MAGAZIN #09

Das doppelte Handwerk

Texte und Fotos gehören zusammen – kommen sie jedoch aus einer Hand, wird’s eigenartig: Liefert ein freier Journalist die Optik zur Story gleich mit, stößt er auf tiefe Skepsis. Gleichzeitig aber zwingen immer mehr Verlage ihren Berufsschreibern die Kamera in die Hand. Per Vertrag ist’s wohl okay – oder nur billiger?

Text –

Victoria Mann

»Ich bin Profi in meinem Beruf: als Texter und als Fotograf.« Der 41jährige Andreas Hub von der Kölner Fotoagentur LAIF ist in seiner Profession ein Zwitter, ein Hybrid, für den die Branche keinen Namen hat: Text-Bild-Journalist? Schreibender Knipser? Fotografierender Textautor? Schreibograf? »Ich lebe seit zwanzig Jahren freiberuflich zweigleisig und bin dabei nicht verhungert«, sagt er. »Wer sagt, das ginge nicht, der spinnt.«

Klare Worte. Doch seit seinen beruflichen Anfängen in den 70er Jahren als Volontär bei einer Tageszeitung stößt der Allrounder Hub auf Skepsis: »Ich wollte immer schreiben und fotografieren. Dadurch haben die Fotokollegen – teilweise zu Recht – befürchtet, daß ihre Stellen unterhöhlt werden.« Als er in den 80er Jahren, nach beruflichen Umwegen und einem abgebrochenen Fotodesign- und Bildjournalismus-Studium, wieder professionell zu schreiben beginnt und gleichzeitig Fotomappen vorzeigt, »bin ich damit schlicht rausgeflogen«.

KOLLEGIALE ENTWICKLUNGSHILFE

Doch Hub bleibt hartnäckig: Auf seinen ersten Reportagereisen hat er zwar immer einen Fotografen dabei – aber auch seine Kamera. »Die Kollegen haben mir das nie übel genommen«, sagt er. Im Gegenteil: Sie zeigen ihm Tricks, geben ihm das nötige Selbstvertrauen. »Ich bin stark kurzsichtig, meinte aber, daß das so notwendige Autofocussing sich für einen ,richtigen Fotografen‘ nicht schickt.« Ein Profi nimmt ihm diesen Dünkel.

Anfang der 90er Jahre hält Hub den ersten Reportageauftrag als Text- und Bildautor in der Hand. Die Skepsis bleibt. Als er bei der Fotoagentur LAIF einsteigt, fürchtet man dort, Hub könne sich – wegen des Schreibens – nicht ausreichend um Archivmaterial kümmern. Er kann, lebt heute zu 80 Prozent von der Fotografie, arbeitet für Wochenzeitungen, Unternehmen, Buchverlage. Eines jedoch hat sich inzwischen geändert: »Reisereportagen liefere ich komplett im Doppelpack. Da würde ich niemals einen Text- oder Fotojournalisten mitnehmen. Aber«, räumt er ein, »ich verstehe es, wenn neue Auftraggeber dagegen Ressentiments haben. Am Telefon würde ich das auch nie sagen. Ich zeige die Produkte, die stehen für sich.«

Eine solche Skepsis kennt auch Peter Kanzler, Chefredakteur des Reisemagazins Globo – und er bestätigt Hubs Erfahrung. »Wenn sich jemand mit beiden Produkten andient, reagiere ich eher ablehnend. Schließlich hat der Fotograf andere Interessen als ein Textautor. Fotografinnen und Fotografen suchen tolle Locations, Texterinnen und Texter gute Stories.« Nur selten akzeptiert Kanzler Ausnahmen. Bringt etwa ein Autor von seiner Recherche gutes Bildmaterial mit, das unmittelbar mit der Story zusammenhängt und vom Fotografen nicht geliefert werden konnte, wird es mit ins Blatt genommen. In anderen Häusern gibt es deswegen manchmal böses Blut: Wenn nämlich Verlage Fotografen finanziell darüber ausbooten, daß sie die fast durchweg billigeren Fotos der Textautorinnen und -autoren einkaufen.

GELD FÜR EINE NEUE SPRACHE

Wenn sich der Globo-Chef für Fotos aus der Hand von Schreibern entscheidet, stehen andere Überlegungen dahinter: »Es gibt Talente, die die Sinnlichkeit haben, bei denen auch gute Produkte rauskommen. Aber« – und das unterstreicht er – »die planen die Zeit auch ein«. Im ungewöhnlichsten Fall läuft es wie bei Clemens Zahn, der unter anderem für Merian und für Kalenderproduktionen gearbeitet hat: »Eine Globo-Entdeckung«, meint Kanzler, »die wir aufbauen. Ein Detailversessener.« Der Fotograf Zahn – und als solcher versteht er sich vorrangig – reist einmal mit der Kamera und später noch ein weiteres Mal als Textautor, dann manchmal auch ganz ohne Kamera, aber ebenso detailversessen.

