MAGAZIN #27

Boom, boom – that’s all

Die Bilder pendeln in Ihrer Anmutung zwischen tiefer Menschlichkeit und bizarrer Fremdheit. Doch sie sind immer emotional. Antonin Kratochvil lässt sich treiben, reagiert spontan. Sein wichtigstes Werkzeug dabei: Der unverbrauchte Blick.

Text –

Rolf Bauerdick

Fotos –

Antonin Kratochvil

»Boom, boom.« Simpler geht es kaum. Wohl nie zuvor wurde der Akt des Fotografierens auf eine schlichtere Formel gebracht. Auge an den Sucher, Finger auf den Auslöser. Und Schuss. Recht verstanden: »Boom, boom« ist keine Anleitung zur banalen Knipserei, sondern die wahrscheinlich kürzeste Gebrauchsanweisung für umwerfend starke Bilder. Und das Erstaunliche ist: die Methode funktioniert. Zumindest dann, wenn man Antonin Kratochvil heißt.

»Boom, boom. That’s all.« Das klingt mächtig kokett. Aber der in New York lebende Tscheche meint, was er sagt. Und das ohne den Ruch eitler Selbstgefälligkeit. Gewiss, um lockere Kommentare ist der dreifache World-Press-Gewinner, den die Zeitschrift American Photo zu einem der 100 bedeutendsten zeitgenössischen Fotografen kürte, nie verlegen, wobei »bullshit« und die Steigerungsform »fucking bullshit« eindeutig zu seinen verbalen Favoriten zählen. Dennoch verrät manch flapsig dahin geworfener Spruch nicht den abgeklärten Profi, der alles gesehen hat und den nichts mehr wirklich berührt. Vielmehr ist Antonin Kratochvil ein leidenschaftlicher Zeitgenosse, der mitfühlt, mitleidet und mitempfindet. Jemand, der sich noch aufregt, der klare Positionen bezieht, und das mit der Erfahrung und dem Selbstbewusstsein eines Mannes, der genau weiß, was er will, und was er tut.

»Die Crew bin ich«, erfuhr die verblüffte Debbie Harry. Die in Ehren gealterte Pop-Diva hatte sich bei einem Shooting für eine Anzeigenkampagne gewundert, wieso Kratochvil nicht mit einem Team aus Visagisten, Stylisten, Beleuchtern und Assistenten aufwartete. »Forget it. Überflüssiger Schnickschnack«, meinte er nur. Zu Recht. Statt dem x-ten Bilderklon mit gekünsteltem Blondie-Image entstanden ehrliche Bilder von verstörend fragiler Schönheit. Auch David Bowie war irritiert, als Kratochvil ihn nicht in ein Studio schleppte und mit einer Batterie von Blitzen traktierte. »Ich schlug vor, durch Greenwich Village zu schlendern, auf der Suche nach guten Orten und gutem Licht. Dann fielen ein paar Lichtstrahlen durch einen Gitterrost direkt auf Bowies Gesicht. Boom, boom. Das war’s.« Antonin Kratochvil hatte wieder einmal seine Auftraggeber, die Redakteure der US-Magazine Premiere und Detour zufrieden gestellt, und nebenbei noch ein Aufsehen erregendes Buchcover fotografiert. David Bowie, gefangen im Licht. Kratochvils Porträt des Mega-Stars ist ultimativ. Und wird es noch sehr lange bleiben.

Selten zuvor wurden Schauspieler, Regisseure oder Musiker so erfrischend, so unverbraucht abgelichtet wie in Kratochvils Büchern »Incognito« und »Persona«, erschienen 2001 und 2006. Das Geheimnis ihres Erfolges ist wieder einmal denkbar schlicht: »No bullshit.« Der Wahlamerikaner verweigert sich den albernen Inszenierungen von Stars und Sternchen in den Celebrity-Magazinen und pfeift auf affig affektierten Glamour. Zugleich jedoch lässt er sich nicht von dem Hochmut verführen, irgendwen demaskieren zu wollen. Kratochvil entblößt nicht. Er ist kein privilegierter Voyeur und erst recht kein Paparazzo auf entwürdigender Prominentenjagd. Allen seinen schwarz-weißen Fotografien haftet etwas Beiläufiges und Absichtsloses an. Da grapscht niemand nach seinem Gegenüber. Und so werden zu Tode geknipste Ikonen des Showgeschäfts wieder im wahrsten Sinn des Wortes »incognito«. Sie werden wieder lebendige Menschen, mal müde, mal zweifelnd, mal ausgelaugt. Aber immer scheint sie auf, tönt sie durch, die Idee der »Persona«, spannend und geheimnisvoll.

