MAGAZIN #30

Bücher

Texte –

Michael Klein-Reitzenstein

Szenen einer Beziehung: Das innige Verhältnis von Jessica und ihrem 30 Jahre älteren Freund Stan ist das Thema des Buches.

Szenen einer Beziehung: Das innige Verhältnis von Jessica und ihrem 30 Jahre älteren Freund Stan ist das Thema des Buches. Foto: Jennie Gunhammar

Diesseits des Glücks

Die Fotografin Jennie Gunhammar hat diskret und liebevoll Momente aus dem Leben eines ungewöhnlichen Paares festgehalten.

Ein alter Mann liegt auf dem Bett und liest, seinen Kopf in den Schoß einer weit jüngeren Frau gebettet, die zärtlich seinen Kopf hält und streichelt. Am Rand des Bettes und auf der Decke sind Bücher und Notizen zu sehen, es scheint ihnen ein vertrauter Ort und Umgang zu sein. Die Szene strahlt Geborgenheit und Frieden aus.

Die junge Frau ist Jessica, die eineiige Zwillingsschwester der Fotografin Jennie Gunhammar, die, wie sie selber auch, seit einigen Jahren an »Lupus« leidet, einer chronisch verlaufenden Autoimmunerkrankung, an der vor allem jüngere Frauen leiden.

Sie lebt mit ihrem Freund Stan zusammen. Er ist 30 Jahre älter als sie und arbeitet als Dozent an der Hochschule, an der sie studiert. Vor 10 Jahren wurde bei ihm »Morbus Parkinson« diagnostiziert. In ihrem ersten größeren Fotoprojekt hat die junge schwedische Fotografin Jennie Gunhammar den Alltag dieses ungewöhnlichen Paares dokumentiert. In ihrem Resümee zu »somewhere I have never travelled, gladly beyond« schreibt sie, das es, neben des sehr persönlichen Beweggrundes zwei weitere Aspekte gab, die sie in ihrer Arbeit sichtbar machen wollte.

Zum einen beabsichtigte sie darzustellen, wie ein Paar große Unterschiede in Alter und Herkunft überwindet und mit den daraus meist resultierenden gesellschaftlichen und sozialen Vorurteilen umgeht.

Zum anderen war es der Versuch gängige Ansichten in Bezug auf Gesundheit, Krankheit und Körperdarstellung beim Betrachter in Frage zu stellen. In intimen und anrührenden Bildern erzählt Jennie Gunhammar die Geschichte der ungewöhnlichen Liebe zwischen Jess und Stan. Glück und Kummer, Zuneigung und Verzweiflung, immer ist beides in den Fotografien gegenwärtig, aber was beim Betrachten der Bilder am meisten berührt, ist die bedingungslose Liebe füreinander, die die beiden ausstrahlen.

Neben den beeindruckenden Persönlichkeiten der beiden Protagonisten, ist ein weiterer wichtiger Aspekt für die Stärke der Bilder, die enge Beziehung der Fotografin zu ihren beiden Protagonisten. Die durch Familie und Krankheit doppelte Verbundenheit zwischen ihnen spielt eine große Rolle für die hohe Qualität und Intensität dieser fotografischen Arbeit. So privat und uninszeniert muten die Aufnahmen an, dass weder die Fotografin noch eine Kamera bei ihrer Entstehung vorhanden gewesen zu sein scheinen.

Jennie Gunhammar nutzt lediglich das vorhandene Licht um ihren Fotografien eine warme und diskrete, dem Thema entsprechende Farbigkeit zu verleihen. Die Motive, Bildkompositionen und Posen sind gekonnt ausgewählt, um ihre Bildintentionen bestmöglich zu visualisieren.

Jennie Gunhammar
Somewhere I have never travelled, gladly beyond
Bologna, Damiani Editore 2009, Hardcover, 72 Seiten, 45 Farbabbildungen, 23,5 x 23,5 cm, 25,00 Euro, mit Texten von Laura Noble und Jennie Gunhammar

Wie Sklaven schuften die Arbeiter in den Minen des Kongo.

Wie Sklaven schuften die Arbeiter in den Minen des Kongo. Foto: Marcus Bleasdale/VII

Unter dem Joch der Gewalt

Der Kongo ist ein Land, das wegen seiner Bodenschätze zum Spielball von korrupten Politikern, Warlords und multinationalen Konzernen geworden ist. Marcus Bleasdale dokumentiert die Folgen von Bürgerkrieg, Flucht, Vertreibung, Entführung und Repression.

