MAGAZIN #22

Bilder von daheim & unterwegs

Das Eigene und das Fremde: Gute Fotos können diese Differenz aufheben, hinterfragen, was vertraut erscheint. Richtig hingeschaut, erschließt sich Unbekanntes. Beobachtungen beim Blättern in neuen Fotobüchern.

Text –

Michael Klein-Reitzenstein

Reise im Bollerwagen bei Ebbe

Hintergründe zu Vordergründen: Peter Bialobrzeski zeigt deutsche Szenerien, die nur oberflächlich bekannt wirken.

Als ich das neue Buch von Peter Bialobrzeski das erste Mal durchblätterte, erinnerten mich die Bilder auf eine seltsam vertraute Weise an die Ferien, die ich als Kind mit meiner Familie verbracht habe. An der See sehe ich mich mit meinen Eltern und meinem kleinen Bruder, der im Bollerwagen hinterher gezogen wird, bei Ebbe am Strand entlang wandern, immer auf der Suche nach Muscheln und Krebsen. Über uns fegen die Wolken den grauen Himmel entlang, und der Wind jagt den Schaum den Strand hinauf.

Bei unseren Ausflügen in die Heide haben wir uns immer eine sonnige Stelle am Waldrand gesucht und Picknick gemacht, die weite braune Landschaft nur ab und zu unterbrochen von ein paar Kiefern und Birken.

Das Schönste am Winterurlaub waren für uns Kinder die Rodelausflüge. Die Schlitten wurden aneinander gebunden, und mein Vater hat uns mit knirschenden Schritten durch den tief verschneiten Wald den Berg hinauf gezogen.

Natürlich bin ich (wahrscheinlich) nicht genau an den Plätzen gewesen, die in Heimat zu sehen sind, denn keines der Bilder lässt auf den ersten Blick den Ort erkennen, an dem es entstanden ist. Trotzdem kommen dem Betrachter diese Landschaften vertraut vor. Gerade das Unkonkrete der Orte verstärkt ihre Wiedererkennbarkeit, denn jeder stößt in ihnen auf ganz persönliche Erinnerungen: das Wattenmeer, die Bayrischen Alpen, das Berchtesgardener Land, der Darß, die Ostsee und der Schwarzwald.

Schaut man in der Liste der Abbildungen nach, tauchen tatsächlich alle typischen deutschen (Urlaubs)Orte auf, mit denen man gemeinhin die »deutsche Heimat« verbindet. Trotzdem sind die Bilder weit davon entfernt, das zu zeigen, was man mit diesen Namen in erster Linie verbindet – vielmehr bricht Peter Bialobrzeski die Klischees auf verschiedenste Weise.

So ist die Natur nie ganz für sich, es sind Menschen zu sehen, der Betrachter teilt die Landschaft immer mit Anderen, stößt immer wieder auf Spuren menschlicher Anwesenheit. Figuren und Bebauung werden bewusst als bildnerisches Gestaltungsmittel eingesetzt. Pastellige Farbtöne dominieren, meist gleichmäßig oder nur leicht strukturierte Himmel und weite Ausblicke in die Landschaft herrschen auf vielen der Fotos vor.

Peter Bialobrzeski nennt als Vorbilder bei Auswahl und Komposition seiner Sujets die deutschen Romantiker, vor allem Caspar David Friedrich, sowie Joel Sternfeld und andere amerikanische »New Color«-Fotografen.

So ist für ihn diese Arbeit auch »kein Buch über Deutschland als Heimat, es fixiert vielmehr ein persönliches Stück Bild- und Kulturgeschichte. Heimat bedeutet Wurzeln zu haben aber nicht notwendigerweise verwurzelt zu sein« (aus dem Vorwort). Trotz der persönlichen Herangehensweise an das Thema funktionieren diese wunderbar stillen, poetischen und im besten Sinne romantischen Bilder über dieses persönliche Anliegen hinaus für jeden Betrachter noch auf eine weitere Art: Jeder kann hier etwas von seinem eigenen Heimatbild wiederfinden, weit entfernt von Klischees und touristischen Postkartenidyllen – eine fotografische Auseinandersetzung mit dem Land auch jenseits der zurzeit üblichen kritischen, ironischen oder »sozialrealistischen« Darstellungen durch die in den letzten Jahren populär gewordene »Neue Deutsche Dokumentarfotografie«.

 

Umklammerung der roten Plastiktüte

In den Schluchten der Wohnmaschinen: Michael Wolfs präzise Blicke auf das Leben in Hongkong.

