Gute Fotos – guter Zweck

Noch immer sind zahlreiche Exponate der Ausstellung aus 2012/2013 über eine Onlinegalerie zu erwerben. Zusätzlich zeigt die FREELENS Galerie nun erneut eine kleine Bildauswahl folgender Fotograf*innen:

Thorsten Baering, Rolf Bauerdick, Peter Bialobrzeski, Franz Bischof, Christian O. Bruch, Christian Burkert, Jesco Denzel, Kirill Golovchenko, Fernando Gutiérrez Juárez, Urs Kluyver, Heidi & Hans-Jürgen Koch, Frederic Lezmi, Gerd Ludwig, Florian Müller, Nadine Preiß, Hinrich Schultze, Henrik Spohler, Marco van Duyvendijk, Gordon Welters und Samuel Zuder.

Die FREELENS Foundation unterstützt neben einzelnen hilfsbedürftigen Fotograf*innen auch fotografische Projekte, Ausstellungen, Symposien und Workshops hauptsächlich in den sich entwickelnden Ländern. Über bisher unterstützte Projekte und Personen können Sie sich hier informieren.

Ist doch so

»Ist doch so« – ohne Frage- oder Ausrufezeichen. Aber so knapp der Titel, so weit ist der (Denk-)Raum, der sich hinter den Fotos von Frank Schinski öffnet. Der Fotograf ist ein hervorragender Beobachter der Alltagswirklichkeit und breitet mal witzige, mal melancholische Szenen der Arbeits- und Freizeitwelt vor uns aus. Egal, ob er dazu in einer Firmenkantine, einer Turnhalle, dem Chefbüro oder einem Festsaal unterwegs ist. Egal, ob er uns von jungen oder alten Menschen erzählt. Schinskis Fotos fangen eine Realität ein, um diese im selben Moment ironisch zu brechen.

Aus der Ausstellung »Ist doch so«.

Aus der Ausstellung »Ist doch so«. Foto: Frank Schinski/Ostkreuz

Aus der Ausstellung »Ist doch so«.

Aus der Ausstellung »Ist doch so«. Foto: Fank Schinski/Ostkreuz

Die von ihm präsentierten Szenen sind wie der Auftakt zu Kurzgeschichten ohne absehbaren Ausgang. Darin wird eine Normalität behauptet, die sich bei genauerem Betrachten als gar nicht so normal herausstellt. Schinskis Fotografie erzählt von den Sehnsüchten unter der Oberfläche, von den Abgründen und Geheimnissen hinter unseren Existenzen. In feinsinnigen Szenen zeigt er Menschen als Handelnde, die ihren Träumen nachhängen, auch wenn letztere oft genug unter dem Ballast des Alltags wie Luftballons zu zerplatzen drohen. Aber was kann man da machen? Ist doch so.

State of Nature

Berglandschaften, Nordseestrände, Stauseen in den Pyrenäen. Claudius Schulzes Landschaftsperspektiven tragen eine poetische Erhabenheit in sich, von der man als Betrachter unmittelbar erfasst wird. Erst nach und nach werden hinter der Eindrücklichkeit der weiträumigen Panoramen menschliche Eingriffe in die Unberührtheit der Szenen deutlich.

Die Nutzung der Natur durch den Menschen bedeutet immer auch deren Verschleiß. Der Umgang mit den Landschaften ist ein sorgloser; unser Konsumismus trägt dazu bei, den Zustand zu verschlechtern und dennoch scheinen wir in der Verantwortung für ein nachhaltiges Handeln überfordert. So genießen wir einfach immer weiter die gegebene Natur, auch wenn deren Schönheit zunehmend fragiler wirkt. Schutzzäune ziehen sich wie kleine Spinnenweben über die Berglandschaften, um herabstürzende Felsbrocken aufzuhalten. Wellenbrecher bilden eine akkurate Linie zwischen Wasser und Land. Fasziniert betrachten wir die Hangverbauungen an den Skipisten zum Schutz vor Lawinen.

