MAGAZIN #08

Überleben zwischen Traumstrand und Elend

In Brasilien, dem Heimatland Sebastião Salgados, hält sich der Fotograf Artur Ikishima mit Tageszeitungs- und PR-Fotos über Wasser. Er findet aber auch noch Zeit für ein eigenes Fotoprojekt

Text –

Bernd Euler

Salvador-Bahia, das afrikanische Brasilien: Trommelmusik, Sonne pur, tropische Strände ohne Ende – und »der schönste Menschenschlag der Welt«, wie mancher behauptet. Die 2,5 Millionen-Metropole war die erste Hauptstadt des südamerikanischen Landes. Ihre historische Altstadt gehört zum Kulturerbe der Menschheit, außerdem hat Salvador den größten Straßenkarneval der Welt. Im Grunde also ein Traum für Fotografen.

Drei Tageszeitungen werden in der Hauptstadt Salvador hergestellt, erfüllen die Lesebedürfnisse der Region. Dazu kommen drei Fernsehsender und unzählige lokale Radiostationen. Lokale Zeitschriften oder Magazine allerdings gibt es nicht. Der überregionale Journalismus wird in den Giga-Städten Rio und São Paulo gemacht – schlechte Marktlage für Fotojournalisten. »Alles in allem sind wir vielleicht siebzig Fotografen in Bahia, knapp 30 allein in Salvador«, sagt Artur Ikishima. Dabei ist der Bundesstaat Bahia etwa so groß wie Frankreich und hat mit 17 Millionen Menschen die Einwohnerzahl von Nordrhein-Westfalen.

Seine 58 Lebensjahre sieht man dem Urenkel japanischer Einwanderer nicht an. Der Autodidakt begann den Journalismus mit dem Schreiben – seit dem 28. Lebensjahr fotografiert er nur noch. Reich wird man nicht als Fotojournalist im tropischen Bahia. Der Vertrag mit der Tourismuszentrale des Bundesstaates bringt Ikishima mehr als 600 Dollar. Das ist zwar der sechsfache Mindestlohn eines Brasilianers, doch große Sprünge erlaubt die Summe dem alleinerziehenden Vater und seinem Sohn nicht. »Mein Lebensstandart ist sehr niedrig«, sagt er. Das Auto ist alt, aber es fährt. Sein Stolz ist seine Nikon F 90 – doch Autofocus-Objektive hat er nicht, seine Linsen sind noch verchromt. Und geblitzt wird noch mit dem Metz.

Ein Nikon F4 Body kostet in Brasilien an die 4000 Dollar, eine Rolle Fuji Provia zwischen 20 und 25 Dollar, und eine E6-Entwicklung schlägt mit 10 Dollar zu Buche. Und manchmal geht die Hälfte seines Vertragshonorares schon für die Handyrechnung drauf. Also muß Ikishima dazu verdienen. Jobs für die Tageszeitung A Tarde, das Veija-Magazin, eine Wohnzeitschrift und PR-Fotos für Firmen bringen noch einmal das Doppelte bis Dreifache des Vertragshonorars. Damit kann er ganz gut leben.

Film- und Entwicklungskosten belasten ihn nicht besonders. »Bei den journalistischen Aufträgen erhalte ich eine bestimmte Anzahl Filme und gebe das belichtete Material wieder ab.« Was danach passiert, wirkt wie aus dem fotografischen Gruselkabinett: Ikishima sieht kein Dia wieder – die Verlage behalten alles. »Wenn ich Glück habe, kann ich mir ein oder zwei Dias für eine Präsentation holen, aber veröffentlichen darf ich die nicht.« Traurige Tropen: Mit dem Arbeitsvertrag gibt der Fotograf alle Rechte ab. Wenn die Verlage die Bilder überhaupt weiterverkaufen, dann zu sehr niedrigen Honoraren – davon erhält der Fotograf Prozente. Wieviele? »Es lohnt nicht, die Zahl zu behalten.«

Creditlines scheinen auch nicht gerade eine südamerikanische Erfindung zu sein – nur selten tauchen sie in Zeitungen auf. »Zumindest in A Tarde, der größten Zeitung Bahias, bringen sie die Namen der Fotografen jetzt häufiger«, sagt Artur. Bei den überregionalen Magazinen ist das sogar schon üblich. Wenn auch nicht einklagbar.

Die Vereinigung der Reportage-Fotografen ARFOT kümmert sich um das Problem. Doch das ist auch so ziemlich das einzige, wofür sie sich engagieren können: Im Heimatland des Sebasteão Salgado haben Fotografen keine Lobby. »Da ist vor langer Zeit etwas verschlafen worden. Mittlerweile sitzen die Verlage an den längeren Hebeln«, sagt ARFOT-Mitglied Artur Ikishima. Was bleibt sind Apelle. Und beim Thema Nutzungsrechte für elektronische Medien lacht Ikishima nur.

