MAGAZIN #08

Der Online-Marktplatz

Außer über geschlossene Datenbanken, die nur mit spezieller Software zugänglich sind, bieten Bildagenturen Fotos jetzt direkt im Internet an

Text –

Wolfgang Fellenz

Wenn der amerikanische Fotograf Seth Resnick auf Reisen geht, hat er sein Notebook stets dabei – um jederzeit und von jedem Ort aus sein umfangreiches Fotoarchiv vermarkten zu können. Für Resnick ist diese Art der Archiv-Verwaltung mehr als eine technische Spielerei. Immerhin setzt er durch die geschickte Verknüpfung von Internet, digitalem Fotoarchiv und moderner Kommunikationstechnik monatlich etwa 13000 bis 16000 Mark zusätzlich um. Das entspricht dem Zwölffachen des Umsatzes, den die sechs Bildagenturen zusammen erwirtschaften, die seine Bilder konventionell vermarkten.

Der Online-Bildermarkt in den USA verzeichnet extreme Zuwachsraten. So erwartet Bob Griffin, Vorstandsvorsitzender des Marktführers Picture Network International, auch für dieses Jahr wenigstens eine Verdoppelung der Umsätze im Internet. Die Internet-Bildagentur aus Arlington im US-Bundesstaat Virginia bietet auf ihrem Server Publisher’s Depot 400000 Bilder und Grafiken zum Download an.

Erst im Juli 1997 wurde Picture Network International von der Kodak Corporation gekauft. Für die rasante Entwicklung sorgen 24000 registrierte Kunden, die regelmäßig Nutzungsrechte erwerben. Darunter sind auch US-Magazine wie Ad Week, U.S. News and world report, Media Week, Science Magazine, Federal Computer Week und Business Week. Neben den registrierten Kunden aus Redaktionen und Werbeagenturen kommen täglich mehrere tausend Besucher auf die Website. Es sind die vielen selbständigen Kreativen, aber auch große Unternehmen mit guter Internetanbindung, die zum Wachstum des Online-Marktes kräftig beitragen. Vor allem die vielen Multimedia-Entwickler bilden in den USA ein schnell wachsendes Marktsegment. Und während der amerikanische Online-Markt mit fast 60 Millionen Internet-Anwendern zügig weiterwächst, holt auch der hiesige Markt auf. Mit knapp sechs Millionen Anwendern ist Deutschland heute weltweit der zweitgrößte Internet-Marktplatz.

Für den renommierten Autoren- und Theaterfotografen Peter Peitsch ist deshalb klar, wohin sich die Branche entwickelt: »In Zukunft werden alle digital arbeiten.« Weil das so ist, und weil er etwas von Computern versteht, hat er seinen Urlaub im vergangenen Jahr dazu genutzt, sein umfangreiches Personen- und Autorenarchiv ins Internet zu stellen. Bildredakteure können zwar noch nicht jedes einzelne Bild seines Archivs online betrachten. Aber anhand von ständig aktualisierten Themenlisten können sie schon vor einer Anfrage recherchieren, ob das gesuchte Motiv im Archiv vorhanden ist. Dadurch sparen sie Zeit und müssen nicht auf einen Rückruf des Fotografen warten.

Bisher hat Peter Peitsch keine Umsatzsteigerung durch seinen Internetauftritt feststellen können. Dennoch zieht er eine positive Bilanz: Bildredakteure schauen immer häufiger auf seine Internet-Seiten, bestehende Kundenkontakte wurden intensiviert und gefestigt. Neukunden, vor allem außerhalb Europas, kamen hinzu. So dient der Einsatz neuer Techniken für Peter Peitsch in erster Linie dem Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit.

Den Trend zur Bildrecherche im Internet bestätigt auch Volker Lensch von der stern Bildredaktion. Schon heute schätzt er den Anteil an Bildern im stern, die über die Online-Recherche in die Zeitschrift kommen, auf 15 bis 20 Prozent. Die Stärke des Mediums Internet liegt für Lensch in der Aktualität. Wenn kurz vor Redaktionsschluß noch ein aktuelleres Bild gesucht wird, sei das Internet oft die beste Recherchequelle. Dennoch benötigt man oft immer noch das Originalfoto, um auch höchste Ansprüche an die Druckqualität bei großen Formaten zu befriedigen.

