MAGAZIN #25

Bilder vom Leben der Anderen

Den Alltag in der DDR – die kleinen Fluchten und den großartigen Widerstand – hat kaum ein anderer Fotograf so umfassend dokumentiert wie Harald Hauswald. Bis zum 16. November stellt er in Hamburg in der FREELENS Galerie aus.

Text –

Lutz Rathenow

Fotos –

Harald Hauswald

Gerade kaufte sich der Fotograf Harald Hauswald über einen Online-Anbieter eine gebrauchte Kamera. Nein, keine digitale, die würde er nie benutzen –ein kleines, altmodisches Modell, ohne Motor und aufwendige Technik. »Damit ich auch einmal wie ein Tourist fotografieren kann«, erläutert er. Der 1954 in Radebeul bei Dresden geborene Hauswald braucht gelegentlich die Unauffällligkeit eines Chronisten, der seine Motive nicht inszenieren will.

Am Anfang stand einer jener ungeregelten Lebensläufe, die die DDR eben auch hervorbrachte: 1970 beginnt er eine Fotografenlehre, die er nach kurzer Zeit abbricht. Als Industrieanstreicher, Aufzugsmonteur, Gerüstbauer und Tontechniker verdient er sein Geld, zieht mit Rockbands durchs Land. Später folgt dann doch noch die Gesellenprüfung als Fotograf. Aber er wechselt wieder zum Techniker bei Rockbands, der auch schon fleißig seine Umgebung fotografiert, um auf Bildern seine Welt neu zu erfinden. Natürlich schwarzweiß, das war am Anfang in der DDR eine Frage des technischen Materials – später eine Gesinnung, die bis heute vorhält. Schwarzweiß ist nuancenreicher, lässt dem Betrachter Räume für die eigene ergänzende Farbphantasie – es verfremdet die Welt, um sie besser zu erkennen. So Hauswalds Credo.

Er gehört zu denen, die sich im Laufe der Jahrzehnte äußerlich kaum verändert haben. Rückenlange, wehende Haare, seine stets freundliche auffordernde Stimme. Als Fotograf war er in guter Gesellschaft, schließlich entwickelte sich in der DDR eine eigenständige Fotografie abseits des gähnend langweiligen Journalismus – eine, die vor allem in Galerien und der bildenden Kunst Unterschlupf fand. Eine, mit viel Interesse am Menschen und den Spielarten des Porträts. Fotokünstler wie Arno Fischer, Sibylle Bergemann und Ute Mahler stehen dafür.

Der neugierige Blick auf die Welt und eine Gier auf Leben treiben Hauswald hinaus auf die Straßen und Plätze: Film für Film verwandelt er sich immer mehr in einen, der vor allem Fotograf ist. Als er 1978 nach Berlin zieht, schlägt er sich unter andem als Telegrammbote durch, läuft und radelt durch die ganze halbe Stadt Berlin, den Fotoapparat immer im Gepäck.

Nah an dem Menschen spürt er gleichzeitig den grafischen Kontrasten in der Architektur einer Stadt hinterher. So lernen wir uns kennen. So kommt es zu den ersten Veröffentlichungen im Westen – in der kleinen Tageszeitung mit dem großen Namen TAZ und der Westberliner Literaturzeitschrift Litfass. Da hat Hauswald schon einen Teilzeitjob bei der evangelischen Stephanus-Stiftung in Weißensee – als Fotograf. Eine Arbeit, die ihn genauso wie die Kontakte zu Westjournalisten politisch schützt, aber auch vor neue Aufgaben stellt, die ihn als Fotografen weiterentwickeln. Gerade seine Bilder von Behinderten aus der Stephanus-Stiftung spornen ihn weiter an, das Schöne im Unerwarteten bis Unerwünschten zu suchen.

