MAGAZIN #06

Das Imperium schlägt zurück

Wenn zwei sich streiten, schreibt der Dritte – Stern-Chefredakteur Funk als Medienereignis

Text –

Heiko Haupt

Daß der Stern-Chefredakteur Funk und mit Vornamen Werner heißt, das weiß man. Schließlich sitzt er nicht erst seit gestern auf seinem Stuhl. Daß ihn nicht wenige für das personifizierte Arschloch halten, ist so neu nun auch wieder nicht. Außerdem interessiert das bestenfalls ein paar Medienleute; Zeitschriftenkäufer haben eigentlich schon genug davon, einmal in der Woche die Seite drei des Stern mit dem Bildnis der frischpolierten Funkschen Glatze darauf überblättern zu müssen, um zu den interessanteren Bereichen des Heftes zu kommen. Und doch meinten plötzlich, Anfang des Jahres, einige der bekanntesten Blätter des Landes, daß der Mann ein Thema ist, riefen zum Funk-elnden Krieg der Sterne.

Quasi zum Erstschlag holte die Süddeutsche Zeitung aus. Nachdem man bereits im Januar über Probleme beim Stern berichtet hatte, wurde am 23. Februar nachgeladen. »Dr. Werner und Mr. Funk« titelten die Münchner über ihrer dreispaltigen und fast seitenhohen Geschichte. Untertitel: Er kann auch anders: ein Treffen mit dem Stern-Chef, dem bestgehaßten Mann der Branche. Die Autorin schildert, wie sie zu ihrer Verblüffung beim Interview-Termin auf einen »gut, aber lässig angezogenen, gescheiten, höflichen Menschen« namens Funk trifft. Nicht ohne den Grund für ihre Überraschung zu nennen: Schließlich sei diese Person ein Mann, »den selbst vorsichtige Kollegen schnell einen »Kotzbrocken«, »Zyniker« oder »Psychopaten«, »ein richtiges Schwein« oder einen »asozialen destruktiven Menschen« nennen«.

Erzählt werden die Insidern bekannten Geschichten. Die von dem Redakteur, dem Funk seine Verachtung aussprach, weil der in seinem Alter noch Arbeiten müsse, zum Beispiel. Dann geht es weiter mit Erzählungen über die bekannten Auflagen-Probleme des Stern, über das neue Konzept, mit dem Dr. Werner – oder war es Mr. Funk? – den Karren wieder in Schwung bringen will. Aha, sagt sich der Leser und blättert weiter.

Ein wenig mehr Licht in die Hintergründe, warum es zu dieser Geschichte kommen mußte, bringt knapp zwei Wochen später DIE ZEIT. Da widmet man dem Chefredakteur vom Hamburger Baumwall am 7. März eine komplette Seite – und darauf ist in der ZEIT bekanntlich reichlich Platz für Worte. Auch wenn sich die ZEITgeister bei der Überschrift »Keiner füllt mehr Nannens Wundertüte« nicht eben mit Ruhm bekleckerten, gibt es auf den unzähligen Zeilen doch immerhin ein paar Neuigkeiten.

So erfährt der unwissende Leser, daß beim Stern Mitte 1996 ein gewisser Andreas Lebert seinen Job als Stellverteter Funks angetreten hatte – um ihn schon wenig später wieder ebenso überraschend wie entnervt wieder zu verlassen. Lebert ging dorthin zurück, woher er gekommen war. Nach München, zur Süddeutschen Zeitung, deren Magazin er zuvor zu einigem Ruhm verholfen hatte.

Bei seiner Rückkehr dürfte Lebert die eine oder andere verständnisvolle Schulter zum Ausweinen vorgefunden haben. Schließlich ist er bei der Süddeutschen nicht der einzige, der nicht gerade Funks Bildnis goldgerahmt auf den Schreibtisch stellt. Stellvertrender Chefredakteur der Süddeutschen ist zum Beispiel ein gewisser Ernst Fischer, der vor einiger Zeit ebenfalls den Stellvertreter-Posten unter Funk verließ. Ihm zur Seite steht in München Werner Kiltz, der Funk in alten Zeiten beim SPIEGEL lieben gelernt hat.

