MAGAZIN #09

Den Spiegel vorgehalten

1. März 1999: Etwa 80 Fotojournalisten protestieren gegen einen ihrer Arbeitgeber, die Zeitung Der Tagesspiegel in Berlin. Das hat es in der Bundesrepublik vorher nicht gegeben

Text –

Manfred Scharnberg

Die erste FreeLens-Demonstration beginnt wie alles in diesem Verein: spontan und frech – nach Meinung eines Polizei-Einsatzleiters sogar gegen Gesetz und Ordnung verstoßend. Der Beamte ist pünktlich zehn Minuten vor Beginn der vorschriftsmäßig beantragten Aktion erschienen. Doch was muß er zu seiner Verwunderung feststellen: Diese FreeLenser sind bereits mit Transparent und Fototeppich vor dem Verlagsgebäude des Tagesspiegels in Berlin aktiv und verteilen fleißig Flugblätter! Verbotenerweise! Und eine solche Überschreitung der vorschriftsmäßigen Demonstrationszeit sei mit einer Ordnungsstrafe zu ahnden, meint der Einsatzleiter.

Dabei haben die FreeLenser nur auf ein Gerücht reagiert, das am Vortag die Runde machte: Aufgrund der angekündigten Demonstration sei die sonst übliche 11 Uhr-Redaktionskonferenz des Tagesspiegels eine Stunde vorverlegt worden. Und damit auch die Redakteure in den Genuß der Demo und der Flugblätter kommen, waren kurzerhand einige telefonisch benachrichtigte Fotografen früher aufgestanden. Deren noch etwas müde Gesichter und das Versprechen, die Aktion auch zeitiger zu beenden, stimmen den Einsatzleiter schließlich doch milde; er drückt ein Auge zu.

»Das gibt es doch nicht – ihr seid schon da!«, ruft ein Bildredakteur überrascht aus und lacht. Eigentlich wollte er wohl unbehelligt mit seinem roten BMW auf das Betriebsgelände fahren. Vor dem Eingang des Tagesspiegels begrüßt ihn und andere Verlagsmitarbeiter ein großes Transparent mit der Aufschrift »Du sollst nicht begehren Deiner Fotografen Rechte«. Und das Flugblatt weist mit dem Satz »Papier ist geduldig, wir nicht« auf die Dringlichkeit der Probleme von Fotojournalisten hin – andauernde Urheberrechtsverletzungen. Was ist geschehen? Vor mehr als einem Jahr wurden FreeLenser zufällig darauf aufmerksam, daß ihre dem Tagesspiegel zum Abdruck gelieferten Fotos auch noch in den Potsdamer Neuesten Nachrichten verwendet werden. Das war ihnen bis dahin unbekannt, denn wer liest schon zwei Tageszeitungen aus der gleichen Region parallel? Noch eine weitere Nutzung passiert bis heute heimlich und ohne ihre Zustimmung: Auf der täglich aktualisierten Homepage des Tagesspiegels erscheinen einige der Fotos erneut. Und alles ohne Honorierung.

Nach dem Buchstaben des Urheberrechts und nach Meinung der betroffenen Fotografen stellt diese unerlaubte und unbezahlte Nutzung einen Rechtsbruch dar. Mehr noch: Die Tatsache der Weitergabe von Fotos an die wirtschaftlich und rechtlich unabhängigen Firmen Tagesspiegel Online GmbH sowie Potsdamer Neueste Nachrichten könnte unter Umständen sogar strafrechtliche Konsequenzen haben.

Seit Anfang 1998 versuchen die Fotografen nun eine Klärung der Angelegenheit herbeizuführen. Ein gemeinsamer Brief von etwa 60 Betroffenen führte zwar zu einem Gespräch mit dem damaligen Chefredakteur Appenzeller. Das jedoch blieb ohne Ergebnis. Statt dessen schockierte der Tagesspiegel seine langjährigen freien Mitarbeiter mit einem Brief, der die bis dahin unproblematische Zusammenarbeit zwischen Fotografen und Verlag bis heute vergiftet hat. Darin formuliert die Hausjustitiarin in naiver Arroganz Vertragsbedingungen, welche die ganze Branche entsetzt haben.

Zur illegalen Bildnutzung heißt es in dem Schreiben lapidar: »Einen Anspruch auf rückwirkende Honorierung vermögen wir nicht zu erkennen.« Und die Aufwandsentschädigung für Scannen und digitales Versenden begrenzt man den Fotografen auf ganze 3 Mark pro bestelltem Foto. In seiner Sparsamkeit verzichtet der Verlag sogar auf jegliches Argument und droht: »Sollte ein Fotograf hiermit nicht einverstanden sein, werden wir schon aus organisatorischen Gründen von einer weiteren Zusammenarbeit Abstand nehmen müssen.«

Eine verfahrene Situation führt oft zu einem Verfahren – zum Gerichtsverfahren nämlich. So auch im Fall Tagesspiegel. Unterstützt durch die Verbände DJV, FreeLens und IG Medien haben fünf Fotojournalisten gemeinsam Klage gegen den Tagesspiegel erhoben und machen vor dem Berliner Landgericht Honorar- sowie Unterlassungsansprüche geltend. »Was beim Tagesspiegel stattgefunden hat, ist nichts anderes als ein Raubkopieren urheberrechtlich geschützter Werke«, sagt Dr. Christian Donle, einer der Klägeranwälte.

