MAGAZIN #08

Bis der letzte Groschen fällt …

… so heißt eine Fotoausstellung aus dem tristen Daddelhallen-Milieu von Hinrich Schultze. Als der Fotograf seine Bilder einer Hamburger Museumsausstellung mit glitzernden und blinkenden Automaten entgegensetzen wollte, erwuchs daraus ein handfester Skandal

Text –

Manfred Scharnberg

Wie drollig: Man zieht dem wie ein Menschenkopf geformten Automaten an der Zunge, und schon spukt er Erdnüsse aus. Gleich daneben stehen Musikapparate, Geschicklichkeitsgeräte und »Einarmige Banditen«. »Automatenwelten« heißt die Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe.

Münzautomaten seien, so der Ausstellungsmacher Nils Jockel, »die übersehenen Zeugen unseres Jahrhunderts«. Bei der Ausstellung wurde aber offenbar etwas anderes übersehen. Denn »ein Gefühl der Beliebigkeit« hinterließ der Besuch beim Kolumnisten der WELT – »Hinweise und Ergänzungen, die helfen könnten, den historischen Kontext zu erschließen, sucht der Ausstellungsbesucher indessen vergebens«, stellt Autor Marsiske fest.

Auch dem Hamburger Fotografen Hinrich Schultze fehlte ein wichtiger Aspekt in der präsentierten Schau. Hatte er doch seit Jahren immer wieder die Automatenwelten von innen betrachtet – mit der Kamera natürlich. »Die Ausstellung ist etwas einseitig geraten und zeigt hauptsächlich die Veränderung des Designs von Unterhaltungs-, Spiel- und Verkaufsautomaten im Verlaufe der letzten hundert Jahre«, zieht er ein Fazit. »Die negativen Aspekte des Themas wie Spielsucht oder Gewalt bei Videospielen werden dabei völlig ausgeklammert.«

Und so »ergänzte« Hinrich Schultze die Museumsausstellung kurzerhand mit einer eigenen, setzte mit bedrückenden Schwarz-Weiß-Bildern aus dem Daddelhallen-Milieu einen Gegenakzent zu den bunten Automaten. An einem Bauzaun direkt gegenüber des Museumseingangs befestigte er ein 2 Meter mal 3,50 Meter großes Fotoplakat mit dem Hinweis auf seine Fotoausstellung in einem nahen Baustellentunnel: 25 Fotos im Format 30 mal 40 Zentimeter. Die Flächen mietete er für 167 Mark von einer Baufirma.

Doch das ging nur eine Woche gut. Denn eines Tages verließ Wilhelm Hornborstel, seines Zeichens Direktor des Museums für Kunst und Gewerbe, seinen Arbeitsplatz ausnahmsweise durch den Vorderausgang und entdeckte das Plakat. Sofort ließ er die Bildtafel vom Museumspförtner abmontieren und in die Pförtnerloge transportieren. Wenig später – Hinrich Schultze war gerade zum Gespräch beim Herrn Direktor geladen – verschwanden auch die Fotos aus dem Baustellentunnel.

»Gegen sachliche Kritik ist nicht das geringste einzuwenden«, sagte Wilhelm Hornborstel einmal. Demnach wäre eine Fotoausstellung unsachlich – jedenfalls wenn er das Stück Gegenöffentlichkeit eines Fotografen auf so herbe Weise zensieren läßt. Deutliche Worte fand die TAGESZEITUNG für den Skandal, nannte ihn »Kunstraub vom Museumsdirektor«. Wie kann es dazu kommen, daß sich ein Kulturverantwortlicher an Kultur vergreift? Direktor Hornborstel ließ dem Journalisten Günter Frech gegenüber verlauten, er sei der Auffassung, durch das Plakatmotiv und die Schlagzeile »Bis der letzte Groschen fällt …« werde die Ausstellung im Museum diskriminiert und verunglimpft. Deshalb habe er das Plakat abnehmen lassen.

»Verunglimpft« fühlen könnten sich allerdings nur gewaltgeile Spieler, die ihrem virtuellen Gegenüber das Leben »ausblasen«. Trotzdem hat Hornborstel dem Fotografen Schultze das erneute Aufhängen der Fotos untersagt und andernfalls Konsequenzen angedroht. Doch vielleicht muß der Museumsmann selbst mit Konsequenzen rechnen. Denn in der Phase, als Hinrich Schultzes Suche nach seinem Plakat zunächst erfolglos verlaufen war, hatte er bei der Polizei Anzeige gegen Unbekannt erstattet – wegen Diebstahls. Nun hat die Justizbehörde zu entscheiden, ob die Auffassung Wilhelm Hornborstels richtig ist, der gegenüber dem Museum gelegene Bauzaun gehöre in seine Verfügungsgewalt, oder ob das Entfernen des Plakates von der gemieteten Fläche als Offizialdelikt geahndet werden muß. Das Gelände des »Tatorts« hat die Baufirma ihren Angaben zufolge von der Stadt gepachtet. Die Gründe für die »Panikreaktion« (Schultze) des Museumsdirektors – es soll auch eine Beschwerde über die Ausstellungskritik der WELT gegeben haben – liegen aber vielleicht nicht nur an besonderer Empfindsamkeit. Hornborstel verfügt über hervorragende und allseits gelobte Talente bei Aquirieren von Sponsorengeldern. Auch die Präsentation von Verkaufsmaschinen und Spielgeräten wurde nach seinen Angaben »zu 100 Prozent« von Gönnern wie der Informationsgemeinschaft Münzspiel GmbH (IMS) finanziert.

