MAGAZIN #29

Aggreys Traum

Aggrey Mboya Kharondo fotografiert in den Gassen und am Strand von Mombasa. Er verkauft seine Fotos für 50 Cent — und unterhält damit eine Schule

Text & Fotos –

Uwe H. Martin

Liebevoll nimmt Aggrey seine abgewetzte messingglänzende Yashica FR aus dem windschiefen Schrank im Wohnzimmer. Es ist wichtig, dass er sich ganz genau vorbereitet. Vorsichtig gleiten seine rissigen Finger über die abgewetzten Einstellräder, den verharzten, häufig reparierten Auslöser, führen sanft das Tuch über die Frontlinse des 55-mm-Objektivs. Obwohl er es gestern schon zu seiner Zufriedenheit überprüft hat, so wie an jedem Tag in den vergangenen Jahren, schraubt er den Fisheyeaufsatz sorgsam auf das Objektiv. Vielleicht braucht er ihn heute für ein Gruppenbild. Dann verstaut er den Aufsatz mit einem Film, den Blitz, dessen Halterung gebrochen ist, den Kugelschreiber und eine alte Bildertüte in seiner Fototasche, hängt die Kamera vor den Bauch und verlässt das Haus.

Seine morgendliche Runde führt Aggrey gemessenen Schritts durch Shauri Yako, das er sein Village nennt. Nie würde er es als Slum bezeichnen. Aggrey versorgt seine Nachbarschaft mit Fotos. Hier leben etwa 50000 Menschen dicht gedrängt, schwitzend in selbstgebauten Hütten ohne Wasseranschluss und Toilette – Shauri Yako heißt übersetzt »Es ist Dein eigenes Problem«.

Vor dreißig Jahren kam Aggrey Mboya Kharondo aus dem Westen Kenias in die Küstenstadt Mombasa, um hier sein Glück zu suchen, genau wie all die anderen, die seine Welt ausmachen. Die ersten 14 Jahre arbeitete er als Schreiner, verdiente ganz ordentlich, doch dann wurde sein Rücken steif und er besann sich auf die Leidenschaft aus seiner Jugend. Er kramte die alte Kamera hervor, die er mit siebzehn bekommen hatte und begann voller Gottvertrauen sein Geschäft aufzubauen.

Es ist ein guter Morgen. Schon der erste, den er anspricht zieht schnell einen Hocker auf die Straße, setzt seinen Sohn in Pose und stellt sich stolz zu dem Fotografen. Es gibt nur diese eine Chance, denn ein Bild muss reichen. Deshalb ist äußerste Konzentration nötig und das Zählen: Eins, zwei, und noch bevor er bei drei ist, klickt leise der Auslöser.

Die Anspannung fällt ab. Aggrey kramt den Kugelschreiber aus seiner Tasche und notiert sorgsam den Namen des Kunden, die Anzahlung von umgerechnet 20 Cent. Später kommen noch 30 Cent dazu, die bei Abgabe des 10×15 Abzuges bezahlt werden. 50 Cent sind ein durchschnittlicher Tagesverdienst in Shauri Yako.

Im Verhältnis dazu ist die digitale Videokamera geradezu atemberaubend teuer, die der junge Mann mit suchtverschleierten Augen anbietet, der Aggrey wenig später in seine Behausung zieht. Die Sony könnte eine Geschichte über unvorsichtige Touristen erzählen, die wie wandelnde Geldautomaten durch die Gegend laufen und die man nur zu schütteln braucht, damit ein Monats- oder gar Jahreslohn abfällt. Doch 70 Euro kann Aggrey nicht aufbringen, obwohl es ihm ermöglichen würde, eine Hochzeit zu filmen und mehr Geld zu verdienen. Aggrey bietet an, immer wenn Aufträge reinkommen den Gewinn zu teilen, bis 80 Euro bezahlt sind. Doch der Junge versteht nichts vom Geschäft, braucht das Geld sofort. Leben – immer von der Hand in den Mund.

Geschäftstüchtiger ist der »Village Elder« Mumbo, der reichste Mann im Slum. Er verkauft Trinkwasser aus einem Brunnen, 2 Cent für 20 Liter – ein Modell, das Aggrey kopieren will. Deshalb buddelt er jeden Tag im Hinterhof seines Grundstücks, der im Schatten der großen, glasscherbenbewehrten Mauer liegt, die Aggreys Welt von der Welt der Reichen trennt.