Eines der ersten Bilder zeigt einen billigen Plastikstuhl, der – auf einem Hügel stehend – auf eine gigantische Ansammlung von Wohnblöcken herabschaut. Die sehen von hier oben aus, als hätte ein Riese sie wie Bauklötze in den Boden gerammt. Das einzige Foto des Buches, auf dem Weite und Himmel zu sehen sind.

Es folgt eine sich über mehrere Doppelseiten erstreckende Folge markanter Fassadenansichten. Durch das Fehlen von Himmel und Erde wirken sie wie abstrakte Muster. Bei näherer Betrachtung jedoch enthüllen die auf den ersten Blick so anonymen Fassaden mehr als nur Formen und Strukturen – Details werden sichtbar, die auf Bewohner hinweisen: Auf einem Balkon wird Wäsche getrocknet. Aus einem Fenster hängt eine Decke zum Lüften. Ein Abluftrohr ragt aus der Wand.

Hongkong: Hier leben 6,9 Millionen Menschen auf sehr begrenztem Territorium. Die Metropole hat die höchste Einwohnerdichte der Welt, es gibt so viele Hochhäuser und Wolkenkratzer wie nirgends sonst. Das Spannungsfeld zwischen Heerscharen von Menschen, die sich auf engstem Raum arrangieren, und einer alle Grenzen sprengenden Hochhausarchitektur hat Michael Wolf in Hong Kong: front door/back door visualisiert.

Dabei wechselt er die Perspektive – er führt den Betrachter vom Großen ins Kleine, in die dunklen Hinterhöfe und schmalen Gassen, die die Stadt durchziehen. Hier gibt es seltsame Skulpturen und merkwürdige Installationen zu entdecken: An einer Wand ein chaotisches Gewirr aus Dutzenden von Röhren, die keinen Anfang und kein Ende zu haben scheinen. Baumwollhandschuhe mit Stacheldraht an einem Regenrohr befestigt wie Blätter an einem Baum. Auf einem Zaun aufgereiht hängen Kohlblätter wie Trophäen, und ein chinesischer Krieger versucht verzweifelt, sich aus der Umklammerung einer roten Plastiktüte zu befreien.

Was der Fotograf hier unten gefunden hat, sind Spuren der Bewohner, entstanden im Spannungsfeld zwischen privatem und öffentlichem Raum. Um der Enge der Stadt und der Wohnungen zu entkommen, wird der ursprünglich öffentliche Raum außerhalb der Häuser von den Menschen in Besitz genommen. Alles, was nicht mehr in die Wohnung passt oder dort nicht unbedingt aufbewahrt werden muss, findet sich draußen auf den Höfen, in den Gassen, an den Hauswänden wieder.

Diese temporären menschlichen Eingriffe hat Michael Wolf erforscht und in faszinierende Bilder umgesetzt. Eine eigene Welt voller Geheimnisse und Skurrilitäten tief unten in den Schluchten der Wohnmaschinen wechselt immer wieder mit den großartigen und kühnen Ansichten der Fassaden dieser Megastadt.

 

Abschiebehaft in Hassloch

Dritter Anlauf Deutschland: 17 Ostkreuzler porträtieren ein zerrissenes Land.

Das Ziel der Agentur Ostkreuz – 1990 in Berlin von sieben angesehenen ostdeutschen FotografInnen gegründet – war es von Anfang an, sich gemeinsam den zu erwartenden Veränderungen des Marktes besser stellen zu können, ohne Abstriche an Qualität und Individualität der einzelnen Mitglieder hinnehmen zu müssen. Dass der damals eingeschlagene Weg der Richtige war, zeigen der Erfolg und das Renommee, das die Agentur heute hat. Sie ist inzwischen auf 17 Mitglieder angewachsen; längst nicht alle kommen mehr aus Ostdeutschland, und vor einiger Zeit wurde sogar eine eigene Schule gegründet.

Nun haben die Fotografen – nach Zwischenzeiten (1991) und Östlich von Eden (1999) – wieder ein Buchprojekt realisiert. Es beschäftigt sich erneut mit einem sehr zeitgemäßen Thema: unserem (Heimat-)Land. Jedes Mitglied hat sein persönliches Bild von Deutschland gesucht und fotografisch umgesetzt.

Die Themen sind so vielfältig und facettenreich wie das Land selber. Den Anfang macht Linn Schröder mit ihrer rätselhafte Serie »Ein Stück«: im urbanen Alltag aufgelesene Fundstücke voller Magie und Poesie. Andere Fotografen stellen die Menschen und ihr Leben in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. Ute Mahler erzählt von den selbstbewussten »Neuen Alten«, die ihre Existenz selbst bestimmen und sich nicht aufs Abstellgleis schieben lassen, Maurice Weiss über Flüchtlinge in Abschiebehaft, Anne Schönharting von Kindern ohne Zukunft und der neuen Armut unter Hartz IV. Wolfgang Müller porträtiert osteuropäische Migranten.

