MAGAZIN #05

Die Bilderbankiers

Sie sammeln Unmengen von Bildmaterial, kaufen Fotoagenturen wie von der Stange – die neue Generation der Bilder-Business-Bosse: Software-Experten, Banker oder Anwälte. Die Bilderbankiers rüsten ihre Datenbanken für den optischen Hunger der weltweiten Computernetze

Text –

Manfred Scharnberg

Im 40-Sekunden-Takt ziehen Scanner Dias in sich hinein, tasten sie per Laserstrahl ab und spucken sie als hochaufgelöste Datensätze in den Speicher. Operator überprüfen an Bildschirmen die Qualität und flecken mit dem elektronischen Pinsel aus. Im Schichtdienst sichten Bibliothekare Fotos, ordnen und kategorisieren sie nach tausenden von Kriterien und Suchbegriffen. Ein Foto nach dem anderen erblickt so das Licht der digitalen Welt – Fließbandarbeit.

Überall wo es auf dem Globus einen Bildmarkt gibt, sind Heerscharen von Fachleuten und Hilfskräften damit beschäftigt, das Bild dieser Erde in Bits und Bytes zu verwandeln – allein in Bill Gates’ Bildfabrik Corbis 1000 Fotos pro Tag. Und zwar mit einem unglaublichen personellen und finanziellen Aufwand.

Nie zuvor in der Geschichte der Fotografie wurde soviel Geld in den Bildermarkt investiert wie zur Zeit – Tendenz steigend. Und noch nie hat es so entscheidende Veränderungen in der Branche gegeben. Der Konzentrationsprozeß ist gerade erst in der Anfangsphase. Die Giganten der Branche senden ihre Späher – Agenten des multimedialen Zeitalters – aus, um ihr bilderhungriges Imperium auszuweiten.

Die Nachrichten: Die Pariser Bildagentur Sygma wurde an die amerikanische Investorengruppe Nicephore Communications verkauft. Corbis Media, Besitzer von Bettmann, dem größten privaten Fotoarchiv der Welt, hat sich die Rechte am Archiv der Gebrüder Turnley gesichert. Die englische Visual Communication Group erstand BAVARIA, eine der größten deutschen Bildagenturen. Agence Vu, Paris, wurde von dem französischen Multimedia-Produzenten Advent Corporation aufgekauft. Die Hulton Deutsch Collection, eine der größten Fotosammlungen der Welt, wurde von der Getty Investment Holding übernommen, die außerdem noch Tony Stone Images kaufte, eines der weltweit umsatzstärksten Bildarchive.

Angefangen hat alles im Wohnzimmer von Bill Gates. Die Räume im Privathaus des reichsten Mannes der Welt in Redmond, USA, sind mit überdimensionalen Bildschirmen ausgestattet. Bis Ende 1994 war dies der einzige Ort, an dem die von Gates bis dahin erworbenen 300000 elektronischen Bilder zu sehen waren. Der Kunstliebhaber kann sich durch sein elektronisches Archiv zappen, je nach Stimmung oder Geschmackslage vom Rembrandt über Lewis Hine bis zur Blümchenwiese.

Die Technik der digitalen Privatgalerie ist neu, das Prinzip alt. Die Sammelleidenschaft des Bill Gates teilte zum Beispiel zur Jahrhundertwende Baron Heinrich Thyssen-Bornemisza, Familienmitglied der berühmten deutschen Stahldynastie. Das Bildermedium seiner Zeit, die Malerei, stellte er zur größten Privatsammlung der Welt zusammen – und es reichte ihm, sich zu Hause daran zu ergötzen.

In diesem Punkt bricht Gates mit der Tradition der Reichen und Mächtigen der Zeitgeschichte: Ihn reizt weniger die Schönheit der Originale, er will ihre digitalen Kopien zu Geld machen. The times they are changing. 1995 öffnet Bill Gates seine private Schatzkammer für den Normalbürger und läßt CD’s von den Werken der National Gallery und der Barnes Sammlung pressen, für die er die Rechte zur digitalen Verwertung gekauft hat.

