MAGAZIN #28

Boom im Schneckentempo

Der erste Schritt ist gemacht. Sie haben viel Geld in Ihr nagelneues Video-Equipment investiert, und nun stellt sich die Frage: »Wie zum Teufel verdiene ich überhaupt Geld damit?« Kurze Antwort: gar nicht. Pardon: jetzt noch nicht. Ratschläge eines Webvideo-Punks

Text –

Markus Hündgen

Foto –

Udo Geisler

Die Verlockung ist groß. Webvideos, ob nun eigenständig oder als Teil eines Multimedia-Paketes, werden nicht erst seit gestern als Geschäftsmodell für die Zukunft gefeiert. Nur konsequent, dass Sie als Fotograf den Schritt vom Stand- zum bewegten Bild wagen.

Ich will nichts beschönigen: Sie stellen sich damit in die lange Reihe der Radio- und Zeitungsjournalisten, die ihren hauseigenen Internetauftritten mit Videos den notwendigen Pep geben wollen. Lassen Sie sich davon nicht zurück in die Dunkelkammer treiben: Die Konkurrenz nimmt drastisch zu, aber ebenso die Erlösmöglichkeiten. Verlage lechzen nach bewegten Bildern. Geld ausgeben wollen sie dagegen noch nicht. Das hängt weniger mit dem Unwillen zusammen, für Qualität zahlen zu wollen. Sämtliche Erlösmodelle bei Webvideos kranken am Unverständnis der Werbewirtschaft. Bezahlt wird immer noch nach »Page Impressions«, kurz: Klicks. Fotos und Videos werden auf eine Stufe gestellt, ohne die unterschiedlichen Produktionskosten zu berücksichtigen.

Ein Beispiel. Sie sind auf einem Stadtfest unterwegs. Mitgebracht haben Sie ein gutes Dutzend Fotos und ein kleines Video. Ein Bild können Sie in der Zeitung unterbringen, die restlichen Fotos gehen für einen Bonus als Fotostrecke ins Netz. Sie beglücken mit ihrer Arbeit nicht nur die Leser, sondern auch den Internetauftritt. Zwölf Fotos sind pro »Zuschauer« potenziell zwölf Klicks. Und das Video? Ein Klick pro Zuschauer. Was meinen Sie, wofür der Verlag eher bereit ist, Geld auszugeben?

Ich höre den Einwand: »Aber Webvideos werden doch mit Werbung versehen!« Dann verrate ich Ihnen (k)ein Geheimnis: Je nach Größe des Internetauftrittes liegt der Werbepreis bei 20 bis 80 Euro. Pro Tausend Klicks wohlgemerkt. Spielen wir mit den Zahlen: Ihr Video wird von 3000 Personen angeschaut. Im Lokalen eine durchaus ordentliche Zahl. Das macht im besten Fall 240 Euro Einnahmen für den Verlag. Nun ist es Usus, dass Netzportale eine Beschränkung auf eine Werbung pro drei Videos einbauen. Denn welcher eifrige Webseher schaut sich gern mehrmals hintereinander dieselbe Werbung an? Flugs bricht das wacklige Zahlenwerk in sich zusammen. Bedanken dürfen Sie sich erneut bei der Werbewirtschaft.

Bei all der Schwarzmalerei liegt aber genau hier die Chance. Machen Sie sich frei von dem Gedanken, nur »mal eben« ein Video mitzubringen. Setzen Sie Ihre wertvolle Ressource Arbeitszeit gezielt ein. Investieren Sie in Qualität – sowohl des Videos, des Themas als auch Ihrer eigenen Vermarktung. Die Dreifaltigkeit des Webvideo-Business.

Die Versuchung ist groß, bei einem Termin »draufzuhalten«. Besser irgendein als kein Bewegtbild. Sicherlich finden Sie auch hin und wieder einen Abnehmer. Klasse wird dann zu Masse. Und in Zeiten von User Generated Content à la YouTube holen Sie sich noch mehr unerwünschte Konkurrenz ins Arbeitsleben.

