MAGAZIN #30

Das Methusalem-Komplott SX-70

Was hat Alfred Eisenstaedt mit unserer Rentenversicherung zu tun? Einige burleske Gedanken zu einem Faktum, das in der Fotogemeinde mit einem Tabu belegt wird und gleichwohl merkwürdig zeitgemäß erscheint

Text –

Christoph Schaden

Es ist Freitagabend gegen neun Uhr, ich sitze Günther Jauch gegenüber. Die Scheinwerfer im RTL Studio drehen sich im Kreis nach unten, zu hören ist der spannungsgeladene Jingle. Dann herrscht absolute Stille. Mit Augenzwinkern signalisiert mir der Moderator, dass nun eine Frage zur Fotografie drankäme. Schon wiege ich mich in Sicherheit und frohlocke. Sodann wird mir die legendäre 1-Millionen-Eurofrage gestellt: Was haben Leni Riefenstahl, Henri Cartier-Bresson und Irving Penn gemeinsam? A – ein sündhaft teures Fotoequipment, B – den alles entscheidenden Augenblick, C – autorisierte Memoiren oder D – einen streitbaren Nachlass.

Schweiß bricht aus. Verdammt, das ist doch heimisches Terrain, kommt mir in den Sinn. Zumindest hier, in der Fotografie, da sollte man sich doch auskennen. Aber war Bressons Leica wirklich schon so teuer damals? Jedenfalls hat Penn, der alte Brite, doch fast immer mit Studiofotografie Geld gescheffelt. Also müsste B falsch sein, oder? Auch Lenis Memoiren sind Legende, gewiss, aber bei den anderen? Waren das nicht eher Manifeste? Oh Gott, die wurden doch sicher von anderen verfasst, oder doch nicht? Und was ist denn nochmals aus dem Penn-Nachlass geworden…?

Spätestens in diesem entscheidenden Moment wache ich schweißüberströmt auf und reibe mir die Augen. Bestenfalls ignoriere ich dann all meine Alzheimer-Ängste und bin einfach glücklich, fortan zur großen Gemeinde der Unwissenden zu gehören. Offen gesagt, mir geht es danach nicht immer so. Ungelöste Fragen laufen einem dummerweise nur allzu gerne hinterher.

Dann kommen die Nationalitäten dran (natürlich unterschiedlich), die Geschlechter (es muss mindestens zwei geben!), die Lebensläufe (werwarwannwowarum?) und die fotografischen Werke (spätestens hier verheddere ich mich dann endgültig): ein jedes und alles wird aufs Podest gestellt, um die elende Schnittstelle endlich ausfindig zu machen. Irgendwann macht es dann Klick! Gottseidank, wir haben es.

Hand aufs Herz! Ist Ihnen auch schon einmal aufgefallen, wie steinalt die meisten unserer Fotografinnen und Fotografen geworden sind? Lenis Leben umfasste bekanntlich stolze 101 Lenze, Henri hat das Jahrhundert nur um vier Jahre verpasst und auch Irving verabschiedete sich kürzlich mit immerhin knapp 92 Lebensjahren. Reiner Zufall, denken Sie? Dann darf ich Ihnen einige demografische Kostproben kredenzen:

Berenice Abbott 93 Jahre. Eve Arnold, Jahrgang 1912. Ellen Auerbach, 98 Jahre. Lillian Bassman, Jahrgang 1913. Eva Besnyö 93 Jahre. Ilse Bing, 98 Jahre. Marianne Brandt, 89 Jahre. Marianne Breslauer, 91 Jahre… Da sind wir noch gar nicht bis zum Buchstaben C gekommen.

Falls Sie jetzt das Phänomen allein auf den Gender-Faktor zurückführen wollen, sei auf den großartigen Heinrich Heidersberger verwiesen, der sich erst mit geschlagenen runden 100 Jahren in die ewigen Fotojagdgründe verabschiedete. Und wenn Sie jetzt noch eine männerspezifische Statistik anlegen möchten: James Abbe, 90 Jahre. Ferenc Berko, 84 Jahre. Marcel Bovis, 93 Jahre. Manuel Alvarez Bravo, 100 Jahre…

Die Empfehlung kann also nur lauten, einmal ein Fotografenlexikon, etwa den Koetzle oder die Auers, in die Hand zu nehmen und systematisch nach den Lebensdaten unserer Säulenheiligen zu durchforsten. Da werden Sie beim Abgleich nicht nur mit einer illustren Menge hoher zweistelliger Zahlen konfrontiert. Man reibt sich auch verwundert die Augen, wie viele aus der alten Garde tatsächlich noch unter uns weilen. »Wie, der lebt noch? Zapperlot, und die auch, nein, das hätte man nicht gedacht….!«

Falls Sie zur Berufsgruppe der Fotografinnen und Fotografen gehören sollten, kann ich Sie also nur beglückwünschen und Ihnen empfehlen, noch rasch eine Renten- statt einer Lebensversicherung abzuschließen.