DIE INFORMATIONSGEMEINSCHAFT MÜNZSPIEL GMBH

Die IMS wird seit 1986 von der Spielautomatenindustrie betrieben und wurde gegründet, »um dem drohenden Ruin eines ganzen Wirtschaftszweiges entgegenzuwirken«. Mit »Seminaren« für Journalisten und Behördenvertreter und regelmäßigen »Parlamentarischen Abenden« für Politiker versuchen die Lobbyisten, das angekratzte Image der Spielhallen aufzupolieren. Ihre Argumente: »Geldspielgeräte leiten den Spielbetrieb in geordnete Bahnen«, oder: »Computerspiele fördern den Familienzusammenhalt.« In der BILD-Zeitung machte die Informationsgemeinschaft 1997 wegen der Finanzierung angeblicher »Lustreisen« für Bundestagsabgeordnete nach Las Vegas Schlagzeilen.

In diesem Lobby-Verband der Spielautomatenindustrie ist der erfolgreichste Glücksspielunternehmer Europas, Paul Gauselmann, mit seiner Firma zu 25 Prozent beteiligt. Der Betreiber der Merkur-Spielotheken stellte auch einen Großteil der Exponate für die Automatenwelten-Ausstellung aus seiner privaten Sammlung zur Verfügung. Gauselmann erregte erst vor kurzem Aufsehen, weil er einem Referatsleiter im Bundespresseamt geschätzte 150000 Mark für »PR-Beratung« gezahlt hat. Einen Zusammenhang mit der Aufstellung von Spielautomaten bestreitet der spendable Herr allerdings.

Auch Wilhelm Hornborstel weist Mutmaßungen über eventuelle Einflußnahme von Sponsoren zurück: »Nie hat es einen Versuch in dieser Richtung gegeben. Im übrigen sind unsere Sponsoren viel zu intelligent, um nicht zu wissen, daß Einflußnahme eher negative Reaktionen in Presse und Öffentlichkeit […] hervorruft.« Darüber gehen die Meinungen aber auseinander: »Dennoch liest sich die spärliche Texttafel zum Thema Glücksspiel, als wäre sie von Herrn Gauselmann persönlich verfaßt worden«, schreibt DIE WELT.

Fotograf Hinrich Schultze jedenfalls wittert Zensur: »Die Spielautomatenindustrie ist nun mal nicht daran interessiert, daß die negativen Seiten ihres Gewerbes aufgezeigt werden.« Er hatte dem Museum seine Fotos vor Monaten als Teil der Ausstellung angeboten. Daß diese eindrucksvollen Bilder, diese Einblicke in das Alltagsleben in Spielhöllen die Ästhetik der »Automatenwelten« beachtlich kontrastieren und es auch nicht einfach ist, diese ins Ausstellungskonzept zu integrieren, mag ja noch nachvollziehbar sein – im Gegensatz zum sogenannten »Kunstraub«. Dennoch hätte man von einem kulturhistorischen Museum erwarten können, der Faszination der Apparate weitere aktuelle soziale Bezüge hinzuzufügen. Im Ansatz ist das auch passiert: Das Museum hat zwei von Schultzes Fotos in den Ausstellungskatalog übernommen. Und am 3. September stellte Professor Iver Hand im Rahmen einer Museumsveranstaltung die Frage »Kann Spielen zur Sucht werden?«. Ob der Groschen bei den Museumsmachern tatsächlich gefallen ist, bleibt zweifelhaft. Denn eine Personalstelle in der Verhaltenstherapeutischen Ambulanz des Professor Hand soll angeblich von ganz besonderen Mäzenen finanziert werden: von der Informationsgemeinschaft Münzspiel.

Hinrich Schultze

hat seine Fotos unauffällig mit einer umgebauten Sucherkamera gemacht, obwohl in Spielhallen Fotografierverbot herrscht. Sie entstanden in den letzten Jahren in Deutschland sowie in Österreich, Holland, England und Frankreich. Das Ausland hat er mit einbezogen, da dort schon Realität ist, was nach dem Willen der Spielautomatenindustrie auch bei uns kommen soll: Spielende Kinder in »Daddelhallen«. Hinrich Schultze: »Die Verbände der Automatenindustrie unternehmen große Anstrengungen, die Automatenhallen als familienfreundliche Freizeitwelten darzustellen. Ziel ist es, auf eine Gesetzesänderung hinzuwirken, die auch Kindern einen Zugang zu den Spielhallen ermöglicht.« Zitat der Automatenlobby: »Zutrittsverbote für Jugendliche in Spielstätten sind nicht mehr zeitgemäß.«

Hinrich Schultze will mit seinen Fotos auf die Folgen exzessiver Spielleidenschaft hinweisen. Schätzungen über die Anzahl von Spielsüchtigen variieren zwischen 15 000 in Deutschland und 8 000 allein in Hamburg. Auch das Einüben gewalttätiger Verhaltensweisen bleibt, so Schultze, nicht folgenlos. Er zitiert eine UNESCO-Untersuchung, die eine dramatische Zunahme der von Kindern konsumierten Gewalt in den Medien feststellt: Dies führe zu einer »weltweit verbreiteten aggressiven Kultur«.