Zahns Stories werden von der Globo-Textchefin als »klasse« eingestuft und in einem gesonderten Arbeitsgang redigiert. Und beide Recherchereisen finden bei der Honorierung Berücksichtigung. »Seine neue Bildsprache, seine Produkte sind mir das wert«, sagt Kanzler. Hat er keine Angst, mit dieser Honorierung Begehrlichkeiten bei anderen Text-Bild-Autorinnen und -autoren zu wecken? Nein, für ihn stehe das Preis-Leistungs-Verhältnis im Vordergrund. Und: »Qualität hängt eben unmittelbar mit Zeit und mit Geld zusammen.«

Mit dieser Einsicht steht Peter Kanzler nicht allein da, aber er tut auch etwas dafür: »Ich muß natürlich immer wieder mit der Geschäftsführung von Ringier Deutschland über Geld sprechen – egal, ob es um die Papierqualität oder um Honorare geht.« Er sehe doch, daß in anderen Häusern daran gespart werde und »Abstriche erkennbar sind, obwohl sich gerade Magazine in erster Linie über die Optik verkaufen«.

NUR ENTWEDER ODER AUCH ODER?

Sehr viel deutlicher formuliert Rolf Nobel von der Hamburger Fotoagentur VISUM seine Kritik an der Optik mancher Blätter: »Die Bildarbeit in deutschen Tageszeitungen und in vielen Magazinen ist eine reine Katastrophe. Da wird sehr schlecht mit Fotografie umgegangen. Die könnten sich eine Scheibe von den Tageszeitungsmachern in der Schweiz, den Niederlanden, Großbritannien und der enorm hohen Qualität der US-Zeitungen abschneiden.«

Anfangs fuhr auch Nobel beruflich zweigleisig. Die persönliche Konsequenz des heute 48jährigen: »Der Mist, der hier manchmal verzapft wird, war für mich ein Grund, warum ich selbst aufgehört habe, als Texter Mittelmäßiges zu schreiben, um mich dann auf das zu konzentrieren, was ich studiert habe und kann: fotografieren. Das ist meine Sprache.« Er, der in jüngeren Jahren als politisch denkender Mensch an ganzheitlichen Journalismus glaubt, dessen fotografische Vorbilder wie Smith und Freed auch texteten, der journalistisch als Text- und Fotoautor durchstartete und eine »Ochsentour« hinter sich brachte, um nach seinen eigenen Ansprüchen einigermaßen respektierlich zu schreiben, ja in den 80er Jahren sogar als Textautor für den stern arbeitete – er hat das Schreiben bis auf ganz wenige Ausnahmen hingeschmissen.

Und das, obwohl er deutlich feststellt, daß Textautoren offenbar höhere Anerkennung genießen als die Fotografen: »Ich ertappe mich selbst sogar immer mal wieder dabei, daß ich mich auf Terminen mit den Worten vorstelle: Ich bin nicht der Autor, ich bin nur der Fotograf.« Ein Grund für den Imageschwund: »Der Fotograf, der sich ein Bild von der Welt macht, sie entdeckt, interpretiert, ist immer seltener gefragt. Es geht fast nur noch darum, im Schweinsgalopp durchs Land zu reisen, um Klischees zu bebildern, selbst bei hochwertigen Blättern.«

SCHICKSALHAFTE SCHUBLADE

Wie war das, als Nobel beim stern plötzlich nicht mehr in der Funktion des Textautors, sondern als Fotograf auftauchte? »Wahrscheinlich haben manche hinter meinem Rücken über mich gelächelt. Ich habe weiterhin Stories, aber einfach keine Fotojobs angeboten bekommen. Sie haben mich also offenbar als Fotograf nicht ernst genommen, bis ich schließlich in GEO veröffentlicht habe. Da herrscht eben ein unglaubliches Schubladendenken.« Genaugenommen spukt dies auch in seinem Kopf herum: »Ich kenne keinen, der auf beiden Gebieten exzellent ist.« Nobels Ansprüche an sich und andere sind hoch. »Schreiben und Fotografie sind jeweils ein Handwerk, das trainiert werden will. Tut man beides, hat man für beides nur die halbe Zeit – und damit auch nur das halbe Training.«

Weitergedacht: Oftmals allerdings eine etwas bessere Bezahlung. Das ist vor allem dort Thema, wo Freie für Text und Bild jeweils so schlecht honoriert werden, daß sich der Auftrag nur gekoppelt einigermaßen rentiert. Bei Tageszeitungen – und hier besonders oft in Außenredaktionen, wo freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zuweilen nur Pfennigbeträge pro Druckzeile und ein einstelliges Honorar pro Foto bekommen – ist die Versuchung leicht, »das Foto mal eben mitzunehmen«. Schließlich geht es nicht um Hochwertiges, sondern um irgendein Bildelement, auf dem sich die Menschen der Region im besten Fall wiederfinden.

