MAGAZIN #26

Das erste Mal

Wie man sich und seine Fotos präsentiert, ist eigentlich ganz einfach. Meint Rüdiger Schrader, Bilderchef bei Focus und gibt Tipps für den ersten Redaktionstermin. Dann klappt’s auch mit der Mappe.

Text –

Rüdiger Schrader

Fotos –

Astrid Obert

Ein Maßnahmenkatalog für die ersten Schritte ins Berufsleben von Fotografinnen oder Fotografen? Eine Gebrauchsanweisung, um Fehlern und Stolpersteinen im Vorstellungsgespräch auszuweichen? Ein Patentrezept mit automatischer Auftragsgarantie? Nichts von dem kann dieser Artikel leisten. Dazu ist die Angelegenheit zu komplex, zu differenziert, und die handelnden Menschen zu individuell. Also will ich damit auch gar nicht erst anfangen.

Aber es gibt Elemente und Merkmale, die mir persönlich wichtig sind, um einem jungen Bewerber gegenüber aufgeschlossen zu sein. Die Fotografen denen ich große Auftaktjobs bei »meinen« jeweiligen Magazinen anvertraute, haben diese Dinge gemeinsam: wache, klare Augen, gute Laune, ein optimistisches Wesen, durch Können und Wissen erworbene Gelassenheit und eine spürbare Passion für das, was sie sein wollen – fotografierende Augenmenschen.

Sind das »gerechte« Kriterien? Ich meine, ja. Damit soll nicht gesagt sein, höfliches Auftreten, geordnete Garderobe, gewisse rhetorische Fähigkeiten und handwerkliches Können, seien in unserer Branche locker zu vernachlässigen oder genau dadurch zu ersetzen. Diese Elemente setzen wir hier als selbstverständlich voraus.

Ein erfahrener Bildredakteur, also alle meine Kolleginnen und Kollegen in dieser Branche, spürt sofort, wer ihnen gegenüber tritt. Ist es jemand, der von Leidenschaft durchdrungen ist? Ist es jemand, der voller Zweifel über sich und sein Können ist? Ist es jemand, der sich wirklich für Branche und Beruf interessiert? Ist es jemand, der Fotografie als Notlösung betreibt? Ist es jemand, der neugierig gespannt ist oder schon alles weiß? Ist es jemand, der mir neue Wege zeigt? Ist es jemand, der mich überrascht? Ist es ein Mediator meiner professionellen Bedürfnisse, also der Fotograf, der mir gefehlt hat? Ist es jemand, der journalistisch denkt? Ist es ein »echter« Newcomer?

Der Teufel trägt zwar bekanntlich Prada in unserem Genre, tobt sich dennoch meistens in anderen Abteilungen als in der Bildredaktion aus. Bildredakteure werden Sie lächelnd empfangen. Und Ihnen Gelegenheit geben, positiv auf sich aufmerksam machen. Sie sollten aber beherzigen und realisieren: niemand hat auf Sie gewartet. Der Redakteur nicht, Ihre Konkurrenten nicht. Und am allerwenigsten diejenigen, die Sie fotografieren wollen: Menschen, denen Ihr Beruf oft genug fremd, brotlos und unanständig erscheint. Dieses Schmuddel-Image wird der Fotobranche gerne angeheftet und perpetuiert, weil es so praktisch ist und von eigenen Schwächen ablenkt.

EINDRUCK MACHEN

Die auch so befeuerten Vorurteile gegenüber Fotografen werden Ihnen entgegen branden, wo immer Sie Ihrem Beruf nachgehen wollen. Diese Antipathie müssen Sie einkalkulieren und zunächst aushalten und dann durch Persönlichkeit, Witz, Charme und Aura ins Gegenteil verkehren. Sollten Sie sich in dieser Hinsicht während Ihrer Ausbildung noch kein breites Kreuz angeeignet haben , dann wird es mit dem Tag Ihres Anrufes in einer Redaktion höchste Zeit.

Warum also sollte ein Bildredakteur an Ihnen als Fotograf interessiert sein? Weil Sie an sich glauben, ein tapferes, aufgeregt schlagendes Herz und Sehnsucht nach Erfolg haben. Weil Sie nun beherzt die Chance ergreifen, eine Begegnung zu kreieren, an die alle Beteiligten noch lange und gerne denken.