Lac d’Émosson, Schweiz, 2015.

Lac d’Émosson, Schweiz, 2015. Foto: Claudius Schulze

Genau diese Eingriffe sind es, die Claudius Schulze interessieren und die er fotografisch in seiner Arbeit »State of Nature« erfasst. Die Natur ist bei ihm ein ebenso schönes wie fragiles Konstrukt, für das immer neue künstliche Schutzmaßnahmen getroffen werden müssen.

Mit einem umgebauten Kranwagen ist der Hamburger Fotograf über eine lange Zeit kreuz und quer durch Europa gefahren, um von diesem herab mit einer Großformatkamera verschiedenste Landschaften und Orte zu fotografieren. Seine fulminanten Bilder erzählen davon, wie sehr wir bemüht sind, uns immer weiter gegen Fluten, Lawinen oder Stürme abzusichern. Der Naturkatastrophenschutz wird in Zeiten eines Klimawandels mit spürbaren Auswirkungen als ein ganz selbstverständlicher Bestandteil im Erscheinungsbild der Landschaften wahrgenommen. Um jeden Preis wollen wir uns die Illusion an die malerische Schönheit der Natur erhalten, auch wenn wir diese ständig neuen Eingriffen aussetzen.

Blackpool, Großbritannien, 2014.

Blackpool, Großbritannien, 2014. Foto: Claudius Schulze

In der FREELENS Galerie wird Claudius Schulzes »State of Nature« erstmals als Einzelausstellung gezeigt. Zeitgleich ist ein Buch bei Hartmann Projects erschienen.

Helvetica

»Helvetica« ist Andreas Herzaus neueste Arbeit, die eine fotografische Auseinandersetzung mit der Schweiz darstellt und in der FREELENS Galerie erstmals ausgestellt wird. Über ein halbes Jahrzehnt hat der Hamburger Fotograf dazu immer wieder sein Nachbarland besucht und die verschiedensten Sujets, Gesellschaftsgruppen und Orte fotografiert.

Aus der Serie »Die Schweizer«.

Aus der Serie »Helvetica«. Foto: Andreas Herzau/VG Bild-Kunst

Ihm geht es allerdings nie um Vollständigkeit, sondern darum, eigene, oft von Klischees verstellte Vorstellungen mit dem Vorgefundenen abzugleichen. Herzau porträtiert ein Land, das er wegen dessen Errungenschaften schätzt – allerdings bald erkennt, dass es sich mit seinen eigenen Ansprüchen schwer tut. Es sind genau diese Bruchstellen, auf die der Fotograf seinen Blick richtet.

Die Schweiz ist eine Nation, die von wirtschaftlichem Wohlstand geprägt ist, ausgestattet mit der langen Tradition direkter Demokratie und außenpolitischer Neutralität und doch herrschen gleichzeitig starke nationalistische Abwehrreflexe vor. Herzau spielt geschickt mit dem Klischee, zeigt die Widersprüche und reflektiert die eigene Rolle des Fremden in einer fulminanten Bildserie über unsere helvetischen Nachbarn.

Aus der Serie »Die Schweizer«.

Aus der Serie »Helvetica«. Foto: Andreas Herzau/VG Bild-Kunst

Ein Auslöser für diese Arbeit war das Buch »Die Deutschen« von René Burri, welches 1962 erschien und Herzau bei der Vorbereitung zu einem Vortrag über Fotobücher in die Hände fiel. Daraufhin entwickelte er die Idee, den Schweizern einen Gegenbesuch abzustatten. Analog zu Burris Werk, in dem deutsche Autoren kurze Texte zu den Bildern stellten, werden in der Ausstellung zu den Fotos kurze Texte des Lyrikers Eugen Gomringer präsentiert.

