MAGAZIN #28

Das kann man knicken

Er ist ein echter (Zer)Knüller – für Fotojournalisten. Der Rahmenvertrag für Fotoproduktionen des Jahreszeiten Verlages reklamiert fast alle Rechte für sich und wird auf breiter Front abgelehnt

Text –

Manfred Scharnberg

Foto –

Melanie Dreysse

Die Vorgeschichte ist schnell erzählt. Im März dieses Jahres alarmierte ein Vorgang die Fotojournalisten, die für den Jahreszeiten Verlag arbeiten: Dessen neue Rahmenverträge für Fotoproduktionen enthalten Bedingungen, die nicht akzeptabel seien. Der Verlag, der Zeitschriften wie Merian, Der Feinschmecker, Architektur und Wohnen, Für Sie, Petra und Selber machen publiziert, löste damit eine Protestwelle unter Fotografen und Bildagenturen aus.

Denn diese Regelungen unterscheiden sich drastisch von den marktüblichen. Sie greifen massiv in die Rechte von Fotojournalisten ein. Demnach sollen die während eines Auftrages aufgenommenen Fotos unbegrenzt veröffentlicht werden können. Also nicht nur in der Auftrag gebenden Zeitschrift abgedruckt werden – wie es üblich ist – sondern darüber hinaus unentgeltlich von allen »verbundenen Unternehmen« der Ganske Verlagsgruppe. Diese Lizenz zum Abdrucken beinhaltet neben den zwölf Publikumszeitschriften des Verlages zahlreiche Objekte aus dem Gräfe und Unzer Verlag, sowie Kundenmagazine. Hoffmann und Campe Corporate Publishing gibt als Referenz 58 Objekte an. Alles soll lediglich mit einem einmaligen, normalen Erstveröffentlichungshonorar abgegolten werden. Einmal bezahlen beliebig oft nutzen – Verluste für Fotojournalisten sind damit vorprogrammiert.

Ähnliches gilt für die Vertragsklausel, die Fotojournalisten inzwischen »Zwangssyndizierung« nennen. Der Jahreszeiten Verlag behält sich das exklusive Recht vor, alle im Auftrag entstandenen Fotos über das hauseigene Bildarchiv zu vermarkten. Fotografen werden gezwungen, die Konditionen zu schlucken, wenn sie noch weiterhin für den Verlag arbeiten wollen.

Bei Einschränkungen, die Medienunternehmen Fotografen ohne Absprache einseitig unterjubeln wollen, ist die Fantasie der Verlage grenzenlos. Dabei hat sich auch der Springer Verlag nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Gegen seine Vertragsbedingungen, die er immer wieder seinen Fotografen zuschickt, bekommt Springer alle vier bis acht Wochen von FREELENS 565 Widersprüche seiner Mitglieder zugestellt. Bereits seit 2007 suchen Gerichte im Dickicht der Vertragsklauseln nach einer Entscheidung. Muss es auch beim Jahreszeiten Verlag soweit kommen?

Allen Medienunternehmen, die sich der Rechte von Fotografen bemächtigen wollen, ist eines gemein: Sie versuchen Fotojournalisten die Möglichkeit zu nehmen, am wirtschaftlichen Erfolg ihrer fotografischen Arbeit teilzuhaben. Futsch ist ein wichtiger Teil ihrer Existenzsicherung. Das ist der Anfang vom Ende des Berufstandes freier Fotojournalisten. Eine angemessene finanzielle Beteiligung der Kreativen ist allerdings ein Anspruch, der im Urheberrecht nicht ohne Grund ausdrücklich formuliert ist. Die grundlegende Frage lautet: Wem gehören die Bilder?

Begehrlichkeiten wachsen auch, wenn es darum geht, Fotografen, Journalisten und Autoren in ihren Rechten massiv zu beschneiden. Alle Veröffentlichungsrechte abgeben und Klappe halten, scheint das Lieblingsszenario in Verlagskreisen zu sein. Dabei haben sie es nicht mit Erfüllungsgehilfen zu tun, sondern mit den kreativen Lieferanten ihrer Optik, mit denen, die das Aushängeschild ihrer Publikation prägen. Oder ist die Gestaltung von Fotos nach inhaltlichen und ästhetischen Gesichtspunkten nicht mehr elementarer Teil journalistischer Tätigkeit? Kann man das vom grünen Tisch planen?

Den Fotojournalisten zudem noch die selbst bestimmte Weitervermarktung ihrer Bilder zu nehmen, kommt einer Entrechtung gleich. In den meisten Auftragsverhältnissen können Fotografen nach einer Sperrfrist entscheiden, wem sie ihre Bilder zur Verfügung stellen und wem nicht. Der Jahreszeiten Verlag will das alles streichen und lässt den Fotografen nicht mal mehr die Möglichkeit, Vertragspassagen abzuändern – entgegen den bisherigen Gepflogenheiten.