Womit wir beim eigentlichen Thema wären. Denn spätestens mit der These des Methusalemkomplotts, die Frank Schirrmacher vor einiger Zeit durch die Medienwelt geistern ließ und für einige Kontroversen sorgte, dürfte die Frage auch für die Fotowelt von Interesse sein.

Das fängt mit der Rentenproblematik an! Zumal ein Fotograf niemals einfach so in Rente geht, wie mir kürzlich etwa der Hamburger Werbefotograf Kai-Uwe Gundlach entgegnete. Wieso sollte man auch seine Kamera weglegen, nur weil man das 65. Lebensjahr erreicht hat? Immer hübsch draußen an der frischen Luft, immer unterwegs, immer interessiert am Hier und Jetzt. Und täglich trifft man neue nette Leute. »Fit for Photography!«, dürfte die Devise unserer Tage lauten. Ein Schelm bleibt da, wer als Zukunftsszenario eine noch munter herumstreunende »Generation 90+« a la Steichen & Stieglitz (beide 94) bzw. Lartigue (92) & Levitt (96) heraufbeschwört.

Über die Ursachen und Gründe eines gesegnet langen Fotografenlebens kann man übrigens trefflich streiten. Deshalb ist das Methusalem-Komplott in der Fotografie ein geradezu ideales Stammtischthema. Nicht zuletzt auch, weil zuverlässige demografische Studien (in Abhebung zur Malerei und Bildhauerei!) bis heute fehlen und gleichwohl ein jeder mit seiner Erfahrung und Meinung etwas beizusteuern gedenkt.

Mein DGPh-Vorstandskollege Michael Ebert, Beruf: Fotoreporter, versicherte mir beispielsweise, dass die hohe Lebenserwartung unweigerlich mit dem Sexus seiner Berufsgruppe zu tun habe. Schließlich hätten schon auf dem Schulhof die Jungs den größten Schneid bei den Mädels gehabt, die eine Fluppe im Mund hatten und eine Kamera in der Hand. Wer denkt bei diesem Anblick nicht an den großen Robert Capa, dessen Amouren Legende sind?

Gut, für unser Thema ist er ein schlechtes Beispiel. Aber selbst einige der virilen Magnum-Recken, die wohl alle keine Kostverächter waren, gelangten in biblische Altersgefilde. Denken Sie etwa an Cornell Capa (90) und Philipp Jones Griffiths (82). Wenn man also nicht gerade auf eine Mine tritt, mit dem Flugzeug abschmiert oder an einer Leberzirrhose krepiert, hat man auch im Gewerbe der harten Jungs durchaus Chancen auf einen betagten Lebensabend.

Mein Bekannter Jean-Luc Differdange, ein begnadeter Retuscheur und Virtuose der Dunkelkammer, hält dagegen eine andere, höchst einleuchtende These bereit. Beim Prozess des Entwickelns würde man durch die Inhalation diverser Dämpfe auf die Dauer von innen konserviert (!!!), sagt er. Pierre Gassmann, der legendäre Magnum-Printer, wäre für eine solche Behauptung wohl ein hinreichender Beweis. Das Laborgenie wurde schließlich auch über 90.

Im Zeitalter des Digitalen gibt uns eine solche These schwer zu denken. Daher sei noch ein entlastendes Beispiel angefügt: L. Fritz Gruber, der bekanntlich 96 Jahre alt wurde, ist hierzulande ein schöner Beleg dafür, dass man ein biblisches Alter bereits erreichen kann, wenn man sich allein nur mit dem schönen Phänomen der Fotografie zu beschäftigen weiß! Man muss nicht einmal selbst zur Kamera greifen, die Lektüre der Bilder reicht völlig aus. Ganz im Ernst: Wenn irgendetwas zu unserem demografischen Thema von Bedeutung ist, dann ist das wohl sein hedonistisch lebensbejahender Faktor.

Die old and live forever! müsste also die eigentliche Glücksformel der Fotografie lauten. Dass das Ding mit der Unsterblichkeit allerdings nicht ganz so leicht zu bewerkstelligen ist, belegt eine hübsche Geschichte über Lucien Clergue. Der Maitre machte einst eine Serie von Strandfotos, die Reifenspuren und Plastikmüll als rätselhafte Alien-Abdrücke für die Nachwelt im Sinne eines »Skizzenbuch Gottes« konservieren sollten. Das war reichlich bizarr und bedurfte einer Erklärung. Clergues Kommentar hierzu war: »Ich bin der älteste Fotograf der Welt.«

Der Mann hatte da wohl eine Kleinigkeit missverstanden. Zur Unsterblichkeit ist es halt doch noch ein kleiner Sprung, zumindest bedarf es wohl eines spektakulären Abgangs. Keinem gelang das, möchte ich behaupten, überzeugender als dem großen Helmut Newton mit seinem finalen Autocrash auf dem Sunset Boulevard in Los Angeles. Aber »das Forever« in der Fotografie ist sicher einen eigenen Stammtischabend wert.

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Christoph Schaden
lebt und arbeitet in Köln. Der Kunsthistoriker beschäftigt sich seit 2005 freiberuflich mit Fotografie und Kunst. www.christophschaden.de