Hello Camel

»Meiner Erfahrung nach sind die beiden wesentlichsten Merkmale des Krieges Horror und Absurdität«, sagt Christoph Bangert. Nachdem er in seinem von den Medien gefeierten Buch »War Porn« (Kehrer 2014) den Umgang unserer Gesellschaft mit schrecklichen Bildern untersucht hat, setzt er sich nun in seiner neuen Arbeit »Hello Camel« mit der Absurdität des Krieges auseinander.

Ein afghanischer Polizist checkt während einer Trainingseinheit im Camp Nathan Smith in Kandahar die Zielscheiben.

Ein afghanischer Polizist checkt während einer Trainingseinheit im Camp Nathan Smith in Kandahar die Zielscheiben. Foto: Christoph Bangert

Unserer klischeehaften Vorstellung des modernen Krieges als rasantes, dramatisches und heroisches Ereignis stellt er seine ruhigen und aufgeräumten, jedoch ebenso eigenartigen und fremden Bilder der Kriege in Afghanistan, Gaza und dem Irak entgegen. Gleichzeitig ist »Hello Camel« eine Dokumentation des menschlichen Bestrebens, im Angesicht von Gewalt und Chaos so etwas wie Normalität zu schaffen.

Zur Ausstellungseröffnung in der FREELENS Galerie am 9. Juni 2016 stellt Christoph Bangert sein neues Buch »Hello Camel« vor.

Home Among Black Hills

Arbeitslosigkeit und Armut beherrschen die belgische Stadt Charleroi, die einst das Zentrum der Kohle- und Stahlindustrie des Landes war. Unkraut überwuchert brachliegende Industrieanlagen. Fensterscheiben leerstehender Gebäude sind eingeschlagen. Berge von Unrat säumen die leeren Straßen, durch die herrenlose Hunde streunen. Männer schrauben an ihren Autos, Jugendliche lungern herum, die Kneipen sind bereits tagsüber gut gefüllt. Eine Gedrücktheit hat sich der einst so stolzen Gemeinde bemächtigt, so dass diese angezählt wirkt.

Aus der Serie »Home Among Black Hills«.

Aus der Serie »Home Among Black Hills«. Foto: Jens Olof Lasthein

Trotz alledem weist Charleroi einen Charme auf, dem der schwedische Fotograf Jens Olof Lasthein schon bei seinem ersten Besuch erliegt. Auf Einladung des örtlichen Fotomuseums soll er als Außenstehender ein Porträt der wallonischen Stadt erschaffen. In großformatigen Panoramen, die sein Markenzeichen sind, führt er uns ihre Bewohner und Orte vor, die er auf seinen Streifzügen entdeckt.

Aus der Serie »Home Among Black Hills«.

Aus der Serie »Home Among Black Hills«. Foto: Jens Olof Lasthein

»Ich wurde von der rauen Schönheit der Stadt und der Leute verführt, die wissen, wie man teilt, die einem Aufmerksamkeit entgegenbringen und sich gegenseitig respektieren«, so Lasthein. Aufmerksamkeit und Respekt sind die Eigenschaften, welche auch er seinem Gegenüber entgegenbringt und die dazu beitragen, dass die Menschen sich ihm öffnen.

Als Ergebnis dessen dürfen wir als Betrachter schließlich seinen farbintensiven Breitwandszenen beiwohnen. Ob beim Spiel der Kinder oder in der Runde der Kneipengäste – Lastheins meisterhafte Panoramen von entwaffnender Ehrlichkeit versetzen uns in ein Wechselbad der Gefühle. Sie lassen uns schmunzeln und vielleicht heimlich eine Träne verdrücken bei der Betrachtung der Menschen, die zwischen den schwarzen Hügeln dieser Region leben.

»Bitte warten…«

Haben wir mittlerweile alles gesehen? Beginnen sich die Bilder der millionenfachen und nicht endenden Fluchten aus den Krisengebieten allzu sehr zu gleichen? Und wie kann es gelingen, dass wir den Blick dennoch nicht abwenden?

FREELENS Fotografen haben hingeschaut. Sie dokumentieren die Situation in den Herkunftsländern ebenso wie den langen Weg nach Europa, das Warten und Bangen, das Ankommen und sich Zurechtfinden in einer neuen Welt. Die FREELENS Galerie präsentiert ab dem 11. Februar 2016 mit Fotografien von Gustavo Alàbiso, Stefan Boness, Andreas Buck, Eva-Maria Burchard, David Carreno, Maria Feck, Heike Fischer, Roland Geisheimer, Manfred Görgens, Kathrin Harms, Stefan Höderath, Sandra Hoyn, Gesche Jäger, Nora Klein, Felix Kleymann, Lars Krüger, Andrea Künzig, Martin Langer, Bernd Lauter, Quirin Leppert, Kai Löffelbein, Mark Mühlhaus, Daniel Müller, Joanna Nottebrock, Zino Peterek, Philipp Reiss, Guido Schiefer, Gordon Welters und Gerhard Westrich Auszüge aus dem Gemeinschaftsprojekt.

