MAGAZIN #35

Das fotografische Erzählen vom Krieg

Ein erhöhter Bedarf an Visualisierung geht einher mit den weltweit zunehmenden Krisen. Zugleich verschlechtern sich die Bedingungen für professionelle Kriegsfotografen. Wo Unabhängigkeit und Qualität als Maßstäbe nicht mehr gelten, übernehmen andere die Rolle der Bildlieferanten. Der Beruf des Kriegsberichterstatters steht auf dem Prüfstand.

von –

Felix Koltermann

In kaum einem anderen Medium werden die Komplexität und die Herausforderungen, über Kriege und Konflikte zu erzählen, deutlicher als im Fotojournalismus. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind Kriege und gewalttätige Konflikte in vielen Regionen der Welt Alltag. In Deutschland stellen sie einen elementaren Teil massenmedialer Berichterstattung dar. Fotografien zur Visualisierung des Geschehens sind gefragt wie nie zuvor. Dabei unterscheiden sich die Kriege und Konflikte ebenso stark voneinander wie die (foto-)journalistischen Akteure, die zu ihrer Dokumentation ausschwärmen.

Zu den Herausforderungen der Kriegsfotografie gehören neben der Gefährdung der persönlichen Sicherheit, die Schnelligkeit der Kameratechnik, die Möglichkeit, Bilder von der Kamera zu senden und in Echtzeit zu berichten, die Allgegenwart von Kameras im Feld und eine zunehmende Prekarisierung des Berufsstandes. Auf den Thementagen »Krieg erzählen«, die im Februar 2014 im Berliner Haus der Kulturen der Welt stattfanden, kamen einige dieser Aspekte zur Sprache.

In verschiedenen Podien wurde deutlich, dass sich vor allem das Feld der Akteure, die in Konfliktregionen Texte und Bilder produzieren und über die Geschehnisse berichten, gewandelt und vergrößert hat. Es sind nicht mehr nur Journalisten und Fotografen, die Informationen aus Kriegs- und Krisenregionen verbreiten. Jeder, der ein Smartphone besitzt, kann heute über Medien wie Twitter und Facebook direkt mit der Welt kommunizieren. Dies zeigt sich z. B. an der Revolution in Ägypten, den Protesten auf dem Taksim-Platz in Istanbul oder am Bürgerkrieg in Syrien. Die reine Dokumentationsfunktion wird Fotojournalisten damit immer öfter aus der Hand genommen. Entsprechend ausgestattet können Menschen in Kriegsregionen innerhalb kürzester Zeit zu gefragten professionellen Bilderlieferanten werden, wie es der Fall des 18-jährigen Molhem Barakat zeigt, der in Syrien für Reuters als Stringer arbeitete.

Darüber hinaus wird die Bildkommunikation für militärische Akteure und Gruppen aus der Zivilgesellschaft wie NGOs oder Medienaktivisten in Konflikt- und Krisenregionen immer wichtiger. So perfektionierte die US-Armee in Irak und Afghanistan mit der Strategie des »Embedment« ihre Bildpolitik. Die israelische Armee baute gleich einen eigenen YouTube-Kanal auf. Auch NGOs und internationale Organisationen greifen für ihre Arbeit immer stärker auf Bilder zurück und verfügen heute über eigene Bildredakteure und große Budgets für multimediale Produktionen, wie es Kattrin Lempp (Ärzte ohne Grenzen) und Carroll Bogert (Human Rights Watch) erläuterten.Zugleich sind sie ein wichtiger Logistikpartner, der Zugang zu Krisenregionen ermöglicht, was diese Organisationen für Journalisten und Fotografen als Auftraggeber zunehmend interessant macht. Die journalistische Unabhängigkeit der Fotografen wird dabei allerdings unter Umständen auf die Probe gestellt – wenn die Grenzen zwischen verschiedenen Berufsrollen zu verwischen drohen. Denn die Bildproduktion der NGOs hat zwei Funktionen: Zum einen geht es um das Sammeln visueller Zeugnisse von Gewalttaten, zum anderen aber auch um Selbstvermarktung und Spendenakquise.

Die zu den Thementagen in Berlin eingeladenen Fotografen sahen jedoch nicht nur auf der Produktionsseite Probleme. Sebastian Bolesch wies z. B. darauf hin, dass in tagesaktuellen Medien publizierte Einzelbilder stellvertretend für ein Ereignis stehen müssen. Aufschlussreich war darüber hinaus, dass Fotografen wie Sebastian Bolesch, Michael Kamber oder Marcel Mettelsiefen das Label »Kriegsfotograf« ablehnen, obwohl die Dokumentation in Konflikten ein elementarer Bestandteil ihrer Arbeit ist. Kamber wies auf die Problematik hin, dass Kriegsfotografen immer jünger werden, was vor allem an Hotspots wie Libyen und Syrien zu beobachten ist. Dies geht mit einer Prekarisierung der Arbeitsbedingungen einher, die sich z. B. in mangelndem Versicherungsschutz zeigt.

Angesichts der hier skizzierten Entwicklungen stellt sich die Frage, was Fotojournalisten dem entgegensetzen können. Es bleibt nicht aus, dass Fotojournalisten, die in Konflikten arbeiten, ihre Rolle neu definieren müssen, um sich in diesem Feld zu positionieren. Damit verbunden ist zum einen die Entscheidung, mit welchen Akteuren sie arbeiten wollen und zum anderen, mit welchem fotografischen Ansatz sie dies tun. Zwei wichtige Aspekte sind hierbei die Entwicklung einer Autorenschaft und einer persönliche Haltung. Beides sind Dinge, die Zeit brauchen, zu denen eine reife Fotografenpersönlichkeit gehört und die deutlich machen, was einen gestandenen Fotojournalisten von einem 18-jährigen Stringer im Krisengebiet unterscheidet. Der Beschleunigung und dem Drang zur Produktion und Publikation von Bildern in Echtzeit können freie Fotojournalisten nur mit Entschleunigung, Qualität und ausgereifter, vielleicht auch konzeptioneller Arbeit begegnen.

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Felix Koltermann
ist Diplom-Designer und Friedens- und Konfliktforscher. An der Universität Erfurt promoviert er über die fotojournalistische Produktion in Israel und Palästina. Auf www.fotografieundkonflikt.blogspot.com bloggt er zum Thema.