschutz wird in Zeiten eines Klimawandels mit spürbaren Auswirkungen als ein ganz selbstverständlicher Bestandteil im Erscheinungsbild der Landschaften wahrgenommen. Um jeden Preis wollen wir uns die Illusion an die malerische Schönheit der Natur erhalten, auch wenn wir diese ständig neuen Eingriffen aussetzen.

Blackpool, Großbritannien, 2014.

Blackpool, Großbritannien, 2014. Foto: Claudius Schulze

In der FREELENS Galerie wird Claudius Schulzes »State of Nature« erstmals als Einzelausstellung gezeigt. Zeitgleich ist ein Buch bei Hartmann Projects erschienen.

Helvetica

»Helvetica« ist Andreas Herzaus neueste Arbeit, die eine fotografische Auseinandersetzung mit der Schweiz darstellt und in der FREELENS Galerie erstmals ausgestellt wird. Über ein halbes Jahrzehnt hat der Hamburger Fotograf dazu immer wieder sein Nachbarland besucht und die verschiedensten Sujets, Gesellschaftsgruppen und Orte fotografiert.

Aus der Serie »Die Schweizer«.

Aus der Serie »Helvetica«. Foto: Andreas Herzau/VG Bild-Kunst

Ihm geht es allerdings nie um Vollständigkeit, sondern darum, eigene, oft von Klischees verstellte Vorstellungen mit dem Vorgefundenen abzugleichen. Herzau porträtiert ein Land, das er wegen dessen Errungenschaften schätzt – allerdings bald erkennt, dass es sich mit seinen eigenen Ansprüchen schwer tut. Es sind genau diese Bruchstellen, auf die der Fotograf seinen Blick richtet.

Die Schweiz ist eine Nation, die von wirtschaftlichem Wohlstand geprägt ist, ausgestattet mit der langen Tradition direkter Demokratie und außenpolitischer Neutralität und doch herrschen gleichzeitig starke nationalistische Abwehrreflexe vor. Herzau spielt geschickt mit dem Klischee, zeigt die Widersprüche und reflektiert die eigene Rolle des Fremden in einer fulminanten Bildserie über unsere helvetischen Nachbarn.

Aus der Serie »Die Schweizer«.

Aus der Serie »Helvetica«. Foto: Andreas Herzau/VG Bild-Kunst

Ein Auslöser für diese Arbeit war das Buch »Die Deutschen« von René Burri, welches 1962 erschien und Herzau bei der Vorbereitung zu einem Vortrag über Fotobücher in die Hände fiel. Daraufhin entwickelte er die Idee, den Schweizern einen Gegenbesuch abzustatten. Analog zu Burris Werk, in dem deutsche Autoren kurze Texte zu den Bildern stellten, werden in der Ausstellung zu den Fotos kurze Texte des Lyrikers Eugen Gomringer präsentiert.

Künstlergespräch mit Andreas Herzau
am 18. Mai 2017 um 19 Uhr

Wie erhält ein Foto die angemessene Aufmerksamkeit in der vorherrschenden Bilderflut? Und kann Fotografie eigentlich die Welt erklären? Begleitend zur Ausstellung lädt die FREELENS Galerie zum Künstlergespräch mit Andreas Herzau ein. Zusammen mit Kurator Peter Lindhorst wird Andreas Herzau seine Herangehensweise an die Fotografie, seine Interpretation von Mensch und Raum und die ausgestellte Serie »Helvetica« vorstellen.
Bitte melden Sie sich hier an, das erleichtert uns die Planung.

Das Projekt »Helvetica« wurde gefördert durch die Stiftung Kulturwerk der VG Bild-Kunst.

Twenty-One Years in One Second

Wie lang ist eine Sekunde? Bei Erik Hinz dauert sie eine Ewigkeit. Zumindest in seiner Serie »Twenty-One Years in One Second«, die ausgewählte fotografische Arbeiten aus zwei Jahrzehnten präsentiert. In denen ist der Fotojournalist aus Münster nämlich immer wieder kreuz und quer durch Deutschland, durch Europa und vor allem zu den ferneren Kontinenten gereist. Seine Begegnungen mit den Menschen auf diesen Reisen sind festgehalten in vielen wundersamen Schwarzweißfotos, für die der Verschluss der Kamera zusammengezählt wohl nur eine Sekunde geöffnet war.