Felix Kleymann begab sich mit seinem Projekt »Escaping Death« mit syrischen Flüchtlingen auf den schwierigen Weg nach Europa. Hier der Blick auf ein Zelt im Flüchtlingslager Kuschtapa in der Nähe von Erbil im Irak. In den Zelten leben bis zu zwölf Personen – es fehlt nicht nur an Privatsphäre sondern auch an Schutz gegen die Kälte im Winter.

Felix Kleymann begab sich mit seinem Projekt »Escaping Death« mit syrischen Geflüchteten auf den schwierigen Weg nach Europa. Hier der Blick auf ein Zelt im Flüchtlingslager Kuschtapa in der Nähe von Erbil im Irak. In den Zelten leben bis zu zwölf Personen – es fehlt nicht nur an Privatsphäre, sondern auch an Schutz gegen die Kälte im Winter. Foto: Felix Kleymann

Familie Masri ist vor einem Jahr aus Syrien über das Bundesaufnahmeprogramm nach Deutschland gekommen. Gesche Jäger begleitete sie in ihrem Alltag, der geprägt ist vom Lernen und Beten.

Familie Masri ist vor einem Jahr über das Bundesaufnahmeprogramm aus Syrien nach Deutschland gekommen. Gesche Jäger begleitete sie in ihrem Alltag, der geprägt ist vom Lernen und Beten. Foto: Gesche Jäger

Felix Kleymann besuchte für sein Projekt »Escaping Death: Syrian Refugees« Flüchtlinge in Camps im Nordirak und in türkischen Lagern: die einen hoffen auf eine Rückkehr, die anderen bereiten ihre Flucht nach Europa vor. Im Gegensatz dazu porträtierte Gesche Jäger die vierköpfige Familie von Ayman Masri aus Damaskus, die über das Bundesaufnahmeprogramm mit dem Flugzeug nach Deutschland gekommen ist.

In der Serie »Between« beschäftigt sich Zino Peterek mit institutionellen Behörden. Die Menschen auf der Suche nach einem neuen Zuhause werden in diesen »Funktionsräumen« oft zum ersten Mal mit den Formalitäten des gesellschaftlichen Lebens »unserer Heimat« konfrontiert.

In der Serie »Between« beschäftigt sich Zino Peterek mit institutionellen Behörden. Die Menschen auf der Suche nach einem neuen Zuhause werden in diesen »Funktionsräumen« oft zum ersten Mal mit den Formalitäten des gesellschaftlichen Lebens »unserer Heimat« konfrontiert. Foto: Zino Peterek

Aus der Serie »Ein ganz normaler Tag von Kazem H. in Hamburg.«

In seiner dialogisch angelegten Fotoserie dokumentiert Lars Krüger den Alltag von Kazem H., der vor ungefähr drei Jahren von Afghanistan nach Deutschland geflohen ist. Foto: Lars Krüger

Und wie präsentiert sich »Germany« – das gelobte Land? Zino Peterek zeigt die Orte, die ein Geflüchteter hierzulande durchlaufen muss, bevor er anerkannt und in Sicherheit ist: von den tristen Wartezonen in der Erstaufnahme bis zum flaggenflankierten Schreibtisch, wo die Einbürgerung vollzogen werden könnte. Lars Krügers dialogisch angelegte Schwarzweiß-Bilder führen uns dazu passend in den scheinbar normalen Tag des aus Afghanistan geflohenen Kazem H., der seit drei Jahren in Hamburg lebt – und alle sechs Monate seine Aufenthaltserlaubnis verlängern lassen muss.

Dies sind vier Beispiele dafür, wie sich die Fotografen dem komplexen Thema genähert haben. Sie erzählen nicht nur von prekären Momenten in der Fremde, sondern auch von einem hoffnungsvollen und vielleicht friedvollen Neubeginn.