Sie wollen und müssen Eindruck machen, am besten schon bei der ersten Wahrnehmung: Forschungsergebnisse zeigen, dass bei einem ersten Kontakt die ersten Hundertstelsekunden schon grundlegend Schicksal spielen für eine gelungene, fruchtbare Kommunikation und über Sympathie und Wohlwollen entscheiden. Aus diesem ersten Moment wächst die Basis für alles Weitere, was wir unter den Begriff Zukunft subsumieren und damit verbinden.

Eine Hundertstelsekunde ist für einen Fotografen eine locker zu handhabende Zeitspanne, solange er durch den Sucher seiner Kamera schaut. Diese Hundertstelsekunde kann Ihr Leben ändern, wenn Sie aufmerksam und bewusst mit diesem Moment bei einer ersten Begegnung mit Menschen umgehen. Wenn Sie nun in einer Bildredaktion oder bei einem Fotochef anrufen, um einen Termin zu vereinbaren, machen Sie sich klar: Am anderen Ende der Leitung herrscht meistens Stress, nicht immer positiver Stress. Lassen sie sich nicht beeindrucken von inadäquater Tonlage, genervtem Sprachstil oder gehetzter Gesprächsführung – kurzum, dem Gegenteil dessen, was oben als angenehme Grundvoraussetzungen für Sie genannt wurde. Dies ist noch nicht der Termin, bei dem Sie punkten können.

GEWINNENDE STIMME

Aber Sie können auch verlieren in einem solchen Telefonat: Fragen nach Besuchsterminen, die mit dem Redaktionsschluss kollidieren (Ende der Woche bei FOCUS, Anfang der Woche beim stern, BUNTE), Fragen, was denn die Redaktionsadresse sei, ob man die Mappe mitbringen solle, erwecken nicht unbedingt den Eindruck, man habe sich mit dem Gesprächspartner schon mal beschäftigt, sondern wirken eher belästigend und unprofessionell. Die Adresse steht im Impressum. Ein Fotograf, der sich vorstellen möchte, zeigt selbstverständlich sein Portfolio. Produktionszeiten von Magazinen ergeben sich aus dem Erscheinungstermin.

Achten Sie auf eine fröhliche, freundliche, klare, gewinnende Stimme am Telefon. Sollten Sie diese nicht haben, trainieren sie diese. Sie werden später noch bei vielen Menschen am Telefon die Bereitschaft wecken müssen, sich von Ihnen fotografieren zu lassen. Und Sie müssen einen verlässlichen Termin vereinbaren, bei dem Ihnen auch noch Zeit für Fotos gewährt werden soll.

Rufen Sie dafür diese Menschen und Kollegen wie mich nicht aus der U-Bahn oder »von unterwegs« an. Sie signalisieren damit nachrangige Beiläufigkeit ihres Anliegens, nicht professionelle Lässigkeit.

Und schicken Sie als erste Kontaktaufnahme keine Mail, das ist zu unpersönlich. Sie können gerne nach unserem Telefonat per Mail den verabredeten Termin bestätigen. Anders ist es hingegen, wenn Sie sich auf einem Job befinden und Rückmeldung geben wollen. Hier ist der Anruf oder das Mail zwischendurch »von unterwegs« sogar selbstverständlich. Aber dann haben Sie das Prozedere, über das ich gerade schreibe, ja längst und erfolgreich absolviert.

Wenn Sie nun den Besuch einer Redaktion vorbereiten, planen Sie ausreichend Zeit ein. Vorher wie nachher. Präsentationen abbrechen zu müssen, weil andernfalls Flugzeug, Bahn oder Mitfahrgelegenheiten verpasst werden, ärgert jeden der Beteiligten. Besuche reichlich verspätet zu beginnen, weil der vorhergehende Termin sich in die Länge zog, nimmt dem anstehenden Termin die Relevanz. Und reduziert Ihre Konzentration.

