MAGAZIN #11

Beweise aus Zelluloid?

So eindeutig Kriegsfotos auch sein mögen – sie zeigen immer nur die Wirklichkeit, die der Betrachter darin sehen möchte. Egal, ob in Bosnien oder im Kosovo: Oft bieten Bilder sogar gegensätzliche Auslegungsmöglichkeiten. Und die Grenze zwischen Symbol, Stimmungsmache und Beweis kann dabei schnell verschwimmen

Text –

Norbert Mappes-Niediek

Die Fälscher sind unter uns. »In seiner Ausgabe vom 4. Januar 1993«, schreibt der US-Journalist Peter Brock, »veröffentlichte ,Newsweek‘ ein Foto von mehreren Leichen mit einem Begleittext, der mit den Worten begann: ,Gibt es keine Möglichkeit, die serbischen Greuel in Bosnien zu stoppen?‘« Alle waren mal wieder erschüttert. Bloß Brock von der El Paso Herald Post hatte sich von der Suggestion dieses Bildes nicht einfangen lassen. Er enthüllte: »Tatsächlich zeigte das Bild serbische Opfer, darunter einen deutlich erkennbaren Mann in roter Jacke.« In seinem Artikel in der Zeitschrift Foreign Affairs trug er mehrere ähnliche Fälle zusammen und löste die erste große Debatte über Kriegsberichterstattung in Jugoslawien aus. Logen die Reporter und Korrespondenten uns etwas vor? War in Wirklichkeit alles ganz anders?

Leider hat Kollege Brock uns keinen Blick in die vermeintliche Fälscherwerkstatt von Newsweek tun lassen. Aus gutem Grund – denn damit wäre seine These, dass die bosnische Kriegsgeschichte umgeschrieben werden müsste, wohl kläglich verendet. Der »Fälscher« war vermutlich ein harmloser Bildredakteur, der einen Korrespondentenbericht vor sich liegen hatte und sich aus einem riesigen Stapel von Fotos das beste heraussuchte. Vielleicht war das Bild auf der Rückseite »neutral« ausgezeichnet, als Aufnahme von »Kriegsopfern in Bosnien«, vielleicht war auch schon der Agentur der Irrtum unterlaufen. Aber sagt eine solche Nachlässigkeit irgendetwas aus – außer vielleicht, dass unser Bildredakteur Krieg grundsätzlich scheußlich findet und ihm die Frage vergleichsweise egal zu sein scheint, ob die Opfer nun gerade Serben oder Muslime, Kroaten oder Albaner sind?

VOM BEWEIS ZUM SYMBOL

Geschichten wie die von Peter Brock – der später noch weitere folgten – leben alle von einem professionellen Irrtum, der offenbar Fotografen, Textjournalisten und Medienkritiker gleichermaßen gefangen hält: dass Kriegsbilder etwas beweisen würden. »Beweisfotos« aber schießt höchstens die Kamera in einer Bankfiliale, kein Journalist. Die eindrucksvollen Aufnahmen aus den Kriegen im früheren Jugoslawien haben nur illustriert, was schon vorher und auf vielfältige und bedeutend kompliziertere Weise bekannt geworden war: dass dort ein besonders grausamer Krieg stattfand, in dem für mindestens zwei Parteien die Zivilbevölkerung der eigentliche Kriegsgegner war, dass die meisten Kriegsverbrechen dabei von serbischen Zivilisten und Freischärlern begangen wurden. Der UN-Menschenrechtsbeauftragte Tadeusz Mazowiecki schätzte (vielleicht etwas zu hoch, aber in der Tendenz richtig), dass 80 Prozent der Kriegsverbrechen im bosnischen Krieg von der serbischen Seite begangen worden seien. Ein toter Muslim auf einem Foto ist dafür ein Symbol, und als solches wird er auch abgebildet; nicht als Beweis. Denn selbst wenn 99 Prozent aller Toten Muslime gewesen wären, so gab es doch auch ermordete Serben. Sie waren genauso tot, genauso unschuldig, und ihr Schicksal war genauso schrecklich. Nur als Symbole taugten sie eben nicht.

Bilder von den Kriegen in Bosnien und im Kosovo sind kaum vorhanden. Bei den Massakern, der Erstürmung und »ethnischen Säuberung« von Dörfern war kein Fotograf dabei, bei keiner Vergewaltigung, nicht bei der Trennung von Männern und Frauen, nicht beiden Massenerschießungen wehrfähiger Männer, beim Anzünden von Häusern und Verminen der Ruinen, beim Quälen von Menschen in Lagern und Gefängnissen – wobei gerade das Quälen, wie wir aus den Berichten Betroffener wissen, oft so grausam-subtil vor sich ging, dass eine Kamera es nicht hätte erfassen können. Wir wissen von alledem aus den Zeugenaussagen, die im Kosovo von der OSZE und in Bosnien von der UN und »Helsinki Watch« systematisch zusammengetragen und gegeneinander abgeglichen wurden, und von den Prozessen in Den Haag, die zur Zeit stattfinden. Gegen diesen Aufwand an Beweismaterial hätte kein einzelnes noch so eindrucksvolles Bild eine Chance.

