MAGAZIN #27

Der Lauf der Dinge

Die lange Belichtung kreiert ein eigenes Universum. Wollten Sie schon immer etwas betrachten, was man eigentlich gar nicht sehen kann? Aber Vorsicht: Lavendel!

Text –

Christoph Schaden

Nehmen wir uns die Zeit und beginnen von vorne. Schließen Sie bitte die Augen. Atmen Sie tief ein.

Merken Sie etwas? Riechen Sie nicht auch diese merkwürdige Mixtur, die in der Luft liegt? Jenen lieblichen Lavendelduft, der gepaart ist mit etwas Befremdlichem, was unweigerlich an Straße und Asphalt erinnert? Wenn Sie wollen (aber nur dann!), nehmen wir noch einen ätzenden Geruch von Terpentin hinzu. Das genügt. Sie dürfen jetzt ruhig wieder ausatmen.

Sie hatten gerade ein olfaktorisches Déjà-vu. Denn so merkwürdig muss es in etwa gestunken haben, damals vor knapp zweihundert Jahren, als sich Niecephore Niepce in eine faustische Kammer zurückzog und ein erstes Lichtbild nach der äußeren Natur zusammenbraute. Das Resultat seines alchemistischen Versuchs ist sattsam bekannt, zumal es eben nicht durch Sonnenstrahlen zersetzt wurde, sondern dank einer genialen Fixierung bis heute erhalten geblieben ist. Es handelt sich um jenen lapidaren Blick aus dem Fenster, den wir alle kennen. Wir sehen bis heute auf jenes Anwesen in Le Gras, entstanden an einem Spätsommertag im Jahre 1826, eben so lange, wie genug Licht draußen vorhanden war. All das genügte vollends und reichte für ein kleines wie großes Wunder.

Es blieb – wie trefflich! – lange im Verborgenen. Erst 1952 entdeckte der Fotohistoriker Helmut Gernsheim das Bild wieder. Damals feierte die Welt diese erste Fotografie als eine Inkunabel der Welterkenntnis, denn man meinte in dem idyllischen Motiv ein Echo aus der Urzeit ausmachen zu können. Was seinerzeit nämlich zählte, war die Erkundung des Konkreten, eine bildhafte Vergewisserung im Hier und Jetzt, wie sie eine ganze Leica-Generation unmittelbar nach den Wirren der Weltkriege ersehnte. Es kam auf jede Sekunde an. Dabei geriet ein achtstündiger Blick aus dem Fenster zum entscheidend überdehnten Moment, ein Blick aus dem Fenster konnte zum emblematischen Rückspiegel mutieren. Ja, so basal hatte die Erfolgsgeschichte der Fotografie einmal begonnen…

Wie wir wissen, hat sich das optische Hilfsmittel der Fotografie seither wie ein Seziermesser immer tiefer in die Zeit eingeschnitten und Tage und Minuten in Sekunden, Zehntelsekunden und Nanosekunden zerhackt. In diesem Sinne kann wohl der US-Amerikaner Harold E. »Doc« Edgerton als der bedeutendste Chirurg der Fotografie gelten. Er erbrachte schließlich den Nachweis, dass es selbst für Atombomben, fallende Wassertropfen und abgefeuerte Projektile unter dem Skalpell der Fotografie keine Gnade mehr gab.

Heutzutage, da scheinbar alles entdeckt ist und fotografische Aufnahmen gemeinhin in zweihundertfünfzigstel Sekunden verschossen und verschickt werden, zeigt sich in dem sonderlichen Niepceschen Erstlingswerk ein völlig anderes Erkenntnismoment. Sinnbildhaft strahlt es vor allem eine tiefe Gelassenheit aus, mit der der Franzose sein Motiv ehemals ins Visier genommen hatte. »Gönne Dir doch endlich mal wieder die Ruhe für einen alltäglichen, aber kostbaren und wesentlichen Moment des Lebens«, flüstert uns das Bild in bester Wellness-Laune zu. »Heute darf es auch einmal acht Stunden dauern. Einen ganzen Arbeitstag!« Unser Blick aus dem Fenster ruft denn auch die begehrteste Ressource wach, die unsere Gegenwart bereithält: Zeit.

Über die Jahre und Jahrzehnte können die Folien auf langsame Bilder also wechseln. Im Rückblick ist es deswegen auch wenig erstaunlich, dass ausgerechnet die lange Belichtung zum wechselhaftesten Parameter der Fotografie geworden ist. Im 19. Jahrhundert war sie noch der größte Hemmschuh, der einem guten Porträt im Wege stand. Erst Kopfstützen brachten Abhilfe. Im 19. Jahrhundert blieb denn auch der Faktor Detailgenauigkeit das Schlüsselkriterium des Bildes, Gesichter wollte man in aller Schärfe begutachten. Eine halbe Ewigkeit später hat sich Andy Warhol aus der anachronistischen Vorgabe einmal einen Spaß gemacht, als ihn Duane Michals ablichtete. Der Maestro schüttelte mehrere Sekunden vielsagend den Kopf und erteilte allen, die ein finales Bild von ihm haben wollten, eine Absage. Wischwaschweg war er.

