MAGAZIN #30

Das Politische im Bildjournalismus

Mit Fotografie die Welt verändern – mit diesem Ideal ist so mancher in den Beruf gestartet. Dass dies in unserer komplexen Welt differenzierter betrachtet werden muss, liegt auf der Hand. Über ihr politisches Selbstverständnis im Fotojournalismus haben wir zwei Fotografen unterschiedlicher Generationen befragt – zwei Positionen von vielen möglichen

Interviews –

Bernd Euler

Daniel Rosenthal
Mit der Fotografie Position beziehen

Bernd Euler: Was ist für Dich politische Fotografie?

Daniel Rosenthal: Ich liebe Fotografie, die Position bezieht, die auch gern subjektiv ist, die anspricht, was Menschen bewegt, die mich fühlen lässt, was der Mensch fühlt, der da abgebildet ist. Die im besten Fall den Finger auf die Wunde legt und vielleicht auch zum Nachdenken anregen kann.

Bist Du ein politischer Fotograf?

Ich würde mich als jemand bezeichnen, der daran interessiert ist an dem, was Menschen bewegt. Als ich zum Beispiel für das Greenpeace-Magazin an der Elfenbeinküste war, um eine Reportage über die erzwungene Kinderarbeit auf den Kakaoplantagen zu machen, entwickelte ich vor Ort eine Position zu der Problematik und die versuche ich zu visualisieren. Dann wird es schnell politisch ja, im Vordergrund steht jedoch das Interesse an den Menschen und deren Gefühlen.

Ob das politische Fotografie ist, das müssen die Leute beurteilen, die die Bilder sehen. Deswegen fotografieren wir ja auch: Die Bilder sollen den Betrachter ansprechen.

Du arbeitest häufig für die holländische Tageszeitung de Volkskrant. Ist das Einzelbild Dein Metier?

Die Fotografie für de Volkskrant hat für mich was unglaublich Spannendes, weil du einfach in der Lage sein musst, in relativ kurzer Zeit die Quintessenz zu visualisieren. Tageszeitungs-Einzelbilder sind ein sehr gutes Training.

de Volkskrant legt großen Wert auf gute Fotografie, gutes Layout, und ein sehr gutes Edit, gepaart mit Vertrauen und fairer Bezahlung. Du bekommst einen Auftrag und dann heißt es: Mach mal! Zeig uns deine Sicht der Dinge. An meinen Bildern für de Volkskrant, die auf meiner Website zu sehen sind, erkennt man, was für Bilder dort akzeptiert und gewollt werden – Mut zur Subjektivität, Abstraktion, komplexerer Bildaufbau, emotionale Nähe zu den Fotografierten.

Ich vermisse diese Art der Fotografie und deren Wertschätzung oftmals in deutschen Tageszeitungen. Ich fotografiere gerne, sowohl für Tageszeitungen als auch für Magazine, aber mein persönliches Ziel ist es, in Zukunft mehr Zeit für eigene Projekte zu haben. Denn die zeitliche Begrenzung an einem Thema zu arbeiten stört mich am meisten, weil du merkst was für ein Potenzial die jeweilige Geschichte hat. Wenn du mehr Zeit hättest würdest du selbstverständlich tiefer eintauchen.

Bei vielen Fotojournalisten dominieren Themen aus dem Ausland. Sind deutsche Themen so uninteressant ?

Das was in unserer näheren Umgebung ist, ist unseren Augen einfach vertraut. Ich glaube es ist viel schwieriger, das fotografisch zu fassen als das erste mal z.B. als Deutscher in China zu fotografieren und von der Exotik überwältigt zu sein.

Als ich ein Buchprojekt über Straßenkinder in Berlin gemacht habe, war das genau meine Schwierigkeit. Ich fand die Realisierung dieses Themas in Deutschland viel schwieriger als beispielsweise meine Abschlussarbeit für London, als ich im Irak war um eine Reportage über die Auswirkungen der UN-Sanktionen. Da springen dich die Motive geradezu an, während das in Berlin nicht unbedingt so war.