Fotograf Alberto Díaz Gutiérrez, genannt Korda, vor seinem berühmtesten Porträt Che Guevaras. Hinz machte an diesem Tag 3 Bilder von Korda – und durfte ihn daraufhin fotografisch begleiten. Havanna, Kuba, 1998.

Fotograf Alberto Díaz Gutiérrez, genannt Korda, vor seinem berühmtesten Porträt Che Guevaras. Hinz machte an diesem Tag 3 Bilder von Korda – und durfte ihn daraufhin fotografisch begleiten. Havanna, Kuba, 1998. Foto: Erik Hinz

Das, was alle Arbeiten miteinander verbindet, ist der liebenswürdige, zuweilen wehmütige Blick, der von dem Irrsinn des Alltags und den oft aberwitzigen Bedingungen des Menschseins kündet, völlig unerheblich, wo sich der Fotograf gerade befunden hat. Lustige und melancholische Situationen halten sich bei Erik Hinz so die Waage. Als Fotograf nimmt er sich spürbar zurück und lässt die Menschen einfach machen. Er weiß, er muss einfach geduldig warten, bis er schließlich die richtige Szene gefunden hat, die in den allermeisten Fällen auf eine herrliche Pointe zusteuert.

Spontane Straßenszene in den Gassen von Fez in Marokko. Der Junge zieht hitzebedingt seinen Pullover auf eine extravagante Art aus. Nicht sichtbar: der Freund ihm gegenüber lacht sich schlapp bei dieser Handhaltung. Fez, Marokko, 2010.

Spontane Straßenszene in den Gassen von Fez in Marokko. Der Junge zieht hitzebedingt seinen Pullover auf eine extravagante Art aus. Nicht sichtbar: der Freund ihm gegenüber lacht sich schlapp bei dieser Handhaltung. Fez, Marokko, 2010. Foto: Erik Hinz

Denn Erik Hinz verfügt über eine großartige Beobachtungsgabe und die Fähigkeit, zu erahnen, was als nächstes passieren könnte. Einmal sieht man, wie ein Junge kopfüber durch die Luft wirbelt. Der Fotograf hat ihn so aufgenommen, als ob dieser allen physikalischen Gesetzen trotzen könnte. Ein unfassbares Bild! In einer beeindruckenden Dichte sind bei Erik Hinz Situationen in Fotos gefasst, die den Betrachter nicht mehr aus dem Staunen kommen lassen.

Kolumbiens Weg zum Frieden

Kolumbien ist derzeit nicht aus den Schlagzeilen wegzudenken. Erst hatten kolumbianische Regierung und FARC-Rebellen einen Friedensvertrag unterschrieben, jetzt wurde er in einem Referendum von der Bevölkerung abgelehnt. Kolumbien bleibt ein gespaltenes Land. In den seit Jahrzehnten anhaltenden Konflikten zwischen Streitkräften, rechten Paramilitärs und linken FARC-Guerillas sind mehr als 220.000 Menschen getötet worden, über sechs Millionen wurden vertrieben.

Bei der Beerdigung von Daniel Coicue bildet die »Guardia Indígena« ein Ehrenspalier. Dabei halten sie ihre Bastónes in die Luft, die den unbewaffneten Widerstand symbolisieren.

