MAGAZIN #29

Bücher

Text –

Michael Klein-Reitzenstein

Fotos –

Andrej Krementschouk & Espen Eichhöfer

Andrej Krementschouk, 24h Berlin– Reise in die Erinnerung

Andrej Krementschouk hat sich mit der Kamera auf den Weg in seinen Geburtsort gemacht, in ein kleines russisches Dorf. Er zeigt das Leben dort in poetischen  und ganz persönlichen Bildern

Ein weiter, leicht bewölkter Himmel wölbt sich über eine idyllische Sommerlandschaft. Zartgrüne Bäume markieren den Horizont. In der Ferne verliert sich die Spur eines sandigen Fahrweges in leichtem Dunst. Auf einer weiten Wiese neben dem Weg steht  eine altertümliche Kutsche im Licht der schon tief stehenden Sonne. Darin eine Familie in der Sommerfrische. Sie haben einen großen geblümten Sonnenschirm aufgespannt. Die Farben sind pastellig, das weiche Licht lässt diese Fotografie wie das Bild eines romantischen Landschaftsmalers erscheinen. Eine Idylle, schmerzhaft schön an der Grenze zum Kitsch. Mit diesem Bild lässt der junge russische Fotograf Andrej Krementschouk seine Erzählung über Heimat und Kindheit, Verlust und  Sehnsucht beginnen und nimmt den Betrachter mit auf eine Reise in seine Erinnerungen und Gefühle.

Krementschouk begann seine berufliche Laufbahn als Ikonenrestaurator. Nach einer Ausbildung zum Co-Dirigenten, studierte er Slawistik und Kunstpädagogik und wechselte schließlich an die HAW in Hamburg, wo er bei Ute Mahler Fotografie studierte und damit das Medium fand, in dem er sich künstlerisch am besten ausdrücken konnte. Dieser wechselvolle Werdegang findet letztlich seinen Niederschlag in der vorliegenden Arbeit, denn die Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit und seiner Heimat offenbart immer beides, den Blick von außen und innen, die Distanz und gleichzeitig die tiefe Verbundenheit mit seinem Land und dessen Menschen.

Andrej Krementschouk hat Bilder gemacht, die beides in sich tragen, das Heute und Jetzt – die aber immer auch wiederspiegeln, was er als Kind dort erlebt und gefühlt hat. Trotz vieler starker Einzelbilder lässt Krementschouk dem Erzählerischen und Essayistischen den Vorrang. Das ist gut, denn durch die gelungene assoziative Anordnung hat er eine wunderbare Hommage voller Zartgefühl, Romantik und Melancholie arrangiert, ohne jemals dem Kitsch oder der Folklore zu verfallen.

Leider wurde der schöne ursprüngliche Titel »An deinem Haus« zugunsten der besseren internationalen Vermarktbarkeit anglisiert.

 

Kaleidoskop einer Stadt

Fotografen und Autoren schwärmten im September 2008 aus um eine Metropole zu erfassen. »24h Berlin« entstand daraus – ein Lesebuch und ein Fotobuch

Am 5. September 2008 haben 80 Kamerateams 24 Stunden lang den Alltag Berlins und seiner Bewohner dokumentiert. Genau ein Jahr später wurde der daraus entstandene Film 24 Stunden lang auf Arte und an vielen öffentlichen Orten der Stadt in Echtzeit gezeigt. Gleichzeitig mit den Filmteams waren 36 Fotografen, größtenteils Mitglieder der renommierten Berliner Fotoagentur Ostkreuz unterwegs, um auch durch ihr Medium diesen Tag der Metropole zu dokumentieren.

Sechs Uhr morgens, die Dunkelheit liegt noch über der Stadt. Eine Bushaltestelle irgendwo in Berlin, ein früher Fahrgast sitzt wartend in der trüben Lichtinsel. Die Ringbahn schiebt sich rumpelnd durch die fahle Dämmerung, in den Plattenbauten gehen die ersten Lichter an. Während ein Bäcker im Prenzlauer Berg schon die ersten Brote aus dem Ofen holt, wogt in einem Club in Mitte noch die Menge zum stampfenden Beat. Menschen und Orte, Stimmungen, das Licht und der Rhythmus, Bekanntes und das Marginale am Straßenrand. Skurriles und Alltägliches – jeder der Fotografen suchte sein persönliches Berlin.

Sonnenaufgang am Kottbusser Tor, ein Pierrot im Café Berlin in Mitte, Touristen am Checkpoint Charlie. Wie durch ein Stroboskop angeblitzte Schlaglichter führen intuitive Bildfolgen durch den Tag und die Stadt. Eingestreut sind immer wieder längere Strecken einzelner Fotografen, die den Betrachter verweilen lassen und den schnellen Rhythmus des Buches wohltuend verlangsamen. Besonders gelungen ist die Geschichte von Mirko und Lutz, fotografiert von Tobias Kruse oder der Beitrag über die JVA Moabit von Jordis Antonia Schlösser.

Leider nivelliert die Bildauswahl die individuellen Stile der Fotografen, so dass – bis auf einige Ausnahmen – das Buch insgesamt sehr einheitlich daherkommt. Etwas mehr Variation hätte gut getan. Auch die Druckqualität lässt manchmal zu wünschen übrig. Trotz dieser kleinen Wehmutstropfen, die visualisierten Aspekte, die vielen guten Einzelfotos und ihre sehr gelungene Zusammenstellung, ergeben ein großartiges und zeitgemäßes Berlinporträt. Wie in einem Kaleidoskop zersplittert die Stadt, um am Ende wieder zu einem Ganzen zusammengefügt zu werden.

Andrej Krementschouk
No Direction Home
Heidelberg, Kehrer Verlag 2009
Hardcover, 120 Seiten
81 Farb- und 2 Schwarz-Weiß-Abbildungen, 28 x 23,5 cm
Mit Texten von Andrej Krementschouk und Boris Mikhailov

36 Fotografen
24h Berlin – Ein Tag im Leben
Zwei Bücher mit Banderole
Bildband, 542 Seiten
ca. 480 Abbildungen in Farbe und Schwarz-Weiß, Textband, 93 Seiten, 24,2 x 17,2 x 5 cm
Paperback, Steidl Verlag, 2009