Was ist dagegen geblieben, was ist hinzugekommen? Um die Jahrhundertwende dienten lang belichte Bilder allenfalls bei der Erkundung von Chimären, die sich bei parapsychologischen Phänomenen (!) umso bemerkenswerter offenbarten. Irgendetwas Unfassbares hatte sich da schon aufs Korn gebrannt, irgendetwas hatte sich auch in der Anschauung verselbständigt. Gerade die Surrealisten nutzten den ästhetischen Eigenwert der langen Belichtungszeit und der damit verbundenen sog. »Unschärfe« (was für ein Wort!) und setzten sie spielerisch für ihre Bildfindungen ein. Ein vermeintlicher Makel avancierte bei Man Ray oftmals zum unerschöpflich kreativen »miraculum«.

Durch die Hintertür gelang das Moment der (zu) langen Belichtungszeit übrigens auch in die Reportagefotografie. So sollte Robert Capas ganz buchstäblich verschwommenes Landungsbild der Normandie-Invasion aus dem Jahre 1944 vor allem eins sein: Nah dran! Seine Aufnahme bringt die bis heute schönste paradoxe Formel des Bildjournalismus auf den Punkt. Je verwischter das Abgebildete, desto authentischer und glaubwürdiger kommt es daher. Vor allem jüngere Positionen haben sich diese expressive Verwischungsstrategien zu eigen gemacht, um im Dokumentarbereich der Fotografie gleichsam einen düsteren Existentialismus zu propagieren. Allen voran setzte Michael Ackerman in »End Time City« um die Jahrtausendwende der indischen Stadt Benares ein schauerliches Denkmal über Leben und Tod. Auch die beiden Magnum-Fotografen Antoine d’Agatha und Paolo Pellegrin setzen auf virtuose Weise Bewegungsunschärfe als Ausdrucksmittel ein, um zu einer intensiveren Bildsprache zu gelangen. Zeit bedeutet diesen Outsidern der Fotografie nichts anderes als eine obsessive Grenzerfahrung.

Oftmals ist hinter den ausufernden Verwischungsarien aber auch ein wohl kalkulierter Effekt erkennbar, gerade wenn sie das Theatralische berühren. In ihren legendären Ballettaufnahmen überführten etwa die US-amerikanischen Altmeister Alexeij Brodowitsch und Paul Himmel das Movens der Bühne auf den groben Film. Hierzu diente die lange Belichtungszeit als probates Überhöhungsmittel. »Endlich frei!« lautete diesmal das luftige Credo, denn unverhohlen konnte endlich der ästhetische Eigenwert der langen Belichtung zelebriert werden. Alles schien auf einmal möglich, ein jeder schien zu schweben.

Und heute? Im Zuge künstlerisch-konzeptueller Entwicklungen ist die Belichtungszeit längst zum eigenen Reflektionsmoment geworden. Nicht zuletzt, weil das komplexe Wesen der Zeit ein Erkundungsparameter bedeutet, der zur Analyse mit der Kamera bestens geeignet scheint. Ob nun Hans-Christian Schink die am Tageshimmel umherziehende Sonne wie eine Art Ufo erscheinen lässt, Kyungwoo Chun die Aufnahmedauer mit den Lebensjahren seiner porträtierten Modelle korreliert oder Karen Stuke eine komplette Operinszenierung in einem einzigen Bild zusammenfasst. Derzeit feiert – Günter Derleth und Sven Nieder sei Dank – sogar die träge Camera Obscura eine Renaissance. Freilich bleibt Ermessenssache, ab wann genau eine Belichtung mit dem Etikett »lang« auszuzeichnen ist. Bei Michael Wesely darf eine Aufnahme auch mal länger als zwei Jahre dauern.

Etliche wären noch zu nennen, die das Potenzial der behutsamen Belichtung wiederentdeckt haben. Was letztlich auffällt: Alle zeitgenössischen Positionen feiern unumwunden wieder die Langsamkeit. Der alte Niepce hätte sicher seine Freude daran gehabt.

Die vermutlich überzeugendste Lösung zur Frage der Belichtungszeit hat übrigens Hiroshi Sugimoto gefunden. Mit ihm sitzen wir im Kino, haben im Bilde bereits Platz genommen. Ein Film läuft, eine einzige Aufnahme entsteht. Abspann. Was bleibt? Schauen Sie nur: Die Leinwand ist weiß.

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Christop Schaden
lebt und arbeitet in Köln. Der Kunsthistoriker beschäftigt sich seit 2005 freiberuflich mit Fotografie und Kunst.
www.christophschaden.de