MAGAZIN #09

Auf Film und Block gebannt

Sie formulieren und fotografieren, recherchieren und redigieren – die journalistischen Allrounder, wie man sie oft bei kleinen Zeitungen antrifft. Eine solche »Schreibografin« ist auch Iris Frey, Lokalredakteurin der Cannstatter Zeitung. Dietrich Willier hat ihr bei der Arbeit über die Schulter geschaut

Text –

Dietrich Willier

Heute hat sie nur leichtes Gepäck dabei – ihre private Kamera, ein Objektiv, dazu zwei oder drei 12-Bild-Filme in Schwarz-Weiß, das Notizbuch und ein paar Stifte. An anderen Tagen schleppt Iris Frey dagegen eine derart schwere Fototasche mit sich herum, daß schon manch älterer Herr mitleidig angeboten habe, die Last zu übernehmen. Aber heute, zum Termin in einem Stuttgarter Neckarvorort zwecks Enthüllung einer historischen Informationstafel durch den dortigen Bürgerverein, gibt eine fahle Wintersonne genügend Licht. Auch das Motiv – besagte Tafel und ein paar lokale Honoratioren – stellt keine großen fotografischen Anforderungen. Da kann die junge Frau leicht auf ein zweites Objektiv verzichten und auf den Blitz sowieso. Und mehr als einen 12-Bild-Film darf sie aus Kostengründen ohnehin nicht verknipsen.

Jetzt steht sie am Ort der kleinen Feierstunde. Hier im heutigen Landschaftspark in den Neckarauen lag einst der Gutshof eines reichen Römers. Handfeste Beweise hatte man zwar nicht gefunden, doch die Stätte schien den braven Bürgern trotzdem eine Erinnerung wert. Und Iris Frey ein paar Fotos.

In einer guten Stunde bereits müssen ihre Bilder im Labor sein, der Bürgervereins-Vorsitzende läßt jedoch auf sich warten. Also überbrückt ein kurzer Plausch mit dem Bezirksratsvorsitzenden und dem Leiter des städtischen Gartenbauamtes die Zeit. Inzwischen hat sich der für die sachgerechte Formulierung des Tafel-Textes zuständige Historiker des Landesdenkmalamtes unter die Anwesenden gemischt; eine alte Frau nutzt die Gelegenheit, Iris Frey für einen früheren Lokalbericht zu loben und ihr mitzuteilen, daß sich jetzt sogar ihre Enkelin für den Journalistenberuf interessiere. Endlich trifft der Chef des Bürgervereins ein, hält eine kurze Ansprache, dankt den anwesenden Mitgliedern und Amtsvertretern.

Iris Frey notiert sich das Gesagte, schließlich will sich der Redner am nächsten Morgen exakt zitiert in der Zeitung wiederfinden. Jetzt wären vier Hände gut, doch unsere clevere Journalistin weiß sich auch so zu helfen, klemmt Notizbuch und Stifte zwischen die Knie, versucht gleichzeitig in verkrampfter Hockstellung ein passendes Fotomotiv zu erwischen. Wieder ein paar flüchtige Notizen und dazu die Abfrage der genauen Vor- und Nachnamen der Zitierten. Obligatorisch ist ihre inständige Bitte, die wichtigsten Personen des heutigen Ereignisses mögen sich doch für ein Gruppenfoto um die Tafel herum postieren. Die, sagt Iris Frey, würde immer gern befolgt. Also bitte lächeln, Schnappschuß, fertig – die Zeit drängt. Durch dichten Nachmittagsverkehr geht’s zurück in die Redaktion. Natürlich mit dem eigenen PKW, aber für den hat sie wenigstens einen Gratisparkplatz hinter dem Verlagsgebäude.

Iris Frey, 32 Jahre alt und examiniert in Deutsch und Politik, hat schon während ihres Studiums und später als Freie für Zeitungen geschrieben. Die Festanstellung als Lokalredakteurin bei der Cannstatter Zeitung im vergangenen Jahr, schwärmt sie noch heute, sei der Traumjob ihres Lebens. Jeden Tag neue Ereignisse und Aufgaben, sagt sie, und jeden Tag neue Gesichter. Bei der Organisation ihres journalistischen Alltags in der sechsköpfigen Redaktion sei vor allem eine frühere Ausbildung zur Euro-Sekretärin hilfreich. Denn ohne persönliche Disziplin, meint Iris Frey, sei der tägliche Streß zwischen Tagesplanung, Terminen, Konferenzen, Schreibtisch bis hin zum Layout der Zeitung gar nicht zu bewältigen.