Künstlergespräch mit Andreas Herzau
am 18. Mai 2017 um 19 Uhr

Wie erhält ein Foto die angemessene Aufmerksamkeit in der vorherrschenden Bilderflut? Und kann Fotografie eigentlich die Welt erklären? Begleitend zur Ausstellung lädt die FREELENS Galerie zum Künstlergespräch mit Andreas Herzau ein. Zusammen mit Kurator Peter Lindhorst wird Andreas Herzau seine Herangehensweise an die Fotografie, seine Interpretation von Mensch und Raum und die ausgestellte Serie »Helvetica« vorstellen.
Bitte melden Sie sich hier an, das erleichtert uns die Planung.

Das Projekt »Helvetica« wurde gefördert durch die Stiftung Kulturwerk der VG Bild-Kunst.

Twenty-One Years in One Second

Wie lang ist eine Sekunde? Bei Erik Hinz dauert sie eine Ewigkeit. Zumindest in seiner Serie »Twenty-One Years in One Second«, die ausgewählte fotografische Arbeiten aus zwei Jahrzehnten präsentiert. In denen ist der Fotojournalist aus Münster nämlich immer wieder kreuz und quer durch Deutschland, durch Europa und vor allem zu den ferneren Kontinenten gereist. Seine Begegnungen mit den Menschen auf diesen Reisen sind festgehalten in vielen wundersamen Schwarzweißfotos, für die der Verschluss der Kamera zusammengezählt wohl nur eine Sekunde geöffnet war.

Fotograf Alberto Díaz Gutiérrez, genannt Korda, vor seinem berühmtesten Porträt Che Guevaras. Hinz machte an diesem Tag 3 Bilder von Korda – und durfte ihn daraufhin fotografisch begleiten. Havanna, Kuba, 1998.

Fotograf Alberto Díaz Gutiérrez, genannt Korda, vor seinem berühmtesten Porträt Che Guevaras. Hinz machte an diesem Tag 3 Bilder von Korda – und durfte ihn daraufhin fotografisch begleiten. Havanna, Kuba, 1998. Foto: Erik Hinz

Das, was alle Arbeiten miteinander verbindet, ist der liebenswürdige, zuweilen wehmütige Blick, der von dem Irrsinn des Alltags und den oft aberwitzigen Bedingungen des Menschseins kündet, völlig unerheblich, wo sich der Fotograf gerade befunden hat. Lustige und melancholische Situationen halten sich bei Erik Hinz so die Waage. Als Fotograf nimmt er sich spürbar zurück und lässt die Menschen einfach machen. Er weiß, er muss einfach geduldig warten, bis er schließlich die richtige Szene gefunden hat, die in den allermeisten Fällen auf eine herrliche Pointe zusteuert.

Spontane Straßenszene in den Gassen von Fez in Marokko. Der Junge zieht hitzebedingt seinen Pullover auf eine extravagante Art aus. Nicht sichtbar: der Freund ihm gegenüber lacht sich schlapp bei dieser Handhaltung. Fez, Marokko, 2010.

Spontane Straßenszene in den Gassen von Fez in Marokko. Der Junge zieht hitzebedingt seinen Pullover auf eine extravagante Art aus. Nicht sichtbar: der Freund ihm gegenüber lacht sich schlapp bei dieser Handhaltung. Fez, Marokko, 2010. Foto: Erik Hinz

Denn Erik Hinz verfügt über eine großartige Beobachtungsgabe und die Fähigkeit, zu erahnen, was als nächstes passieren könnte. Einmal sieht man, wie ein Junge kopfüber durch die Luft wirbelt. Der Fotograf hat ihn so aufgenommen, als ob dieser allen physikalischen Gesetzen trotzen könnte. Ein unfassbares Bild! In einer beeindruckenden Dichte sind bei Erik Hinz Situationen in Fotos gefasst, die den Betrachter nicht mehr aus dem Staunen kommen lassen.