Heute ist sein Unternehmen Corbis ein Riese unter den Bilddatenbanken. Dieser digitale Supermarkt verfügt über etwa 20 Millionen Motive, davon sind bisher 800000 digital gespeichert. Arbeiten von 300 Fotografen wie Ansel Adams, Roger Ressmeyer oder den mehrmaligen World-Press-Preisträgern David und Peter Turnley befinden sich im Archiv. Außerdem die Sammlungen von 30 Museen wie der St. Petersburger Eremitage, dem Philadelphia Museum of Art oder dem Staatsarchiv der USA, Library of Congress. Allein das 1995 erworbene Bettman Archiv verfügt über einen Fundus von 16 Millionen Fotos. »Wir wollen die größte Enzyklopädie der Welt zusammenstellen – die gesamte menschliche Erfahrung aus einer Hand«, sagt Corbis-Direktor Doug Rowan. Nicht unbescheiden.

Damit dieser Traum Wirklichkeit wird, steuert die 300 Mitarbeiter starke Corbis-Zentrale von Seattle aus die weltweiten Aktivitäten ihrer Vertreter und Kundschafter. »Corbis setzt auf Masse, um auch wirklich jeden Kunden bedienen zu können«, sagt Tassilo Brinzer, Corbis-Repräsentant in Deutschland. Er verhandelt mit Fotografen, Archiven und Museen, fährt vor Ort, sichtet den Bildbestand und erstellt eine Archivanalyse. Wenn die Zentrale das Okay gibt, wird ein Bildredakteur aus England eingeflogen, forstet das Archiv durch und wählt aus.

Fotografen werden mit einem Vorschuß gelockt. Nach Vertragsunterzeichnung gibt es einen Scheck: 4,50 Dollar pro Foto. Der Vorschuß wird mit der 45prozentigen Beteiligung am Archiv-Verkauf verrechnet. Nach dem Scannen in London werden die Originale zurückgeschickt, der Fotograf kann sie über seine Vertriebskanäle weiter anbieten.

»Corbis ist nicht interessiert an Originalen«, berichtet Tassilo Brinzer. Die Welt von Corbis ist die digitale Kopie. Was zählen das Original und sein Schöpfer, wenn sich Kopien mit der Leichtigkeit von Elektronen vervielfältigen lassen? Und: »Exklusivität von Bildern hat sich überlebt«, erklärt der Deutschland-Vertreter die Corbis-Auffassung.

Tassilo Brinzer gehört zur neuen Generation von Corbis Mitarbeitern, war früher Bildredakteur für die Männer Vogue-Redaktion. Bildfachleute gab es in dem 1989 gegründeten Corbis-Vorgängerunternehmen Interactive Home Systems kaum – bis hinein in die Konzernspitze. Ein rüdes Management schreckte Fotografen, Künstler und Museumsdirektoren mit Knebelverträgen ab. Auch leichte Korrekturen und eine Namensumwandlung in Continuum konnten die Kluft zu den Urhebern nicht beseitigen.

Erst der Neustart unter dem Namen Corbis mit dem Geschäftsführer Doug Rowan brachte einen Image-Gewinn. Statt Computerfreaks und Anwälten ließ man Kunstexperten, Bildredakteure und Fotografen die Firma nach außen vertreten. Beispiel: Bill Garrett, ehemaliger Mitarbeiter von National Geographic. Die neue Führungsriege konnte flexiblere Verträge durchsetzen und verzichtete auf die exklusive Vermarktung.

Der Riese zeigt ein freundliches Gesicht: »Wir sind an einer guten Partnerschaft mit Fotografen interessiert«, sagt Martin Ellis, der Generalmanager für Europa. »Wenn der Fotograf ein gutes Geschäft macht, machen wir auch eines – also verkaufen wir Fotos nicht unter dem normalen Marktpreis.« Auch Tassilo Brinzer ist überzeugt: »Corbis ist nicht die Krake, die den Bildermarkt auffressen will.«

Matt Herron vom amerikanischen Fotografenverband ASMP hat allerdings Zweifel: »Wer garantiert uns, daß in einigen Jahren, wenn Corbis konsolidiert ist, Gates nicht all die netten Leute an die Luft setzt und die harten Bandagen wieder hervorholt? Die rüden Methoden von Microsoft sollten Warnung genug sein.«

Auch ohne diesen Pessimismus hat Corbis ein großes Problem zu lösen: Wie können die Urheberinteressen gewahrt bleiben, wenn die erklärte Absicht umgesetzt ist und Corbis sich dem Normalverbrauchermarkt öffnet? Per Internet soll jeder User die Möglichkeit haben, sich Bilder für eine Handvoll Dollar vom Corbis-Rechner herunterzuladen. Das Prinzip: Professionelle Nutzung für professionelle Honorare und private Nutzung zu »privaten« Preisen. Der Student, der ein Portrait für sein Referat braucht, oder der Kegelclub, der ein Action-Bild auf die Vereins T-Shirts drucken will, sollen bedient werden. Von dem Markt mit zur Zeit 40 Millionen Internet-Nutzern verspricht man sich satte Gewinne. Freie Datenautobahn für Mißbrauch, Schwund und Schund.

