MAGAZIN #30

Die ersten Schritte mit dem Medienmix

Auch FREELENS übt sich in Multimedia. In einem Workshop erprobten neun Teilnehmer den Umgang mit den neuen Erzählformen. Gut gerüstet wollen einige gleich durchstarten

Text & Fotos –

Manfred Scharnberg

Zwei Teilnehmer hocken unter dem Tisch. Einer hält dem anderen ein Richtmikrofon hin. Andere haben sich mit ihrem Ton-Equipment unter Jacken verborgen. Eine weitere Gruppe zieht sich zum Interview in den Wandschrank zurück. Im Raum ertönt laute Musik. Ist das die Neuauflage von »Einer flog übers Kuckucksnest?« Nein: Es ist der Multimediaworkshop in der Freelens Galerie. »Das ist eine Praxisübung: Tonaufzeichnung unter erschwerten Bedingungen«, berichtet Oliver Eberhardt, einer der Kursleiter. Schließlich sollen die neun Teilnehmer am Ende des sechstägigen Workshops trotz ungünstiger Nebengeräusche ihre Multimediabeiträge produzieren. Tonaufzeichnungen in einer Kneipe und an Bord eines Schiffes kommen auf sie zu.

»Der Ton ist wichtig, weil er die erzählerische Basis eines Multimediabeitrages bildet« erklärt Uwe H. Martin, der andere Kursleiter, »Denn Ton bringt eine neue Dimension, die man in der Fotografie nicht hat, nämlich die Ebene des Zeitablaufs.« Oliver Eberhardt ergänzt: »Audio ist ein ganz starkes Medium, um Emotionen zu fördern.« Aber gerade der Ton ist für Fotografen eine völlig neue Welt.

Um in die neuen Medien Ton und Film einzusteigen, sind während des Workshops viele Praxisübungen vorgesehen. Schon am ersten Tag gilt es eine kleine Audioslideshow zu erstellen, die am zweiten Tag, nach dem Erlernen filmischer Gestaltungsmittel, mit selbst gedrehtem Material ergänzt wird. Die Beschäftigung mit den, für Fotografen ungewohnten Medien, kennzeichnet den gesamten Workshop. »Die wichtigste Fragestellung bei Multimedia lautet: An welchen Stellen einer Geschichte macht welches Medium Sinn, weil jedes Medium seine Stärken hat, die man jeweils nutzen sollte«, sagt Oliver Eberhardt.

Ebenso spielen Methoden, mit denen man Geschichten erzählt, eine ungewohnte, aber wichtige Rolle. Ein Dauerthema das während des Seminars ständig neue Fragen aufwirft. »Die Verdichtung der Inhalte zu einer Geschichte, die Dramaturgie mit der Geschichten strukturiert werden, gehören zu den wesentlichen Workshopinhalten«, sagt Uwe H. Martin.

Die drei Teams, die im Voraus gebildet wurden, haben ihre Themen schon vor dem Workshop recherchiert. Sören, dem Kapitän einer Hafenbarkasse, Toni, der zum beliebtesten Wirt Hamburgs gewählt wurde, und den Gästen einer Eckkneipe, rückt jeweils ein Team auf den Leib. Mit unterschiedlichem Equipment. Eine Gruppe filmte und fotografierte mit Canon 5D Mark II, hatte zudem ein Tonaufzeichnungsgerät dabei. Die anderen arbeiteten mit Videokamera, externem Tongerät und Fotokamera. Einen Tag hatten sie Zeit, um das Material in die Kästen zu bekommen. Zwei Tage blieben ihnen, um Fotos, Film und Ton zu strukturieren, in ein Schnittprogramm zu laden und zu schneiden. Die Ergebnisse, die in so kurzer Zeit produziert wurden, waren für absolute Multimedia-Anfänger erstaunlich.

»Die verblüffendste Erkenntnis war, dass alles deutlich länger dauert, als man es sich vorgestellt hat«, meint Teilnehmer Claus Dick. »Im Vergleich zu einer Fotoreportage ist der Zeitaufwand für eine multimediale Geschichte um ein Vielfaches größer«, betont denn auch Uwe H. Martin.

Teilnehmer Max Grönert formuliert es so: »Was ich gelernt habe, ist Demut. Damit meine ich die Ehrfurcht vor der Komplexität der zu erfüllenden Aufgaben.« Er arbeitet für den Kölner Stadtanzeiger und will das gelernte Knowhow in die Redaktionsarbeit einbringen. »Das Berufsbild des Zeitungsfotografen wird sich in nächster Zeit sehr verändern«, meint er.

Eine Kursteilnehmerin schmiedet bereits multimediale Pläne. Heike Rössing will eine Sozialreportage angehen. Das Thema steht und Mitstreiter sind auch schon gefunden. »Nun kommt es darauf an, selbst in die Praxis einzusteigen und sich dabei weiter zu entwickeln«, sagt sie voller Optimismus.