MAGAZIN #05

Aus klein mach groß mach klein

Fotografenagenturen sind meist aus einem Büro von Bildjournalisten entstanden. Entgegen dem Trend, sich auf gemeinsame Bildvermarktung zu beschränken, setzt die Fotografengemeinschaft GARP seit 12 Jahren auf Zusammenarbeit

Text –

B.Kannt

Wenn das New York Times Magazine Bilder aus Deutschland braucht, läutet bei GARP in Hamburg das Telefon. Ein Glücksfall, von dem so mancher Fotograf träumen mag.

Doch für GARP – es komprimiert den sperrigen, aber programmatischen Namen Gesellschaft für Art, Redaktion und Photographie – ist es noch mehr, noch etwasanders. Eine Art Zeichen für die geglückte Neuorientierung als Dreimann-Agentur: Udo Thomas, Gerald Hänel und Tilman Schuppius.

Die Sache mit der »Times« began eigentlich wie ein klassischer Flop. Bei der unermüdlichen Suche nach weiteren Verwertern ihrer Werke war es GARP eingefallen, auch dem Farb-Supplement der ehrwürdigen Tante am Hudson River eine Fotoauswahl zu senden. Die Bilder wurden nicht genommen. Berufsrisiko, klar, und trotzdem immer wieder bitter. Aber dann, New York calling: Erst sollten die emsigen GARP-Leute aus Hamburg-Altona den Amerikanern ein Architektur-Thema in Frankfurt/Main fotografieren. Und dann ging’s auch weiter. Seit einem Jahr scheinen die drei Hamburger, die in Wahrheit der nordrheinwestfälischen Provinz entstammen, jenseits des Atlantik als die Germany-Connection zu gelten.

Glück eben, und das ist – glaubt man dem alten Preußen-General Moltke – auf Dauer nur dem Tüchtigen beschieden, hat die beiden Unzertrennlichen Thomas und Hänel damals überhaupt erst ins Geschäft gebracht. Der STERN kaufte den damaligen Studenten für Photodesign vom Fleck weg eine Bildreportage ab. Allerdings hätte es wohl kaum dazu kommen können, wären die hoffnungsvollen Jungtalente, damals Anfang Zwanzig, zuvor nicht auf eine Idee verfallen, auf die man erst mal kommen muß. Ausgerechnet unter das Motto Erotik ’84 war die seinerzeit in Bielefeld für die Studenten ausgelobte Fotoausstellung gestellt worden. »Das fanden wir superblöd«, erinnern sich Thomas und Hänel. Sie übersetzten das abgegrabschte Thema auf ihre eigene Weise: »Wir machten eine Geschichte über künstliche Tierbesamung.« Der STERN griff zu und nahm auch die Bilder des zweiten, nicht minder ausgefallenen Themas – Embryotransfer.

Und dann meinte es der Zufall gleich noch einmal ausgesprochen gut mit den Jungs aus Bielefeld. Wo sie nun schon mal in der Redaktion herumstanden und gerade eine Reportage über Rucksacktourismus vakant war, fragte man sie, ob nicht einer von ihnen das Thema covern wolle? Ein heikler Augenblick für die beiden Freunde, keiner mochte dem anderen die Chance nehmen. Thomas und Hänel schauten sich an, zuckten die Schultern – und bekamen den Auftrag, beide.

Doch die Ägäis-Insel, die in der stern-Redaktion noch als Geheimtip der Rucksack-Tramper galt, war in Wahrheit längst von stockbürgerlichen Samsonite-Hartschalen beherrscht. Was macht der Fotograf in einer solchen Situation? Für die GARP-Leute damals wie heute keine Frage. Schauen, schauen und draufhalten. Zeigen, was ist. So wurde es gerade deshalb eine gute Reportage, weil Thomas’ und Hänels Bilder die wirkliche Geschichte erzählten. Wohl auch ein Grund für den GARP-Erfolg: Dieses sich nicht von Vorgaben festpflocken lassen, Zeit lassen, machen.

