Twenty-One Years in One Second

Wie lang ist eine Sekunde? Bei Erik Hinz dauert sie eine Ewigkeit. Zumindest in seiner Serie »Twenty-One Years in One Second«, die ausgewählte fotografische Arbeiten aus zwei Jahrzehnten präsentiert. In denen ist der Fotojournalist aus Münster nämlich immer wieder kreuz und quer durch Deutschland, durch Europa und vor allem zu den ferneren Kontinenten gereist. Seine Begegnungen mit den Menschen auf diesen Reisen sind festgehalten in vielen wundersamen Schwarzweißfotos, für die der Verschluss der Kamera zusammengezählt wohl nur eine Sekunde geöffnet war.

Fotograf Alberto Díaz Gutiérrez, genannt Korda, vor seinem berühmtesten Porträt Che Guevaras. Hinz machte an diesem Tag 3 Bilder von Korda – und durfte ihn daraufhin fotografisch begleiten. Havanna, Kuba, 1998.

Fotograf Alberto Díaz Gutiérrez, genannt Korda, vor seinem berühmtesten Porträt Che Guevaras. Hinz machte an diesem Tag 3 Bilder von Korda – und durfte ihn daraufhin fotografisch begleiten. Havanna, Kuba, 1998. Foto: Erik Hinz

Das, was alle Arbeiten miteinander verbindet, ist der liebenswürdige, zuweilen wehmütige Blick, der von dem Irrsinn des Alltags und den oft aberwitzigen Bedingungen des Menschseins kündet, völlig unerheblich, wo sich der Fotograf gerade befunden hat. Lustige und melancholische Situationen halten sich bei Erik Hinz so die Waage. Als Fotograf nimmt er sich spürbar zurück und lässt die Menschen einfach machen. Er weiß, er muss einfach geduldig warten, bis er schließlich die richtige Szene gefunden hat, die in den allermeisten Fällen auf eine herrliche Pointe zusteuert.

Spontane Straßenszene in den Gassen von Fez in Marokko. Der Junge zieht hitzebedingt seinen Pullover auf eine extravagante Art aus. Nicht sichtbar: der Freund ihm gegenüber lacht sich schlapp bei dieser Handhaltung. Fez, Marokko, 2010.

Spontane Straßenszene in den Gassen von Fez in Marokko. Der Junge zieht hitzebedingt seinen Pullover auf eine extravagante Art aus. Nicht sichtbar: der Freund ihm gegenüber lacht sich schlapp bei dieser Handhaltung. Fez, Marokko, 2010. Foto: Erik Hinz

Denn Erik Hinz verfügt über eine großartige Beobachtungsgabe und die Fähigkeit, zu erahnen, was als nächstes passieren könnte. Einmal sieht man, wie ein Junge kopfüber durch die Luft wirbelt. Der Fotograf hat ihn so aufgenommen, als ob dieser allen physikalischen Gesetzen trotzen könnte. Ein unfassbares Bild! In einer beeindruckenden Dichte sind bei Erik Hinz Situationen in Fotos gefasst, die den Betrachter nicht mehr aus dem Staunen kommen lassen.

Kolumbiens Weg zum Frieden

Kolumbien ist derzeit nicht aus den Schlagzeilen wegzudenken. Erst hatten kolumbianische Regierung und FARC-Rebellen einen Friedensvertrag unterschrieben, jetzt wurde er in einem Referendum von der Bevölkerung abgelehnt. Kolumbien bleibt ein gespaltenes Land. In den seit Jahrzehnten anhaltenden Konflikten zwischen Streitkräften, rechten Paramilitärs und linken FARC-Guerillas sind mehr als 220.000 Menschen getötet worden, über sechs Millionen wurden vertrieben.

Bei der Beerdigung von Daniel Coicue bildet die »Guardia Indígena« ein Ehrenspalier. Dabei halten sie ihre Bastónes in die Luft, die den unbewaffneten Widerstand symbolisieren.