Ihr journalistischer Alltag ist jedenfalls weit entfernt von der Muße einer Edelfeder. Seit Fotografen, Setzer, Layouter, Grafiker, Techniker und Korrektoren aus kleinen Lokalredaktionen wie jener in Cannstatt verbannt wurden, sind Journalisten hier zu mehr oder weniger talentierten Allroundern avanciert. Auch und vor allem in Bereich Foto. Dabei gebe es von der Redaktionsleitung schon manchmal Kritik, wenn ein Motiv nicht gut gewählt oder ein Bild unscharf sei, erzählt die Redakteurin. Und weil der für Entwicklung, Vergrößern und Einscannen zuständige Laborant abends um sechs Uhr Feierabend macht und sie deshalb oft gar keinen Einfluß mehr auf die Bildauswahl hat, würde sie gelegentlich wohl auch noch dessen Arbeit gerne übernehmen. Das Problem könnte bald auf andere Art gelöst sein – noch in diesem Jahr, heißt es, solle für jeden Redakteur eine Digitalkamera angeschafft werden, um die Chip-Fotos direkt ins Computersystem einzuspeisen.

Noch ist es nicht soweit. Und während Iris Frey den belichteten Film mit den Infotafel-Fotos und Angaben für die Bildauswahl im Labor auf ein Formular klebt und gleichzeitig am Bildschirm einen Artikel redigiert, erzählt sie von den Reizen ihres Reporterlebens. Neulich etwa sollte sie für eine Sonderseite in Wort und Bild Impressionen unter einer Zirkuskuppel einfangen. »Zufällig stand da ein Stuhl in der Manege«, erinnert sich die Redakteurin, auf den sei sie dann geklettert, die Schreibutensilien unterm Arm, und habe versucht, die gesamte Artistentruppe ins Bild zu kriegen: »Natürlich hätte ich näher rangehen müssen, aber da rannten dauernd irgendwelche Kamele durch die Manege, und solange die auf mich zugaloppierten, konnte ich ja weder das Objektiv wechseln noch fotografieren.« Und dann hatte sie’s doch geschafft, das Zirkuspublikum zu animieren, »die Arme in die Luft zu reißen, damit ich ein fröhliches Bild bekomme«.

Learning by doing: Für die meisten Redakteure kleiner Lokalzeitungen ist der berufliche Alltag die hohe Schule des fotografischen Metiers. Ein paar Tage Umgang mit der Kamera während eines früheren Volontariats mußten auch für Iris Frey genügen. Dann hat sie anderen Fotografen bei der Arbeit über die Schulter geschaut und sich den Rest – zusammen mit ihrem Journalistengatten – im vergangenen Jahr selbst beigebracht. »Meine vollautomatische Kamera«, sagt sie, »ist bei dem Job schon ein großer Vorteil«, und derzeit übe sie sich auch in der manuellen Einstellung des Apparates. Auf ihre lichtbildnerischen Resultate ist sie trotz aller Hektik im Dschungel der Ereignisse sichtlich stolz. »Meine guten Fotos unterscheiden sich nicht von Profibildern«, behauptet Iris Frey selbstbewußt. Und vertraut trotzdem der Computertechnik: »Wenn der Ausschnitt nicht stimmt, kann man ihn ja im Layout bearbeiten. Unser Grafikprogramm läßt sogar runde Bilder zu.« Notizblock, Kamera, Multifunktion in der Redaktion, Terminstreß – Iris Frey sieht das gelassen. Natürlich vermisse sie manchmal einen begleitenden Fotografen. Bei einem Interview etwa, wo sie ja nicht gleichzeitig schreiben und fotografieren könne. Den Rest aber nimmt sie pragmatisch: »So muß ich keinen Fotografen herumdirigieren und kann vor allem die intime Situation mit meinen Gesprächspartnern für ein Foto nutzen, ohne daß dauernd ein Kollege mit der Kamera herumspringt. Der würde doch nur stören.« Und wenn einmal wirklich alles schief geht, »dann gibt es ja schließlich noch andere Fotografen, die Bilder gemacht haben, oder das Abonnement beim dpa-Bilderdienst«. Zum Alptraum wird ihr der Traumjob deshalb noch lange nicht. »In keinem anderen Beruf komme ich so viel herum und mit so vielen Menschen und immer wieder neuen Situationen zusammen wie hier.«

Spricht’s, und ruft wie üblich um 21.30 Uhr die letzten Polizeimeldungen ab. Am nächsten Morgen beginnt der Wochenenddienst. Viel Zeit bleibt da nicht für ein Leben außerhalb des Jobs.