Und dann natürlich noch das Grundkonzept, das sie beibehalten haben, seit sie 1985 ihre »Gesellschaft« im heimischen Bielefeld gründeten: Das Geschichten-Erzählen. An sich nichts Außergewöhnliches – Reportagen will fast jeder machen. Bei GARP läuft das allerdings auf die etwas andere Art. Es wird »journalistisch« gedacht, sie bieten ihre Themen als komplettes Paket an, mit Text. Dazu arbeiten sie mit vier, fünf freien »Schreibern« zusammen.

In den Anfängen »sind wir auf die Schnauze gefallen, was die Texte betrifft«. Die Storys der Redaktion paßten ihrem Geschmack nach überhaupt nicht zu ihren Fotos. Also taten sich Gerald und Udo mit ihrem Freund und Schreiber Reginald Bruhn zusammen.

Damals war man »richtig kollektiv«: Alles machte man zusammen, zahlte sich das gleiche (karge) Gehalt, rüstete sich gemeinsam aus, teilte miteinander, keiner war der »Boß« – Sozialstation der ausgehenden Sechziger und Jugend in den Siebzigern. Allerdings ohne den haut gout des »Handgestrickten« jener Epoche. Es sollte professionell zugehen.

Die Rechnung ging auf, das Ganzheits-Konzept klappte zusehends. Waren es anfangs klassische Schwarz-Weiß-Sozialreportagen wie Wohnungsnot oder Jugend, rückten rasch die etwas abseitigeren Aspekte ins Bild. Alltagsgeschichten mit skurrilen Facetten, teils selbst ausgegraben, dann auch als Auftrag – etwa die mobile Striptease-Bude (Gerald & Udo für stern), der Boxverein, der immer verliert (Tilman für Tempo), Rasenmäher-Rennen in Sussex (Gerald & Tilman für Sports). Und dann die ganz großen Farbstrecken wie »D-Day in der Normandie« oder »Scooter-Boys«.

Die intime Mini-Gesellschaft für Art, Redaktion und Fotografie florierte – und expandierte fast zwangsläufig. Der Erfolg zog an. Längst war man nach Hamburg umgezogen, »zur Untermiete« zuerst, zeitgemäß Bürogemeinschaft genannt – aber eben, wieder Glück, in dem außergewöhnlichen Projekt Medienhaus. Nun bezog man dort ein eigenes, großes Büro.

Zuletzt war man zu siebt. Und da ging bald gar nichts mehr. »Es war ein gut funktionierender Apparat, so ist das nicht«, sagt Udo, »aber der war auch teuer, und es gab niemanden der es noch blickte«. Die kuschelige Kollektivität war weg, aus der Traum: die Prämissen der unterschiedlichen Gesellschafter-»Generationen« zu unterschiedlich, die Bedürfnisse divergierten. GARP durchlitt den WG-Frust: Schier endlose Diskussionen um formale Sachen, aber keine Zeit mehr für das Wesentliche.

»Die Idee war ja, daß sich zwischen uns etwas entwickelt, gegenseitige Befruchtung mit Ideen und sowas. Aber dann haben wir über Fotografie vielleicht gerade mal zehn Minuten geredet«, beklagt Tilman.

Gerald resümiert, daß die Eigenverantwortlichkeit nachgelassen habe. Ein Kollektiv dieser Größe werde einfach »zu kompliziert«. Speziell, wenn man aus prinzipieller Überzeugung auf einen »Chef« verzichte.

Kehraus. Man zog die Konsequenzen – Trennung auf Raten – und im Büro eine Wand ein. Das war vor einem Jahr. Jetzt ist es wieder klein, man ist wieder zu dritt, wie am Anfang – wenn auch in anderer Besetzung. Dennoch möchte keiner die Erfahrung aus den Jahren des Großkollektivs missen. Sie hat auch klüger gemacht, realistischer, gelassener. Einen »Chef« gibts bei GARP immer noch nicht. Doch im Gegensatz zu früher gehen zum Beispiel Gerald und Udo nur noch einmal im Jahr gemeinsam auf Reportage. Ansonsten macht heute jeder seine eigenen Themen, findet sie nach Gespür und Neigung. Aber man redet wieder mehr miteinander.