Antonin Kratochvil wurde 1947 im tschechischen Lovosice geboren. Zwanzig Jahre hielt er es aus im real existierenden Sozialismus, wo seine Eltern auf der Schwarzen Liste standen und von den Behörden schikaniert wurden. »Ich hatte keine Chance auf eine Ausbildung. Mir fehlte die Luft zum Atmen«, sagt Kratochvil. »Deshalb musste ich weg.« Als 1968 sowjetische Panzer durch Prag rollten, um den Freiheitswillen der Tschechoslowaken mit militärischer Macht zu brechen, war der 20-jährige dem Trübsinn der Diktatur des Proletariats bereits entflohen. Auf lebensgefährlichen Schleichwegen war er abgehauen, schlug sich über Österreich nach Frankreich durch, lebte kurzzeitig in Schweden und strandete letztlich in Holland, als Illegaler, getrieben von dem einzigen Wunsch: »Ich wollte frei sein und Künstler werden.« Und er wurde Künstler. Die Jahre, in denen er in Amsterdam bei Gerrit Rietveld Fotografie studierte, erinnert Kratochvil als »wunderbar erhellend. Endlich Licht.«

Anfang der siebziger Jahre siedelte er über in die USA, arbeitete für die Los Angeles Times und wurde schließlich freier Fotoreporter. Doch bei allen menschlichen Katastrophen und ökologischen Desastern, die Antonin Kratochvil rund um den Globus dokumentierte, ob beim Völkermord in Ruanda, im Irakkrieg, ob in Afghanistan, Zimbabwe, dem Libanon oder, wie aktuell, in der frostigen Moskauer Nachtklubszene, die Geschichte seiner eigenen Flucht nahm er mit. Trotz der vielen Preise, die man ihm für seine Geschichten verlieh, vom Photojournalist of the year, vom Ernst Haas Award über die Leica Medal of Excellence, die Geschichte seiner inneren Heimatlosigkeit wird der Mitbegründer der renommierten Fotoagentur VII nicht los.

»Im Denken und Fühlen bleibe ich immer ein Flüchtling.« Doch Antonin Kratochvil weiß, dass die Last der Geschichte auch seine Chance war und ist. Scheren im Kopf hat er nicht, eher einen unbändigen Freiheitsdrang und einen mächtigen Widerwillen gegen alles Zensierte, Genormte und Uniformierte. Seine Bilder entstehen aus dem Mut, auf die Kontrolle des Anderen zu verzichten, um sich stattdessen auf unbekanntes Terrain zu wagen. Dass sich Kratochvil auf menschliche Begegnungen einlässt, dass er darauf vertraut, dass sich die Dinge aus dem Kontakt heraus zeigen, verleiht seinen schwarz-weißen Fotografien, bei aller Dramatik, eine erfrischende Unbefangenheit und emotionale Direktheit. Klar, dass ihn akademische Dispute um fotografische Sichtweisen und zeitgemäße Bildsprachen nicht interessieren. »Über Stile und Theorien habe ich nie nachgedacht. Why should I?«

Antonin Kratochvil hat seinen eigenen Stil. Er beruft sich auf keine Tradition, aber er grenzt sich auch von niemandem ab. Kratochvil ist einfach nur Kratochvil. Mal erscheint der Aufbau seiner Fotografien nach strengen Regeln komponiert, dann wiederum lehrt er die Zuchtmeister der Zunft das Grausen. Doch kippende Horizonte, stürzende Häuserfluchten und abgeschnittene Köpfe sind ebenso wenig Selbstzweck und ästhetische Spielerei wie die unscharfen und verhuschten Gesichter, die wie zufällig vor die Linse springen. Dass Kratochvils Blick nicht statisch, sondern eher cineastisch, vom bewegten Film geprägt ist, auch das ist ein Erbe seiner Jugend. »Wenn überhaupt haben Pasolini und de Sicca meine Sehgewohnheiten beeinflusst. Italienische Filme über den Klassenkampf der Arbeiter ließ die sozialistische Zensur damals durchgehen.«

