MAGAZIN #16

Die Ästhetik der Katastrophe

Sofort nach dem Attentat vom 11. September begann ein verdeckter Kampf um die fotografisch-visuelle Definitionshoheit der Ereignisse. Ein Blick auf wenig beachtete Hintergründe

Text –

Kay Dohnke

Erst sah man Feuerbälle und kollabierende Türme, dann Ruinen – symbolisch, sauber, steril. Noch nie war ein Attentat, eine Katastrophe medial so präsent wie der Anschlag auf das World Trade Center. Nach endlosen Wiederholungen auf den Fernsehschirmen gefroren die Bilder, gerannen zu Ikonen. Immer im Fokus: das filigrane, ästhetische Fassaden-Reststück von Turm 2.

SCHOCK UND SYMBOL

Sah man auf Bildern vom Pentagon-Anschlag noch Body Bags, fällt in den Szenen aus New York das rigorose Ausblenden der Opfer auf. In ersten – unzensierten, uneditierten – Filmbildern stürzten sich verzweifelte Menschen aus den Twin Towers, doch im Foto tauchten sie, zumindest bei uns, kaum wieder auf. Der 11. September, ethisch-moralisch gefiltert: Die New York Daily News – auch zu anderen Zeiten nicht gerade für feinfühlig-differenzierten Journalismus bekannt – veröffentlichte das Foto einer abgerissenen Hand und fing sich dafür heftigste Kritik ein. Bildchef Eric Meskauskis konterte nüchtern: »Tough shit. Doch darum geht es in diesem Job. Manches muss man einfach sehen.«

Ansonsten fand die Unfassbarkeit der Vorgänge im Umgang mit ihrem visuellen Niederschlag eine Entsprechung: Viele Bildredakteure griffen auf symbolhafte Bilder zurück; die Reduktion des Geschehens auf seine Zeichenhaftigkeit machte die Realität einen Moment lang vordergründig handhabbar, half bei der ersten Auseinandersetzung. Da es für die emotionale Bewältigung des Schocks keine adäquate Erfahrung gab, funktionierten Symbolbilder – den live gesehenen Fernsehbildern nachgeschaltet – nun als Distanzierung, um den Schock verarbeitbar zu machen, die Vielfalt der Realität auf elementare, zugängliche Strukturen herunterzubrechen.

Doch das reicht nur kurzfristig als Begründung für die Gleichförmigkeit, den Einklang, die Einseitigkeit der Bilder. Anstatt den Analogien zu Bruegels »Turmbau zu Babel« oder anderen kunst- oder fotografiegeschichtlichen Reminiszenzen nachzusinnen, wie es Feuilletonisten und Kommentatoren taten, sollte besser ganz direkt und unmittelbar die Frage gestellt werden: Warum gibt es keine anderen Fotos, oder warum sehen wir sie nicht?

EINGRIFFE, ÜBERGRIFFE

Ground Zero, kurz nach den Ereignissen: abgeriegelt durch einen dreifachen Ring von Sperren, Zäunen, blickdichten Planen. Gesichert von Polizei und Nationalgarde. »Absolutely no videotaping or photography«, liest man auf Schildern. Und das gilt – entgegen öffentlicher Bekundungen – auch für Fotojournalisten.

Am 11. September war es noch anders. Im unmittelbaren, überraschenden Moment des Geschehens war unvermeidbar und einstweilen unsteuerbar, dass betroffene Menschen ins Bild kamen. Denn wer auch immer eine Kamera bei sich hatte, fotografierte – einfach um etwas zu tun, sich an eine vertraute Betätigung zu klammern, trotz des Chaos zu funktionieren. Es müssen zehntausende Aufnahmen entstanden sein. Doch noch während Verletzte in die Krankenhäuser gebracht wurden, die Feuerwehr Brände bekämpfte und staubbedeckte Menschen aus den Büros – irritiert, die Aktentasche in der Hand – irgendwie nach Hause zu gelangen versuchten, kam der Mechanismus der Mediensteuerung rasch in Gang.

Die offizielle Version: Weil zu viele Schaulustige die Rettungsmaßnahmen be­hinderten und es sich bei Ground Zero um eine »crime scene« handele, erließ New Yorks Bürgermeister Rudi Giuliani noch am Dienstag, dem 11. September, ein Fotografierverbot. An den Absperrungen wurden entsprechende Schilder aufgestellt. Am Folgetag wies seine Sprecherin Sunny Mindel darauf hin, dass Fotojournalisten von den Einschränkungen nicht betroffen seien.

Doch die tatsächlichen Vorgänge sprechen eine andere Sprache: Durch Polizeigewalt wurden Fotojournalisten vielfach an der Ausübung ihres Berufes gehindert. Gamma-Fotograf Stephen Ferry erreichte den Schauplatz am Dienstag gegen 10.40 Uhr, als noch kaum Ordnungskräfte anwesend waren. Nach etwa einer Stunde begann er, inmitten der zahlreichen Brände den Feuerwehrleuten zu helfen. Da er gewöhnliche Kleidung trug, nahm er sich einen feuerfesten Overall und half dann weiter, Ausrüstung aus den durch Trümmer blockierten Einsatzfahrzeugen zu holen. Kurz darauf wurde Ferry verhaftet und beschuldigt, sich fälsch­lich als Feuerwehrmann verkleidet zu haben, um Zugang zu Ground Zero zu erhalten. Der Untersuchungsrichter ließ ihn sofort wieder frei. Am Folgetag jedoch wurde Ferry erneut festgenommen, weil er keinen gültigen Presseausweis hatte; nun hielt man ihn vier Tage lang ohne Kontakt zur Außenwelt in Haft.