Dabei ist der Agrarstaat Bahia in Sachen Telekommunikation alles andere als Rückständig: Hier gibt es das modernste Telefonnetz Brasiliens – die Rinderbarone informieren sich vom Sattel ihrer Pferde aus per Handy über die Preise an der Fleischbörse. Doch die Entwicklung der neuen Medien verläuft schneller, als der Abbbau feudalistischer Strukturen der Gesellschaft. So bleibt der Urheberrechtsschutz nebensächlich, ist Sache der Verlage. Fotografen werden nicht gefragt, zu unbedeutend ist ihre Rolle in der jungen Demokratie Brasilien.

Doch Artur kennt noch schlimmere Zeiten: »Zur Zeit der Militärdiktatur war der Beruf des Fotojournalisten ein gefährliche Sache.« Soziale Themen anzufassen, traute sich nicht jeder. Sein Engagement für diese Dinge war damals ausgeprägter als heute. Persönlich regt ihn die Ungerechtigkeit immer noch auf, aber der Markt für soziale Themen hat sich gewandelt. Ob Agrarreform, sklavenähnlich Arbeitsverhältnisse, Kinderprostitution, Drogenmißbrauch, Elend und Not – was Salgado der Welt in ästhetischen Bildern zeigt, gehört in Brasilien zum Alltag. Die Menschen hier sind ratlos , meint Artur, und sie sind der tristen Nachrichten überdrüssig. Soziale Fragen interessieren nur dann, wenn das persönliche Umfeld betroffen ist.

Das Beispiel der Landlosenbewegung ist für Artur Ikishima ein anderes Medienphänomen: Die größte außerparlamentarische Bewegung in der Geschichte Brasiliens gibt sogar schon Hauptfiguren für die Telenovellas her, die täglichen Soap-Operas. »So wird das heute in Brasilien angepackt, da bist du als Fotograf doch gar nicht mehr gefragt.« Artur ist Realist. Es gab in Brasilien nie eine Zeit der Fotoreportagen, keine großen Magazine, keine sozialdokumentarische Tradition wie in den USA oder in Europa. Wer seinen Namen unter ein brisantes Foto setzte kam während der Militärdiktatur schnell unter blutige Räder. Das Bild war in der Diktatur viel wichtiger als der Name.

Das spürt man noch heute: In den 13 Jahren der brasilianischen Demokratie hat eine Wertschätzung der Fotografen und ihrer Leistungen nie stattgefunden. Sie gingen vom Untergrund direkt in die Vergessenheit. Oder sie veröffentlichen, wie Salgado, hauptsächlich im Ausland.

Vielleicht braucht man diese nüchterne Distanz, um Arturs Resumee zu verstehen: »Ich mag meinen Beruf heute fast noch lieber, als früher.« Ikishima hat ein fotografischeres Bewußtsein entwickelt, arbeitet intuitiver und trotz aller Widrigkeiten der Berufsalltags, hat er noch seine Projekte. »Ich muß mich aktualisieren.« Die Lernprozesse unter den beschriebenen Umständen seien zwar langsam. Auch die eigene Bildsprache im Auge zu behalten, sei schwierig. In der tropischen, fotografischen Provinz zu experimentieren und bewußte Schritte zu vollziehen – das ist anstrengend. Es klingt fast ermutigend wenn einer sich so selbstverständlich in den Strom stellt: »Ich kann nur mit individuelleren Arbeiten gegenhalten.«

ARTUR IKISHIMA
Das Projekt Canudos

Canudos ist ein Mythos in Brasilien, besonders in Bahia: Das Dorf wurde vor 100 Jahren vom brasilianischen Militär zerstört, später überschwemmte ein Stausee die Ruinen. Der Wanderprediger Antonio Conselheiro führte einst den Aufstand des Dorfes an – mit dem Ziel, Land und Arbeit für alle zu schaffen. Er berief sich auf die Bibel, lehnte sich gegen die Regierung auf und rief einen unabhängigen Staat aus. Heute ist Conselheiro ein Volksheld, der in den Liedern zum Karneval, von der Landlosenbewegung und der Bewegung der Schwarzen verehrt wird.

Artur Ikishima, hat die ersten Aufnahmen seines Projektes über die Region von Canudos vor 20 Jahren fotografiert. Er schreibt: »Diese Fotos zeigen die Not der Menschen im Nordosten Brasiliens während der letzten 20 Jahre. Es sind die Nachfahren und zum Teil sogar noch Teilnehmer des Krieges um Canudos.« Der Fotograf will den Betrachtern vermitteln, daß sich seit 100 Jahren an der Not und dem Leid dieser Menschen nichts geändert hat – und daß es auch keine Perspektive gibt.