Trotz der rasanten Entwicklung kommt das Geschäft für deutsche Online-Bildagenturen nicht so recht in Fahrt. Die erste Euphorie ist inzwischen verflogen. Nach neun Monaten online fällt die Bilanz bei images.de verhalten aus. Ali Paczensky, Geschäftsführer der neuen Internet-Agentur in Berlin, hatte sich mehr Zuschauer und Kunden im Internet gewünscht. Zwar ist es noch zu früh für eine exakte Auswertung, doch der Trend ist eindeutig: »Es könnte mehr sein.« Dennoch will er bis Ende diesen Jahres kostendeckend arbeiten – was für ein neues Unternehmen, noch dazu im hart umkämpften Bildermarkt, nicht selbstverständlich ist.

Auch Sabine Pottkämper, Mitinhaberin der Blue Box EDV-GmbH, die die Website www.pictures.de betreibt, ist mit ihren Umsatzzahlen und Bildverkäufen noch nicht zufrieden. Gleichzeitig stellt sie aber auch fest, daß sich das Interesse an ihrer Agentur ständig erhöht. Wenig zufriedenstellend ist auch die Ausbeute bei f1-online, den Newcomern aus Offenbach. Mit monatlichen Bildverkäufen um die 6 500 Mark kann und will sich Geschäftsführerin Sabine Pallaske nicht zufrieden geben – sie stellt aber ebenfalls steigende Tendenzen fest.

Wilhelm Halling, Geschäftsführer der dimedis GmbH in Köln nennt als Gründe für die zögerliche Entwicklung die langsamen Zugangsgeschwindigkeiten zum Netz und die ungenügende Akzeptanz der Zahlungsmittel für Online-Geschäfte in Deutschland. Trotzdem ist Halling optimistisch und hält es für eine Frage der Zeit, bis sich die Online-Bildrecherche auch bei uns durchsetzt.

Die Erfahrungen von Peter Peitsch und Seth Resnik bestätigen, daß die Präsenz im Internet zu zusätzlichen geschäftlichen Kontakten führen kann. Seth Resnick erhielt allein dieses Jahr umfangreiche Aufträge für Geschäftsberichte durch Besucher seiner Website. Interessante Erkenntnisse über das Marktpotential machte auch Ali Paczensky. Durch das Internet-Angebot von images.de, das als Ergänzung zu einer konventionellen Bildagentur gedacht ist, werden neue, bisher unerreichte Bildnutzer angesprochen. Bildanfragen aus dem Ausland, beispielsweise den skandinavischen Ländern, die auf konventionellem Wege sicher nicht zustande gekommen wären, gehören ebenso dazu, wie die zunehmende Nachfrage aus dem Tageszeitungsbereich. Dort werden die neuen Technologien weitaus schneller akzeptiert als in Magazinredaktionen. Dazu kommen kleinere Werbeagenturen und selbständige Layouter, die von zu Hause aus ihre Bildrecherche machen. Diese Gruppe ist vor allem an plakativen Motiven und Symbolbildern interessiert und stellt auch bei f1-online die Hauptklientel.

Seth Resnick demonstriert, wie ein Einzelner selbst mit den größten Bildkonzernen im Internet erfolgreich konkurrieren kann. Resnick hat sein Arbeitsangebot gezielt auf professionelle Bildnutzer wie Werbeagenturen, Verlage und Unternehmen zugeschnitten. Diese Bildprofis wissen, daß Qualität auf dem Bildmarkt ihren Preis hat und müssen nicht erst durch Billigangebote überzeugt werden. Mit einfachen Mitteln wird hier individuell realisiert, was auch die intelligentesten Suchprogramme der großen Agenturen nicht zustande bringen. Dem Kunden wird online eine maßgeschneiderte Auswahl präsentiert.

Gerade bei den großen Online-Agenturen mit ihren riesigen Bildarchiven steht der Kunde oft vor erheblichen Mengen ungeordneter Motive, die mehr schlecht als recht zum eigentlich gewünschten Thema passen. Zwar haben auch die Großen dieses Problem mittlerweile erkannt. Dennoch sind Spezialisten wie Seth Resnick flexibler, wenn es darauf ankommt, den Kundenwünschen entgegenzukommen. Trotz aller Chancen, die das Internet sowohl für Fotografen als auch für Bildagenturen bietet, sollte am Anfang der Planung eines eigenen Internet-Auftritts ein klares Konzept stehen. Ohne eine systematische Planung wird leicht wertvolle Zeit vergeudet und schlimmstenfalls eine erhebliche Investion in den Sand gesetzt.

Denn billig ist die Realisation einer eigenen Website nicht. Zunächst sollte sich jeder Internet-Newcomer fragen, ob nicht die Kooperation mit etablierten Partnern sinnvoll ist. Durch die Zusammenarbeit mit Suchplattformen wie images.de oder f1-online lassen sich im Internet erhebliche Synergie-Effekte erzielen.