Eine weitere gemeinsame Aktion von DJV, FreeLens und IG Medien ist auch die Demonstration vor dem Tagesspiegel-Verlagsgebäude. Ein riesiger Teppich aus Fotoabzügen bedeckt das Pflaster vor dem Eingang. Betreten erlaubt – denn im wahrsten Sinne des Wortes werden hier die Arbeiten der Fotojournalisten mit Füßen getreten.

»Schade, Pech gehabt.« Ein Passant ist beim kostenlosen Tagesspiegel-Sehtest durchgefallen. Hat er doch einen Unterschied zwischen den Titelseiten des Tagesspiegels und der Potsdamer Neuesten Nachrichten erkennen können. Ganz im Gegensatz zur Geschäftsleitung desTagesspiegels, für die diese Zeitungen eigentlich ein und dasselbe sind. Der Passant, der zu genau hingeschaut hat, erhält ein Zertifikat. Das empfiehlt ihm, sich schnellstens eine kostengünstigere Art der Weltbetrachtung anzugewöhnen. Das Übersehen von Unterschieden macht die Welt billiger…

Die Veranstaltung ist eher ein Happening denn eine Demonstration. Einige der Teilnehmer tragen merkwürdige schwarze Balken vor den Augen. Diese bei Pressefotos übliche Unkenntlichmachung weist auf eine weitere Drohung des Tagesspiegels hin: Der Verlag hatte nämlich verlauten lassen, die Teilnahme an der Demonstration würde künftige Aufträge durch den Verlag ausschließen. »Das ist schon eine merkwürdige Art von Demokratieverständnis«, meint einer der Maskierten. »Wir halten dem Tagesspiegel doch nur den Spiegel vor.«

Keine Drohung des Tagesspiegels, sondern bittere Realität ist die Liste, die sich einige Fotojournalisten demonstrativ umgehängt haben: die Vergrößerung eines originalen Tagesspiegel-Dokuments. »Achtung, Keine Bilder verwenden von …« steht darauf. Von den etwa 15 genannten Fotojournalisten druckt die Redaktion keine Fotos mehr. Und weil jeder, der sich nicht mit der systematischen Urheberrechtsverletzung einverstanden erklärt, auf diese schwarze Liste kommt, wächst sie täglich. Da heute schon mehr als 60 namhafte Fotografen und Bildagenturen gelistet sind, wird das Blatt – um es mit den Worten des Tagesspiegels zu sagen – »schon aus organisatorischen Gründen« von einer fotografischen Qualität Abstand nehmen müssen. Ciau, Bella.

Wie in der Werbung eines Mineralölkonzerns wackelt die Dackelfigur mit dem Kopf. Nickt und nickt und nickt – ganz im Gegensatz zu den Fotografen, die ihn über den Flur der Chefetage tragen. Als »Abnicker des Jahres« soll der Wackeldackel zusammen mit einem Stapel von mehr als tausend Protestbriefen dem Tagesspiegel überreicht werden. Bei einer gemeinsamen Unterschriftenaktion von DJV, FreeLens und IG Medien waren etwa 1200 Solidaritätsschreiben von Bildjournalisten und Fotoagenturen aus dem gesamten Bundesgebiet zusammengekommen. Ein enormes Echo gegen den Unternehmensstil »nach Feudalherrenart«, mit dem ein großer Teil der Branche sein »völliges Unverständnis« über das Verhalten des Tagesspiegels ausdrückt und den Verlag zu Verhandlungen auffordert.

Eventuell kommt es ja tatsächlich dazu. Einen kurz vor dem Aktionstag vom Tagesspiegel versandten Vertrag kommentiert Hans Homrighausen, stellvertretender Geschäftsführer des Tagesspiegel-Verlages, gegenüber den Fotografen so: »Das müssen Sie – wie bei Verträgen üblich – als unser Angebot sehen«, sagt er bei der Übergabe der Protestbriefe. Und noch immer nickt der Dackel. Wie schön.

Dabei ist der Vertragsentwurf zum Kopfschütteln. Soll er dem Verlag doch eine Reihe weiterer Nutzungsmöglichkeiten einräumen – für ganze zehn Mark Mehrhonorar. Neben ein paar sonstigen juristischen Spitzfindigkeiten umfaßt der Vertrag des Tagesspiegels eine Exklusivklausel, die dem Fotografen selber die Mehrfachverwertung seiner Fotos verbietet. Ja, das Papier enthält sogar eine Weiterverkaufsklausel, die keine Honorierung des Fotografen vorsieht.

»Du sollst nicht begehren Deiner Fotografen Rechte.« Das Transparent wird von den Demonstranten sorgfältig aufgerollt. Wer weiß, wann man es wieder benötigt? Die Herren, die aus der Chefetage auf das Geschehen herabgeblickt haben, gehen wieder den Geschäften und den Gedanken nach – die Gedanken sind frei.