Dennoch sei die individuelle Auftragslage sehr unterschiedlich. Vier Fünftel ihrer Aufträge würden personenbezogen erteilt. Alle können aber ganz gut vom Ertrag leben, und einen Praktikanten gibt’s auch. »Wenn es zehn große Geschichten im Jahr sind, ist das ganz okay, der Rest ist Kleinkram.« Ihr ganzheitlicher Ansatz hat nicht nur »Fun-Aspekt«, wie Udo Thomas sich ausdrückt – er lohnt sich auch.

Klingt alles zu schön, um ein normales Fotografen-Leben zu sein? Soviel Luxus ist natürlich nicht immer drin. Heute werden auch von GARP Tagestermine wahrgenommen, wenn’s sein muß – das »Schwarzbrot«. Aber solche Aufgaben abzulehnen, kann sich niemand leisten. Trotzdem: Der »Fun-Aspekt« spielt bei der Arbeit nach wie vor eine ganz wichtige Rolle. »Eine Woche an einem Thema dranzubleiben, macht einfach mehr Spaß. Keiner von uns fotografiert irgendwas, von dem er denkt: das könnte jetzt gebraucht werden, das verkauft sich gut.«

Auch den zweiten Markt ihrer Fotos betreuen die GARP-Leute in eigener Regie. Ist die Zweitverwertung ein mühseliges Geschäft? »Mit der Zeit kriegt man die Erfahrung«, sagt Gerald. Immerhin erwirtschaften sie damit inzwischen etwa ein Viertel ihrer Einkünfte. Wie man das schafft? Methode »Steter Tropfen…« und dann, Schneeballeffekt: Regelmäßig· versenden sie Duplikat-Sätze ihrer Geschichten an potentielle Interessenten – inzwischen vorzugsweise in ansprechendem Format: sei es in 6×7 (das deutlich lieber genommen wird als Kleinbild) oder als Prints bzw. Repros vom Farb-Negativ.

Einzelbilder werden nicht offensiv angeboten. Wegen des inadäquaten Aufwands. Auch hat GARP davon nicht allzu viele, »weil wir ja nicht täglich drei Termine abschrubben«. Dennoch verkaufen sie auch einzelne Stücke – auf Anfrage. Als regelrecht lukrativ, sagt Gerald, erweisen sich die neuerdings so beliebten Portrait-Geschichten auch in der Zweitverwertung. Viele ihrer Abnehmer finden sie in allen möglichen europäischen Ländern – von Skandinavien bis Spanien. Ihre Reportagen gehen dort gut. »Sie verkaufen sich mit Text besser«, erklärt Gerald. »Der Bereich liegt praktisch brach, weil keine Agentur das macht.«

Im Gegensatz zum Inland laufen die Verkäufe ins Ausland zumeist über dortige Agenturen. Die Kontakte hat man Zug um Zug aufgebaut und gepflegt. Inzwischen schauen die ausländischen Agenturvertreter auch von sich aus bei GARP vorbei. »Das Problem ist sogar«, kokettiert Udo ein bißchen, »daß man gar nicht genug produziert, was man da alles verkaufen könnte«. Da klingelt das Telefon. New York is calling? Nein, es ist die Honorarbuchhaltung eines deutschen Verlages. Die Dame versucht – wahrscheinlich auf Geheiß der Bildredaktion – das Honorar für einen Auftrag im Nachhinein zu kürzen. »Ja richtig«, sagt sie, »es war zwar vorher genau abgesprochen, doch das Honorar ist trotzdem zuhoch«. Sie hat kein Glück – und keine Ahnung, daß solches Ansinnen nicht einmal mit der Berufsehre eines orientalischen Basarhändlers vereinbar wäre. Für GARP ist der Alltag wieder eingekehrt.