Bei der Beerdigung von Daniel Coicue bildet die »Guardia Indígena« ein Ehrenspalier. Dabei halten sie ihre Bastónes in die Luft, die den unbewaffneten Widerstand symbolisieren. Foto: Jonas Wresch/Agentur Focus

Jonas Wresch ist 2008 erstmals nach Kolumbien gereist. Nach und nach hat er das Land und dessen dringliche Probleme kennengelernt. In der ausgestellten Serie präsentiert er Toribío, das viele Jahre blutiger Schauplatz des Krieges zwischen Rebellen und der Armee war. In dem kleinen Dorf, das in einer von tief eingeschnittenen Tälern und Gipfeln geprägten Berglandschaft liegt und somit als idealer Rückzugsort für die Guerillas gilt, leben die Nasa-Indios. Die Angehörigen dieser indigenen Gruppe haben sich neutral erklärt, nachdem sie jahrzehntelang zwischen die Fronten geraten waren und zahllose Opfer zu beklagen hatten. Hunderte Male ist das Dorf angegriffen worden, mehrere Male war es komplett eingenommen.

Drei der Anführer der »Guardia Indígena« sitzen am Feuer und bereiten ihr Mittagessen zu. Manuel Tumiña (rechts) wurde wenige Monate später von der Guerilla erschossen.

Drei der Anführer der »Guardia Indígena« sitzen am Feuer und bereiten ihr Mittagessen zu. Manuel Tumiña (rechts) wurde wenige Monate später von der Guerilla erschossen. Foto: Jonas Wresch/Agentur Focus

Mit seiner vielschichtigen Reportage, die auf dem diesjährigen Lumix Festival für jungen Fotojournalismus mit dem FREELENS Award ausgezeichnet wurde, führt uns der Fotograf mitten in den ungewöhnlichen Alltag der Dorfbewohner. Diese verdingen sich als Bauern und haben zum Schutz ihre eigene »guardia indígena« gegründet, die völlig ohne Waffen agiert. Ihrem Selbstverständnis nach provozieren Waffen nur Gegengewalt. So tragen die Freiwilligen dieser Garde lediglich einen Holzstock mit sich – ein Symbol für Autorität und Frieden. Jonas Wresch ist das eindrucksvolle Porträt einer Gemeinschaft gelungen, die trotz aller äußeren Widrigkeiten unermüdlich an ihrem größten Ziel festhält – ein Leben in Frieden.

Wagenburg | Near Conscious

Als Noga Shtainer 2010 aus Israel nach Berlin umzieht, streift sie aufmerksam durch die neue Stadt. Auf einem Ausflug entdeckt sie Leute, die in Bauwagen wohnen und einen alternativen Lebensentwurf verwirklichen. Die Fotografin ist sofort magnetisiert – als Außenseiterin in der Fremde fühlt sie sich dieser kleinen Gemeinschaft eng verbunden. Sie selbst ist in einem genossenschaftlich organisierten Moschaw, einer Art dörflicher Kommune von Kleinbauern, aufgewachsen. Also beschließt sie, die Bewohner der Bau- und Wohnwagen zu porträtieren. Kein leichtes Unterfangen – nur ungern gewähren diese Außenstehenden Zugang in ihr abgeschottetes Leben. Drei Jahre lange begleitet die Fotografin Menschen, die ihr schließlich Fenster und Türen zu ihrer kleinen intimen Welt öffnen. Das Ergebnis ihrer Serie »Wagenburg« enthält rätselhafte, träumerische Porträts, die eine Mischung aus kunstvoller Inszenierung und spontaner Momentaufnahme darstellen.

Aus der Serie »Near Conscious«.

Aus der Serie »Near Conscious«. Foto: Noga Shtainer

Auch die zweite Arbeit zeugt von Noga Shtainers besonderen Fähigkeit des Porträtierens. An der Schwarzweiß-Serie »Near Conscious« hat sie zwölf Jahre gearbeitet. Als sie ein junges Mädchen ist, lassen sich ihre Eltern scheiden. Der Vater bekommt mit einer neuen Frau eine Tochter. Die Halbschwester Ella wohnt in ihrem alten Zimmer, hat die gleichen Möbel und wächst ähnlich wie sie selbst auf. Noga Shtainer ist erst 15 Jahre alt, als sie beginnt, Ella regelmäßig zu fotografieren. Die Fotos ihres Langzeitprojekts erzählen in einfühlsamer Weise von Familie, Nähe und Identität und bedeuten zugleich eine Art Rückeroberung der eigenen Kindheit.