Es gibt Auseinandersetzungen mit der jüngeren Geschichte und deren Auswirkungen auf die Gegenwart wie bei Harald Hauswald in seiner Arbeit über das Berlin der Vorwendezeit und heute. Jordis Antonia Schlösser hat beklemmende Bilder über das Sterben einer Stadt als Auswirkung der Strukturveränderungen nach der Wiedervereinigung gemacht, und Sibylle Bergemann zeigt in melancholischen Bildern »Verblassende Erinnerungen« an die DDR.

Andere Fotografen haben merkwürdige oder skurrile deutsche Begebenheiten in den Mittelpunkt ihrer Geschichte gestellt. So lernt der Betrachter in Heinrich Völkels »Die Besten Deutschlands« die deutschen Meister im Seniorensteptanz kennen. Gruselig sind die Bilder von Nicole Angstenberger, die das von Marktforschern als »durchschnittlichste deutsche Stadt« ermittelte Hassloch porträtiert. Werner Mahler dagegen hat wunderschöne Bilder von »temporärer Architektur« auf den jedes Jahr tausendfach stattfindenden Festen und Feiern im öffentlichen Raum gefunden.

Mit Heimat, deutscher Identität und Befindlichkeit beschäftigen sich Wolfgang Bellwinkel in »Heimat II«, einer Suche nach dem deutschen Idyll in der Provinz, und auch Dawin Meckel, der »Swakopmund« besucht hat, eine Stadt in Namibia, in der es noch heute deutscher zugeht als bei uns. Thomas Meyer hat »An der Nordsee« die Idylle und Sehnsucht der Stadtmenschen nach Natur und heiler Welt gefunden, und von Anette Hauschild erfahren wir, was der Deutsche so »Am Sonntag« unternimmt. Auch die entlarvenden Bilder über die Rituale und Inszenierungen der Politik von Michael Trippel und die Innenansichten einer Jugend um die Jahrtausendwende von Julian Röder sind faszinierende Darstellungen.

Der breiten Themenpalette in den Deutschlandbildern entspricht die Vielfalt der fotografischen Stile und Techniken der Autoren. Egal, ob als Mittel des Erzählens die klassische Schwarzweißreportage, der Essay oder das Porträt eingesetzt, ob Kleinbild, Mittelformat oder digitale Technik angewendet wurden: Jede Geschichte in dieser Publikation ist qualitativ hochwertig fotografiert. Viel wichtiger als dieses hohe technische Niveau ist aber, dass man den Fotografen die Liebe und das Engagement anmerkt, das sie in ihre Arbeiten gesteckt haben – denn nur so können Bilder entstehen, die den Betrachter fesseln und berühren.

 

Aus der Perspektive von Fähren

Erweckt aus der Erstarrung: Die meisten Bilder aus Venedig hat man irgendwie schon mal gesehen – in diesen Fotos hat die Stadt ein ungewohntes Gesicht.

»Muss das sein? Nicht noch ein Bildband über Venedig!«, mag man zuerst bei der Ankündigung für dieses Buch denken. Aber dann sieht man, dass die Publikation aus dem Hause Mare kommt, und wird doch neugierig.

Das Buch Venedig beginnt mit einer Serie großformatiger Aufnahmen von Robert Voit. Wie Gemälde aus einer vergangenen Epoche zeigen sie die großartige Architektur dieser Stadt als Spiegel ihrer Macht, ihrer Bedeutung und ihres Verfalls.

Der russische Fotograf Gueorgui Pinkhassov dagegen erzählt Geschichten von Menschen in einem Venedig voller Geheimnisse und Rätsel in Bildern, die nur aus Farbe, Licht, Formen und Mustern zu bestehen scheinen.

Paolo Pellegrin begibt sich dorthin, wo das Herz Venedigs schlägt – in klassischen Schwarzweißfotografien beschreibt er das Leben auf den Kanälen und in der Lagune, meist aus der Perspektive der zahllosen Fähren, Linienboote, Wassertaxis und Gondeln. Abseits der Touristenpfade ist Mark Power auf die vielen Inseln gefahren. Er hat dort Orte gefunden, die von Vergessen und Verfall geprägt sind, von Profanität und Gewöhnlichkeit, denen jedoch eine unschuldige Schönheit innewohnt, die durch nichts vom Klischee Venedig beeinflusst scheint.

Und dann gibt es doch noch Bilder dieser Stadt, wie sie jeder erlebt hat, der schon einmal dort gewesen ist. Martin Parr hat sich, in bewährter Manier, mitten in die Besuchermassen auf dem Markusplatz gestürzt. Dort hat er mit schonungslosem Blitzlicht, fröhlich und grell die geschmacklichen Verwirrungen der venezianischen Touristen festgehalten.