Mit amerikanischem Pass kehrte Kratochvil nach Osteuropa zurück und fand seine Farbe: alle Schattierungen zwischen Schwarz und Weiß. Er entlarvte die Kluft zwischen aufgeblasener Politpropaganda und den gebückten Schattengestalten im Grau des realkommunistischen Alltags. Er wühlte sich durch den unsäglichen, staubigen Dreck rumänischer Industriezentren, der Menschen zu verschlucken drohte, zeigte das Elend der Zigeuner, den Popanz der Sowjetmacht, die leeren Regale in Polen, den Hunger und die devote Volksfrömmigkeit, aber auch die Wut, den Trotz und die aufkeimende Hoffnung der Solidarnosc-Gewerkschaftler. Zwei Jahrzehnte lang dokumentierte Antonin Kratochvil den verratenen und sterbenden Traum von der staatlich verordneten Gleichheit. Der Bildband »Broken dream« machten den Heimatlosen weltweit bekannt, die geplatzten Träume wurden sein Lebensthema. Kratochvil hat die Heimatlosigkeit zu seiner Heimat gemacht und weiß daher menschliche Begegnungen umso mehr zu schätzen. Ihre Flüchtigkeit, Zerbrechlichkeit, Kostbarkeit gar. Daraus entstehen seine Bilder.

»Mann, ich mag dich«, sagte Jean Reno. »Du willst mich nicht verkleiden.« Eine Agentin der französischen Schauspielerlegende hatte zum Fototermin einen Koffer mit edlen Klamotten angeschleppt. Umsonst. Der einfache Satz Kratochvils »Vergiss den Schicki-Micki-Krempel« reichte, und Reno zeigte sich wie nie zuvor gesehen. Ohne »fucking bullshit« sehen wir Jean Reno hinter zerbrochenem Glas, mal als Schatten, mal als verwischte Silhouette, mal mit Zigarre in einem maroden Wartesaal, unscharf, ungreifbar, unfassbar und doch stets mit unglaublicher Präsenz. »You are not dressing me up.« Vielleicht liegt in Renos Bemerkung das Geheimnis des Fotokünstlers Kratochvil.

Ob er David Bowie, Johnny Depp, Jessica Lange oder William Dafoe ins Licht setzt oder die rumänischen Gazari, die aus verseuchtem Erdreich schwarzes Öl abpumpen, »das«, so Kratochvil, »ist für mich dasselbe«. Man nimmt ihm das ab. Noch heute sucht er Orte, an denen er den Puls des Lebens spürt. »Wo es vibriert.« Natürlich sind das keine lauschigen Plätzchen, doch grundehrliche Locations, nackt, ungeschminkt, roh. Alte Fabriken, stillgelegte Bahnhöfe, bröckelnde Fassaden, nasse Pflaster. Orte, so Kratochvil, »an denen man dieses Summen hören kann, dieses leichte Säuseln in der Ruhe, mit dem sich der Sturm ankündigt«. Diese trügerische Ruhe erfordert ein hohes Maß an Wachheit. Und die besitzt der Heimatflüchtige überreich. Die Wachheit schützt den unverbrauchten Blick davor, irgendwann verbraucht zu sein.

Antonin Kratochvil
In der Tschecheslowakei geboren, lebt der Fotojournalist heute in New York. Er ist an Vielseitigkeit kaum zu überbieten: Vom Krieg im Irak, über Straßenkinder in der Mongolei, bis hin zu Porträt-Shootings mit großen Stars. Kratochvil ist einer der Gründer der Fotoagentur Seven.
AUSZEICHNUNGEN
Infinity Award. Photojournalist of the Year.

Leica Medal of Excellence. Für herausragende Leistungen der okumentarfotografie.
Dorothy Lange Prize. Von der Duke University Center of documentary Studies.
Ernst Haas Award. Maine Photographic workshops.
Gold Medal for Photography von der »Society of Publishing Designers« New York.
World Press Photo. 1979 erster Preis in der Kategorie Porträtserien.
World Press Photo. 2003 zwei erste Preise in den Kategorien Nachrichten, Natur/Umwelt.
BÜCHER

Broken Dream. Osteuropa, Monacelli Press
Europe. Monacelli Press, New York 1997.
Antonin Kratochvil. Torst 2003
Incognito. Arena Editions, USA 2001
Supravvivere. Motta Editore, Italien 2001

www.antoninkratochvil.com

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Rolf Bauerdick
Der studierte Literaturwissenschaftler und Theologe schreibt und fotografiert soziale Themen, u.a. als Langzeitstudien: »Zigeuner« und »Blutrache«.