Hold the Line

Der grafische Moment, der sich der Wirklichkeit abtrotzen lässt! So könnte man die fotografische Praxis des Straßenfotografen Siegfried Hansen in Anlehnung an den berühmten »Moment décisif« von Henri Cartier-Bresson beschreiben. Wie den Meisterfotografen interessiert auch Siegfried Hansen der genaue Aufbau eines Bildes. Doch während der Franzose das menschliche Tun immer im Zentrum seiner perfekt komponierten Bilder begriff, ist der Mensch bei Hansen bloßes, wenn auch kalkuliert gesetztes Beiwerk. Mal sieht man eine Silhouette hinter einer Scheibe, mal einen Fuß, der in eine Szene hineinragt. Uns zugewandt ist niemand.

Aus der Serie »Hold the Line«.

Aus der Serie »Hold the Line«. Foto: Siegfried Hansen

Siegfried Hansen arbeitet in seinen Bildern stattdessen viel mit grafischen Elementen, die er real vorfindet. Gerne experimentiert er mit Vorder- und Hintergründen. Dabei entwickelt er ein feines Gespür für urbane Raumsituationen, für das inhärente Zusammenspiel von Farben, Flächen und Konturen. So schafft er Kompositionen, in denen stürzende Linien, gitterartige Strukturen, Schattenrisse wie selbstverständlich zusammenfinden, einen neuen Sinn stiften und nicht selten einen hintergründigen Humor transportieren.

Aus der Serie »Hold the Line«.

Aus der Serie »Hold the Line«. Foto: Siegfried Hansen

Nach eigenem Bekunden kann Siegfried Hansen gar nicht anders – immer und immer wieder »scannt« der Fotograf das Geschehen ab, wenn er auf der Straße unterwegs ist. Am Ende gelingt ihm fast immer die Abstraktion alltäglicher Situationen, an denen wir selbst achtlos vorbeigehen und die uns plötzlich in seinen Bildern überraschen.

Tractor Boys

Was treiben Jugendliche am Wochenende in der ländlichen Gegend Südschwedens? Genau das, was alle jungen Menschen überall auf der Welt tun: mit Freunden abhängen, Bier trinken, ausgelassen sein. Man entzieht sich dem Kontrollraum der Erwachsenen und trifft sich als Clique auf einsamen Parkplätzen, um der Langeweile und Orientierungslosigkeit des Daseins etwas entgegenzusetzen.

Aus der Serie »Tractor Boys«.

Aus der Serie »Tractor Boys«. Foto: Martin Bogren

Ein Gesetz aus den 70er Jahren in Schweden erlaubt, dass schon 15-Jährige Auto fahren dürfen, wenn diese für den Einsatz in landwirtschaftlichen Betrieben ausgewiesen sind –  meist Volvos mit Ladeflächen, deren Geschwindigkeit auf 30 km/h heruntergedrosselt ist. Natürlich kennen die »Tractor Boys« alle Tricks, die Autos zu frisieren und höhere Geschwindigkeiten aus ihnen herauszuholen. Wer waghalsig ist, klammert sich vorn auf die Motorhaube, um sich in hohem Tempo durch die Gegend kutschieren zu lassen. Andere sitzen auf dem Autodach und drehen so ihre Runden.

Aus der Serie »Tractor Boys«.

Aus der Serie »Tractor Boys«. Foto: Martin Bogren

Dem schwedischen Fotografen Martin Bogren ist es gelungen, tief in jene verschlossene Welt der Jugendlichen zu tauchen. »Tractor Boys« ist ein wunderbar melancholischer und gefühlvoller Bilderbogen über Heranwachsende, die Zigaretten inhalieren und mit Mädchen heimlich Küsse austauschen. Eine Nacht des Überschwangs, in der sie Rennen fahren und die Reifen ihrer Fahrzeuge durchdrehen lassen, um den Asphalt mit kalligraphischen Zeichen abgeriebenen Gummis zu übersäen. Rauchwolken hüllen die Autos ein. Das Kreisen der Autos wirkt wie ein Ritual des Balztanzes.

Aus der Serie »Tractor Boys«.

Aus der Serie »Tractor Boys«. Foto: Martin Bogren

Man möchte den Mädchen imponieren, die so tun, als ob das keinerlei Eindruck auf sie mache. Unwirkliche Momente entstehen, die in den düsteren grobkörnigen Schwarzweiß-Fotografien ihre perfekte ästhetische Umsetzung erleben. Am Ende der Nacht, wenn alle Exzesse durchlebt sind, dämmern die Jugendlichen erschöpft in den Autositzen weg; langsam rollen Volvos über einsame Waldwege davon. Am Horizont erheben sich schon die ersten Strahlen des Erwachsenendaseins.

Aus der Serie »Tractor Boys«.

Aus der Serie »Tractor Boys«. Foto: Martin Bogren