MAGAZIN #14

Die Schätze am Ende der Treppe

Vor den Toren Hamburgs liegt ein unscheinbares Antiquariat, das kaum jemand kennt. Es ist ein Paradies für Foto-Freunde – denn dort gibt es nur eins: Fotobücher

Text –

Christian Mürner

»Zuerst zeige ich Ihnen das Lager.« Mit diesen Worten empfängt uns Olaf Paulssen, der Antiquar für Fotobücher in Reinbek bei Hamburg. Wir steigen in den Keller eines Einfamilienhauses in der Klosterbergstraße hinab: Regale, so weit man schauen kann (aber das ist nicht sehr weit). Hier lagern um die zwölftausend Bücher. Wir schlängeln uns durch einfache, von großformatigen Bänden überquellende Holzgestelle, die jeweils eine Zahl tragen. Ein simples System – diese Nummern verweisen auf die Kataloge.

Zwanzig Kataloge – jeder mit rund sechs- bis siebenhundert Titeln – hat Paulssen zusammengestellt und publiziert, seit er 1986 sein Fotobuch-Versandantiquariat punctum startete. Ein Katalog enthält in der Regel die Neuzugänge eines Jahres. Der erste versammelte vor allem Bücher zur Landschafts- und Naturfotografie, ein Themenbereich, der als der umfangreichste unter den Fotobüchern gilt. Jeder Katalog ist in sich unter anderem nach Gesichtspunkten wie Länder, Geschlecht, Erotik, Kunst oder Fotojournalismus gegliedert; Paulssen hat aber beispielweise auch Kataloge zu berühmten Autoren-Fotografen herausgebracht. Sie alle sind noch mit elektrischer Schreibmaschine geschrieben, außer einem, der mit Hilfe – und als Weihnachtsgeschenk – seiner Tochter am Computer entstand. Punctum ist noch nicht im Zentralverzeichnis Antiquarischer Bücher (zvab.com) vertreten, einem umfangreichen Bestellservice für Second-Hand-Bücher im Internet. Das ist die nächste »Hürde«, sagt Paulssen, und die will er nehmen. Es gibt auch schon Überlegungen zum Segment, das er online präsentieren möchte.

Paulssens Schritt zum eigenen Fotobuch-Antiquariat lag nahe. Schon als Buchhändlerlehrling blätterte er gerne in Fotobüchern, arbeitete dann in München in einer Fotogalerie und Fotobuchhandlung, und »da ist sie wohl ausgebrochen, diese Fotosucht, die Liebe zur Fotografie«. Eine Kamera benutzt er selbst aber nur für den Hausgebrauch.

Der Name des Fotobuch-Versandantiquariats, punctum, stammt vom französischen Philosophen Roland Barthes aus dessen Buch Die helle Kammer, geschrieben 1980 (dt. 1985). Das »punctum« in der Fotografie ist laut Barthes oft ein Detail, das »mir mitten aus der Seite ins Auge springt«. In einem von Paulssens Katalogen findet sich folgendes Zitat von Barthes: »Das punctum einer Fotografie, das ist jenes Zufällige an ihr, das mich besticht (mich aber auch verwundet, trifft).« Und: Das punctum einer Fotografie fällt oft erst nachträglich auf, wie der Wert eines Fotobuches, könnte man ergänzen. Das ist die Chance der Antiquare und Sammler.

Paulssen hat sich ausschließlich auf die Fotografie spezialisiert, weil er in diesem Bereich einen Markt sah. Die Euphorie der zweiten Hälfte der achtziger Jahre habe sich allerdings erschöpft; zurzeit bringe er zumeist einzelne Bücher auf den Weg, früher jedoch seien es ganze Pakete gewesen. Beim Kauf von Fotobüchern herrsche heute eine »starke Zurückhaltung«, dagegen werde vermehrt nach Originalfotos gefragt. Die wenigen, die er besaß, seien schon weg.

Seine Kundschaft – unter ihnen Ärzte, Architekten, Rechtsanwälte, Kunstsammler, Fotografen – hat Paulssen sich selbst erschlossen. Er hat festgestellt, dass die Jüngeren anders, nämlich spontaner sammeln als die Älteren, die kontinuierlich und beharrlich bei einem Thema bleiben. Einer seiner Sammler suche alles von Ernst Haas, auch wenn nur ein Foto in einem Buch sei. Für einige sei es ein Kriterium, wenn Bildbände von Leica-Fotografen gestaltet wurden. Im Übrigen sei die Zahlungsmoral seiner Kunden sehr gut, so dass Paulssen zustimmend einen Spruch zitiert, den ihm vor kurzem jemand zeigte: »Sammler sind bessere Menschen.«

Olaf Paulssen – obwohl selbst Buchliebhaber – verkauft seine Bücher gerne. Es gibt nur einige wenige, die er zurückhält. Die teureren Bücher aus den Katalogen sind im Prinzip eher weg als die mit durchschnittlichen Preisen, weil viele Leute das Fotobuch letztlich als Kapitalanlage sehen. Paulssen erwähnt Chargesheimer, dessen Bücher vor zehn Jahren noch ein Schlummerdasein führten, heute aber teuer gehandelt würden. Fotobände von Lebeck oder Höpker seien ebenfalls gesucht. Einzelne, teure Werke gibt Paulssen auch zu Auktionen; Umsatz machen sei wichtig.

Allerdings gibt es auch Bücher, die an Wert verlieren. Doch ganz bewusst bietet Olaf Paulssen auch günstige Bücher an. Ein Buch ins Altpapier zu geben, ist ein Tabu; das gibt es bei punctum nicht.

Paulssen erzählt: »Am Anfang habe ich auch gesagt, Leni Riefenstahl kommt mir nicht ins Haus. Inzwischen kann ich das nicht mehr machen, sie hat einfach eine Stellung in der Fotografie und eine Sehweise. Ich kann nicht einem holländischen Kunden sagen, Riefenstahl gibt es nicht. Das wäre Inkompetenz. Sie hat für die Fotografie einen Beitrag geleistet; gerne sage ich das nicht, politisch sehe ich es anders – aber es ist so.«

Aus den Büchern, die Olaf Paulssen von seiner »Jagd« durch Antiquariate, über Messen, Floh- und Antikmärkte mitbrachte oder von Privatleuten, Haushaltsauflösern und über Inserate erstand, ragen kleine weiße Zettelchen mit Zahlen heraus; klar, wieder sein System. So ist das Buch nach Katalog einfach zu finden. In Paulssens Keller wird uns klar, dass nicht nur der punctum-Bestand, sondern die Fotografie ein riesiges Gebiet ist – »in dem es noch einiges zu entdecken gibt«, wie der Antiquar betont. Und zum Abschluss fügt er hinzu: »Ich suche für Sie auch nach Ihrem Fotobuch.«

___
Christian Mürner
Dr. phil., ist freier Publizist und schreibt über Kunst- und Wissen­schaftsthemen u. a. für die WochenZeitung, Zürich