Welche Verhältnisse nun zwischen den ZEIT-machern und Funk herrschen, darüber darf spekuliert werden. Jedenfalls gibt man sich alle Mühe, den Ablauf der Kriegshandlungen chronologisch festzuhalten. Demnach hat die Süddeutsche also Ende Januar Turbulenzen beim Stern vermeldet, mit besagtem Dr. Werner-Text weitergemacht. Und am 25. Februar dann – zwei Tag nach Erscheinen der Süddeutschen-Geschichte – meinte man bei der ZEIT, es sei an der Zeit, auch mal mit dem Herrn Funk zu sprechen. Man rief an, bekam ein paar unfeine Worte zu hören und außerdem die Ankündigung, daß der Stern auf eine mögliche Berichterstattung reagieren würde. »Wenn ihr das tut, dann schicke ich euch meine zwei besten Leute. Über die ZEIT gibt’s auch genug zu berichten. Und zwar in derselben Woche«, zitiert das Blatt den Funkschen Ausbruch.

Nichtsdestotrotz schreibt ZEIT-Autor Rainer Frenkel noch ausführlichst über alle Probleme des Stern, die Auseinandersetzungen in der Redaktion und auch darüber, daß die Süddeutsche am 1. März noch einen Leserbrief Funks veröffentlichen mußte. Die Autorin des Dr. Werner-Berichtes erzählte nämlich am Ende ihres Textes, daß Funk vor ihren Augen noch den Auflösungsvetrag für den Bonner Büroleiter des Stern unterschrieben hatte, nicht ohne anzumerken, daß der ja ein ganz unfähiger Mensch sei. Was laut ZEIT am 25. Februar – dem Tag, als die ZEIT Funk anrief – einen bösen Brief des Stern-Betriebsrates in dieser Sache folgen ließ, woraufhin Funk in seinem Leserbrief das alles bestritt und die Süddeutsche wiederum anmerkte, daß sie bei ihrer Darstellung blieb.

Und dann ließ Dr. Werner tastächlich den Mr. Funk raus und machte seine Drohung der ZEIT gegenüber wahr. Wenn auch nicht ganz so, wie er es sich wohl vorgestellt hatte. Das angedrohte Duo der Starautoren halbierte sich, und der verbliebene Frank Thomsen brachte es auf gerade mal eine Stern-Seite mit der Überschrift »Zaudernd durch die Wüste«. Thema: Die Probleme einer Hamburger Wochenzeitung namens ZEIT. Die habe vor vier Jahren noch eine halbe Million Exemplare verkauft, jetzt nur noch 460000, Änderungen am Layout wirkten eher wie der letzte Versuch und auch die politischen Leitartikel kämen »übers gediegene Sowohl-als-auch nicht hinaus«. Dazu gibt es dann noch den kleinen Seitenhieb, daß ZEIT-Chefredakteur Leicht einem etwas eigenartigen Hobby fröne – der spiele in der Mittagspause gern gegenüber in der Kirche des ZEIT-Gebäudes Orgel. Worauf er nun aber wegen der ZEIT-lichen Probleme oft verzichten müsse.

Was das nun alles soll? Irgendwer wird es schon wissen, ein paar tausend Leser Rätseln dagegen wohl noch bis heute. Auf jeden Fall haben sich ein paar Chefredakteure den Spaß machen dürfen, ein bißchen Krieg der Sterne zu spielen. Bis dann wieder Kinderbettzeit war und alle von der Rückkehr der Yedi-Ritter träumen durften.

Allerdings: Wenn wieder genug Munition für die nächste Schlacht beisammen ist, wird einer nicht mehr mitspielen dürfen. Anfang Mai – einen Tag vor Vatertag – wurde bekannt, daß ZEIT-Chef Leicht seinen Sessel räumen muß.