Aggrey ist in Shauri Yako als guter Geschäftsmann angesehen, der mit 70 Euro monatlich mehr als die meisten verdient und immer neue Ideen hat. Mit seinen eigenen Händen baut er sein Haus auf dem Grund, der nicht ihm gehört, immer weiter aus. Sieben Lehmbodenräume, einen schönen Innenhof und sogar eine eigene Toilette umfasst sein Anwesen. Statt wie früher einige Zimmer zu vermieten und seiner zehnköpfigen Familie drei tägliche Mahlzeiten zu garantieren, bleiben sie heute häufig bis zum Abend hungrig.

Denn Aggrey und seine Frau Rebekka haben 2005 eine kleine Schule in ihrem Haus gegründet. Die Famile rückt jetzt in drei Zimmern zusammen. »Verstehst Du?« fragt Aggrey, »wir sind arm, aber es gibt so viele, die gar nichts haben. Mit denen müssen wir als Christen teilen.«

Zu denen, die gar nichts haben, gehören die 25 Aidswaisen, die ein viertel der Schüler in der überfüllten Schule ausmachen. Auch die Familien der anderen Kinder können sich eine der privaten Schulen der Umgebung nicht leisten, und staatliche Schulen gibt es viel zu wenige. Deshalb arbeiten auch die drei Lehrer meistens umsonst, es sei denn, Aggrey hat nach einem guten Monat etwas Geld übrig.

Jetzt hofft er, dass der nach den Unruhen 2007 eingebrochene Tourismus nach Kenia zurückkehrt. Denn nachmittags geht Aggrey zum Strand bei den großen Hotels. Heute liegt dieser wie ausgestorben da. Nur einige weiße Kitesurfer zeigen auf dem Wasser ihre Kunststücke, amüsiert beobachtet von den Cola- und Souvenirverkäufern, Bootsführern, Kameltreibern und Strandmädchen, die wie Aggrey gelassen auf Kundschaft warten. »Am Wochenende läuft es besser. Oft kann ich dann einen ganzen Film fotografieren,« erzählt Aggrey, als er den leeren Strand entlanggeht, um vielleicht doch noch ein Bild machen zu können.

Als die Sonne untergeht ist Aggrey zurück in seinem Haus. Entspannt sitzt er bis zum Abendessen um 21 Uhr im Innenhof und lässt den Tag Revue passieren. Sechs Kunden sind nicht schlecht für einen normalen Wochentag, immerhin drei Euro hat er heute eingenommen. Nach Abzug der Kosten für Film, Entwicklung und die Abzüge bleiben ihm 1,50 Euro.

Im Schein einer Lampe beginnt die Familie mit dem Abendessen, nachdem Aggreys Tochter Sheilla Beauty, die sich so gibt wie sie heißt, das Tischgebet gesprochen hat. Der obligatorische Maisbrei wird mit drei Arten Gemüse gereicht, die an bitter schmeckenden Spinat erinnern.

Wie in der Fotografie kommt es bei Aggrey immer auf den richtigen Moment an. Alles hat seine Zeit, die Vorbereitung des Tages, die Runde durch die Nachbarschaft, gefolgt von der kurzen Ruhepause im Laden, in der Kunden ihre Bilder abholen können, das Arbeiten am Brunnen, die Suche am Strand und das Werkeln am Haus.

Kurz bevor die Familie sich um 10 Uhr schlafen legt ist die richtige Zeit für Träume. Aggreys Traum geht so: Irgendwann will er sich eine kleine Digitalkamera und einen tragbaren Drucker kaufen, um so sein Geschäft zu erweitern. Dann könnte er den Kunden am Strand die Fotos direkt ausdrucken und für den Schnellservice statt 50 Cent pro Bild einen Euro bekommen.

»Verstehst Du?« fragt er mit leuchtenden Augen, die unmissverständlich deutlich machen, wie wichtig es ihm ist, dass man es begreift: »Ich könnte dann endlich allen Kindern in der Schule jeden Morgen satt zu Essen geben!

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Uwe H. Martin
fotografiert Langzeitreportagen über ökonomische, ökologische und medizinische Themen. Zur Zeit arbeitet er an einer fotografischen und filmischen Dokumentation zu Problemen der Baumwollproduktion.