MAGAZIN #16

Danach die Straße

Seit 1990 kürt die Akademie für Bildsprache innovative Magazine und Anzeigen mit »Lead Awards« – und seit zwei Jahren auch Fotografen. Für 2001 ging die Auszeichnung an die Brasilianerin Patricia Santos.

Text –

Bernd Euler

»Meine Kollegen nennen mich Pidsch«, sagt Patricia Santos und lächelt. Das ist brasilianisches Englisch für »Pit« und leitet sich von Pitbull ab. Kein wirklich passender Name für eine junge Brasilianerin mit schwarzem Haar, leicht getönter Haut und vollen Lippen.

Den Spitznamen gaben ihr die Kollegen wegen ihres außergewöhnlichen Verhaltens bei Presseterminen: »Irgendwie komme ich immer in die erste Reihe und zu dem Standpunkt, den ich haben will«, meint die Fotografin und lächelt wieder verschmitzt. »Ich hab spitze Ellenbogen.«

Die 29-Jährige hat den »Lead Award« der Akademie für Bildsprache gewonnen. Das preisgekrönte Foto ist die Luftaufnahme von einer Knastrevolte in einem der berüchtigsten Gefängnisse von São Paulo – auch nicht gerade das, was man von einer jungen Fotografin erwartet. Und auf die Frage, wo sie jetzt am liebsten arbeiten würde, kommt wie aus der Pistole: Afghanistan. Eine Verrückte!

São Paulo, Megastadt in Südamerika. Ein unkontrollierbarer, verpesteter Moloch, wo Verkehrsstaus niemals enden; die Stadt mit der höchsten Kriminalitätsrate der Amerikas. Patricia Santos arbeitet dort bei der Folha de São Paulo, der größten unabhängigen Tageszeitung Brasiliens, die linksliberal ist und wegen ihrer seriösen und kompromisslosen Haltung sowohl geachtet als auch gefürchtet wird.

Santos gehört zu den 20 festen Fotografen des Blattes, die im Schichtdienst tätig sind. Mit 18 Kilo modernstem Digital-Equipment an der Schulter – und häufig per Hubschrauber unterwegs – fotografiert sie alles, was anliegt: Sport, Verbrechen, Stars, Demonstrationen, Unfälle, Porträts. »Tageszeitungsfotografen müssen alles können«, sagt Patricia, und das liebt sie an ihrem Job. Das Konkurrenzblatt Globo hat spezielle Fotografen für Sport, Verkehr, Porträt – das findet sie langweilig.

Mit zwanzig hat sie zu fotografieren angefangen, in Rio, woher sie stammt. Mit 23 wurde sie von der Folha unter Vertrag genommen, erst als freie, dann als feste Fotografin. Für die Zeitung war sie fünf Jahre in Rio tätig. Seit zwei Jahren lebt und arbeitet sie in São Paulo.

Die Frage, ob sie eine Ausbildung gemacht habe, kontert sie erstaunt: »Fotografie lernen? Nein – die beste Ausbildung der Welt ist die Straße.« Man muss rausgehen und fotografieren, Erfahrungen sammeln – keine Schule. Zwei Monate hat sie einen Kurs gemacht. Theoretisches über Blende, Zeit, Optiken und Filmempfindlichkeiten gelernt. »Depois a rua« – danach die Straße. Einige Monate hat sie erfahrene Kollegen begleitet, dann kamen erste Veröffentlichungen, es ging bergauf. Heute verdient Patricia für brasilianische Verhältnisse gut. Sie arbeitet mit der modernsten Ausrüstung, die ihr von der Redaktion gestellt wird.

Seit sechs Jahren ist sie fest bei der Folha; sie müsste sich verändern, eigentlich – doch etwas Besseres gibt es nicht. Eine internationale Fotoagentur würde sie reizen. Nur heiß muss es hergehen. Die Hochgeschwindigkeit der Nachrichtenwelt der Gigastadt São Paulo hat die junge »Lead Award«-Preisträgerin geprägt.

Drei brasilianische Foto-Auszeichnungen hat sie schon gewonnen. Eine brachte ihr ein Stipendium, ein Preis war hoch dotiert. Der »Lead Award«, nun ja – eine schöne Urkunde und eine Rede.

Das hat Patricia Santos gefallen. Worte als Dotierung. Typisch Dichter und Denker.

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Bernd Euler,
freier Bildjournalist und Autor in Hamburg. Arbeitet hauptsächlich zu den Themen Lebensart und Reise.