»Wir werden die Datenleitungen erst öffnen, wenn eine hohe Sicherheit möglich ist«, sagt Tassilo Brinzer. Bislang gibt es ein geschlossenes System mit Verbindungen zu wenigen, wie es heißt »ausgewählten« Kunden. Zum Beispiel schloß Bertelsmann einen Vertrag über den Zugang zum Corbis-Archiv. Zur Zeit bedeutet das: Geringe Einnahmen und horrende Ausgaben. Sorgen macht man sich bei Corbis trotzdem nicht, schließlich hat man mit Gates’ 12,7-Milliarden-Vermögen ein gutes Polster. Das hochdefizitäre Unternehmen rechnet in Dekaden.

»Zwar plant Corbis langfristig – wenn man sich aber die Fakten anschaut, ist ihr Verkauf von Bildmaterial eher unterentwickelt«, meint Michele Vitucci, Geschäftsführer der deutschen Filiale des Tony Stone Fotoarchivs. Ebenso sieht es Jonathan Klein, Geschäftsführer von Getty Communications, dem neuen Besitzer von Tony Stone Images. »Nach unseren Informationen hat Corbis einen geringeren Monatsumsatz als unser Tony Stone-Büro in München in einer Woche.«

Nach Meinung von Branchenkennern wird Corbis zu unrecht von den Medien allein auf einen Thron gesetzt, der Platz für eine ganze Reihe von Branchen-Königen hat. »Wir, oder unsere Mitbewerber, müßten schon extreme Fehler machen, um Corbis freie Fahrt zu geben. Unsere Branche schaut ja nicht paralysiert zu. Es passiert so viel, daß Corbis sicher nicht allein den Markt überlassen bekommt«, sagt Michele Vitucci.

Auch bei Tony Stone Images passiert viel. Im März 1995 wurde die vom Fotografen Anthony Stone gegründete Bildagentur – mit weltweit 37 Filialen eine der erfolgreichsten auf dem Weltmarkt – von Getty Communications übernommen. »Um Synergien zu nutzen«, wie es heißt. Die Branche munkelt über einen Verkaufspreis von 28 Millionen Dollar und einer Anteilsmajorität von 81 Prozent.

Der Geldgeber, die Getty Investment Holding (GIH), wurde von Mark Getty gegründet. Der Enkel des legendären Ölmilliardärs J. Paul Getty hatte es geschafft, die Familienmitglieder, die lange auf ihren Erbschaftsanteilen saßen, wieder zu vereinen. Der Boom im Bilder-Business war für den Getty-Clan überzeugend genug, um ihre Milliarden hier zu investieren. »Wir haben uns vorgenommen, ein führendes Unternehmen als Vertreiber von hochqualitativen, visuellen Inhalten aufzubauen«, sagt Mark Getty.

»Was dem alten Getty sein Öl, ist dem jungen Getty die Bildkommunikation«, scherzt man in der Branche. Der Investment-Banker Mark Getty schloß sich mit dem Anwalt und Banker-Kollegen Jonathan Klein zusammen und holte zur Kapitalaufstockung von Getty Communications weitere Investorengruppen ins Boot: Die Hambro Group Investments LtD und die Rothschilds Investment Trust Capital Partners.

Die Stimmung der frisch von der Foto-Muse geküßten Klein und Getty bringt Jonathan Klein auf den Punkt: »Wir sind ungeheuer begeistert, in diesen interessanten, kreativen Bereich mit enormem Wachstum involviert zu sein.«

Wenn Kunst und Kommerz sich paaren, sind große Babys zu erwarten. Das erste adoptierte Kind im Hause Getty Communcations war also Tony Stone – es brachte zwei bis drei Millionen Fotos und einen jährlichen Umsatz von etwa 30 Millionen Pfund mit in die Familie. Ein Jahr später – Bettman, das größte private Fotoarchiv der Welt, war leider schon an Gates verkauft – nahm man mit dem zweitgrößten vorlieb. The Hulton Deutsch Picture Collection verfügt über einen Fundus von mehr als zehn Millionen Fotos, darunter Arbeiten von Man Ray, Alfred Eisenstaedt und Robert Capa.