Wenn Sie unsicher sind bei Ihrem ersten Besuch, verstecken Sie sich nicht hinter aufgesetzter Fröhlichkeit oder unantastbarer Coolness, sondern lassen Sie dieses Gefühl zu, ohne sich zu ängstigen. Dieses Gefühl haben wir auch alle einmal gehabt. Versuchen Sie nicht jemand anders zu sein, als der, der Sie sind. Das wird man Ihnen anmerken und als Kasperei auslegen. Die Person, die Sie sein wollen, haben Sie hoffentlich während Ihrer Ausbildung gepflegt und entwickelt.

VERTRAUEN WECKEN

Trainieren Sie frühzeitig Ihren Blick und Gefühl für fremde Gesprächspartner, so können Sie sich besser auf das Gespräch konzentrieren. Schauen Sie mir freundlich in die Augen, wenn Sie mit mir reden. Das tue ich auch. Nicht nur Ihre Fotografie muss Vertrauen wecken für anstehende Aufgaben. Auch Ihr Habitus.

Sie werden zu fotografierende Menschen »knacken« müssen. Das können Sie nur, wenn Sie »echt«, aber auch diplomatisch und konzentriert sind. Sonst überzeugen Sie nicht. Trainieren Sie dieses Auftreten, es wird Ihnen die anfängliche Sicherheit verleihen, die Sie für weitere Schritte brauchen. Einen schüchternen Menschen scheucht schon die Vorzimmerdame aus dem Büro des Vorstandsvorsitzenden, wenn der Pförtner Sie überhaupt bis dahin vorgelassen hat. Aber es ist auch fraglich, ob man diesem Menschen einen solchen Fotoauftrag oder -termin gäbe. Einem Menschen mit großer Klappe hingegen begegnet jeder mit Misstrauen.

Reden Sie nicht zuviel, als großer Schweiger erzielen Sie allerdings auch keine Pluspunkte. Googeln Sie Ihre Gesprächspartner, die dort gewonnenen Infos helfen Ihnen beim »Small-Talk«, für den wir alle keine Zeit haben, ihn aber dennoch gerne führen. Außerdem erfährt der Redakteur so mehr über Sie.

Sie können sich auf Ihr Portfolio verlassen, wenn es erstklassig ist und Ihr Können wieder spiegelt. Das tut es dann, wenn Sie bei der Zusammenstellung Hilfe, Rat und Kritik angenommen haben. Dieses Verfahren schärft den objektiven Blick für subjektive Bilder. Je kritischer Sie sich aus Gründen der Qualitätspflege mit Ihren Bildern auseinander setzen, desto lobender werden es die Profis tun, denen Sie Ihre Arbeiten zeigen wollen.

Halten Sie sich vorher vor Augen, was Sie zeigen und wie Sie es zeigen möchten. Ob Sie analog oder digital präsentieren, sei dahingestellt. Beides hat seinen Charme. Digitale Fotografie ist bei Aufträgen allerdings Standard.

Stellen Sie sich mit einer digitalen Präsentation vor, dann nur auf höchstem technischen Niveau: Bildredakteure sind Computerfüchse und haben für technische Probleme oder holprige Präsentationen nur ein Lächeln übrig.

Sie erzielen Eindruck mit überraschenden Visual-Effects, intelligenten Kompositionen oder ästhetischer Aufbereitung. Aber nur, wenn es keine zeitraubenden Animationen und keine enervierenden Spielereien sind.

Atemlose Sequenzen helfen allerdings auch nicht weiter. Musik- und Vokaleinspielungen schaden nicht, lenken aber von konzentrierter Betrachtung ab.

VORLIEBEN ZEIGEN

Ein analoges Portfolio hingegen ist jeder noch so einfallsreich gestalteten Computeranimation in zweierlei Hinsicht überlegen: der Redakteur kann sein eigenes Blicktempo bestimmen. Und er rückt Ihnen nicht zu nahe bei der Begutachtung Ihrer Bilder. Oder umgekehrt.

Ihr Portfolio sollte Ihre Vorlieben deutlich durchscheinen lassen, aber auch Ihre Bandbreite reflektieren. Hundert Hochformate bei hundert Fotos haben ihren Charme, limitieren allerdings Ihren Einsatzbereich. Eine strukturierte Aufbereitung Ihrer Bilder schmeichelt der Intelligenz jedes Betrachters: er versteht Ihre Bilder schneller, was ihm wiederum höhere kognitive Fähigkeiten suggeriert.