Sind die Möglichkeiten digitaler Technik Fluch oder Segen ?

Zu Print-Zeiten hatten die beim Volkskrant täglich etwa 200 Bilder, aus denen sie ihr Blatt machten. Heute kriegen die täglich 5000 auf den Tisch! Da musst du ein extrem guter Bildredakteur sein, um das zu bewältigen und daraus die wirklich Guten rauszuziehen. Sonst druckst du einen Haufen Müll. Früher hast Du von einem Tageszeitungsjob ein, zwei Bilder geschickt. Heute schicken manche Fotografen das Fünfzigfache! Das heißt, die Fähigkeit zu editieren und damit auch die gewollte Aussage zu formulieren ist durch die Möglichkeiten der Digitaltechnik ein Stück weit verloren gegangen. Das ist die eine Seite der technischen Entwicklung.

Die andere Seite ist sicherlich der ästhetische Aspekt. In der Reportagefotografie sehe ich zunehmend Bilder, die einen werblichen Charakter haben, die sehr pflegeleicht sind, die nicht verstören, die »easy on the eye« sind. Ich sage dazu gerne »Ikea-Fotografie«. Ich rieche den Menschen nicht, ich fühle den Menschen nicht, habe keine Ahnung was der Mensch denkt. Die Bilder sagen mir nichts, ich kann damit nichts anfangen.Ein Grund ist vermutlich, dass das Pflegeleichte einfacher zu verkaufen ist. Vielleicht gibt es auch eine gewisse Angst oder auch Widerwille eindeutig Position zu beziehen.

Hintergrund
Daniel Rosenthal
Ausbildung an der Lette-Schule in Berlin (1995–1998) und Studium an der London School of Media (1999–2000). Anschließend ein Jahr in Amsterdam. Lebt seitdem in Berlin.

www.danielrosenthal.de

 

Andreas Herzau
Themen, die gesellschaftliche Wirklichkeit tangieren

Bernd Euler: Lass uns mal mit ein paar Begriffen beginnen, zu denen Du mir sagst, was sie bei Dir auslösen: Politische Fotografie.

Andreas Herzau: Je länger ich über den Begriff »politische Fotografie« nachdenke, desto größere Probleme bekomme ich mit diesem Begriff. Das ist ein Etikett, das den Sachen gerne umgehängt wird, bzw. das sich Leute auch gerne selbst umhängen. Politische Fotografie klingt extrem objektiv. Den Begriff als formalen Auswuchs innerhalb der verschiedenen Kategorien wie Sportfotografie, Aktfotografie oder Tierfotografie zu verwenden, halte ich für unzulässig.

Nächster Begriff: Politischer Fotograf.

Der ist die Pest im Journalismus! Er reist als Propagandist und nicht mehr als Autor. Anders verhält sich das mit politisch denkenden Menschen, die sich mit ihrer Fotografie ausdrücken und Gehör verschaffen, da gehört die politische Bildung mit zur Autorenschaft.

Wo siehst Du Dich in diesem Dschungel der Begrifflichkeiten, als der Fotojournalist Andreas Herzau?

Ich für mich selbst würde nie sagen, das ich politische Fotografie mache, geschweige denn »engagierte Fotografie«, was ich schon fast als Schimpfwort empfinde. Ich mache Fotografie, zu Themen, die mich beschäftigen. Das sind Themen, die gesellschaftliche Wirklichkeit immer tangieren und in denen ich mich auf meine persönliche Art und Weise mit damit auseinandersetze. Aber die Entscheidung, ob das politische Fotografie ist, die liegt beim Betrachter.

Die Fotoreportage hat sich vom neutralen Dokumentieren, über die parteiliche Stellungnahme zur persönlichen Sicht der Dinge hin entwickelt. Ist das eine Sache des Zeitgeistes?