Auch eines der führenden Filmclip-Archive, die kanadische Fabulous Footage Inc., nahmen die frischgebackenen Bilderbankiers unter ihre Fittiche. So katapultierte sich Getty Communication innerhalb eines Jahres auf den Olymp der Bildanbieter. In den zwei Jahren ihrer Geschäftstätigkeit haben sie 55 Millionen Dollar in das Bilder-Business investiert.

Was bringt die Milliardäre und Banker dieser Welt dazu, Bilderbankiers zu werden? Der auf rund 40 Milliarden Mark geschätzte Markt mit Bildrechten ist einer der wenigen mit lukrativer Wachstumsrate: weltweit 25 Prozent im Jahr. Allein die amerikanischen Stock-Agenturen setzen nach Schätzung des Picture Council of America (PACA) 500 Millionen Dollar jährlich um. Tony Stone Images hat im ersten Halbjahr 1996 weltweit 47,4 Prozent mehr Fotos verkauft als im Vorjahreszeitraum. Und die großen US-Bildarchive verzeichnen laut PACA im Inland sogar Steigerungsraten bis zu 70 Prozent.

Der Hunger der Medien nach Optik hat einen regelrechten Wettlauf ausgelöst. Die Broker des Multimediazeitalters sind im Kaufrausch. Sie winken mit dem Scheckheft, raffen Bildarchive und Unmengen von Bildmaterial zusammen. »Corbis ist vor allem ein Konkurrent für uns, wenn es um das Erwerben von Archiven oder Sammlungen geht«, ärgert sich Jonathan Klein von Getty Communication. »Der gesamte Markt ist äußerst spannend und wird mit harten Bandagen umkämpft«, meint Corbis-Mann Tassilo Brinzer.

»Es wird eine starke Konzentration unter den Agenturen geben«, prophezeit Michele Vitucci von Tony Stone. »Denn es sind enorme Investitionen nötig, und das führt zwangsläufig zur Konzentration der Branche.« Anton Dentler, Chef der deutschen Bildagentur BAVARIA, sieht die Entwicklung ähnlich: »Zur Zeit trennt sich die Spreu vom Weizen. Firmen, die nicht über leistungsfähiges Marketing-Knowhow und kreatives Potential verfügen, sind auf dem absteigenden Ast.«

Auf dem aufsteigenden Ast sitzen dagegen Investoren, Anwälte, Bankiers, Softwarefirmen – und Joghurt-Verkäufer. Frank Pearle, amerikanischer Produzent von Yoplait yogurt und Anteilseigner der Investmentfirma Nicephore Communications, hat gerade die angesehene französische Fotoagentur Sygma gekauft. Sygma soll nach Angaben von Branchenkennern 25 Millionen Fotos im Archiv haben und nur der Anfang einer Einkaufstour durch die Agenturszene sein. Nicephore könnte potentiell auch zu den »big players« der Zukunft gehören.

»Durch die Bewegungen des Marktes tauchen etliche Seiteneinsteiger wie aus dem Nichts auf«, beklagt Anton Dentler. »Inzwischen tummeln sich Leute in unserer Branche, die von Bildqualität und graphischer Auffassung kaum eine Ahnung haben.« Aber für Geld ist alles zu haben. »Um eine Bildagentur aufzumachen, können Sie Jurist oder Fischhändler sein, Hauptsache Sie haben das nötige Kleingeld, sich gute Fachleute zu kaufen«, meint Sabine Benser-Reimann, Mitinhaberin der deutschen Bildagentur ZEFA.