Hello Camel

»Meiner Erfahrung nach sind die beiden wesentlichsten Merkmale des Krieges Horror und Absurdität«, sagt Christoph Bangert. Nachdem er in seinem von den Medien gefeierten Buch »War Porn« (Kehrer 2014) den Umgang unserer Gesellschaft mit schrecklichen Bildern untersucht hat, setzt er sich nun in seiner neuen Arbeit »Hello Camel« mit der Absurdität des Krieges auseinander.

Ein afghanischer Polizist checkt während einer Trainingseinheit im Camp Nathan Smith in Kandahar die Zielscheiben.

Ein afghanischer Polizist checkt während einer Trainingseinheit im Camp Nathan Smith in Kandahar die Zielscheiben. Foto: Christoph Bangert

Unserer klischeehaften Vorstellung des modernen Krieges als rasantes, dramatisches und heroisches Ereignis stellt er seine ruhigen und aufgeräumten, jedoch ebenso eigenartigen und fremden Bilder der Kriege in Afghanistan, Gaza und dem Irak entgegen. Gleichzeitig ist »Hello Camel« eine Dokumentation des menschlichen Bestrebens, im Angesicht von Gewalt und Chaos so etwas wie Normalität zu schaffen.

Zur Ausstellungseröffnung in der FREELENS Galerie am 9. Juni 2016 stellt Christoph Bangert sein neues Buch »Hello Camel« vor.

Home Among Black Hills

Arbeitslosigkeit und Armut beherrschen die belgische Stadt Charleroi, die einst das Zentrum der Kohle- und Stahlindustrie des Landes war. Unkraut überwuchert brachliegende Industrieanlagen. Fensterscheiben leerstehender Gebäude sind eingeschlagen. Berge von Unrat säumen die leeren Straßen, durch die herrenlose Hunde streunen. Männer schrauben an ihren Autos, Jugendliche lungern herum, die Kneipen sind bereits tagsüber gut gefüllt. Eine Gedrücktheit hat sich der einst so stolzen Gemeinde bemächtigt, so dass diese angezählt wirkt.

Aus der Serie »Home Among Black Hills«.

Aus der Serie »Home Among Black Hills«. Foto: Jens Olof Lasthein

Trotz alledem weist Charleroi einen Charme auf, dem der schwedische Fotograf Jens Olof Lasthein schon bei seinem ersten Besuch erliegt. Auf Einladung des örtlichen Fotomuseums soll er als Außenstehender ein Porträt der wallonischen Stadt erschaffen. In großformatigen Panoramen, die sein Markenzeichen sind, führt er uns ihre Bewohner und Orte vor, die er auf seinen Streifzügen entdeckt.

Aus der Serie »Home Among Black Hills«.

Aus der Serie »Home Among Black Hills«. Foto: Jens Olof Lasthein

»Ich wurde von der rauen Schönheit der Stadt und der Leute verführt, die wissen, wie man teilt, die einem Aufmerksamkeit entgegenbringen und sich gegenseitig respektieren«, so Lasthein. Aufmerksamkeit und Respekt sind die Eigenschaften, welche auch er seinem Gegenüber entgegenbringt und die dazu beitragen, dass die Menschen sich ihm öffnen.

Als Ergebnis dessen dürfen wir als Betrachter schließlich seinen farbintensiven Breitwandszenen beiwohnen. Ob beim Spiel der Kinder oder in der Runde der Kneipengäste – Lastheins meisterhafte Panoramen von entwaffnender Ehrlichkeit versetzen uns in ein Wechselbad der Gefühle. Sie lassen uns schmunzeln und vielleicht heimlich eine Träne verdrücken bei der Betrachtung der Menschen, die zwischen den schwarzen Hügeln dieser Region leben.