Beherzigen Sie auch hier oben Gesagtes: seien Sie nicht geschwätzig mit Ihren Bildern. Wenn ein Bild mehr sagt als tausend Worte, dann sagen wenige Bilder alles. Ist Ihre Handschrift erkennbar, wird sie auch der Redakteur erkennen und nutzen wollen. Ist eine Entwicklung in Ihrer Fotografie erkennbar, wird sie der Redakteur ebenfalls erkennen und Ihrer Reaktions- und Anpassungsfähigkeit auf Terminen Vertrauen schenken.

Dabei hilft die intelligente Reduktion Ihrer Fotos, nicht stures Beharren auf eigenem Stil. Mich persönlich überzeugt eine Arbeit mit einer Kamera und einer Linse (kein Zoom) eher als selbstverliebtes Geplänkel mit unzähligen Brennweiten, Kameras und Blitzen. Der reine Porträtist darf nicht unbedingt mit einer Reportage rechnen, der klassische Reportagefotograf sollte auch ausgefallene Porträts vorweisen können. Wer mit der Kamera hinschauen kann, »seine« Sicht wiederzugeben versteht, dessen Augen werden gesucht sein. Und die Augen eines Bildredakteurs finden Sie.

Das Fotografische in allen seinen Erscheinungen sollte Ihnen nach der Ausbildung handwerklich wie kreativ zumindest nicht fremd sein. Sie haben an Ihren Defiziten gearbeitet und Ihre Stärken gestreichelt. Sie haben Ihre »optischen« Kenntnisse durch Studium und Lektüre der »grossen« Fotografen erweitert. Sie haben deren Biographien studiert und Sie benutzen nun deren Erfahrungen und Erkenntnisse als Fundus, aus dem Sie Ihre Bilder schöpfen. Sie haben Filme und ihre Bildsprachen inhaliert. Das hat Ihr Sehen gefeilt, Ihr visuelles Gedächtnis geschult und leistet so am Ende wertvolle Dienste als Steinbruch Ihres fotografischen Repertoires. Das ist nicht nur legitim sondern absolut notwendig.

Sie erwarten ja auch von mir, ein kompetenter Gesprächspartner und ein Verfechter Ihrer Belange zu sein. Und Sie wünschen sich eine professionelle, verlässliche Beurteilung, keine undestillierte Instinktreaktion aus dem Augenblick heraus. Sie wollen und erwarten von mir einen achtsamen, bewussten und freundlichen Umgang mit Ihrer Fotografie. Also muss auch ich meine Urteilsgrundlagen schaffen und mich weiter bilden.

Seien Sie neugierig, fragen Sie sich täglich, was Sie anders oder besser machen können. Allein die Frage zu stellen, reguliert den Hang zur Anmaßung und stärkt das Selbstbewusstsein. Machen Sie in regelmäßigen Abständen für sich alleine einen immer wiederkehrenden Fotospaziergang. Sie kontrollieren dabei Ihre eigene Entwicklung. Henri Cartier-Bresson hat in seinen Erinnerungen ein ähnliches Verfahren beschrieben und für sich fest gestellt, wie viele Fotos er nicht mehr machen könnte, würde oder wollte. Und welche er nun machen kann. Und welche er immer noch machen kann oder will.

Die angesprochenen humanen Faktoren erwerben Sie durch selbstkritisches Coaching. Dazu ist jeder Zeitpunkt richtig in Ihrem Leben. Und jeder Mensch, der Ihnen wichtig ist und dem Sie sich anvertrauen. Sie werden mit schreibenden Redakteuren verschiedenster Coleur in teilweise extremen Situationen zusammen arbeiten. Dazu müssen Sie letztlich wissen, wer und was Sie sind, um professionell zu arbeiten.

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Rüdiger Schrader
begann seine Karriere als Fotograf, unter anderem für dpa. Vom Ressortleiter Foto beim Stern wechselte er 1995 zum Focus Magazin, wo er bis heute Leiter der Bildredaktion ist.