Auch bei der traditionsreichen ZEFA sind neue Entwicklungen eingetreten. Das zu den drei großen deutschen Universalbildagenturen zählende Unternehmen war bis vor kurzem im Familienbesitz. Jetzt haben sechs Investoren, vorwiegend Anwälte, für Kapitalaufstockung gesorgt. »Bei uns herrscht Optimismus über die Entwicklung auf dem Bildermarkt«, sagt einer der Investoren, ZEFA Geschäftsführer Erwin Fey. »Wir sind eingestiegen, weil wir uns von dem Geschäft einiges versprechen.«

Zuversicht haben auch andere. Softwarefirmen sind mit der nötigen Hart-Ware ausgerüstet: klingende Münze. Doch die Computerfachleute, die in den Bildermarkt drängen, haben noch etwas anderes im Sinn. Was nützen die schönsten und schnellsten Datenleitungen, wenn da keine Musik drin ist – oder Bilder, die brauchen noch mehr Leitungs- und Rechnerzeiten, noch mehr Speicherkapazitäten. Computer sind doof, erst Inhalte bringen die Nullen und Einsen in den Silizium-Chips in Fahrt und die Kasse zum klingeln. Aber Inhalte haben die Softwarehirne nicht zu bieten – jammerschade.

Bill Gates hat früh erkannt, daß Substanz her muß, bevor die Menschheit merkt, daß Computer wirklich doof sind – schlau von ihm. Noch eine Befürchtung hatte Gates, hört man aus dem Hause Corbis: Wenn er nicht schnell handelt, könnten die Lieferanten von Inhalten auf die Idee kommen, Preise zu diktieren. Aber diese Menschen sind sich ihrer Macht heute noch nicht bewußt. Sie versuchen, mit der digitalen Aufrüstung Schritt zu halten und werden allmählich zu Computer-Adepten. Bisher waren Bildagenturen mit ihrer relativ simplen Technik ziemlich autark. Doch mit den digitalen Datenbanken wächst der Einfluß der Computerindustrie.

Soweit der Kommentar. Und hier das Wetter: Trotz Geldregens ist mit trüben Aussichten für die Fotografie zu rechnen. Die Konzentration auf wenige große Universalbildanbieter wird die individuelle Autorenfotografie weiter in unlukrative Nischen drängen. Mainstream wird Kasse machen, denn es ist zu befürchten, daß die qualvolle Suche in den visuellen Supermärkten Bildredakteure dazu veranlaßt, gängige Sujets auszuwählen.

Ein absolutes Marktmonopol einer Agentur ist nach Ansicht von Fachleuten wohl nicht zu erwarten. »Unsere Kunden gehen nicht gern in einen Bilder-Supermarkt. Das wäre branchenuntypisch«, sagt Deutschlands Tony Stone Chef Michele Vitucci. »Es muß immer Vielfalt und Alternativen geben auf dem Bildermarkt.« Joachim Soyka, Inhaber der fünf deutschen Image Bank-Filialen, sieht das ähnlich: »Wenn eine Bildagentur ein Platz ist, wo man Bilder hortet, dann hat Bill Gates recht. Aber das ist ja eine Fotoagentur nicht. Die Menge an Bildern hat überhaupt nichts mit dem Erfolg zu tun.«

Mit seinen vier bis sechs Millionen Archivfotos und weit mehr als zehn Millionen Mark jährlichem Umsatz allein in Deutschland, gehört The Image Bank zu den Erfolgreichen der Branche. Lange vor den Zeiten der Bilddatenbanken führte das Unternehmen das Wort Bank im Namen: Der Selfmademan und Banker Stanley Kanney und der Fotograf Larry Fried hatten 1974 Fotografie und Kapital zusammengeführt.

1989 versuchte man sein Glück an der Börse. Finanzbroker der Firma Rosenkrantz Lyon & Ross boten sogar Image Bank-Fotografen Aktien an. Doch 1991 übernahm Kodak das gesamte Unternehmen.

The Image Bank Incorperation funktioniert nach dem Franchise-Konzept. Sie vergibt die Rechte an Lizenznehmer aus aller Welt. Die Zentrale in Dallas versorgt die mehr als 70 Büros in über 40 Ländern mit Duplikatdias und Katalogen, so daß in allen Filialen nahezu identisches Bildmaterial angeboten werden kann. Dafür erhält die Zentrale einen Anteil von 30 Prozent am Bildverkauf.

Image Bank ist in den Augen von Branchenkennern eine sichere Bank. Das Unternehmen wird neben Corbis, Getty Communicatons und anderen zu den »big players« gezählt, die beim Poker um den Weltmarkt mit am Tisch sitzen. Sicherlich wird sich auch die international operierende Bildagentur Comstock nicht die Butter vom Brot nehmen lassen.