Man kann das Zeitgeist nennen, ich würde es eher als eine Entwicklung sehen. Es ist nicht so lange her, dass Fotografie als Synonym für Objektivität begriffen wurde. Es hat lange gedauert, bis es sich durchgesetzt hat, das Fotografie eben doch Malerei ist, nur dass wir mit Licht malen und nicht mit Farben. Jedes Bild, welches ich mache, ist eine Inszenierung durch mich mit den Mitteln der Kamera. Also letztlich doch nur eine subjektive Äußerung. Es ist eine Sache des Lernens, also der Auseinandersetzung mit Bildsprache. Also im weitesten Sinne mit grundlegenden Fragen der visuellen Kommunikation. Welche Bilder geben auf welche Fragen antworten, und wie funktioniert Bildsprache heute. Gleichzeitig gehört dazu, dass man sich selbst als Autor findet. Erst wenn ich richtig durch all die Mühen im Klavierspiel gegangen bin, bin ich in der Lage zu improvisieren, und zwar in einer Art und Weise, dass die Zuhörer das noch verstehen. Das die kleinen Anspielungen, die Kniffe, die Ironien, dass sie die begreifen. Dazu gehört ein extrem solides Handwerk und das braucht seine Zeit. Das ist nicht gottgegeben, das hat nichts mit Genie zu tun, das ist lernbar.

Und die Medien, die Auftraggeber, die Bildredaktionen. Haben die das begriffen,  haben die das nachvollzogen?

Mein Eindruck ist, dass die Medien eigentlich ein bisschen ehrlicher geworden sind. Die kritische Fotoreportage war gewünscht, um eine Marke aufrecht zu erhalten.

Die Brigitte war in den 90er Jahren eine Zeitschrift, die dafür bekannt war, dass sie politische, auf Frauen orientierte Themen hin und wieder gebracht hat. Ich glaube, das man damals gewusst hat, das wird von dem Blatt verlangt, deswegen machen wir das, und nicht aus einem kritischen Impetus heraus. Das war in den neunziger Jahren oftmals eine Attitüde, rationale marktorientierte Entscheidungen. Deswegen musste dann beispielsweise die Schwarzweiß-Reportage über ein Abschiebegefängnis dann »auch mal dringend weggedruckt werden.« Natürlich hat sich was verändert, weil man heute komplett darauf verzichtet, keiner will mehr diese Attitüde haben. Das ist aber kein Dilemma. Der Markt hat sich schlichtweg verändert. Das, was die alte Garde an guter handwerklicher Reportagefotografie abgegeben oder geleistet hat, ist einfach nicht mehr gefragt! Punkt aus. Funktioniert heute nicht mehr, wird heute nicht mehr gebraucht. Die Sachen, die sich heute durchsetzen sind sehr kluge und mit langem Atem gefertigte Arbeiten. Wenn sie dann an die Oberfläche kommen, sind sie in der Regel sehr sehr gut, ohne Wenn und ohne Aber!

Und wo steht der Bildjournalismus heute?

Die aktuellen Bildjournalisten sind nicht mehr von so einer politischen Borniertheit, nicht so eindimensional, wie vielleicht in den 70/80er Jahren. Sie wissen, dass sie in einer extrem komplexen Welt aufgewachsen sind. Sie versuchen die Komplexität dieser Welt in ihren kleinen Teilen, wie man sie heutzutage nur noch verstehen kann, irgendwie zu durchdringen. Wenn sich Leute anfangen, um diese Welt zu kümmern und sich zu interessieren, wie diese Welt funktioniert, und nicht nur sagen, bei mir kommt der Strom aus der Steckdose, finde ich das schon politisch. Das ist keine politische Fotografie, aber das Politische im Wesen des Bildjournalismus, also durch die Kamera wahrgenommen und interpretiert.

Hintergrund
Andreas Herzau
Vor seiner Tätigkeit als Fotograf, arbeitete er als Schriftsetzer und später als Politikredakteur und Autor u.a. bei der Zeitschrift Konkret. Seit 1992 ist er freischaffender Fotograf.

www.andreasherzau.de

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Bernd Euler
lebte einige Jahre in Brasilien. Heute arbeitet er wieder freiberuflich in Hamburg, als Fotograf, Autor und Redakteur