Bei der Beerdigung von Daniel Coicue bildet die »Guardia Indígena« ein Ehrenspalier. Dabei halten sie ihre Bastónes in die Luft, die den unbewaffneten Widerstand symbolisieren. Foto: Jonas Wresch/Agentur Focus

Jonas Wresch ist 2008 erstmals nach Kolumbien gereist. Nach und nach hat er das Land und dessen dringliche Probleme kennengelernt. In der ausgestellten Serie präsentiert er Toribío, das viele Jahre blutiger Schauplatz des Krieges zwischen Rebellen und der Armee war. In dem kleinen Dorf, das in einer von tief eingeschnittenen Tälern und Gipfeln geprägten Berglandschaft liegt und somit als idealer Rückzugsort für die Guerillas gilt, leben die Nasa-Indios. Die Angehörigen dieser indigenen Gruppe haben sich neutral erklärt, nachdem sie jahrzehntelang zwischen die Fronten geraten waren und zahllose Opfer zu beklagen hatten. Hunderte Male ist das Dorf angegriffen worden, mehrere Male war es komplett eingenommen.

Drei der Anführer der »Guardia Indígena« sitzen am Feuer und bereiten ihr Mittagessen zu. Manuel Tumiña (rechts) wurde wenige Monate später von der Guerilla erschossen.

Drei der Anführer der »Guardia Indígena« sitzen am Feuer und bereiten ihr Mittagessen zu. Manuel Tumiña (rechts) wurde wenige Monate später von der Guerilla erschossen. Foto: Jonas Wresch/Agentur Focus

Mit seiner vielschichtigen Reportage, die auf dem diesjährigen Lumix Festival für jungen Fotojournalismus mit dem FREELENS Award ausgezeichnet wurde, führt uns der Fotograf mitten in den ungewöhnlichen Alltag der Dorfbewohner. Diese verdingen sich als Bauern und haben zum Schutz ihre eigene »guardia indígena« gegründet, die völlig ohne Waffen agiert. Ihrem Selbstverständnis nach provozieren Waffen nur Gegengewalt. So tragen die Freiwilligen dieser Garde lediglich einen Holzstock mit sich – ein Symbol für Autorität und Frieden. Jonas Wresch ist das eindrucksvolle Porträt einer Gemeinschaft gelungen, die trotz aller äußeren Widrigkeiten unermüdlich an ihrem größten Ziel festhält – ein Leben in Frieden.

Wagenburg | Near Conscious

Als Noga Shtainer 2010 aus Israel nach Berlin umzieht, streift sie aufmerksam durch die neue Stadt. Auf einem Ausflug entdeckt sie Leute, die in Bauwagen wohnen und einen alternativen Lebensentwurf verwirklichen. Die Fotografin ist sofort magnetisiert – als Außenseiterin in der Fremde fühlt sie sich dieser kleinen Gemeinschaft eng verbunden. Sie selbst ist in einem genossenschaftlich organisierten Moschaw, einer Art dörflicher Kommune von Kleinbauern, aufgewachsen. Also beschließt sie, die Bewohner der Bau- und Wohnwagen zu porträtieren. Kein leichtes Unterfangen – nur ungern gewähren diese Außenstehenden Zugang in ihr abgeschottetes Leben. Drei Jahre lange begleitet die Fotografin Menschen, die ihr schließlich Fenster und Türen zu ihrer kleinen intimen Welt öffnen. Das Ergebnis ihrer Serie »Wagenburg« enthält rätselhafte, träumerische Porträts, die eine Mischung aus kunstvoller Inszenierung und spontaner Momentaufnahme darstellen.

Aus der Serie »Near Conscious«.

Aus der Serie »Near Conscious«. Foto: Noga Shtainer

Auch die zweite Arbeit zeugt von Noga Shtainers besonderen Fähigkeit des Porträtierens. An der Schwarzweiß-Serie »Near Conscious« hat sie zwölf Jahre gearbeitet. Als sie ein junges Mädchen ist, lassen sich ihre Eltern scheiden. Der Vater bekommt mit einer neuen Frau eine Tochter. Die Halbschwester Ella wohnt in ihrem alten Zimmer, hat die gleichen Möbel und wächst ähnlich wie sie selbst auf. Noga Shtainer ist erst 15 Jahre alt, als sie beginnt, Ella regelmäßig zu fotografieren. Die Fotos ihres Langzeitprojekts erzählen in einfühlsamer Weise von Familie, Nähe und Identität und bedeuten zugleich eine Art Rückeroberung der eigenen Kindheit.