Ob Picture Network International (PNI), ein Zusammenschluß von 60 amerikanischen Stockagenturen und Bildanbietern, auch zu den Mitspielern der Pokerpartie gehören wird, ist nicht abzusehen. PNI begann schon früh mit dem Bildersammeln und Digitalisieren, verfügt aber nicht über die Finanzkraft eines Bill Gates. Sie bieten aber bereits 330000 Fotos über das Internet an. Sinnigerweise werden dort Fotos per Kilobyte verkauft: 300 Kilobyte für nichtkommerzielle Veröffentlichungen kosten zehn Dollar, 1,5 Megabyte für kommerzielle Nutzung 250 Dollar.

Ein Unternehmen, das sich für das Spiel der »big player« gerade die Trümpfe auf der Hand zusammensteckt, heißt Visual Communication Group. Nie gehört? Das geht vielen so. Nie für wichtig gehalten? Grober Fehler. Die englische Visual Communication Group wurde bereits 1957 gegründet und gehört der Konzernmutter United News & Media.

Der Konzern hat im Laufe der Jahre einige britische Bildarchive geschluckt: The Telegraph Colour Library, Colorific, Planet Earth und auch Photo Source, das Fotoarchiv des derzeitigen Geschäftsführers Marshall. Vor kurzem erwarb man das Pariser Fotoarchiv PIX und die BAVARIA Bildagentur in Gauting bei München. »Wir müssen in Europa die Nummer Eins bleiben«, sagt Sheldon Marshall – aber der Blick geht langfristig gen Nordamerika und Asien. »Eine Gruppe wie die unsere«, so Marshall, »muß expandieren«.

Das besondere an der Visual Communication Group ist, daß sie bei ihren Geschäften diskret vorgeht und geschickt im Hintergrund bleibt. Die Gruppe verfügt über ein Netz internationaler Verflechtungen: Verträge und Vereinbarungen mit Partneragenturen über Zusammenarbeit und gemeinsame Vertriebswege. Sheldon Marshall nennt das »unser internationales Netzwerk von Agenturen«.

Aufgekaufte Archive behalten ihren Namen und ihre Identität bei – zumindest nach außen. Der Kunde merkt nicht, daß er bei einem englischen Konzern kauft. So wird einerseits der Eindruck von Individualität und Vielfalt vorgegaukelt. Andererseits erhält man aber auch das spezielle Profil der Archive. Das ist Konzept des Unternehmens und Wettbewerbsvorteil: »Dadurch haben wir ein örtliches Erscheinungsbild im Gegensatz zu den meisten unserer Konkurrenten«, sagt Sheldon Marshall. Der Visual Communication Group reicht es, die Fäden in der Hand zu haben, ohne dabei im Scheinwerferlicht zu stehen – die feine englische Art.

Doch diese Verschwiegenheit kennt man ja auch hierzulande. Die deutsche Agenturszene übt sich in Zurückhaltung. Anton Dentler, Geschäftsführer der BAVARIA Bildagentur: »Fotoagenturen waren in der Vergangenheit immer sehr vorsichtig, was Publizität angeht.«

Da ist es denn auch branchenüblich, daß über den Besitzerwechsel von BAVARIA, eine der drei größten Bildagenturen Deutschlands, an die Visual Communication Group kaum etwas publik wurde. Gute Gründe für den Verkauf gab es. Erstens das verlockende Angebot – Branchenkenner schätzen die Summe auf 20 bis 30 Millionen Mark. Und zweitens: »Wenn man ein Archiv mit einer Million Fotos hat und bedenkt welche Gewalten in Zukunft auf uns einbrechen werden, kann man es schon mit der Angst bekommen«, sagt Anton Dentler. »Die Entwicklung auf dem digitalen Sektor erfordert solch kräftige Investitionen, die sogar die Rendite einer so gut eingeführten Agentur wie BAVARIA schmälern könnten.«

Neue Techniken bringen Veränderungen. Aber eventuell liegen darin auch neue Chancen. »Die alten Barrieren, viele Fotos und aufwendige Kataloge haben zu müssen, verschwinden mit dem Internet«, meint Sheldon Marshall. »Vielleicht wird es diese neue demokratische Technologie in Zukunft ermöglichen, daß kleine Agenturen in der Lage sind, mit den großen zu konkurrieren.«