Symptomatisch für den Drang zum Ausverkauf kreativer Werke ist der derzeitige Gründungsboom von Initiativen. Neben dem »Heidelberger Appell« macht das »Aktionsbündnis für faire Verlage« von sich reden, das sich gegen unseriöse Verlagspraktiken wendet. »Fairlag« wurde von 50 Autorenverbänden und Literaturinstitutionen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ins Leben gerufen. Prominente Autoren wie Elfriede Jellinek, Günter Grass und Ralph Giordano treten auf den Plan, gegen einseitiges Abwälzen unternehmerischen Risikos auf die Autoren, sowie den Verlust rechtlicher und qualitativer Standards.

Erstaunt hat die Branche, dass ausgerechnet der Jahreszeiten Verlag zum Vorreiter avanciert, wenn es darum geht, die Möglichkeiten von Fotografen zu beschneiden. Gerade bei so hochwertigen Magazinen, die das Unternehmen herausgibt, ist Individualität und Gestaltungskraft eine unabdingbare Geschäftsgrundlage.

Klar, in Krisenzeiten ist Kreativität gefordert. Doch die Fantasie der Verlage beschränkt sich bisher allein auf monetäre

Bereiche. Die im Vergleich zu anderen Branchen immer noch guten Renditen gilt es zu retten. Die Rezepte: Streichen, Zusammenlegen, Einsparen – und die wundersame Vermehrung von Content. Ihr einziges Mittel scheint zu sein, das kreative Potenzial ihrer Mitarbeiter und Lieferanten bis zum letzten auszuquetschen. Verlage suchen ihr Heil auch im Zusatzgeschäft, wollen zu Bildagenturen mutieren. Dabei ist es ein riesiger Unterschied, Fotos zu veröffentlichen oder Fotos zu vermarkten – zumal noch an direkte Konkurrenten.

Solche Strategien greifen viel zu kurz. Langfristig sind es Maßnahmen, mit denen Medienhäuser Gefahr laufen, sich in die Bedeutungslosigkeit zu katapultieren. Was will man dem gewaltigen Ansturm an inhaltlicher Konkurrenz aus dem Internet entgegensetzen? Massenware? Nur mit dem Besonderen und mit Ideenreichtum kann sich Print davon absetzen. Warum nimmt man diese Herausforderung nicht zusammen  mit den Fotografen an, statt es auf ihrem Rücken auszutragen?

Bislang konnte sich der Jahreszeiten Verlag auf das Engagement seiner Fotografen verlassen. Wie es inzwischen, bei dem massiven Widerstand von über 3000 Kreativen, um dessen visuellen Einfallsreichtum bestellt ist, wird sich zeigen.

Konfliktstoff

CHRONIK DER EREIGNISSE

  • Am 9. März informiert FREELENS seine Mitglieder darüber, dass der Jahreszeiten Verlag neue, fragwürdige Verträge einfordert.
  • 11. März: In einem FREELENS-Brief wird Thomas Ganske gebeten, die Vertragsbedingungen zurückzunehmen und zu einem Gespräch gebeten.
  • Thomas Ganske antwortet am 17. März sehr allgemein auf den FREELENS-Brief, ohne auf Widersprüche und Angebote einzugehen.
  • Bereits am 18. März sprechen sich in einer internen Liste 120 Fotojournalisten in einem Aufruf gegen die Vertragsbedingungen aus.
  • FREELENS initiiert am 27. März eine interne Widerspruchsliste für Mitglieder, die für den Jahreszeiten Verlag arbeiten.
  • FREELENS antwortet am 1. April auf den Brief Thomas Ganskes.
  • 2. April: Ein von 328 Magazinfotografen unterzeichneter Brief, der Argumente gegen die Vertragsbedingungen formuliert, richtet sich an die Geschäftsleitung und die Chefredakteure des Jahreszeiten Verlages.
  • Am 3. April antwortet Andreas Hallaschka sehr ausführlich auf den Brief der Magazinfotografen und bietet ein Gespräch an.
  • Der FREELENS-Blog wird ab dem 14. April veröffentlicht. Am ersten Tag unterzeichnen bereits gut 350 Fotografen den Appell.
  • Nach einer FREELENS-Presseerklärung berichtet die Branchenpresse am 15. April umfangreich über den Konflikt.
  • Am selben Tag nimmt die Geschäftsführung des Jahreszeiten Verlages in einem offenen Brief zu den Vorwürfen Stellung.
  • 16. April: Eine Abordnung von Fotografen, die für den Feinschmecker arbeiten, trifft sich mit dem Jahreszeiten Verlagsleiter Oliver Voss.
  • Der Bundesverband der Pressebildagenturen, BVPA, schließt sich am 17. April in einer Presseerklärung den Argumenten der Fotografen an.
  • FREELENS trifft am 20. April die Verlagsleiter Oliver Voß und Matthias Frei zu einem Gespräch – ergebnislos
  • 7. Mai: Drei Magazinfotografen führen stellvertretend ein Gespräch mit Andreas Hallaschka und Oliver Voss – ergebnislos.
  • Am 9. Mai beschließt der BVPA sich als Verband dem FREELENS-Appell anzuschließen.
  • Den Appell haben bis zum 18. Mai, dem Redaktionsschluss des FREELENS Magazins, 3323 Fotojournalisten, Bildredakteure, Bildagentur-Geschäftsführer und Journalisten unterzeichnet.