Ian Austin von der Agentur Aurora Quanta fuhr sofort nach Bekanntwerden des Anschlags von Portland, Maine, nach New York und erreichte Manhattan nachts um 3.30 Uhr. Ein Polizist ließ ihn durch die Absperrung, doch kurz darauf nahmen ihn andere Beamte fest. Nach drei Tagen in Haft schlug auch in seinem Fall der zuständige Richter den Vorwurf der »Störung einer Regierungshandlung« nieder; sein Filmmaterial blieb allerdings konfisziert.

Am 15. September wurde Tyler Hicks, der für die New York Times fotografiert, verhaftet und des kriminellen Hausfriedensbruchs beschuldigt. Er hatte es geschafft, sich durch die Absperrungen zu schmuggeln. Zwei Polizisten wurden auf ihn aufmerksam und wollten ihn aus der Sperrzone bringen, als ein Vorgesetzter kam, ihn in Handschellen legte und Fotoausrüstung samt Filmen beschlagnahmte. Angeblich habe Hicks sich als Rettungskraft ausgegeben, um in die Sperrzone zu gelangen; ein Vorwurf, der vom Untersuchungsrichter fallengelassen wurde. Die Filme bekam Hicks nicht zurück.

In Shanksville, Pennsylvania, schließlich wurden der für die New York Times arbeitende Fotograf William Wendt und sein Assistent Daniel Mahoney an der Absturzstelle der United-Airlines-Maschine festgenommen, noch ehe sie sich im Pressezelt akkreditieren konnten.

Selbst wenn man den Polizisten Überreaktionen zugute hält und das Chaos der ersten Stunden berücksichtigt, zeichnet sich ein Grundprinzip ab: Presseausweise waren nutzlos. Eine unabhängige Berichterstattung über die Anschläge ist nicht erwünscht; Journalisten wurden und werden bis heute an der freien Aus­übung ihrer Arbeit behindert. Wohl kein ernsthaft arbeitender Kollege wollte auf den Trümmerberg klettern, um Bilder von Leichenteilen aufzunehmen, und dass der Sterbeort mehrerer tausend Menschen vor knipsenden Voyeuren geschützt werden muss, steht außer Frage. Nichtsdestotrotz bedeuten ein generelles Fotografierverbot und die Verweigerung von Permits für Profi-Fotografen eine massive Verletzung der Pressefreiheit. Denn welche Bilder in Umlauf kommen, darf einzig die Entscheidung von Fotografen und Redakteuren sein.

INSZENIERUNG UND ZENSUR

Aber das wird in den USA offenbar anders gesehen, kommt dem 11. September doch eine besondere Aufgabe zu: Er legitimiert wesentliche Maßnahmen der amerikanischen Innen- wie Außenpolitik. Und da ist eine Kontrolle der Öffentlichkeit, eine Lenkung der Medien unabdingbar. Wenn schon Fotos publiziert werden, dann haben sie immer auch dem neuen Patriotismus zu dienen.

An Motiven herrscht kein Mangel – unübersehbar sind in Manhattan die riesigen Sternenbanner, und man muss sie nicht erst ins Bild setzen wie im Fall von Thomas Franklins Aufnahme der drei Feuerwehrleute mit Fahne (>>Stern # 39), die an das Foto der Flaggenhissung durch GIs auf Iwo Jima aus dem Februar 1945 erinnert, eines der berühmtesten Bilder des Zweiten Weltkriegs.

Fast könnte man vermuten, eine PR-Agentur führe eine Imagekampagne für die Nachwehen der Attentate durch – zu perfekt inszeniert scheinen die Fotos, und da in Washington nichts Symbolisches mehr zu sehen ist, fehlen Aufnahmen vom beschädigten Pentagon. Denn es geht ja nicht um Dokumentation.

Über die Verbreitung der gewünschten Bilder braucht sich die US-Regierung keine Sorgen zu machen: Wohl jeder Fotograf würde angesichts solcher Szena­rien abdrücken. Und die Nachrichtenagenturen werden die Bilder anbieten, und die Medien weltweit werden sie publizieren, denn sie sind ja so schön symbolisch. Wo bleibt der Rest der Realität?

New York reagiert heute auf Fotografen anders als sonst, abweisend; jede Kamera erregt Argwohn. Weil die Rückkehr zur Normalität so schwierig ist? Weil Fotografen in New York inzwischen als Voyeure empfunden werden? Das wäre noch verständlich und akzeptabel – doch an vielen sensiblen Orten der Stadt herrscht weiterhin ein offizielles Fotografierverbot. Was am 11. September geschah und wie es nachwirkt, soll offenbar ebenso aseptisch, glatt, zensiert gezeigt werden, wie es schon bei der fotografischen und filmischen Berichterstattung aus dem Golfkrieg versucht und mit dem Aufkaufen der einzigen unabhängigen Satelliten-Fotos aus Afghanistan fortgeführt wurde. Die Schmach, die Amerika erlitten hat, darf offenbar nicht noch länger publik werden. Als Symbol für die Folgen einer bislang nicht denkbaren Überschreitung von Grundregeln im menschlichen Zusammenleben taugt der WTC-Stumpf hervorragend, aber der tatsächliche Zustand der Stadt und ihrer Menschen gerät dabei allzuweit aus dem Blick. Denn Schmerz, Elend, Verunsicherung sind Welten von den überschwänglich gefeierten toten oder lebenden Helden der Katastrophe entfernt und so verdammt wenig patriotisch. Gut, dass es sich einige Fotografen zur Aufgabe gemacht haben, sie trotz aller Schwierigkeiten wieder in die Wahrnehmung zurückzuholen.