Auf dem blutroten Einband von »Rape of a Nation« prangt bedrohlich ein zähnefletschender Leopard. Wer dieses Buch aufschlägt, den erwartet keine leichte Kost.

Diamanten, Gold, Kupfer, Uran und Kobalt – das sind Segen und Fluch zugleich in der in Zentralafrika gelegenen »Demokratischen Republik Kongo«. Der Reichtum an Bodenschätzen ist die Ursache für den jahrzehntelangen Krieg und Bürgerkrieg im Kongo. Korrupte Regierungen, dubiose Bürgerrechtsmilizen und skrupellose Warlords sind die Protagonisten.

Den multinationalen Konzernen und den Industriestaaten der ersten Welt ist es egal, wie und woher ihre Rohstoffe kommen, und die Weltöffentlichkeit sieht weg. Leidtragende sind die Menschen des Kongo. Verbrechen wie Sklaverei, Entführung, Folter, Mord und Vergewaltigungen sind an der Tagesordnung und werden unterschiedslos von allen beteiligten Parteien verübt.

Seit seinem Ausbruch vor zehn Jahren hat der Krieg nahezu 5,5 Millionen Opfer gefordert, so viele wie kein anderer Konflikt seit dem 2. Weltkrieg. Allein 40.000 Kinder wurden Schätzungen zur Folge als Soldaten zwangsrekrutiert.

Eine Infrastruktur existiert schon lange nicht mehr, es gibt kaum Schulen, Ärzte, Krankenhäuser und Medikamente. Internationale Hilfsorganisationen sind auf Grund der gefährlichen und unübersichtlichen Situation kaum noch vor Ort, um zu helfen.

Schwer vorstellbar, was es für die Zukunft eines Landes bedeutet, wenn eine ganze Generation von Kindern heranwächst, die keine Chance hat auf ein Leben ohne Hunger, Krankheit und Angst, ganz zu schweigen von gesellschaftlich so eminent wichtigen Dingen wie Familie, Bildung, Moral und Ethik. Unter oft schwierigen Bedingungen dokumentiert Marcus Bleasdale seit mehr als zehn Jahren die Situation im Kongo.

Eine Goldmine im Nordosten des Kongo. Einer grotesken Mondlandschaft gleich frisst sich die Mine über viele Stufen immer tiefer in die Erde. Unter primitivsten Bedingungen wird das Erz abgebaut. Nur mit Schaufeln und Hacken bewegen die Arbeiter, viele von ihnen Kinder, das Geröll über die unzähligen in den Fels gehauenen Stufen an die Oberfläche ‚Äì ein Bild wie eine düstere Vision aus Fritz Langs »Metropolis«.

Bleasdale begleitete Flüchtlingstrecks und zeigte in den Lagern das Elend vergewaltigter Frauen und Mädchen. Den stumpfen Blick der Mörder fing er genauso ein wie den kleinen, höchstens zehnjährigen Jungen, der auf einem einsamen Feldweg gerade sein viel zu großes Fahrrad besteigt – auf dem Rücken sein Maschinengewehr…

Stilistisch und formal erinnern Marcus Bleasdales intensive Fotografien manchmal an Francisco de Goyas »Desastres de la Guerra«. Ganz in dessen Tradition zeigt auch er ein ungeschöntes, aufrüttelndes Bild des Krieges, das sich jedoch jeder Parteilichkeit enthält. Er zeigt Täter, die zu Opfern werden und Opfer, die ihrerseits die schlimmsten Verbrechen begangen haben.

Düster und beängstigend wirken die auf schwerem schwarzen Papier gedruckten kontrastreichen Schwarzweiß-Fotografien Marcus Bleasdales, eine apokalyptische Parabel über Schuld, Verantwortung und Moral.

Marcus Bleasdale
The Rape of a Nation
Amsterdam, Schilt Publishing 2009, Hardcover mit Titelprägung und Banderole, 240 Seiten, 117 doppelseitige Duotoneabbildungen, 17 x 24 cm, 39,80 Euro. Mit Texten von John Le Carré und Marcus Bleasdale

Nur wenige der Frauen hatten den Mut, sich vor der Kamera offen zu zeigen. Die Schmach ihres Schicksals ist zu groß.