Liebevoll bringt er Außenseiter ins Bild – seine Aufnahmen von Punks zeigen mehr als eine Szene, die die DDR lieber verbergen will. Harald Hauswald bebildert die Vitalität einer anderen DDR und erinnert daran, dass es nie nur eine Normalität in der Gesellschaft gibt. Er berichtet vom Nebeneinander der Generationen und unterschiedlichen Lebensvorstellungen. Das schafft Spannungen und Energien, die bis heute anregen, die die einen zum lächeln bringen, andere ärgern.

Im Februar 2007 betrachteten über hunderttausend Menschen in einem Einkaufszentrum in Jena die zum Teil ungewohnt groß präsentierten Fotos. Vor ihnen kam es zu Diskussionen, im Besucherbuch tobte der Streit, was typisch für die DDR gewesen wäre. Ein Streit wie ihn Jena noch nicht erlebt hatte, schrieb ein Journalist. »Die Fotos fordern offenbar die Gefühle und Erfahrungen heraus, einige wollen sich an eine andere DDR erinnern«, meint Harald Hauswald dazu. Er bemerkte auch Differenzen zwischen den Generationen. Ablehnung kam nur von den Älteren, die sich vielleicht in jenem mürrischen Trotz wiedererkannten, der so manche staatlich angeordnete Aktivität auf seinen Bildern im nachhinein als eine Art ungewollter Staatskarneval erscheinen lässt. Hauswald hat dafür eine Erklärung: »Einige sind in dem Land noch nicht angekommen, aus dem ich mich herausknipsen wollte.« Am letzten Ausstellungstag kam es zu einer nur kurz zuvor angekündigten letzten Diskussionsmöglichkeit. Zweihundert Besucher erschienen und begrüßten den Berliner Fotografen mit langem Beifall.

Zu DDR-Zeiten hatte er sein Publikum nur im Westen und bei jenen, die kirchliche Räume aufsuchten. Hauswald wuchs in den achtziger Jahren immer mehr in eine Sonderrolle hinein. Die evangelische Kirche spielt dabei eine vielfältige Rolle: als Arbeitgeber und als maßgeblicher Ort, an dem er zum Chronisten der unabhängigen Friedensbewegung der DDR wird. Im Auftrag seiner Freunde, von denen immer mehr nach Westberlin umziehen oder umziehen müssen. Andere bleiben in der DDR und verhelfen ihm zu regelmäßigen Veröffentlichungen in der Kirchenpresse.

1987 erscheint in München der Bild-Text-Band »Ost-Berlin – Leben vor dem Mauerfall« und macht ihn noch bekannter. Dieser Beleg lustvoll gelebter Ost-Identität und Ausdruck oppositionellen Verhaltens gegen den Staat gleichermaßen, erzeugt damals wie heute Streit über subversive Energien und Strategien in einer Gesellschaft. Zum Beispiel in der Gethsemanekirche 1988 beim ersten Kirchentag seit langer Zeit wieder in (Ost)Berlin. Die Ausstellung will ein staatlicher Vertreter vom Stadtbezirk am Tag der Eröffnung verhindern. Beim entscheidenden Rundgang waren zufällig Vertreter der ARD vor Ort und der Mann vom Stadtbezirk entscheidet deshalb: sie darf hängen bleiben. So vermeidet er einen Bericht über eine verbotene Ausstellung. Am Abend werden dann an die achthundert Gäste gezählt, ohne dass eine Notiz in einer Tageszeitung gestanden hätte. Für den Stern oder Geo fotografiert Hauswald dann auch Farbserien und die Filme müssen wie alle anderen Veröffentlichungen über die Grenze geschmuggelt werden. Durch die akkreditierten West-Journalisten. Die müssen auch unbenutzte Farbfilme aus dem Westen hereinbringen, weil die Qualität der einheimischen den Hochglanzmagazinen nicht genügt. Diese Fotos wollen Neugier wecken auf die eigenwillige Stadt in der Stadt: Schmutziges und Zerbröckelndes genauso wie Raffiniertes und selbstbewusst Freches.