STREIT UM KRIEGSSCHULD

Nur wenn man glaubt, die Bilder bewiesen den ganzen Schrecken des Krieges, kann man auch annehmen, dass ein Fehler auf einem Bild denselben Schrecken widerlegte. Davon lebt eine naive Variante der Medienkritik. Wenn der eine Mann auf dem berühmten Foto gar kein Muslim ist, dann sind in Wirklichkeit wahrscheinlich gar nicht die Muslime, sondern die Serben die Opfer. Irgendjemand will uns da was weismachen…

Solche Vorstellungen lassen sich nur grundsätzlich ausräumen. Wenn man versucht, sie im Einzelfall zu widerlegen, kommt lediglich Absurdes dabei heraus. Der zitierte Peter Brock behauptete in seinem Artikel auch, der berühmte »Mann hinter Stacheldraht« aus dem serbischen Lager Trnopolje sei in Wirklichkeit ein

Serbe gewesen. Die Gesellschaft für bedrohte Völker wies dann nach, dass es doch ein Muslim war. Beide Seiten waren ideologisch motiviert und führten einen Streit um Kriegsschuld: Für Brock waren die Serben die Guten, für die GfbV dagegen die Serben die Wiedergänger der Nazis. Damit beide Unrecht behalten konnten, führten sie einen Streit um ein Bild, das nichts bewies. Beide sind Unterstützer einer Kriegspartei und damit die natürlichen Feinde jenes arglosen Newsweek-Redakteurs, der Krieg einfach schlimm findet und dem es egal ist, in welcher Kirche der Ermordete auf seinem Bild beten ging. Beide brauchten Symbole, weil die Fakten ihnen im Wege waren.

Die wirkliche Geschichte des Stacheldraht-Fotos hat der deutsche Journalist Thomas Deichmann akribisch recherchiert. Er gibt – ohne Bilder – ein sehr realistisches Szenario von den Zuständen in Trnopolje und anderen Lagern und wirft der britischen TV-Journalistin Penny Marshall zu Recht vor, sie habe die Aufnahmen unwidersprochen als »Beweis« für ein »serbisches KZ« durchgehen lassen, das es nie gab und das auch Trnopolje nicht war. Aber auch Deichmann beweist – mit enormem Aufwand – nur, dass da ein Reporterteam dem Schrecken ein wenig nachhalf und sich dann von unerwartetem Ruhm hat forttragen lassen.

Das Bild passte im Sommer 1992 wie der Schlüssel zum Schloss: Wer glaubhaft machen konnte, dass sich in Bosnien etwas Ähnliches abspielte wie in Auschwitz, konnte die Widerstände der europäischen Öffentlichkeit gegen eine Militärintervention brechen. Als Stimmungsmacher war das Bild gut, nicht als Beweis; nicht auf seinen konkreten Inhalt kam es an, sondern auf die Erinnerung, die es heraufbeschwor. Dieselbe Funktion hätte auch das Foto von Puppen wahrnehmen können, die entführte Kinder zurücklassen mussten. Schmuddelblätter schlachteten das Foto auf die primitivste Art aus: »Der Beweis« titelte fett die britische Daily Mail. Selbst wenn es einer gewesen wäre, hätte es gar keinen mehr gebraucht. In Wirklichkeit waren Existenz und Charakter der Lager der UN und damit auch den westlichen Regierungen schon vor dem ersten Foto bekannt gewesen

FOTOS FÜR DIE STIMMUNGSMACHE

Ohne Bilder vom Krieg ahnte die westliche Öffentlichkeit nichts von seinem Schrecken, aber wer Kriegsbilder als »Beweis« vorzeigt, betreibt unseriöse Propaganda. Von Regierungen dürfen wir erwarten, dass sie auf die Suggestion eines Fotos nicht hereinfallen. Wenn im Kosovo-Krieg Verteidigungsminister Rudolf Scharping Aufnahmen von einem Massaker im Ort Rugovo präsentierte, die im Übrigen längst veröffentlicht waren, bewies auch er damit nichts: weder wer die Toten waren, noch wie sie umkamen. Wurden die Menschen vor ihrem Tod verstümmelt, so war es grausamste Folter, geschah es aber (wie es wahrscheinlicher ist) nach ihrem Tod, war die Verstümmelung ein symbolischer Akt, der zwar Abscheu erregt, aber in der Region auch seine kulturellen Wurzeln hat. Eine Menschenrechtsverletzung ist es nicht. Regierungen sollen nicht Stimmung machen, sondern sich – so gefühllos das klingt – nüchternen, unanschaulichen Zahlen stellen; sie sind auf einer anderen Abstraktionsebene zu Hause als die Daily Mail.

Die Intervention der Nato im Kosovo folgte einer eigenen Logik, die mit dem Massaker von Rugovo nichts zu tun hatte. Diese Logik umständlich zu erläutern, waren die Regierenden bald leid; wenn sie ihrer eigenen Argumentation zuhörten, fanden sie sie zwar meistens richtig, aber selten richtig mitreißend. Scharping wollte einmal direkt heran ans Volk, einmal ohne den lästigen Umweg über allerlei Experten, Analytiker und andere journalistische Bedenkenträger möglichst »authentisch« Stimmung machen – mit Bildern, aber auch mit theatralisch eingesetzter innerer Bewegung. Heraus kam, wie immer in solchen Fällen, Demagogie. Mag der eine oder andere Fotograf sich durch die Karriere seines Bildes in der hohen Politik auch geschmeichelt fühlen. Aber am besten und ehrlichsten werden Kriegsfotos immer noch verwendet, wenn ein Textjournalist sie auswählt, um seine eigenen Absichten zu illustrieren.

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Norbert Mappes-Niediek
lebt in Österreich. Er ist seit acht Jahren freier Korrespondent für Südosteuropa und arbeitet u.a. für die Berliner Zeitung, DIE ZEIT und den Deutschlandfunk.