Nikolaus Gelpke – Verleger und Herausgeber des Bandes – hat die fünf hochkarätigen Fotografen für jeweils mehrere Wochen in die Lagunenstadt geschickt. Die individuellen Themen in Verbindung mit den außergewöhnlichen Bildsprachen der einzelnen Künstler fügen sich zu einem so überraschenden Gesamtbild dieser Stadt zusammen, dass dieses Buch weit über die Masse der vielen Venedig-Publikationen hinausragt.

 

Der Gesang der Neonreklamen

Atmosphärisch dichtes Kaleidoskop: die visuellen Erträge von Ralph Gibsons Brasilienreise.

Nur sehr selten findet man Reisebildbände, die keine ewig gleichen Klischees bedienen – die dem Betrachter mehr abfordern, als sich bequem im Sessel zurückzulehnen und sich auf hohem ästhetischen Niveau langweilen zu lassen. Brazil von Ralph Gibson gehört sicherlich dazu.

Schon der erste Blick aus dem Flugzeug zeigt: Tiefschwarz vermischt sich der Rio Negro mit dem hellen Rio Branco, so wie das Haar der brasilianischen Frauen auf ihre braunen Schultern fällt. »Is Brazil a sound or a smell or a woman?« »Is Brazil water or air or fever in the blood?«, fragt Ralph Gibson im Vorwort. Vieles vermischt sich in Brasilien, geht ineinander über und überlagert sich.

Die Menschen und der Fluss. Wuchernde Favelas und bittere Armut neben kolonialer Prunkarchitektur. Die Formen der Neonreklamen werden Gesang. Musik klingt durch die Nacht, und Capoeira heißt der Tanz.

Die Schönen am Strand von Rio. Wie bunte Blumen liegen die Handtücher im schneeweißen Sand, rot leuchten die Früchte der kleinen Melonenverkäufer, und die Lotterielose flattern wie Blätter im Wind.

São Paulo, der Moloch: Farben und Licht werden zu Bewegung und Lärm. Großartige Bauten erheben sich neben Banalem – und alles strahlt Schönheit und Gelassenheit aus.

Der Glaube, oben an der alten Kirche das Kreuz des Christentums und an der Straße ein Schrein für die alten Götter. Die heilige Jungfrau Maria trifft die Priesterin des Candomblé.

Ralph Gibson ist nach Brasilien gefahren, und das Land hat ihn verzaubert. Er hat sich gefangen nehmen lassen von der Vielfalt und den Gegensätzen, von den Farben und Formen, von der Musik und den Geräuschen. In großartigen Bildern, Folgen und Zusammenstellungen hat er seiner Begeisterung für das Land Ausdruck verliehen. Neben doppelseitengroßen Einzelbildern setzt Gibson Zweier- und Viererkombinationen ein, mischt Farbe mit Farbe, Schwarzweiß mit Farbe und Reales mit Abstraktem. Er nutzt alle Möglichkeiten der Zusammenstellung meisterhaft aus und schafft eine mitreißende Folge aus Licht und Form – eine assoziative Reise durch ein faszinierendes Land.

Michael Wolf
Hong Kong: front door/back door
Texte von Kenneth Baker und Douglas Young.
London: Thames & Hudson 2005.
118 S. mit 71 Farb­tafeln. 49,90 Euro.
Der Band erscheint im Frühjahr 2006 auch bei Steidl.

Ostkreuz. Agentur der Fotografen
Deutschlandbilder – 17 fotografische Positionen

Texte von Christoph Ribbat, Oliver Gehrs, Enno Kaufhold und Christina Weiss.
Heidelberg: Edition Braus 2005.
176 S. mit 150 Farb- und SW-Fotos. 35 Euro

Peter Bialobrzeski
Heimat
Text von Ariel Hauptmeier.
Stuttgart: Hatje
Dantz 2005.
88 S. mit 34 Farbtafeln. 45 Euro

Ralph Gibson
Brazil
Text von Ralph Gibson Vorwort von Paolo Cermasi.
Bologna: Damiani
Editors 2005.
180 S. mit 250 Farb- und 30 Schwarzweißfotos. 50 Euro

Venedig
Fotografien von Martin Parr, Robert Voit, Gueorgui Pinkhassov, Paolo Pellegrin und Mark Power.
Texte von Zora Del Buono
Hamburg: Mare Buchverlag 2005.
136 S. mit 130 meist farbigen Fotos. 49 Euro

___
Michael Klein-Reitzenstein
leitet die Buchhandlung im Haus der Photographie in den Hamburger Deichtorhallen.