MOTIV LÄUFT NICHT WEG

»Wir müssen uns dann im Labor mit dem schlechten Material abquälen, das von irgendwelchen Lehrern abgeliefert wird, die zum Teil mit Uralt-Kameras knipsen«, ärgert sich Karl-Heinz Lammel, einer der zwei festangestellten Fotoredakteure für das Riesengebiet, das der Nordbayerische Kurier beliefert. Doch statt mehr Fotografen einzustellen, denkt der Verlag derzeit über den Kauf von Digitalkameras nach – die, so Lammel, aber nur unter dem Motto funktionieren: »Motiv bewegt sich kaum, läuft nicht weg und schaut auf Kommando in die Kamera.«

Schon für Profis eine Herausforderung, wäre dies für die ungeübten Textredakteurinnen und -redakteure eine kaum leistbare Aufgabe. Die reagieren angesichts der Doppelbelastung abweisend auf die anstehende Einführung der Canon Powershot Pro 70. »Trotzdem: Der Druck auf die Kolleginnen und Kollegen, ein Foto mit der ansonsten leicht bedienbaren Kamera gleich mitzunehmen, wächst«, meint Lammel.

Bei der Westfälischen Rundschau schwingt man gegenüber den Festangestellten gleich den arbeitsrechtlichen Hammer: Journalistinnen und Journalisten, die im Volontariat keinerlei Berührungspunkte mit der Fotografie hatten und haben, sollen – im wahrsten Sinne des Wortes – mit einem Federstrich zu Wort-/Bildredakteurinnen und -redakteuren umgemünzt werden. Der Trick: In den Standardarbeitsverträgen steht »Wort-/Bild-Redakteur«. Üblicherweise wurde einer der beiden Begriffe gestrichen. Wo dies nicht geschehen ist, beruft sich der Verlag auf die Verkopplung und verdonnert die bisher ausschließlichen Texterinnen und Texter zur digitalen Bildverarbeitung. Der Clou am Rande: Geschult wurden sie allesamt von einem jungen Bildberichterstatter, der nach dem Volontariat keinen Redakteurs-, sondern den weit schlechter bezahlten Angestelltenarbeitsvertrag bekommen soll. Ansonsten arbeitet man in den rund 30 Lokalredaktionen, von denen die Hälfte fotografenlos ist, mit meist unausgebildeten, nebenberuflichen Freien zusammen. Und die bekommen Honorare von 13 bis 35 Mark pro Bild. »Bei der Bezahlung«, so Betriebsrat Peter Schröder-Metz, »verbietet sich jede Qualitätsdebatte«.

NUR NOCH NEBENBEI-FOTOGRAFIE

Das Problem mit diesen »Nebenbei-Knipsern«, wie der Münchner Fotograf Werner Bachmeier sie nennt: Sie verstärken – oft unbewußt und ohne Absicht – den Preisdruck auf Fotografinnen und Fotografen, die von ihrer Profession leben müssen und wollen. »Es geht nicht allein um die Qualität des einzelnen Fotos. Sicher gibt es auch von Unprofessionellen ganz passable Bilder; es geht auch nicht nur um das aktuelle Honorar.« Die unprofessionellen Verkäufe graben den Profis langfristig das Wasser ab. Aus Unkenntnis der Branche überließen viele Laien ihre Fotos für ein einmaliges Honorar den mehr auf Rendite denn auf Qualität bedachten Buch-, Zeitschriften- und Zeitungsverlagen zu »total buy-out«-Bedingungen.

Im Klartext: Sämtliche Verwertungsrechte gehen auf den Verlag über und werden weidlich für die verschiedenen Medien genutzt. Die Honorierung einer Zweitverwertung wird immer stärker in Frage gestellt, das Recht auf kostenlose Weitergabe und Mehrfachnutzung zunehmend als selbstverständlich erachtet. Neuzukäufe werden damit überflüssig, der Absatzmarkt für Fotografen schrumpft.

Solche Kolleginnen und Kollegen gelte es aufzuklären, zu integrieren, im Niveau mitzuziehen, meint Rolf Nobel. Denn: »Nicht jeder Schreiber, der knipst, handelt mies. Ich verstehe die freien Textautoren, die ums Überleben kämpfen, wenn sie zum Beispiel bei den meist schlecht bezahlten Reisebüchern, die ohnehin nicht Pulitzerpreisverdächtig sind, die Fotos mitliefern.« Überhaupt kein Verständnis hat er dagegen für eine Spezies unter den »Kollegen«, die den Arbeitsmarkt für Fotografen weiter ausdünnt.

Beispiel: ÖTV-Magazin – seit einiger Zeit knipsen die festangestellten Redakteure des Heftes einen Großteil des benötigten Bildmaterials selber. Vorher kamen alle Aufnahmen von Berufsfotografen. »Opportunisten« nennt Nobel solche festangestellten Journalistinnen und Journalisten, »die in vorauseilendem Gehorsam fotografieren« und damit Freien den Job sowie die Aussichten auf adäquate Bezahlung wegnehmen.