Hauswalds Aufnahmen sind eine Liebeserklärung an eine halbe Stadt, die Ganz-Berlin heute sehr prägt. Er wird zum Chronisten der Spätzeit der DDR. Über keinen Fotografen in der DDR häufte die Staatssicherheit so viele Aktenseiten an. Er begleitet die unabhängige Friedensbewegung nicht nur, er wird Teil von ihr. Verfertigte Collagen für Friedenswerkstätten, Fotos für Nachrichtenagenturen und politische Dokumentationen und erlebte als alleinerziehender Vater diverse Schikanen: konspirative und offizielle Hausdurchsuchungen.

Spätestens seit der Veröffentlichung seines Buches »Ost-Berlin« und der Farb-Reportagen in Geo laufen an jedem Feiertag ein paar Stasileute hinter ihm her, um zu fotografieren, was er wohl fotografieren würde. Und um ihn einzuschüchtern. Bis zuletzt versuchten die Staatsorgane, ihn entweder zu verhaften oder zu bestechen.

Hauswald arbeitet einfach weiter. Er gewinnt das Vertrauen von Hooligans und begleitet sie. Und erwischt immer wieder einmal den Zufall in jenem glücklichen Moment, in dem er zwangsläufig zu sein scheint. Und manche DDR-Bürger staunen heute beim Betrachten so mancher Aufnahme, was sie alles in der DDR von der DDR nicht mitbekommen haben.

Und nach dem Ende der DDR? Gehörte er zu den Gründern der renommierten Foto-Agentur Ostkreuz und fotografiert und fotografiert. Hin und wieder bekommt er dafür einen Preis oder das Bundesverdienstkreuz. Er reist mehr als früher, auch durch Osteuropa, was ihn an die DDR erinnert. Er erlebt seit der Neuausgabe seines Ostberlinbuches (2005) ein gestiegenes Interesse an seinem Werk. »Nach ein paar Jahren Auszeit, fotografiere ich jetzt wieder sehr intensiv in Berlin«, sagt er. Hier und andernorts ist er der Gegenwart auf der Spur. Davon zeugen Fotos aus »Gewendet – vor und nach dem Mauerfall«(2006) und ab Herbst auch ein Bildband über den Berliner Alexanderplatz, dieses potthässliche und hochspannende Dauerprovisorium.

Es gibt keine vom Staat festgelegten Rollen mehr in Hauswalds Lebensstück. Der Fotograf will weiter seine Gefühle ausdrücken, den Lebensenergien abseits politischer Abstraktionen nachspüren. Momentaufnahmen zeigen eine Gegenwart, die bald Geschichte sein wird – die vergehende Zeit kreuzt sich mit der zukünftigen. Der im Osten vom Staat bekämpfte Fotograf wurde längst zu einem der Chronisten dieses Ostens und seiner fortwirkenden Erfahrungen und Mentalitäten. Er bleibt der Vergänglichkeit auf der Spur – und hebt sie auf: in jedem gelungenen Bild.

Das Foto

Für Harald Hauswald

Ein Bild, gejagt vom nächsten Bild.
Es behauptet seinen Ort, verzettelte
Zeiten, sequenzenschnell. Noch rattert
der Motor diskret und verwandelt alles
in eine Vergangenheit. Amok-Shooting
für den endlosen Film, wir ziehen uns
langsam aus der Sprache zurück.
Aber das einzelne Foto, ganz still.

Als ob es ein Gemälde sei. Geangelt
aus der ewigen Bildersuppe. Herbei-
gelockt in aller Ruhe, verwandelt
von der Kamera zu einem Ding –
das lebt.

Vorabdruck aus Lutz Rathenows Gedichtband »Gelächter, sortiert«
Verlag Ralf Liebe, Weilerswist bei Köln
101 Seiten, 2008

___
Lutz Rathenow
der freie Schriftsteller, 1952 in Jena geboren, wurde zu DDR-Zeiten als Dissident verhaftet, blieb aber. Mit diversen Literaturpreisen geehrt, veröffentlichte er neben eigenen Werken mit Harald Hauswald die Bücher »Ost-Berlin« und »Gewendet«.