Nur wenige der Frauen hatten den Mut, sich vor der Kamera offen zu zeigen. Die Schmach ihres Schicksals ist zu groß. Foto: Dana Popa

Entführte Sklavinnen

Die rumänische Fotografin Dana Popa traf osteuropäische Frauen, die zur Prostitution im Westen gezwungen wurden. Auch nach ihrer Rückkehr bleiben sie traumatisiert.

Die ehemalige Sowjetrepublik Moldawien, zwischen Rumänien und der Ukraine gelegen, ist mit knapp 3,5 Millionen Einwohnern einer der kleinsten und ärmsten Staaten Europas. Es wird geschätzt, dass seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 200.000 bis 400.000 moldawische Mädchen und Frauen in die Zwangsprostitution verkauft wurden. Für 200, 500 oder manchmal auch 2.000 Dollar werden sie von falschen Freunden, ihren Verlobten, von Verwandten, ja selbst von den eigenen Familien an internationale Organisationen verkauft. In Bordellen und Absteigen der großen europäischen Metropolen müssen sie als billige Sexsklavinnen arbeiten. »Natashas« werden die osteuropäischen Prostituierten genannt. Namenlos, gefangen gehalten und ohne Rechte werden sie gezwungen, ihre Körper, ihre Gesundheit und ihre Seelen zu schinden.

Zwischen 2006 und 2008 hat sich die rumänische Fotografin Dana Popa auf die Suche gemacht nach Mädchen und Frauen, denen es nach oft jahrelangem Martyrium geglückt ist, sich zu befreien und in ihre Heimat zurückzukehren. Mit der Unterstützung einer Hilfsorganisation konnte sie einige der meist schwer traumatisierten Mädchen dazu bewegen, sich fotografieren zu lassen und ihre Geschichten zu erzählen. Sie hat außerdem ihre Verwandten und Familien besucht und ist nach England in die Bordelle gefahren, in denen sie anschaffen mussten.

Zwischen ausgeblichenen Vorhängen mit kitschigem Blumenmuster hängt eine Tafel mit den angebotenen »Dienstleistungen«: von »Hand Relief: 20 Pfund«, bis »1/2 hour Service (very special): 130 Pfund«. Eine modische Handtasche liegt wie ein Relikt auf dem Bett einer bäuerlichen Stube. Sie kam als einziges zurück mit dem Sarg, in dem ihre Tochter lag. Eine weitere Aufnahme zeigt Clarisas Arm, ausgestreckt auf dem groben Leinen des Bettes. Ihre Hand ist halb geöffnet – oder halb geschlossen, bereit, sich beim geringsten Anzeichen von Gefahr zur Faust zu ballen? Zahlreiche bläuliche Narben entstellen ihren Unterarm, erzählen eine Geschichte von Verzweiflung und Ausweglosigkeit.

Kurze Texte und Zitate ergänzen Innenaufnahmen von Zimmern, Raumfragmente und, meist anonymisierte, Porträtaufnahmen. Nur wenige Mädchen wagen es, offen in die Kamera zu blicken. Zu groß sind ihre Scham und Angst davor, erkannt zu werden. Die oft an altmeisterliche Malerei erinnernde Farbigkeit steht in krassem Widerspruch zum bedrückenden Thema.

Wie eine Kladde oder ein Tagebuch sieht das schlichte, kleinformatige Buch auf den ersten Blick aus. Dies unauffällige Äußere in Verbindung mit der subjektiven, nüchternen Dokumentation, die Distanz und Bruchstückhaftigkeit der Fotografien, dieses Verbleiben im Verborgenen verdichtet Dana Popa zu einer beklemmenden Geschichte, die die Schicksale und die Lebenssituation dieser Mädchen auf eindringliche Weise greifbar zu machen vermag.

Dana Popa
Not Natasha
London, Autograph ABP 2009, Paperback, 96 Seiten, 44 Farbabbildungen, 16,5 x 12 cm, 19,90 Euro. Hrsg. von Mark Sealy und Emma Boyd, Texte von Dana Popa


Michael Klein-Reitzenstein,
Buchhändler im Haus der Photographie, Hamburg, stellt im FREELENS Magazin regelmäßig seine Favoriten unter den neu erschienenen Fotobüchern vor.