Mittelfristig müssen Sie sich von der Masse absetzen. Haben Sie sich für den Schritt in Richtung Webvideo entschieden, verfolgen Sie ihn ebenso energisch wie die Fotografie. Lernen Sie, optimieren Sie Ihre Arbeitsabläufe. Bleiben Sie am Ball.

Auch wenn Videos und Fotos auf den ersten Blick viel gemein haben: Beide Berufsfelder haben ihre speziellen Anforderungen. Das fängt bei der Ausrüstung an und geht bei der Umsetzung weiter. Lösen Sie sich von der Mär, Webvideo sei Fernsehen in Kleinformat. Der Zuschauer konsumiert bewegte Bilder im Netz anders. Während er bei der Produktionsqualität kleine Ungereimtheiten verzeiht, achtet er umso mehr auf den Inhalt. Seine wertvolle Internet-Zeit will gut genutzt sein. Halten Sie ihn deswegen von der ersten Sekunde an am Monitor fest.

Schlussendlich entscheidet er über Erfolg oder Misserfolg Ihres Produktes. Und davon hängt jeder weitere Auftrag ab. Denn der Erfolg im Internet ist durchaus messbar. Zumindest hier ein kleines »Danke« in Richtung »Page Impressions«.

Zwar ist die technische Qualität eines Webvideos wichtig, aber noch entscheidender ist das Thema. Prüfen Sie, welche Nische der Markt hergibt, wo die Wünsche Ihres potenziellen Auftraggebers liegen – und werden Sie dort zum Platzhirsch. Nicht jedes Fotothema ist gleichzeitig ein gutes Videothema, und umgekehrt. Zu jedem Thema lässt sich ein Video produzieren, aber medienkonvergentes Arbeiten im Internet erfordert das Ausloten der sinnvollsten Darstellungsform. Und Video ist beileibe nicht immer die beste Möglichkeit, ein Thema aufzugreifen.

Haben Sie nun ein fertiges Video auf der Festplatte und möglicherweise einen Abnehmer gefunden, beginnt ein weiteres Stück harter Arbeit. Bewerben Sie Ihre Arbeit und damit sich selbst. Werden Sie Ihre eigene Video-Agentur. Das Internet bietet nahezu unendlich viele, meist kostenfreie Möglichkeiten für diesen Zweck. Präsentieren Sie das Video auf Ihrer eigenen Netzpräsenz, entweder durch Verlinkung oder durch Einbetten des Produktes. Nutzen Sie soziale Netzwerke wie Twitter, Facebook, Xing oder MySpace, um Ihr Werk zu verbreiten. Verlinken Sie in Fan-Foren, Gästebüchern, Wikipedia. Aber: nur nicht übertreiben. Sonst landen Sie allzu schnell im Spam-Ordner der jeweiligen Dienste.

Trotz all Ihrer Bemühungen beißt kein Verlag auf Ihr Video-Angebot an? Weil das Redaktionsbudget zu wenig hergibt? Dann werden Sie Ihr eigener Vermarkter. Refinanzieren Sie die Videos mittels eines Sponsoring-Partners und bieten das Produkt den Verlagen gratis an. Schließlich kann es Ihnen egal sein, wer Ihre Brötchen bezahlt.

Sie merken, das Webvideo-Geschäft ist komplex. Und immer noch in einer frühen Entwicklungsphase. Solange Medienunternehmen und Werbewirtschaft kein tragfähiges Modell zur Refinanzierung der Online-Angebote gefunden haben, bleibt Ihnen nur die Flucht nach vorn. Ein steiniger Weg mit vielen Risiken. Sie haben den ersten Schritt getan und sind in diesem spannenden neuen Berufsfeld von Anfang an dabei. Herzlichen Glückwunsch. Bleiben Sie jetzt standhaft.

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Markus Hündgen
1979 in Bonn geboren, bezeichnet sich als Videopunk. Unter diesem Namen betreibt er ein Blog. Für das Onlineportal der WAZ www.derwesten.de arbeitet er als Ressortleiter Video.